Zwischen Brandenburg und Asien – was kulturweit (mit uns) macht

Es ist Tag 8 des Seminars am Webellinsee und Tag 4 vor meinem Abflug nach Hanoi. Unser Freiwilligendienst beginnt nicht erst mit dem Tag der Ausreise, sondern am 01. September. Das Bundesfreiwilligengesetz schreibt vor, dass wir als Freiwillige an diesem zehntägigen Vorbereitungsseminar teilnehmen müssen. In den vergangenen Tagen wurde ich mit verschiedenen Themen konfrontiert, die man sicherlich nicht als einfach und leicht bezeichnet. Wir wurden damit konfrontiert, dass wir weiße Rassist*innen sind, und damit dass wir durch unsere freiwillige Arbeit postkoloniale Strukturen fortsetzen, die in den vergangenen Jahrhunderten durch politische,  ökonomische und kulturelle Ausbeutung geschaffen wurden und die die Machtstrukturen des globalen Nordens aufrecht erhalten. Mit den Folgen der Kolonialzeit werden wir durch die Teamer*innen konfrontiert. Wir bekommen keine Meinungen vorgegeben, sondern uns wird die Möglichkeit gegeben uns mit unseren Privilegien und unserer Rolle als Freiwillige zu befassen. Eine der Trainer*innen hat es folgendermaßen beschrieben: „Irritation kann der Anstoß für Veränderung sein“ – wie irritiert wir sind, wie viel wir an uns heranlassen, hängt von jedem/jeder Einzelnen ab.

Ich habe diesen Blog als Medium gewählt, um mich kritisch mit meinem Freiwilligendienst auseinander zu setzten und einen Weg zu finden mich selbst zu positionieren. Die letzten Tage war ich mit der persönlichen Aushandlung meiner Rolle als weiße Frau und den Inhalten meiner Freiwilligenarbeit in Asien beschäftigt: Inwieweit ich postkoloniale Strukturen fortsetze, inwieweit ich dabei auch deutsche volkswirtschaftliche Interessen vertrete und vertreten möchte und wie ich mich positionieren kann und darf.

Unsere Trainer*innen irritieren uns zu Recht –– mir ist aber nicht ganz klar inwieweit unsere Einsatzstellen der Haltung von kulturweit zustimmt und ob Kritik erwünscht ist. Ich habe mich zwischen der Haltung meiner Entsendeorganisation und kulturweit doch sehr zwischen den Stühlen gefühlt – weil die Äußerungen unserer Partner*innen für mich im krassen Widerspruch zu den Impulsen von kulturweit stehen.

Was möchte ich also als Freiwillige in Asien? Erstmal möchte dort leben, ich möchte hier Alltag haben und mit meinem Roller/e-bike in der Masse untergehen. Ich möchte nicht meine deutsch-sozialisierte Sichtweise einbringen und keine Vorannahmen haben, wie Dinge zu laufen haben. Ich möchte nicht vergleichen und feststellen was anders ist. Ich möchte Fragen stellen, wenn ich Dinge aus meiner Sichtweise unverständlich finde, um sie zu verstehen. Ich möchte mich im Alltag verständigen können und ich möchte auch, dass es hier schön wird.

Während der 10 Tage des Seminars wurde in mir ein Prozess losgelöst. Ich musste mich vor mir selbst rechtfertigen, warum es okay ist zu gehen. Ich habe allerdings auch darüber nachgedacht nicht zu gehen, aber ich finde, dass man Strukturen selbst sehen muss, um es dann anders machen zu können und das kann ich vor mir rechtfertigen. Mit Sicherheit ist diese Aushandlung mit sich selbst in ziemlich vielen alltäglichen Situationen der Fall. Eine meiner Freundinnen hat in einer Sprachschule in Spanien unterrichtet. Dort hat sie mit den Jugendlichen mit peinlichen – weil homophob und sexistisch – Lehrbüchern gearbeitet. Die Bücher konnte sie nicht abschaffen, aber sie hat versucht innerhalb des vorgegeben Materials/Strukturen die Dinge anzupassen bzw. klarzustellen. Ich möchte meine Freiwilligen Arbeit nicht gleichsetzen mit der Arbeit meiner Freundin, aber ich finde den Ansatz gut, dass sich jeder von uns jeden Tag vor sich rechtfertigen muss und immer wieder Aushandlungen stattfinden. Mir ist es wichtig kritisch zu sein und Dinge, die mir nicht passen, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu ändern.

 

 

 

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