Zwischen Selbstkritik und Perspektivwechsel

Letzte Woche Freitag noch, hätte ich nicht mal im Traum daran gedacht, dass mich 5 Tage so wachsen lassen können. Der ein oder andere weiß wovon ich im folgenden berichten werde – es geht um meinen Kurztrip nach Tirana in Albanien.

Als ich vor ungefähr einem halben Monat angefangen habe mit Tamara meinen Kurzausflug nach Tirana zu planen, war mir nicht bewusst, dass ich so viele neue Dinge über mich, über meine Umgebung und über eine Kultur lernen könnte.

Tirana

(Kurz am Rande: Tamara ist ebenfalls Kulturweit-Freiwillige und eine wirklich liebgewonnene Freundin von mir)

Angefangen mit einer Busfahrt am Freitag den 13. hatte ich tatsächlich zwischenzeitlich Panik, dass ich nicht wirklich in Tirana ankommen könnte. Nicht aus Aberglauben heraus, sondern weil die Tatsache, dass ich zum wirklich ersten Mal komplett auf mich alleingestellt war, einfach eine große Herausforderung darstellte. Ohne jegliche Kommunikationsmöglichkeit (per Telefon, Internet,usw.) bin ich trotzdem in Tirana angekommen, aber da stellte sich das nächste Problem: Wie sollte ich Tamara finden und andersherum, wenn es keinen wirklichen Busbahnhof, Busfahrplan oder sonstiges gab. Durch den glücklichen Zufall sind wir uns nach ca. einer halben Stunde Lauferei einfach über den Weg gelaufen.

Klingt ehrlich gesagt nach einem lächerlichen Problem. Auch das folgende erscheint mir eher gering bedeutend, trotzdem erwähnenswert. Ich, das geborene Landei, hatte nicht nur eindeutige Orientierungsprobleme, nein ich muss sagen, ich war tatsächlich überfordert mit der Größe der Stadt. Gott sei dank, hat Tamara mich niemals allein irgendwo hingeschickt (das wäre vermutlich wirklich mit das absolut schrecklichste für mich gewesen).

Bevor ich zum Kern des Textes komme, möchte ich noch einige kleine Dinge erzählen.

  1. Ich verstehe immer noch nicht, wie man auf die Idee kommen kann jede Nacht um genau 0:00 den Mixer zu benutzen. Tamara ich glaube es geht dir genauso, aber bitte halt mich doch mal auf dem Laufenden wenn du endlich erfährst was der Mieter so nachts mixt.
  2. Kennt ihr dieses Gefühl, einen Menschen schon sein ganzes Leben zu kennen, dabei ist es nicht so? Sorry, aber in der Zeit die ich mit Tamara verbracht habe, kam es mir andauernd so vor, als wäre sie schon seit Jahren Teil meines Lebens – leider ist sie das nicht – aber das macht es umso spannender.
    Oktoberfest in Tirana

    3. Ich habe mich (auch wenn ich die Größe der Stadt immer noch sehr befremdlich finde) sehr wohlgefühlt in Tirana. Ich durfte unglaublich spannende Menschen kennenlernen, habe an einem Oktoberfest in Tirana (kein Witz) teilgenommen, durfte Teil eines Poetry Slams sein und habe die Zeit genossen auch ein wenig über meine bisherige Zeit nachzudenken.

 

Kommen wir aber zum Knackpunkt dieses Textes. Als auf dem Vorbereitungsseminar gesagt wurde, wir sollen Fair berichten, da wusste ich nicht ganz genau, wie ich das umsetzen sollte, oder was das persönlich für mich bedeutet. In den vergangenen Blogeinträgen habe ich häufig über positive Dinge gesprochen, die mir aufgefallen sind. Doch jetzt nehme ich die rosa-rote Brille einfach mal ab.

Zusammen mit Tamara, habe ich viel darüber nachgedacht was Kritik eigentlich bedeutet. Wenn ich durch ein mir fremdes Land gehe und plötzlich Dinge anfange zu kritisieren, ist das fair? Von meiner Seite aus gesehen, nein. Es ist ganz natürlich, dass wir beurteilen, aber es bleibt automatisch subjektiv. Ich beurteile aus meiner eigenen Perspektive und vergesse nun mal dabei, dass es auch viele andere Perspektiven gibt, die einen anderen Blickwinkel auf eine bestimmte Thematik werfen. Habe ich ein Recht dazu, etwas zu kritisieren, von dem ich nicht einmal ansatzweise etwas verstehe? Nein! Automatisch trennt der Mensch in Schwarz und Weiß, Schön und Schlecht, Gut und Böse… doch es gibt so viel mehr in der Mitte und jeder Mensch definiert selber ob es nun schwarz, weiß oder doch grau ist. An dieser Stelle auch die klare Selbstkritik, dass ich gerne mal etwas beurteile ohne hinterfragt zu haben, ob ich dazu überhaupt in der Lage bin.

Es bleibt also zu sagen, dass ich der klaren Meinung bin, dass mich das Auslandsjahr vor allem in dem Bereich Perspektivwechsel bereichern wird. Wie will ich andere Perspektiven kennenlernen ohne mich auf den Weg gemacht zu haben? Offenheit für neue Erfahrungen, ich glaube das ist der Schlüssel, auch wenn es keine eindeutige Lösung gibt…

Als ich mein FSJ angefangen habe war ich glücklich, doch jetzt bin ich dankbar. Denn ich weiß, wenn ich in mein Apartment komme, wartet oben in der Wohnung über mir eine Familie, die mich als ein Familienmitglied ansieht. Ich weiß, ich kann zur Arbeit gehen und bin glücklich darüber mich mit meinen Arbeitskollegen austauschen zu können. Ich kann in die Klasse gehen und sehe nicht Schüler sondern Freunde und mit am wichtigsten, ich kann mich darauf verlassen, dass ich immer Menschen hinter mir stehen habe (ob nun hier in Ulcinj, ob in Tirana, oder mag es in Deutschland sein). Und das ist nicht selbstverständlich, sondern dass ist etwas für das ich sehr dankbar bin.

 

4 Gedanken zu „Zwischen Selbstkritik und Perspektivwechsel“

  1. Liebe Annchristin,

    es freut mich, dass es dir so in Tirana gefallen hat.
    Ich bin schon ganz gespannt auf Ulcinj und freue mich schon darauf, dass wir uns bald wieder sehen! Auch ich habe in dir eine enge Freundin gefunden, mit der man über alles mögliche lachen, aber auch reden kann! Danke für die gemeinsame Zeit mit dir!

    Deinem Bericht über den „Perspektivwechsel“ kann ich nur zustimmen. Nachdem wir ein bisschen darüber gesprochen hatten und ich es jetzt auch nochmal von dir gelesen habe, ist mir immer mehr aufgefallen, dass es mir genauso geht und wie oft ich doch etwas kritisiert oder beurteilt habe. Danke auch dafür!

    Bis bald!
    Liebe Grüße, Tamara

    1. Meine Liebe,
      es ist so schön auf diesem Weg von dir zu hören. Ich vermisse dich schon sehr… Aber durch the 100 fühle ich mich mit dir verbunden 😀 Du bist einfach meine Verbündete in jeglicher Hinsicht – auch im Bezug auf harte Arbeit (höh?). Ich freu mich auch dich schon bald hier begrüßen zu können.

      Bis bald hab dich lieb!

  2. Hallo Annchristin mit viel Freude habe ich deinen Bericht gelesen. Schön zu welchen Einsichten du nach so kurzer Zeit kommst. Ich wünsche dir weiterhin eine schöne Zeit und freue mich auf weitere Geschichten. Lg Conny

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