Ewiger Zynismus oder Babushkas?

Ich könnte jetzt –mal wieder- Seitenlang davon berichten, wie kalt, wie grau und wie dunkel es hier ist, ich könnte von ehemaligen Konzentrationslagern erzählen, an die so gut wie nichts erinnert, und zwischen deren Ruinen heute Kinder Schlittenfahren.  Ich könnte selbstmitleidig vor mich hin schwadronieren, meine depressive Stimmung in all ihren Facetten dramatisch aufbauschen, um mich schlussendlich –den obligatorischen Rest an Optimismus aufbringend- an das Licht am Ende des Tunnels, an meine Ausreise zu klammern.

Natürlich könnte ich das. Wer denn auch nicht?

Schwarzmalerei verlangt kein sonderliches Geschick und folgt dem einfachen Schema „Es ist schlimm, aber es wird noch immer schlimmer.“ Ursachen für Negatives lassen sich so wunderbar angenehm an das Umfeld verteilen, dass der eigene Verstand  seine Fehler souverän zu ignorieren vermag.

Aber darauf habe ich keine Lust.

Balkon

Balkonblick

Lieber erzähle ich von den Babushkas, die mich, wenn ich auf den Bus warte, in zeterndem Ton ermahnen, dass es „холодно!!!!!!“ („kalt!!!!!!“) sei und dann nach einer theatralischen Kunstpause ein noch dringlicheres „Закройте пальто!“ (etwa „Mach deinen Mantel zu!“) hinzuzufügen.

Mittlerweile habe ich mich zwar daran gewöhnt, dass der gesamte Zug scheinbar mitliest, wenn ich meine lateinischen Buchstaben zücke (pure Magie), aber auf dem Weg nach Minsk beugt sich –wieder eine Babushka- nach einigem Stutzen so tief über meine Lektüre, dass ich selbst nichts mehr sehe. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und erkläre ihr: „Это немецкий.“ („Das ist Deutsch.“), woraufhin sie mit weit geöffneten Augen und einem Kopfschütteln erwidert: „Немецкий! Понимаешь?!“ (etwa „Deutsch! Das verstehst du?!“).

-Das Einzige, was mich davon abhält, jetzt nicht mit meinem fließenden Deutsch zu prahlen, ist die Tatsache, dass ich spätestens bei den nächsten zwei russischen Wörtern gewissermaßen auffliegen würde. Also gebe ich zu, dass ich aus Deutschland komme, was die Verwunderung –nun aller in Hörweite befindlichen Fahrgäste- noch um einiges steigert. Schon wieder muss ich schmunzeln, denn –wie immer- werde ich jetzt mit Fragen bombardiert: Was mache ich hier? Wie lange bin ich schon da? Gefällt es mir? Mein Schmunzeln verwandelt sich in Grinsen, wenn ich mir vorstelle, jedem Ausländer, dem ich in Deutschland begegne, ebendiese zu stellen. Jetzt könnten politisch korrekte Stimmen sich natürlich echauffieren, dass es sich hier auch um eine gewisse Art Rassismus handele, aber in Anbetracht der Tatsache, dass sich der gefühlte Ausländeranteil hier auf acht kulturweit-Freiwillige und eine Hand voll Chinesen beschränkt, werden diese Stimmen wohl hoffentlich ein wenig leiser.

Übrigens hat sich mein Blick auf Ausländer –und gerade Flüchtlinge- nach meinen Erfahrungen hier ziemlich verändert. –Es sei vorab gesagt, dass ich auch ohne Auslandsaufenthalt schon immer für eine offene Politik gewesen bin und wenig Freude daran empfunden habe, vor meiner Haustür Menschen ertrinken zu lassen, weil…ach ja: Islamisierung des Abendlandes.

Wenn man aber selbst die Ausländerin ist, in ein fremdes Land kommt, in dem einem jedes Schild wie eine einzige Hieroglyphe erscheint, in dem ein anderes fremdes Werte- und Normensystem herrscht und in dem nicht nur die Uhren anders ticken, dann ist das nochmal eine ganz andere Erfahrung. Wie oft habe ich mich dabei ertappt, irgendwo in meinem Hinterkopf zu urteilen, wenn eine türkische Mutter kein Wort Deutsch gesprochen hat? „Wenn man hier leben möchte, dann wäre es hilfreich, die Sprache zu lernen.“

Erstens ist das aber einfacher gesagt als getan. Deutsch ist zwar bekanntlich die regelmäßigste und logischste Sprache der Welt, aber es hängt noch mehr als Fleiß daran.

Wenn jemand sein Land verlässt –aus welchen Gründen auch immer- dann ist das wahrscheinlich nie ein einfacher Schritt, denn selbst wenn das Leben dort vielleicht als weniger lebenswert erschien, so verlässt man doch eine Heimat. Und das Erlernen der neuen, der fremden Sprache ist immer auch ein Zeichen der Endgültigkeit: „Hier werde ich vermutlich den Rest meines Lebens verbringen. Es gibt kein Zurück.“

Weiß ich eigentlich, wie lange diese Türkische Mutter schon hier lebt? Vielleicht ist sie ja gestern erst angereist? Ist sie vielleicht nur eine Tante oder andere Verwandte, die auf Besuch da ist?

Ist es jetzt besser, ihr verschlossen und missmutig zu begegnen oder offen, höflich und aufgeschlossen zu sein? Und sei es nur ein Lächeln. Vielleicht macht es ja mehr Spaß, in einem Land mit menschlichen Menschen zu leben.

Letzter Punkt der Moralapostelrede:

Flüchtlinge lernen meistens mit heller Begeisterung Deutsch. Wo bleiben die Props?

Meine Bilanz zwei Wochen vor meiner Ausreise ist also: Manchmal sind kulturweit-Auslandsaufenthalte doch aufschlussreicher und weniger sinnlos als man denkt.

Santa Marx

Bis dann und до свидания!

Eure Anna

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