Von der Parallelwelt in die Ungewissheit

Sonnenuntergang am Werbellinsee

Sonnenuntergang am Werbellinsee

„Herzlich Willkommen zu ihrem ersten Arbeitstag“, so begrüßte uns Anna Veigel, die Leiterin von kulturweit, bei strahlendem Sonnenschein, auf der großen Wiese am Werbellinsee, zu unserem ersten Seminartag. Und einen kurzen Moment lag war ich fast ein wenig geschockt (Wie mein erster Arbeitstag? Ich habe doch grade erst für die Abiturprüfungen gelernt, am Wochenende Teller von A nach B getragen, und die Abschlussrede in der Schule gehalten.) Als ich Angang Juli auf dem auf dem Abiball vor all den Eltern, Schüler_innen und Lehrer_innen stand, fühlte ich mich etwa so, wie an dem ersten Tag des Vorbereitungsseminars. Eine undefinierbare, merkwürdige Mischung aus Aufregung, Stolz, Vorfreude, Angst und dem Gedanken im Kopf ‘Ann-Sophie, was hast du dir dabei gedacht, als du auf dein Bauchgefühl hörtest, das dir sagte, das wird gut(!), halte eine Rade vor 200 Leuten, du schaffst das schon! Oder mach doch ein FSJ in Kasachstan nach dem Abitur, warum eigentlich nicht, so eine Chance kommt vielleicht nie wieder.‘

Und auf einmal ging alles ganz schnell. Aus: „Nach dem Abi mache ich ein FSJ im Ausland“ wurde, „Im September beginne ich mein FSJ in Kasachstan“, wurde „in zwei Wochen…“, wurde jetzt, heute und hier! –Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht.- Das habe ich in den letzten Monaten so oft gedacht.

Doch genau so plötzlich, wie mein erster Arbeitstag gekommen war, waren die 10 Tage Vorbereitungsseminar am Werbellinsee, in Brandenburg, in unserer kleinen Parallelwelt, schon wieder vorbei. 10 Tage voller Input, Vorträge, Gespräche, Gedanken, Perspektivenwechseln; voller Gemeinschaft Verständnis und Vertrauen. Für Außenstehende wird es wohl kaum vorstellbar sein, was 10 Tage für eine unglaubliche Wirkung haben können. 10 Tage können verändern, Perspektiven und Blickwinkel ändern, können aufwühlen und verwirren, aber vor allem können 10 Tage zusammenschweißen. Und egal, wo auf der ganzen großen weiten Welt wir jetzt verteilt sind, es wird immer jemanden geben, der/die grade dieselben Probleme, Ängste oder Sorgen hat. Denn das habe ich auch vom Vorbereitungsseminar mitgenommen,- bei 252 kulturweit Freiwilligen ist man niemals alleine!

Und für alle, die sich fragen: was haben die nur 10 Tage lang dort gemacht…? Alle Themen hier aufzuführen würde definitiv den Rahmen sprengen, denn sie haben schließlich 10 Tage voll ausgefüllt, aber hier ein Auszug von dem, was nach diesem Seminar noch alles in meinem Kopf rumschwirrte: Shuttelbusse, Menschenmasse, Gästehaus- und raus… Mikroblick, Rassismus, Sexismus, Feminismus, Perspektivenswechsel…Verwirrung, kritisches Weiß-sein, Selbstreflextion, eigene Identität und meine Rolle als Freiwillige, Erwartungen, Hoffnungen, Ängste, zum Essen pilgern, Trinkflasche, Turnbeutel, Birkenstock, baden im See, weiter geht’s… bester Mikroblick und der Schüttelsong, Kopf frei bekommen, eine Stunde schweigen, fair Berichten, Singlestorys, so viel neues, männlich sozialisiert, weiblich sozialisiert, Trainer_innen, Räume, Abschied, hairliche Zeit…

…und mit all diesen Gedanken und Erinnerungen wurde wir losgelassen, endlich konnte es losgehen.

Aber zuvor ging es für mich noch einmal für 2 Tage nach Hause. Von der Parallelwelt am Werbellinsee, wo man nicht die einzige Außergewöhnliche war, die freiwillig nicht nach Australien, Neuseeland oder Kanada geht, in die Realität. Und natürlich kamen Fragen; Wie war es? Was habt ihr gemacht? Hast du was gelernt…? Ja, ich habe etwas gelernt, manchmal hatte ich sogar das Gefühl, ich habe mir in 10 Tagen mehr Gedanken gemacht, reflektiert und hinterfragt, als ich es in 13 Jahren Schule getan habe. Trotzdem war es schwierig, die Fragen für Außenstehende „zufriedenstellend“ zu beantworten. Denn wir haben auf dem Seminar, um wieder die Worte von Anna Veigel aufzugreifen, „nichts auf dem Silbertablett serviert bekommen“  (außer vielleicht das Brot im Speisesaal). Ich war noch in mitten eines Prozesses, die Gedanken neu zu ordnen, meine eigene Meinung zu überdenken oder vielleicht auch neu zu bilden.

Die zwei Tage zu Hause waren also vollgestopft mit Kofferpacken, Essen gehen, Abschied, Aufregung und ganz viel Ungewissheit. Am 13.09. ging es dann endlich los. Aufregung und eine gewisse Angst, vor dem was mich jetzt erwarten würde, mischten sich zusammen und als ich meine Familie und Freunde an der Sicherheitskontrolle zurücklassen musste, war da auf einmal dieses Gefühl, jetzt war ich alleine, und auf mich gestellt. Und auch wenn ich auf dem Seminar unglaublich viele tolle Menschen kennengelernt hatte, und wusste, dass es vielen jetzt  ähnlich gehen würde, war da die Gewissheit, dass ich im Gegensatz zu vielen andren Freiwilligen alleine in meinem ganzen Einsatzland sein werde. (Obwohl es das 9. Größte Flächenland der Welt ist, nur um mal einen keinen Wikipedia Fakt einzuschieben.) Während meines 5,5 stündigen Fluges konnte ich mich anfangs  hervorragend mit dem Lufthansa Entertainment-Programm ablenken. Ich guckte den Film zu einem meiner Lieblingsbücher „Ein ganzes halbes Jahr“ und nein, ich bekomme kein Geld für diese Schleichwerbung aber das Essen an Bord war echt lecker und mit einem guten Essen war ich erst mal eine Zeit lang zufrieden gestellt. J Doch irgendwann schaltete sich mein Kopf ungefragt wieder an und ich begann, mir über mein ganz persönliches ‘ganzes halbes Jahr‘ Gedanken zu machen. Inzwischen war es dunkel geworden und außer dem Mond nichts mehr von meinem Fensterplatz zu erkennen. Erst kurz vor der Landung konnte ich eine orange erleuchtete Stadt erkennen. Das sollte also für die nächsten 6 Monate mein  zu Hause werden. Für das nächste ganze halbe Jahr! Und mit einem Schlag war sie wieder da, die Aufregung und die Fragen. Wer würde mich gleich vom Flughafen abholen? Werden sie mich erkennen? Nachdem meine Nervosität noch einmal ins unermessliche stieg, als die Dame hinter dem Grenzkontrollschlater für mein Zeitgefühl, etwas zu lange tippte, scannte und telefonierte, und mein Koffer gefühlt als letztes angekommen war, ging auf einmal alles ganz schnell. Meine Ansprechpartnerin und meine Gastfamilie kamen direkt auf mich zu, sie hatten mein Bild, welches ich in einer E-Mail mitgeschickt hatte, ausgedruckt ( in DinA4 Größe…Sicher ist sicher). Ich wurde so herzlich Begrüßt, die Kommunikation klappte und all die Anspannung und die Ungewissheit viel von mir ab, und ich wusste alles wird gut!

 

Die ersten zwei Wochen in Almaty –so viele Eindrücke, so viel Herzlichkeit-

Als ich am ersten Morgen, bei strahlenden Sonnenschein aus dem Fenster meines Zimmers sah und in der Ferne mit Schnee bedeckte Berge erkennen konnte, dachte ich, ja hier bleibe ich. Und auch, wenn Berge in Norddeutschland nicht unbedingt zu meinem alltäglichen Ausblick zählten, fühlte ich mich hier direkt wohl. Das lag aber vor allem an der unglaublichen Herzlichkeit und Gastfreundschaft, die mir hier entgegengebracht wurde/ wird. Am ersten Abend kamen gute Freunde der Familie zu besuch. Sie begrüßten mich mit den Worten: „Endlich bist du da, wir haben uns schon seit den letzten zwei Monaten auf dich gefreut.“ Daraufhin fehlten mir erst einmal die Worte. Ich wurde hier vom ersten Tag an nicht nur von meiner Ansprechpartnerin in der Schule, sondern auch von meiner Gastfamilie und dessen kompletten Freundeskreis, sprichwörtlich, an die Hand genommen. Wir waren in den Bergen an einem Wasserfall, sind mit der Seilbahn auf einen Berg gefahren. Von dort hatte man einen tollen Ausblick über die ganze Stadt, waren im Park und an einem Bergsee. Außerdem hatte ich das große Glück, dass in meinen ersten zwei Wochen auch die deutschen Austauschschüler der Partnerschule aus Oberkochern hier waren. Deshalb konnte ich mich einem Ausflug zum Scharyn-Nationalpark ca. 3,5 Stunden von Almaty entfernt anschließen. Dort sind wir im Scharyn-Canyon gewandert und geklettert. Einfach unglaublich, was ich in dieser kurzen Zeit schon von der tollen Natur rund um Almaty mitnehmen konnte.

An meiner Schule, dem Gymnasium Nr.18, eine Schule mit linguistischem Schwerpunkt, habe ich die erste Woche hauptsachlich hospitiert, um ein Gefühl für die Schule, die Lehrer­­_innen und Schüler_innen bekomme. Auf dem Flur werde ich von allen Schülern auf Deutsch mit „Guten Tag“ begrüßt, meine Anwesenheit hat sich also schon rumgesprochen. Jetzt gilt es in nächster Zeit meinen Platz an der Schule zu finden, aber von meinem Schulalltag und den ersten kleinen Projekten bald mehr.cropped-20160916_154714.jpg

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Kommentare zu Von der Parallelwelt in die Ungewissheit

  1. Kathrin Rade sagt:

    Liebe Ann-Sophie,
    Danke für diesen wunderschönen Bericht! Thomas und ich sind nun ganz beruhigt, denn wir sind uns sicher…das wird dein „ganzen halbes Jahr. Mit Freude lese ich , wie herzlich du dort aufgenommen wurdest!! Hab ganz viel Freude an deinen Aufgaben dort, und genieße deine Zeit in dieser wundervollen Natur!
    Wir sind sehr stolz auf dich..
    In Liebe deine Tante Kaddy und Thomas

  2. Julia sagt:

    Ich war 2014/2015 und almaty beim dAAD über Kulturgeist, gebieß die Stadt und das Land und die Leute! Ich vermisse Almaty Wahnsinnige toll, dass Du das erleben darfst 🙂 immer viel Mut und einfach machen und ganz viel Freude in „meiner“ Apfelstadt zwischen Bergen und Steppe!

    Liebe Grüße
    Julia

  3. Antje sagt:

    Ich verfolge dein Abenteuer von der ersten Minute an:
    Entscheidung für „Kulturwald“ (ein kleines Missverständnis meinerseits ?), Bewerbung, Auswahlgespräch, Zusage, Schlucken bei Bekanntgabe des Ziellandes, Recherche zu dem fast unbekannten Land „Kasachstan“, Koffer packen, Abschied, erste Nachrichten von dir…
    Glücklich und dankbar bin ich, weil du so herzlich aufgenommen würdest.
    Stolz auf dich bin ich, weil du ein großes Abenteuer wagst.
    Gespannt bin ich, was du alles erleben wirst.
    Überzeugt bin ich, dass deine Erfahrungen in Kasachstan dich für immer prägen werden …
    Alles Liebe weiterhin …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.