Was bedeutet Belarus?

Die letzten Wochen und Tage vergehen nun doch schneller als gedacht:

In der Schule bin ich nur noch sporadisch und wenn, dann sehe ich meistens nur das Lehrerzimmer. Auf Dauer ist das natürlich unfassbar langweilig, aber wenn die einzige Alternative ist, nutzlos im Unterricht herumzusitzen, dann nehme ich diese –auch nicht ganz unverschuldete- größtenteils sinnfreie Arbeit gerne auf mich.

Ein kleiner Lichtblick ist, dass ich noch eine Stunde an Mashas Schule machen darf, wo irgendwie alles besser läuft: Ich fühle mich willkommener, gebrauchter und vor allem interessanter. Hier haben die Schüler*innen – offenbar mehr Spaß daran, sich einfach mal mit einer Muttersprachlerin darüber zu unterhalten, wie es eigentlich so ist, in Deutschland.

In meinem Eifer, jetzt endlich einmal etwas zu tun zu haben, bastele ich mir anlässlich des Themas der Stunde –Karneval- ein provisorisches Kostüm (eigentlich nur einen Haarreif mit Katzenohren und Kajal-Schnurrbarthaare) und laufe damit wie selbstverständlich durch die Stadt. Auf die Frage, warum ich so aussehe, kann ich leider nur antworten, dass ich aus Deutschland komme und Freiwillige bin. Das erklärt im Zweifel alles.

Die Stunde ist zwar lustig („Anna, wie viel kg Süßigkeiten isst du zu Karneval?“), aber auch ein bisschen traurig, weil es die letzte ist und ich zumindest Polina (eine Schülerin, die auch an meiner eigentlichen Schule den Fakultativunterricht besucht) und natürlich Masha wirklich vermissen werde.

Als ich am Ende gefragt werde, wie ich speziell eigentlich den Rosenmontag feiere, muss ich allerdings zugeben, dass ich den Tag entweder mit meiner besten Freundin und Harry Potter im Schlafanzug verbringe oder dass wir einfach ganz weit weg fahren.  –Was das angeht, scheine ich das Klischee einer Westfälin perfekt zu erfüllen.

Apropos Klischees: Ein Schüler arbeitet momentan an einer Forschung nach Deutschen Klischees und natürlich haben wir Freiwillige unseren Senf dazugegeben und in Interviews darüber diskutiert, welche Stereotypen eigentlich stimmen und welche nicht: Gartenzwerge, Pünktlichkeit und Humorlosigkeit? Na ja, nicht ganz oder? Anstelle aber zu prüfen, wie „die Deutschen“ denn nun wirklich sind, sollte man vermutlich vor allem darüber nachdenken, ob es überhaupt Sinn ergibt, 80 Millionen Menschen aufgrund deren einziger Gemeinsamkeit, also ihrer Herkunft (und dazu zählen Hamburg UND München), irgendwelche Charaktereigenschaften zuzuschreiben. Trotzdem hat natürlich jeder Stereotyp einen wahren Kern, was das Ganze zugegebenermaßen schon amüsant macht.

 

Das letzte Wochenende verbringe ich mit Masha in Witebsk, wo wir uns mit ihren Kommilitoninnen, logischer Weise ebenfalls Deutschlehrerinnen, treffen und einen sehr lustigen gemeinsamen Abend verbringen. Die Tatsache, plötzlich eine Freundin zu haben, die fertig ausgebildete Lehrerin ist und die sich mit anderen über Kindererziehung unterhält, lässt mich einerseits schockiert feststellen, dass 30 offenbar doch noch nicht so alt ist, wie ich immer dachte, aber andererseits auch, dass ich noch viel weniger erwachsen bin als ich es befürchtet hatte.

Was bedeutet Belarus also?

Natürlich kann ich das nach einem knappen halben Jahr, mit meinen herausragenden Russischkenntnissen, die mich keineswegs daran gehindert haben, in die Kultur einzutauchen, absolut objektiv und valide beantworten. –NICHT.

Das, was ich vorhin zu deutschen Klischees erzählt habe, gilt natürlich auch für jede andere Nation: Verallgemeinerungen funktionieren leider einfach nicht.

Für mich persönlich bedeutet es aber Einiges und zumindest das kann ich versuchen, mit euch zu teilen:

 

Gastfreundschaft

Ich hätte nie damit gerechnet, dass so unglaublich viele fremde Menschen derart hilfsbereit und zuvorkommend mir, einer Ausländerin, gegenüber sind. Wenn ich etwas suche, dann helfen sie, wenn ich etwas nicht verstehe, dann sprechen sie geduldig langsamer oder versuchen es mit Zeichensprache und wenn ich im Treppenhaus meiner Nachbarin und ihrer Katze begegne, dann hält sie sie mir zum Streicheln hin. Einfach so. Ich glaube hier passiert generell viel mehr einfach so, ohne Hacken und ohne das Gefühl, jetzt in irgendjemandes Schuld zu stehen.

 

Herausforderung

Natürlich hätte ich auch nach Afrika reisen und dort bei der HIV-Prävention mithelfen können, natürlich ist Belarus irgendwie immer noch Europa und ja, mit „kulturweit“ und dem Goethe-institut im Rücken fällt Vieles einfacher als alleine.

Aber ich habe es ein halbes Jahr lang in einem auf vielen Ebenen fremden Land mit einer fremden Sprache ausgehalten und dabei einen Job gemacht, der mir nun wirklich gar nicht zusagt. Ich habe den Winter ertragen, in dem ungefähr zweimal im Monat die ohnehin schon spät auf- und früh untergehende Sonne scheint, und der ungemütlich kalt ist. Und das ohne alte Freunde oder Familie.

Von außen klingt das sicher nach mehr als es tatsächlich gewesen ist, trotzdem bin ich ein bisschen stolz auf mich.

 

Fremde

Ich hatte mein Heimatland bis September noch nie länger als drei Wochen und damit quasi gar nicht verlassen. Belarus hat mich das erste Mal wirklich auf eine Gesellschaft mit einem vollkommen anders strukturierten Wertesystem stoßen lassen. Richtig in die Kultur „eintauchen“ habe ich nicht gekonnt, wie auch, wenn ich die Landessprache kaum bis gar nicht beherrsche?

 

Bekanntschaften

Es ist gut gewesen, sieben andere Freiwillige im Land zu wissen, die sehr ähnliche Erfahrungen wie ich sammeln und ich würde fast so weit gehen, zu behaupten, dass sich zu der ein oder anderen etwas wie Freundschaft entwickelt hat. Küchengespräche sind aus irgendwelchen Gründen immer die besten (vor allem dann, wenn auch noch Alkohol im Spiel ist) und davon hat es viele gegeben.

Außerdem gibt es ja noch Masha, die ich jetzt schon vermisse und mit der es bestimmt irgendwann mal ein Wiedersehen gibt und ohne die ich es in Orscha definitiv nicht ausgehalten hätte.

 

Heimweh

Das Gefühl zu Hause zu sein habe ich erst kennengelernt, als ich weggegangen bin und ich war vorher absolut nicht davon ausgegangen, dass ich es so sehr vermissen könne, einfach nur wieder auf unserem Sofa zu sitzen und in meinem Bett zu schlafen. Wahrscheinlich ist das nicht verwunderlich, ich war ja 18 Jahre lang nichts anderes gewohnt gewesen.

 

Krise

Meine Identitäts- Glaubens- und überhaupt Universalkrise hat vermutlich weniger mit Belarus als mit meinem Lebensabschnitt nach dem Abitur zu tun, aber trotzdem habe ich diese Erfahrung hier besonders intensiv erlebt. Manchmal ist es auch ein bisschen zu viel geworden, denn die Fremde an sich ist eigentlich schon genug Herausforderung gewesen. Ich will nicht sagen, dass ich jetzt alle Selbstfindungsphasen endgültig überwunden habe –falls das denn überhaupt möglich ist-, aber erstens ist es verdammt gut gewesen, nicht sofort mit dem Studium zu beginnen und zweitens habe ich einmal mehr geschafft, am Ende doch irgendwie heile durchzukommen.

 

 

Ich werde sicher Zeit brauchen, um wieder richtig zu Hause anzukommen und ich kann mir gut vorstellen, dass nach einiger Zeit der zweite, der deutsche Kulturschock kommt. Um ehrlich zu sein, werde ich Deutschland auch nicht ganz so bald nochmal über die östliche Grenze verlassen.

Aber irgendwann werde ich es mit Sicherheit tun und zumindest Minsk besuchen. Damit bin ich glaube ich nicht wenigen Deutschen voraus, die ihr gesamtes Leben lang nur Urlaub in westlichen oder modische Backpacktrips durch asiatische Länder machen werden. Es soll Menschen geben, die mich aus dem Grund, es sei ihnen  „zu fremd“ nicht besuchen gekommen sind, die also ihre Vorurteile nicht einmal ansatzweise hinterfragen und bis an ihr Lebensende in dem festen Glauben leben werden, Deutschland sei das gelobte Land.

Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ohne ausfallend zu werden ist: Reist! Reist so viel und so lange ihr könnt!

Bis dann und До свидания!

Eure Anna

Ein Gedanke zu “Was bedeutet Belarus?

  1. Ein sehr schöner Beitrag, Orscha – in vielen Punkten stimme ich dir uneingeschränkt zu! Grade die „Einfach so“-Erkenntnis hätte ich nicht besser in Worte fassen können!
    Aber eine Sache muss ich dir dann doch etwas ankreiden: Wo wir schon bei Kulturweit immer aufs korrekte Gendern gedrillt werden, fühle ich mich in meiner Rolle als Mann etwas diskriminiert, da ich mich in deiner Formulierung „zu DER ein oder anderen Freiwilligen“ nur schwer wiederfinde 😉
    Bis bald in Deutschland!

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