Pure Positivität

Mein Alltag hat sich in letzter Zeit eigentlich nicht verändert. –Warum sollte er sonst auch „Alltag“ heißen?

Und wenn ich ehrlich bin, dann zeichnet sich der Spaß, den ich hier natürlich trotzdem noch habe, vor allem durch die Wochenenden mit den anderen in Minsk aus. Orscha ist zwar eine für den Ostblock relativ schöne Stadt mit vergleichsweise wenigen Plattenbauten und viel Natur, aber außer ein paar Kirchen gibt es hier nicht viel zu sehen.

Dazu kommt, dass ich mittlerweile ziemlich sicher bin, dass das mit der Lehrerin wirklich absolut nicht mein Ding ist. Es ist nicht einfach, sich das einzugestehen, aber ich besitze einfach nicht die Fähigkeit, locker und offen auf viele Menschen gleichzeitig zuzugehen. Meistens läuft dann in meinem Kopf eine endlose Liste mit Dingen durch, die ich jetzt sagen könnte oder über die ich einen Witz machen könnte. Im Endeffekt sitze ich verschüchtert im Unterricht und erledige das, was man mir aufträgt.

Ich glaube, in dieser Hinsicht bin ich ziemlich ambivalent: Grundsätzlich hatte ich noch nie ein Problem damit, mich an Gruppendiskussionen zu beteiligen, auf Partys zu gehen oder meinen Senf überall dazuzugeben. Zwischenmenschliche Beziehungen werden oft komplizierter, umso länger sie bestehen: Am Anfang ist es noch geduldet, dass ich mich zurückhalte und etwas schüchtern bin, aber was ist, wenn ich dieses Level einfach nicht verlassen kann?  Wenn sich alles vielleicht sogar rückwärts entwickelt, sodass ich am Anfang noch aufgeschlossen und mutig bin, aber keinerlei positive Rückmeldung auf mein Verhalten bekomme und dann logischer Weise zurückrudere?

Vieles ist wahrscheinlich auch Einbildung: Ich mache mir eindeutig zu viele Gedanken darüber, was andere von mir denken. Eigentlich haben die Schüler*innen glaube ich wirklich Interesse an mir und finden es auch nicht weiter schlimm, dass ich kein Russisch kann. Aber genau wie ich sind viele erstmal schüchtern und wenn beide Seiten darauf hoffen, einfach angesprochen zu werden, dann endet das natürlich nicht gut.

Meine Fähigkeiten sind in der Theorie angesiedelt: Ich kann Unterrichtsstunden planen, ich kann Präsentationen erstellen und ich kann Grammatikaufgaben vorbereiten. Das alles ist kein Problem und macht mir auch tatsächlich Spaß, aber wenn ich die Grammatik dann mittwochs um 15:00 Uhr mit dem Fakultativkurs besprechen soll, dann muss ich mich echt zusammenreißen, nicht irgendeine Krankheit vorzutäuschen.

Fakt ist: Die Hälfte meiner Zeit hier ist vorbei und ich fühle mich nicht wohl in meiner Schule.

Fakt ist auch: Irina (also meine Deutschlehrerin) meldet mir das ebenfalls zurück. Solche Probleme habe es noch nie gegeben und jeden einzelnen Tag wird mein Vorgänger in den Himmel gelobt. Da kann er natürlich nichts für, aber ich habe den Eindruck, dass ich seine Fußstapfen mit nichts ausfüllen kann. Nein, ich werde am Ende meines Dienstes nicht Shakespeare auf Russisch lesen, ich werde nicht mit meinen neuen Schüler*innenfreunden Chinesisch lernen und ich werde auch keine Reden halten oder mich am Ende doch noch in Chris verwandeln.

Ich kann mir nichts Unmotivierenderes  vorstellen, als andauernd verglichen zu werden. Warum sollte ich mich weiter anstrengen, wenn ich ohnehin weiß, dass ich niemals so gut sein werde? Warum bin ich automatisch „schlechter“ und nicht „anders“?

Und noch viel wichtiger: Warum wird mir das erst jetzt zurückgemeldet? Warum hat niemand einen Ton dazu gesagt, was ich vielleicht besser machen könnte?

Montag kommt mich zum Glück Mama besuchen und dann ist es auch nicht mehr lange bis ich über Weihnachten nach Hause fliegen darf. Im Moment jedenfalls habe ich auf nichts mehr Lust und quäle mich täglich aus dem Bett und in die Schule.

Etwas anderes, was mir dabei im Hinterkopf große Sorgen macht, ist mein Studium: Es gibt nichts, was ich lieber studieren würde als Germanistik. Das ist mein Ding, darin bin ich gut und daran habe ich Spaß. Aber wenn das mit dem Lehramt sicher wegfällt, dann gehen meine Berufschancen schon beinahe in den negativen Bereich. Ich will auch kein anderes, ähnliches Fach studieren (beispielsweise Kommunikationswissenschaften oder Journalistik); es muss schon Germanistik sein, und auch nicht im Nebenfach.

Wahrscheinlich werde ich später Taxifahrerin.

Und ich hasse Autofahren.

Etwas Gutes hat das Ganze natürlich trotzdem: Ich weiß jetzt ohne dass ich den falschen Beruf gewählt habe, was schon mal nichts ist.

 

Mit positiven Grüßen und до свидания!

Eure Anna

2 Gedanken zu “Pure Positivität

  1. Hallo Anna, vor fünfeinhalb Jahren ging es mir fast so wie dir. Zwar wurde ich mit niemandem verglichen, aber ich tat nichts, was mich zufriedenstellte, konnte keine Ideen einbringen, stieß mich ständig an für mich nicht nachvollziehbaren Regularien und festgefahrenen Abläufen in der Schule. Die Freizeit verbrachte ich –
    im Gegensatz zu dir – mit mir allein (zum Glück habe ich nirgendwo notiert, an wie vielen Tage ich spätestens mit Beginn der Sommerferien kein einziges Wort gesprochen habe)…
    Allerdings konnte und wollte ich das nicht so explizit formulieren – weder auf dem Blog noch sonst gegenüber Eltern, Freunde etc. Bis heute war/ich diesbezüglich nicht ehrlich. Dass du deine „Probleme“ entsprechend differenziert formulieren kannst, finde ich sehr bemerkenswert und das ist sicher der erste Schritt zu einem Erkenntnisgewinn über sich selbst, der das Leben maßgeblich bestimmen wird (hoffentlich in positiver Weise).
    Um diese umständliche Ausführung zusammenzufassen: Vielleicht bringst du keine herausragenden Geschichten mit, vielleicht wird diese Zeit nicht „die beste deines Lebens“, aber wertvoll wird sie langfristig ganz, ganz sicher! 🙂
    P.s: Und keine Angst wegen des Studiums. Ich studiere Musikwissenschaft 😀 Ohne irgendeine Ergänzung, hingebungsvoll und gerne. Es gibt immer einen Weg und den sollte man sich nicht vor dem Aufbruch verbauen!
    Viel Glück für jegliche Zukunft und eine gute Advents- und kulturweit-Zeit!

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