Brandenburg kommt vor kulturweit

Eigentlich hatte ich nie vor zu bloggen und habe davon auch nie viel gehalten. Wir alle wurden in dem Gefühl erzogen etwas besonders zu sein und ich habe nie ganz verstanden, warum sich online jemand verschiedene und doch gleiche Lebensgeschichten durchlesen sollte. Normalerweise teile ich Bilder aus meinem Alltag oder Partys die ich für feiernswert halte.

Für die nächsten 6 Monate werde ich aber eine andere Rolle einnehmen: Ich bin kulturweit-Freiwillige und gehe – entsendet von der deutschen UNESCO-Kommission und dem Deutschen Auswärtigen Amt nach Vietnam. Offiziell werden wir als Kulturbotschafter*innen bezeichnet und das wird auch von uns erwartet. Ich genieße dadurch zahlreiche Privilegien, das war mir schon vor dem Vorbereitungsseminar klar, das seit dem 01.September in Brandenburg stattfindet. Ich bin eine weiße Frau mit deutschem Pass, Mittelschichtskind, Studentin, bin gereist, habe bereits im Ausland gelebt und musste mir in meinem Leben nicht viele Sorgen machen, auch wenn mich manche Menschen gelegentlich an meinen Migrationshintergrund erinnern, der für mich in meinem Alltag eine nur untergeordnete Rolle spielt. Mit diesem Hintergrund werde ich nach Vietnam gehen. Mein Anliegen ist es, durch diesen Blog meine Aufgabe in Vietnam kritisch zu reflektieren. Ich werde nicht vordergründig darüber schreiben, wie es mir geht, wie ich mich fühle, tolle Bilder meiner freiwilligen Arbeit mit kleinen Kindern posten oder die erste Fahrt mit meinem Roller in Hanoi thematisieren – das ist im Rahmen dieses Blogs nicht mein Anliegen. Bestimmt werde ich über Instagram meinen Freunden und meiner Familie einen Einblick in meinen Alltag geben, genauso, wie ich es auch aus Frankfurt tue. ABER: Dieser Blog soll die andere Seite des Freiwilligendienstes abbilden und künftigen kulturweit Freiwilligen zeigen, was auf sie zukommt und den Blick auf die Menschen richten, denen ich in den kommenden 176 Tagen begegnen werde. Zum jetzigen Zeitpunkt weiß ich nicht, ob ich dabei ein positives oder negatives Bild von kulturweit zeichnen werde. Ich versuche das Ganze als Experiment zu begreifen.

Seit dem das Vorbereitungsseminar vor 4 Tagen in Brandenburg begonnen hat, ist in mir viel passiert. Vor dem Vorbereitungsseminar habe ich mich sehr auf meine Zeit als kulturweit Freiwillige gefreut, die Rolle aber nicht ausreichend hinterfragt. Mir war bereits vor dem Seminar das Kontroverse bewusst, das meinen Einsatz umgibt – nur nicht ausreichend genug. Von kulturweit werden 250 Freiwillige zwischen 18 und 26 Jahren für einen Zeitraum von 6 bis 12 Monaten in die Welt geschickt, um kulturelle Freiwilligenarbeit zu leisten. kulturweit wird als Entwicklungshilfe abgerechnet. 10 Tage lang werden wir mit unserem weißen Rassismus konfrontiert, für den wir uns sicherlich nicht selbst entschieden haben, aber von dessen Privilegien wir uneingeschränkt profitieren. Nicht alle kommen zu diesem Vorbereitungsseminar mit den gleichen Standrads an, besonders im Hinblick auf reflektiertes und kritisches Weißsein, weil einige der Freiwilligen davon noch nie gehört haben bzw. sich der Konfrontation der eigenen Lebenswirklichkeit verschließen. Unterstützt von Trainer*innen befassen wir uns auch mit anderen Themenkomplexen, die uns auf unsere Zeit am Einsatzort vorbereiten, unteranderem dem Feminismus bzw. Genderzuweisungen im Allgemeinen, unserem Auftreten am Arbeitsplatz oder das Hinterfragen der Kompetenzen, die wir mitbringen.

Ich bin mir sehr sicher, dass kulturweit – sofern man sich darauf einlässt – eine bereichernde Erfahrung sein kann, wenn man seine Rolle hinterfragt. Die Sicht des Auswärtigen Amtes ist es, dass wir Freiwilligen das ‚Deutsche‘ in die Welt zu tragen. Zu den Aufgaben gehören etwa die Assistenz im Deutschunterricht an Partnerschulen, die Organisation von Kulturveranstaltungen an einem Goethe-Institut oder die Öffentlichkeitsarbeit an Informationszentren des DAADs.

Wir, die Kulturbotschafter*innen machen nichts anderes, als einen modernen Kulturimperialismus zu führen und die Rolle jugendlicher Missionare einzunehmen – so könnte man argumentieren.

Viele sehen kulturweit als die Zeit ihres Lebens oder sehen ihre Mission anderen zu erklären, wie es läuft – in dem Fehlglauben, es besser zu wissen. Meistens wird darüber aus Sicht der Freiwilligen gebloggt. Wer fragt aber die Leute, denen wir begegnen, wie sie es finden, dass wir da sind? Wie begegnen wir anderen? Inwieweit ist das westliche Überlegenheitsdenken in Vietnam schon etabliert und was kann ich tun um den Menschen auf Augenhöhe und nicht missionarisch zu begegnen? Über diese Aspekte möchte ich die nächsten Monate bloggen, um dabei mit all den Kontroversen meinen eigenen Umgang zu finden.

 

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