Blick aus der Ferne

Am 20.12. ist es endlich so weit: Morgens steige ich in den Zug nach Minsk und nehme von dort aus den Bus zum Flughafen. Diesmal nicht, um meine Mutter oder sonst jemanden anzuholen, sondern tatsächlich, um nach drei Monaten selbst nach Hause zurückzukehren… -zumindest für 10 Tage…

Am Check-In-Schalter kann ich den Gedanken, dass ich heute noch in meinem eigenen Bett schlafen werde noch gar nicht richtig begreifen. Zu schön, um wahr zu sein.

Aber ist es das wirklich? Hatte ich mich im September nicht so auf meine Ausreise gefreut? Neues zu sehen? Ja, das stimmt und rückblickend betrachtet hat sich die Sache trotz einiger Stolpersteine sicher gelohnt.

Wohlgemerkt ist mir das an diesem verschneiten Mittwoch am Flughafen aber  noch nicht ganz bewusst. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als endlich wieder zu Hause zu sein und möchte gar nicht an meine Rückkehr denken.

Voller Vorfreude betrete ich also den Flieger nach Warschau –dort muss ich umsteigen- und lehne mich zurück.

Erst als die Maschine den weiß-pulverigen Boden verlässt und sich langsam gen Himmel bewegt, wird mir klar, wie sehr ich mich an mein Leben hier gewöhnt habe. Es ist so normal geworden, in die Schule, zum Russischunterricht und mit Mascha zum Sport zu gehen, dass ich darüber beinahe vergessen habe, wie sehr ich mich eigentlich wohlfühle in diesem Land. Einige Freiwillige habe ich seit September fast jedes Wochenende gesehen, ohne zu bemerken, dass sich echte Freundschaften zu entwickeln begonnen haben.

All diese Gedanken kommen mir erst durch den Blick aus dem kleinen Fenster des Flugzeugs, dem Blick aus der Ferne in den Sinn.

Kenne ich das nicht irgendwoher? Habe ich nicht die letzten Wochen und Tage nur daraufhin gefiebert, in meine ach so vermisste Heimat zu reisen? Dorthin, wo alles viel vertrauter, viel schöner und überhaupt viel besser ist?

Vieles sieht aus der Ferne betrachtet vollkommen anders aus, man gelangt zu neuen Perspektiven, ja Denkweisen. Ich glaube, meistens bringen diese eine deutliche Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit mit sich. Aber es kann passieren, dass man gewisse Dinge aus den Augen verliert, weil sie vom Weiten gar nicht mehr zu sehen sind oder leicht zu ignorieren. Und umso weiter ich mich in Richtung Deutschland bewege, desto mehr wird mir bewusst, dass ich vermutlich kaum das gelobte Land betreten werde, sobald ich den Flughafen in Düsseldorf verlasse.

Natürlich habe ich damit Recht, Deutschland hat sich seitdem ich weg bin auffallend wenig verändert.

Trotzdem ist es das beste Gefühl seit langem, nicht nur lateinische Schrift, sondern deutschsprachige Schilder zu sehen (selbst die halten mich nicht davon ab, ohne meinen Koffer die Sicherheitszone zu verlassen und dann auf komplizierten Wegen nochmal zur Gepäckausgabe zurückzufinden), trotzdem gibt es kaum ein schöneres Geräusch als das einer frischen Brötchenkruste, in die herzhaft gebissen wird und trotzdem ist es schön, von Familie und Freunden umgeben zu sein, die allesamt deutsche Muttersprachler sind.

Vor Heiligabend besuche ich mit Freunden  eine Party in Münster, die wir pünktlich um halb vier verlassen, damit wir noch den letzten Zug nach Hause bekommen. –Unnötig zu erwähnen, dass dieser ausfällt, worauf wir zwei Stunden lang am Bahnhof warten und schließlich um halb acht schlafen gehen.

Der 24. Dezember besteht für mich dann vordergründig aus einem Kampf gegen die Müdigkeit, aber auch aus Essen, Kirche und Familie: ganz normale Weihnachten eben; vielleicht sogar ein bisschen schöner, weil ich es immer noch sehr genieße, einfach zu Hause zu sein.

Der zweite Weihnachtstag neigt sich dem Ende zu, alle Familienbesuche wurden gemacht und die verbleibende Zeit werde ich nutzen, um meine Freunde (zumindest die, die gerade in Deutschland sind) zu treffen und ein paar Mitbringsel zu besorgen. Am 30. Geht es dann wieder nach Minsk und wider Erwarten bin ich sicher, dass mir die Rückkehr gefallen wird und dass ich den verbleibenden zwei  Monaten mit Freude entgegenblicken werde.

Ich hoffe, ihr hattet alle so schöne Weihnachten wie ich!

Einen guten Rutsch ins neue Jahr und С новым годом!

Eure Anna

2 Gedanken zu “Blick aus der Ferne

  1. Frohe Weihnachten (nochmal nachträglich 😅) und einen guten Rutsch! Grüß alle ganz lieb von mir, auch deine Familie 🙂 Noch eine schöne Zeit zu Hause aber auch wieder zurück in Belarus! Schade, dass ich nicht dabei sein kann, wenn ihr alle euch wieder seht, aber viel Spaß! ☺️

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