WAS HANOI MIT MIR MACHT

25.01.2017. Heute packe ich nach fast 6 Monaten in Hanoi meinen Rucksack, bevor ich nochmal auf Reisen gehe. Angekommen im September in spätsommerlicher Hanoier Hitze war ich erst mal völlig mit allem überfordert und verunsichert. Mir war viel zu warm. Ich hatte eine WG, in der ich mich nicht sonderlich wohl fühlte und auf die ich nicht bauen konnte. Als Vegetarierin fand ich auf dem Weg ins Büro nichts Fleischfreies zu essen und freute mich die ersten Wochen immer ganz besonders auf die Mittagspause mit meinen Kolleginnen entgegen. Ich hatte ein richtiges Frühstücksproblem und entsprechend war ich schlecht gelaunt. Außerdem wusste ich auch nicht mal genau, wo ich Lebensmittel oder Obst kaufen konnte bzw. irgendwann dann schon, aber nicht wie ich zum Supermarkt komme – das war mir ein Rätsel – für Taxi zu nah – zu Fuß zu kompliziert, weil ich mich erstmal an den Verkehr gewöhnen musste. Dazu kam dann noch meine permanente Angst negativ aufzufallen, weil ich die Sprache nicht konnte. Ich konnte ja noch nicht mal erklären, dass ich kein Fleisch esse. So gar nicht. Mein charmantes Danke hat sich immer eher angehört wie das Englisch ‚come on‘ – naja. Optisch fiel ich als weiße Frau eh auf, was ich zwar erwartet hatte und auch verständlich ist, mich aber ebenso und immer noch verunsichert – dieselbe Aufmerksamkeit würde mir auch in Frankfurt nicht gefallen.

Dann kamen die Menschen, der Arbeitsalltag, die neue WG, die Routine, der Roller und das Selbstverständnis, dass Hanoi irgendwas zwischen heimisch und Zwischenstopp ist. Deshalb ist auch kurz an der Zeit, knapp die Themen aufzurollen, die mich die ganzen letzten Monate begleitet haben.

Nach den 10 Tagen am Webellinsee war ich ziemlich voll mit Eindrücken und Themen, die ich vor meiner Zusage so nicht bedacht hatte und die ich auch mit meinen „Ego-Projekt: Sechs Monate in Hanoi leben“ vorab nicht bedacht hatte. Ich hatte vor, alle zwei Wochen zu bloggen. Dann hat mich Hanoi eingeholt und das Tempo vorgegeben. Trotzdem waren die Themen aus Brandenburg da. Die ganze Zeit!

Gleich in der ersten Woche: “Ich wäre gerne weiß, weil ich dann mehr verdienen würde.” Und schon waren all die Themen aus Brandenburg da. An meinem Küchentisch. In Hanoi. Ich weiß bis jetzt nicht was ich darauf entgegnen soll. Wer weiß da schon die richtige Antwort drauf, wenn das jemand so in den Raum stellt? Was soll ich auch dazu sagen, dass englische Muttersprachler*innen als Unterrichtsassistenz in Vietnam 25$ pro Stunde verdienen – das Dreifache von studierten, vietnamesischen Englischlehrer*innen – dann fällt mir dazu auch nicht viel ein. Ebenso in Erklärungsnot brachte es mich mehr als einmal, dass ich nicht hier bin, um Geld zu verdienen, wie so viele andere. Dass meine Motivation Vietnam ist. Für diese Aussage habe ich ebenso ungläubige Blicke geerntet.

Ich habe in den letzten Monaten betont versucht, möglichst wenig zu vergleichen, weil ich den Ort so annehmen wollte wie er ist, um mich auf alles einzulassen. Eine meiner Kolleginnen ist das aufgefallen und  meinte dann zu mir: „Amira, in Vietnam sind auch viele Dinge schlechter als in Deutschland, es gibt Probleme – viel mehr als in Deutschland“.  Wenn beispielsweise  Menschenrechtler*innen daran gehindert werden, Obama während seinem Staatsbesuch zu treffen, wenn laut Reporter-ohne-Grenzen-Rangliste Vietnam auf Platz 166 von insgesamt 175 rangiert oder meiner Mitbewohnerin, die sich für ihre Masterarbeit mit Dissident*innen getroffen hat, von der Polizei nachgespürt wurde, weil sie Dinge getan hat „die der KP und der Polizei nicht gefallen“, dann stimme ich meine Kollegin auch zu, ohne jedes aber. Gute Bildung ist teuer und das muss man sich erstmal leisten können. Viele Familien geben viel dafür, dass ihre Kinder im Ausland studieren können, weil Abschlüsse dort einen besseren Ruf haben. Das ist die eine Seite.

Trotzdem: Wenn ich an Hanoi denke, habe ich dieses ganz besondere Gefühl. Immer wenn ich die letzten Monate nach ein paar Tagen zurückgekommen bin, war ich immer richtig froh und ein bisschen aufgeregt. Als ein paar andere Freiwillige und ich nach dem Zwischenseminar im November gereist sind und wir am Ende die Reise verkürzt haben, weil es im Süden nur geregnet hat, dann gab es diesen Moment, als Hoai und ich wieder in Hanoi ankamen. Da war der strahlende Himmel, die ganzen Seen, die Vertrautheit und die Beauties in Hanoi. Spätestens da war das heimische Gefühl da. Von Anfang an war aber ebenso klar, dass die Zeit hier begrenzt ist. Dass ich hier in der Schwebe bin. Nach den ersten Wochen des Klarkommens und des Verlorenseins sind Hanoi und ich jetzt offiziell richtig dicke Freunde und das liegt bestimmt an der Vertrautheit, die sich mit der Zeit einschleicht. Viele andere Menschen in meinem Alter haben nicht die Möglichkeit zu gehen, viele andere schon. Ich bin wahnsinnig froh für all die Einblicke, für all die schwierigen und schönen, leichten Momente, die ich mit den Menschen hier teilen durfte. Ich weiß es sehr zu schätzen und auch das Vorbereitungsseminar mit all den Impulsen, die mich zu Zweifeln gebracht haben.

Habe ich Vietnam oder besser Hanoi kennengelernt? Ein bisschen. Ausreichend? Auf keinen Fall! Aber ich habe einen Einblick erhalten und deshalb wollte ich nach meiner Reise 2015 zurückkommen. Welchen Anspruch darf ich an einen Ort haben, an dem ich weniger als 6 Monate verbringe? Klar stehen wir als kulturweit-Freiwillige hier unter Druck, aber das liegt daran, was wir hier von uns verlangen. Wir arbeiten Vollzeit und wollen jeden Moment mitnehmen und so viele Eindrücke sammeln wie möglich. Alles lernen, alles probieren und dann doch noch abends gemeinsam in einem Bia Hoi sitzen. Trotzdem, so finde ich, müssen wir uns mit den Ländern, in denen wir kurzzeitig leben, auseinandersetzen. Was ist die Geschichte des Landes? Was sind die Strukturen? Was versteckt sich hinter bestimmten Regeln? Und was bleibt?

Wenn ich bezahle benutze ich beide Hände um den Geldschein zu übergeben. In HCMC stand ich alleine im Kriegsmuseum und hab geweint, weil ich den Anblick der Bilder von Agent Orange Opfer nur schwer ertragen konnte. Im Frauenmuseum war ich über die Rolle der Frau während dem Vietnam Krieg erstaunt. Im Alltag fallen mir immer wieder Gegensätze zwischen Arm und Reich auf, an Fahrzeugen oder der Architektur. Ich finde es schön, dass viele Familien hier den Todestag ihre Angehörigen nicht vergessen und ich merke, dass ich jetzt kurz vor dem vietnamesischen Neujahrsfest endlich in Weihnachtsstimmung bin, irgendwas liegt in der Luft … und viele andere Dinge habe ich noch nicht verstanden.

 

Ein Gedanke zu „WAS HANOI MIT MIR MACHT

  1. Paul Stewens

    Ein wahnsinnig inspirierender, berührender und intensiver Eintrag. Vielen Dank, dass du mich an diesen Gedanken teilhaben lässt.
    Ich habe mich auch bei kulturweit beworben und warte gerade noch auf mein Gespräch mit dem Goethe-Institut. Und dein Text zeigt mir, dass die Bewerbung die richtige Entscheidung war, um fernab des Weges des geringsten Widerstandes unglaublich viel zu lernen und zu erfahren.
    Alles Gute

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