Kleine feine Unterschiede

Was bedeutet Belarus? Um ehrlich zu sein, könnte ich diese Frage mit größter Wahrscheinlichkeit auch dann nicht beantworten, wenn ich die nächsten 20 Jahre hier verbringen würde.

Trotzdem fallen mir nach einiger Zeit bestimmte Dinge –Normen, Regeln, Denkweisen- auf, die ich gerne mit euch teile:

-Als kurze Anmerkung sei gesagt, dass ich selbstverständlich nur meine eigenen Erfahrungen (höchstens noch die der anderen Freiwilligen) schildern und damit natürlich nicht für das ganze Land sprechen kann.

  1. Sexistisch oder gently?

Als Frau kann man davon ausgehen, dass einem Türen offen gehalten, Taschen getragen und Essensrechnungen bezahlt werden. Zugegebenermaßen hat mich das als emanzipierte Feministin gerade am Anfang ziemlich gestört und oft habe ich mich als überhaupt nicht ernst genommen gefühlt. Mittlerweile bin ich aber daran gewöhnt und nehme Einiges als sehr praktisch wahr. –Allerdings bin ich auch schon vor Türen gelaufen, weil ich nicht damit gerechnet hatte, sie selbst öffnen zu müssen… Und falls es doch mal nervt, dann funktioniert Humor eigentlich immer: Niemand nimmt es mir übel, wenn ich Türen aufhalte und zwinkernd „Ladies first“ sage.

 

  1. Politik

In Deutschland ist die Politik fester Bestandteil des alltäglichen Lebens: Beim Einkaufen, beim Sport, mit Freunden, in der Schule werden ständig die aktuellen Nachrichten ausgetauscht und diskutiert.

Das ist hier anders… Politik erscheint mir hier wie etwas, das von oben kommt, etwas, das man hinnimmt, ohne sich weiter damit zu beschäftigen, denn mit dem eigentlichen Leben hat das alles nichts zu tun.

 

  1. Toilettenpapier

Ich weiß nicht genau warum, aber sowohl in der Schule als auch auf anderen öffentlichen Toiletten fehlt ständig Klopapier. Ehrlich gesagt kann ich mir nicht ganz erklären, woran das liegt, aber es ist gut zu wissen, damit man selbst mit Taschentüchern vorsorgen kann.

 

  1. Alkohol

Ich habe in einem früheren Eintrag bereits erwähnt, dass das mit dem Alkohol hier definitiv nicht so ist, wie das Klischee vermuten lässt: Nämlich nahezu grenzenloser Vodkakonsum, egal zu welcher Uhrzeit. In der Öffentlichkeit zu trinken ist verboten und bei Einladungen zum Essen gibt es als Gastgeschenk auch keinen Alkohol. Den Konsum offen und ungehemmt nach außen zu tragen, ist meiner Wahrnehmung nach ziemlich verpönt.

-Trotzdem muss ich jetzt doch anmerken, dass auf Festen und Partys doch  ordentlich tief ins Glas geschaut wird und ja, man sollte sich nicht darauf einlassen, mit Belarussen Vodka zu trinken, denn aus der Nummer kommt niemand so schnell raus. Man sagt auch nicht immer „На здоровье!“ (Na Staravoje), sondern stößt einfach auf alles Mögliche an („Auf die Sonne, die heute geschienen hat!“).

Und der ein oder andere Student gönnt sich auch mal gerne um zwei Uhr mittags einen Schnaps. –Zu zweit macht da eine Flasche nicht viel aus.

 

  1. Türschwellen und Tische

Weder der russisch-orthodoxe Glaube, noch der atheistische Kommunismus konnten dem slawischen Aberglauben etwas anhaben:

Du hast deine Jacke im Raum vergessen und jemand nimmt sie dir mit? Dann lasse sie dir nicht über die Türschwelle reichen; das ist der Ort, an dem böse Geister wohnen. Wenn es möglich ist, dann führe am besten auch keine Gespräche über eine solche Schwelle hinweg.

Auch dass ich mich ganz lehrerinnen-like auf das Pult gesetzt habe, ist nicht gut angekommen: Der Tisch gilt als Altar und muss ständig sauber gehalten werden.

Mit Geld können negative Energien übertragen werden; deswegen sollte man es niemandem direkt in die Hand geben. Im Supermarkt bin ich schon 100-mal auf die dafür vorgesehene Fläche hingewiesen worden.

 

  1. Laufende Nasen

Es ist unhöflich, sich die Nase mit einem Taschentuch zu putzen. Besser ist es, einfach hochzuziehen oder aber –wenn s gar nicht anders geht- den Raum zu verlassen. Das fällt mir besonders schwer, denn umgekehrt fühle ich mich unwohl, wenn ich eben kein Taschentuch benutze…

 

  1. Anschnallgurte

Von Stadt zu Stadt ist es hier üblich, sich nicht anzuschnallen. Tut man es als Beifahrer doch, dann signalisiert man, dass man dem Fahrer nicht vertraut. In meiner Stadt ist das zum Glück nicht so, aber trotzdem passiert es oft, dass Taxis auf den Rückbänken gar keine Gurte haben, mit denen man sich anschnallen könnte.

 

  1. Familie

Die Familie ist von enormer Bedeutung bei den Belarussen: Sie unterstützt, wo immer es geht und ich habe schon mehr als einmal gehört, dass Eltern und Geschwister die einzig wahren Freunde im Leben seien. –Von mir würde ich nicht behaupten, ein großartiger Familienmensch zu sein, ich bin eher ruhebedürftig und brauche nicht viele Menschen um mich. Meine Kernfamilie bestehend aus drei Leuten ist mir zwar wichtig, aber ich bin froh, zum Studium (und logischerweise eigentlich auch jetzt schon) ausziehen zu können.

Hier ist es nicht unüblich, bei den Eltern zu leben, bis man heiratet; man muss natürlich bedenken, dass das sicherlich auch finanzielle Gründe hat.

 

  1. Partnerschaften

Es ist völlig normal, schon in den frühen Zwanzigern zu heiraten und es gilt als Norm, bis spätestens 30 eine*n Partner*in gefunden zu haben. Ich denke, dass das wiederum etwas mit der finanziellen Absicherung zu tun hat: Zu zweit verdient man bestenfalls genug, um in eine eigene Wohnung zu ziehen und sich selbstständig zu versorgen; damit fällt man dann der Familie weniger zu last und kann sich etwas Eigenes aufbauen. Allerdings glaube ich, dass die Erwartung, sich so früh schon zu binden, viel Druck ausüben kann und nicht selten in verzweifelter Suche nach der besten Partie endet.

 

-Bestimmt gibt es noch viele, viele Unterschiede mehr und es werden mir sicher noch einige begegnen, aber für einen ersten kleinen Eindruck muss das vorerst genügen.

Übrigens schreibe ich gerade von Odessa, einer Hafenstadt ganz im Süden der Ukraine aus. Unser Zwischenseminar findet hier im Moment statt und am Anfang war es ziemlich ungewohnt, wieder ein paar Gesichter vom Vorbereitungsseminar zu sehen. Ich glaube, im Sommer ist es hier zwar belebter und schöner, aber die Stadt hat trotzdem ihren ganz eigenen Charme, sodass sich 11 Stunden Busfahrt nach Kiew und anschließende 9 Stunden Nachtzug hierhin gelohnt haben!

Das nächste Mal dann wieder wie gewohnt aus Orscha, der freshen Hood in Belarus!

Bis dann und до свидания!

Eure Anna

Ein Gedanke zu “Kleine feine Unterschiede

  1. ORSCHA #spooky

    Haha aber jetzt mal ernsthaft – danke dir für diese Liste; ich fand sie sehr unterhaltsam 🙂 Einige Gründe für das spezielle belarussische Verhalten waren mir auch noch nicht bekannt…

    Ich freu mich auf unsere restliche gemeinsame Zeit in Odessa sowie auch auf die Heimreise!
    Bis gleich

    Mr.Romantic

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