Psychokram

Nach dem Tiefpunkt, an dem ich nach meinem letzten Eintrag definitiv angekommen bin, geht dich Woche doch noch ziemlich gut zu Ende: Freitag mache ich in einer anderen Schule eine Weihnachtsstunde mit sehr interessierten Schüler*innen, die anfangs zwar schüchtern sind, dann aber schnell auftauen und viele Fragen stellen.

Am Ende muss ich sogar russische Sätze nachsprechen: Zur Amüsement aller anderen.

Abends treffe ich dann Tabea und Amelie in Minsk, um einen deutschen Film der Berlinale („Casting“) im Kino anzuschauen. Danach fahren wir nach Maladetschna, eine Stadt in der Nähe von Minsk, in der die Beiden wohnen, und ich habe die Gelegenheit, mich noch einmal so richtig darüber auszulassen, was ich alles an meiner Schule und überhaupt an diesem Land hasse und dass es nichts mehr gibt, was mich hier hält. –Das tut gut, aber vor allem wird mir erstens dadurch und zweitens durch den kritischen Blick der anderen bewusst, dass ich das ein oder andere überdramatisiert habe und auf dem besten Weg bin, mich in eine endlose Depression rein zu steigern.

Ich habe zum Beispiel in meinem letzten Eintrag nicht erwähnt, dass ich einige Male wirklich übel verschlafen hatte, ohne, dass Irina ernsthaft wütend geworden ist.

Zum einen, weil das ziemlich sicher damit zusammenhängt, dass ich nachts oft nicht schlafen kann, weil ich mich hier tatsächlich nicht immer wohlfühle und das etwas sehr Persönliches ist, zum anderen aber definitiv, weil es mir super peinlich und unangenehm ist. –Wenn ich nun die Schule kritisiere, dann darf ich sowas nicht einfach weglassen. Die Lehrerinnen sind immer nett zu mir und haben mich nie offen beleidigt oder schlecht gemacht.

-Trotzdem habe ich natürlich gemerkt, dass ich auch keine besonders gute Arbeit leiste. Ich habe meine Aufgaben erledigt und fertig. Dass ich selten Eigenes vorgeschlagen habe, hat zwar etwas damit zu tun, dass mir nie gesagt wurde, dass etwas anderes von mir erwartet wird, aber auch damit, dass ich mich nicht getraut habe, einfach mal auf die anderen zuzugehen. Und dann hat es mich einfach persönlich getroffen und verletzt, als diese Befürchtung bestätigt worden ist.

Ich bin eine Perfektionistin.

Und genau das ist das Problem: Der latente aber konstante Gedanke, dass meine Arbeit niemals perfekt sein wird, macht es nahezu unmöglich, dass sie zumindest gut wird.

Den ersten Advent mit Freunden zu verbringen, ist also wirklich erholsam und tröstlich: Ich bekomme sogar einen selbstgebastelten Adventskalender, über den ich mich jeden Morgen freue.

Mamabesuch

Montag geht es von Maladetschna aus direkt zum Minsker Flughafen, um dort meine Mutter abzuholen, die mich über meinen Geburtstag besuchen kommt. –Zum Glück bleiben wir die ersten zwei Tage in Minsk, denn der Koffer kommt erst einen Tag später.

Wir laufen über die Leninstraße, besuchen das Kunstmuseum (wo plötzlich alle Französisch sprechen, was mich endgültig aus der Fassung bringt) und essen Borschtsch und Quarkpfannkuchen. Leider habe ich stechende Rückenschmerzen, die den Dienstag ein bisschen ruhiger und weniger aktiv machen, als eigentlich geplant, aber wir lassen ihn uns nicht ruinieren. Abends fahren wir dann im Gardinenzug, von dem sie sehr begeistert ist und dessen Schlafmöglichkeit sie voll ausnutzt, zurück. Übrigens ist Mama –wie die meisten von uns- sehr überrascht, dass es hier nicht nur Bananen, sondern auch Orangen, Avocados und verschiedenste Brotsorten gibt.

–War das in der DDR nicht anders? Das mag sein, aber nicht jedes Land mit Plattenbauten hat Bananenmangel.

Mittwoch –an meinem Geburtstag- betrete ich zum ersten Mal nach meinem in Hass getränkten Blogeintrag die Schule; dementsprechend froh bin ich, dass meine Mutter dabei ist, weil ich hoffe, dass es so weniger schrecklich ist, was sich nach einem frostigen Anfang zum Glück auch bewahrheitet. Wir bekommen sogar beide Geschenke, mit denen wir nicht gerechnet hätten.

Vor allem aber erlebe ich eine wirklich gute Stunde (Thema Drogen: kann bei mir ja nur reinhauen) im Fakultativunterricht, an der die Schüler*innen sichtlich interessiert sind und über die sie sogar endlich mal eigenständig diskutieren. Natürlich war die Stunde nicht perfekt und natürlich würde mir das keine der Lehrerinnen mitteilen, aber meine Mutter. Das ist war für den  Moment unangenehm, aber es gibt mir die Chance, mich zu verbessern.

Nach einem belorussischen Abendessen mit ein bisschen Wein und Wodka, wie es sich gehört, ist der Geburtstag dann auch schon vorbei. –Ein anstrengender, aber schöner Tag.

Freitag geht es leider auch schon wieder zum Flughafen. –Die fünf visafreien Tage sind abgelaufen. Ehrlich gesagt fühle ich mich ziemlich niedergeschlagen, weil ich am liebsten auch einfach in das Flugzeug steigen und nach Hause fliegen würde. –Ich tröste mich damit, dass ich das am 20. ja darf und nehme den Shuttlebus zurück zum Bahnhof, in dem ein Deutscher sitzt, der leicht aufgeschmissen scheint, weil der Busfahrer leider kein Englisch spricht. Weil ich eine nette Phase habe, frage ich ihn, ob er Deutsch spricht (eigentlich mehr als überflüssig, der Akzent und der Rucksack sind eigentlich nicht zu verwechseln), was er begeistert bejaht. –Dabei spricht er leider gar kein Deutsch, sondern Schwäbisch. Eine Stunde Smalltalk mit Stuttgart. Herzlichen Glückwunsch, Anna. Am Bahnhof kaufe ich ihm noch sein Zugticket nach Witebsk und bringe ihn zum Gleis. –Zum Durchboxen reicht mein Russisch mittlerweile aus; allerdings raubt mir das viel Motivation, trotzdem weiter zu lernen, aber ich versuche es…

Am Wochenende ist dann eine Weihnachtsfeier für einige Schüler*innen im Goethe-Institut, wo wir auch mithelfen. Nachts schneit es und am nächsten Morgen ist alles von fluffigem Schnee bedeckt. Die Aktionen mit den anderen werden in den letzten Monaten meines Dienstes weiterhin sehr wichtig sein, einfach weil der Austausch mit deutschen Muttersprachlern so einfach ist und weil wir uns ohne Wertung und ohne uns dafür rechtfertigen zu müssen über unsere Zeit austauschen können. –Positiv und negativ.

Ich werde meinen Freiwilligendienst jetzt sicher nicht anfangen zu lieben und nie lag es mir ferner, eine Karriere als Lehrerin anzustreben. Aber ich kann daraus mehr schöpfen als die Erkenntnis, dass der Umgang mit Kindern nicht meine Passion ist.

  1. Ich will mich nicht mehr selbst belügen: Vor dem letzten Eintrag war alles, was ich verfasst hatte, in betäubendes Rosa getaucht, aber warum sollte ich behaupten, dass es mir gut geht, wenn dem nicht so ist? Warum bin ich so gehemmt, Schwäche zu bekennen und zuzugeben, dass ich manche Dinge einfach nicht kann?

Weil ich die Blogs der anderen lese, bei denen ebenfalls alles rosa scheint? Oder weil ich es selbst nicht wahr haben will?

  1. Ich will mir aber auch nichts schlecht reden: Die Lehrerinnen an meiner Schule sind sehr bemüht, mich irgendwie zu integrieren, vor allem nach der Eskalation. Weil die Schule nicht unbedingt mein Lieblingsort hier ist, ist nicht gleich die ganze Stadt oder gar das Land unerträglich. Ich mag Belarus und ja, Minsk mag ich besonders. Aber Orscha hat den meisten Schnee, einen Fluss, der witziger Weise nach „Arschritze“ klingt, und ist für Menschen wie mich, die quasi gar keinen Orientierungssinn besitzen, eindeutig einfacher als die Hauptstadt.
  2. Ich kann durchhalten. Ich werde es schaffen, noch zwei Monate in diese Schule zu gehen und mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich danach nie wieder tun möchte. –Besser als wenn ich den Mist studiert hätte.
  3. Literatur –echte Literatur- analysieren ist genau das Richtige. Ich will niemandem beibringen, warum es „lief“ und nicht „laufte“ heißt (obschon ich viel Wert darauf lege, es selbst zu wissen). Ich will niemanden irgendwelche stumpfen Grammatikregeln auswendig lernen lassen. Ich möchte darüber diskutieren, wie sich durch Kafkas leicht verständlichen und stringenten Schreibstil ein eigenes Adjektiv entwickeln konnte. Ich möchte einen Text bis auf den letzten Buchstaben analysieren, Bilder interpretieren und Musikstile vergleichen. Ich sehne mich nach wissenschaftlicher Arbeit: Wo sind die sonst so verhassten Zitierregeln, die Quellenangaben und wo ist der Deutschlehrer, der innerlich (nach Belieben auch äußerlich) zusammenbricht, wenn jemand „Buch“ anstelle von „Lektüre“ sagt?
  4. Ein bisschen Sarkasmus und die Welt sieht gleich schwärzer aus: Einfach mal akzeptieren, dass nichts läuft, dass auch nichts besser wird und dass es wahrscheinlich nichts Schmerzhafteres gibt, als nach Weihnachten an diesen Ort zurückzukehren. Und dann darüber lachen, was man sich eigentlich dabei gedacht hat.

Das Format „Blog“

…ist nichts für mich: Mir fehlt mein Tagebuch, das mir keinen Druck macht, regelmäßig geistiges Gut irgendwo rein zu verfassen, dem Rechtsscheib- und Grammatikfehlers egal sind und das meine Gedanken einfach ungefiltert mit der Tinte aufsaugt, um sie festzuhalten und erst wieder freizulassen, wenn ich es will. Ich habe nicht im Sinn, Werbung für meine Stelle oder kulturweit zu machen: Ich möchte meine eigenen, subjektiven Erfahrungen festhalten und mir nicht ständig Gedanken machen, wer das unter Umständen lesen könnte und wie viel meiner Persönlichkeit ich preisgebe. Manchmal beschleicht mich sogar der Gedanke, dass ich so lange bündele und filtere, dass am Ende etwas vollkommen Unauthentisches hier steht. Dazu kommt noch, dass ich so unzufrieden mit meinem Schreibstil bin, dass es mir beinahe physische Schmerzen bereitet, meine alten Beiträge noch einmal durchzulesen. –Ich kann nicht regelmäßig und auf Knopfdruck richtig Gutes schreiben. Dazu muss ich in einer schwer beschreiblichen, melancholisch anmutenden Stimmung vor mich hin philosophieren und wenn die mal da ist, dann fehlen mir meistens Zettel und Stift.

–Könnte ich schreiben, wäre ich eigentlich gestört genug, Autorin zu werden, um der Welt meinen Psychokram zuzumuten.

Bis dann und до свидания

Eure Anna

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.