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Komm mit auf eine Trotro-Fahrt!

Zuerst bin ich mir nicht sicher, was der junge Ghanaer ruft, der seinen Oberkörper weit aus dem Mittelfenster des Vans streckt. „Madina?“, frage ich nach. Ich bin aufgeregt, weil alles so neu ist. Er nickt. Also steige ich ein. Der junge Ghanaer ist eine Art Schaffner, der das Fahrtgeld von allen Passagieren einsammelt. „Madina, Madina, Madina!“, immer wieder ruft er die Fahrtrichtung aus dem Fenster. Dabei bewegt er seine Hand in einer bestimmten Art und Weise, damit potentielle Fahrgäste von der Straße einsteigen können. Es gibt feste Stationen an denen eingesammelt wird, aber keine festen Fahrpläne. Wie das mit den Handzeichen funktioniert habe ich noch nicht ganz kapiert – genauer gesagt: Ich erkenne keinen Unterschied zwischen den einzelnen Versionen und Bewegungen.

Gleich an meinem ersten Arbeitstag, habe ich das Trotro zur Arbeit genommen. Das Trotro ist ein Van oder Kleinbus in dem um die zwanzig Personen Platz haben. Hüfte an Hüfte gequetscht teile ich mir mit drei anderen Personen eine Sitzbank. Es ist die preiswerteste Art um in Ghana von A nach B zu kommen und das gängigste Fortbewegungsmittel in Accra neben Taxi und Uber. Vor allem für Leute, die hier kein eigenes Auto oder Motorrad besitzen ist es das beste Fortbewegungsmittel.

Ich setze mich ans Fenster. Für mich ist das der Premiumplatz, denn zum Einen bekomme ich hier am meisten mit von der Großstadt, die jetzt für 156 Tage mein Zuhause sein soll, zum Anderen kann ich das Fenster ein bisschen öffnen, um Luft abzubekommen – denn im Trotro ist es bei so vielen Personen auch schnell heiß.

Beim Blick aus dem Fenster ziehen an mir riesige Betonbauten vorbei, die noch nicht fertiggestellt sind und die es vielleicht auch nie sein werden, weil das Geld ausgegangen ist. Daneben stehen riesige Werbetafeln am Straßenrand, die so groß sind wie zwei Tischtennisplatten. An der Straße entlang sammeln sich Verkaufsstände: Handyhüllen, Besen, Korbsessel, Avocados – hier gibt es fast alles. Das Trotro hält an einer Ampel. Frauen mit Körben auf dem Kopf die mit Getränken oder Essen gefüllt sind, versuchen ihre Ware loszuwerden in dem sie zwischen den stehenden Autos entlanglaufen und jeden Fahrgast ansprechen. Ein Mann versucht Gürtel zu verkaufen, ein anderer verkauft Jeans. Ich kann mich nicht satt sehen, an dem was um mich rum passiert, denn ich möchte verstehen, wo ich jetzt eigentlich bin.

Tatsächlich bekomme ich die Autofensterverkäufer und -verkäuferinnen sehr häufig zu sehen – denn in Accra steht der Verkehr mehr als dass er fährt. Dadurch verschiebt sich die Zeitrechnung: Zu spät kommen kann hier niemand wirklich. Das ist die ghanaische Zeitrechnung. Oder einfacher ausgedrückt: Von meinem Zuhause zu meinem Arbeitsplatz sollte ich laut Google Maps neun Minuten mit dem Auto brauchen. In Wirklichkeit brauche ich zwischen 45 Minuten und einer Stunde.

„How do you like my country so far?“ lautet die Frage die mir seit meinem ersten Tag immer wieder von den unterschiedlichsten Personen gestellt wird. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich jetzt genauso wenig eine Antwort darauf wie vor vier Wochen. Für mich sind Kategorien wie „Das ist gut“ oder „Das ist schlecht“ teilweise noch zu abstrakt, um das was ich hier erlebe in diese einzuordnen. Teilweise fühle ich mich auch nicht danach, als hätte ich das Recht dieses Urteil zu fällen: Ich kenne dieses Land quasi noch gar nicht. „Kritisieren sie erst nach einem halben Jahr ihr Umfeld“, hat Michael Naumann, der Direktor der Barenboim-Said-Akademie uns Freiwilligen auf dem Vorbereitungsseminar geraten. Ich habe mir den Satz aufgeschrieben, weil er ein guter Ansatz ist. Es ist schön mal nicht alles gleich in Schubladen einzuordnen. Und deshalb antworte ich auf die Frage, wie mir Ghana gefällt meistens mit: Ich bin gleichzeitig geschockt und beeindruckt vom „traffic“!

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(Hier bitte auf das Bild draufklicken – ist nämlich ein Video (für alle Nicht-Millenial-Menschen))

Der Verkehr ist das erste, was ich von Accra mitbekomme (schließlich musste ich nach meiner Ankunft vom Flughafen mit dem Taxi zu meinem neuen Zuhause kommen). Verkehrsregeln? Gibt es nicht. So ist zumindest der erste Eindruck den ich habe. Rote Ampeln werden häufig absichtlich ignoriert und auf den meistens zweispurigen Straßen muss jeder Autofahrer mit einem plötzlichen Spurwechsel der anderen Verkehrsteilnehmer rechnen. Zudem wird ständig die Hupe benutzt: Entweder signalisieren Autofahrer damit anderen Autos, die aus einer Ausfahrt oder von einer anderen Straße (dabei ist egal ob Haupt- oder Seitenstraße) her kommen, „Vorsicht, hier fahre ich!“ oder Taxifahrer machen darauf aufmerksam, dass sie frei sind. Accras Sound ist ein Hupkonzert.

Ok, dieses Foto ist etwas geschummelt: Hier befindet sich das Trotro nicht in Accra sondern zwischen Accra und Dzita (dort war ich am vergangenen Wochenende!). Aber das Foto ist so schön, ich musste es euch zeigen.

4 Kommentare

  1. Hey Tamara,
    schön, Deinen einfühlsamen ersten Bericht aus Ghana zu lesen. Der Wechsel von unserer durchorganisierten Vollkasko-Welt in Mitteleuropa nach Afrika kann ja wohl kaum heftiger sein. Freue mich auf Deinen nächsten Eintrag und wünsche Dir weiterhin eine spannende, positiv aufregende Zeit.
    Pass auf gut Dich auf.

    Liebe Grüße,
    Berti

  2. Elsbeth u.Bernhard Lönker 18. Oktober 2017 um 13:48 Antworten

    Hallo Tamara
    Wir haben uns riesig über Deinen ersten Bericht gefreut -super-danke- Lieb von Dir , dass Du uns an Deinen Erlebnissen teilhaben läßt.
    Ein bisschen Wehmut und Fernweh haben wir schon dabei bekommen, es erinnert uns einiges an Suedafrika
    Alles Gute weiterhin.
    Liebe Grüße
    Elsbeth u Bernhard
    Freuen uns jetzt schon auf Deinen naechsten Bericht..

  3. Hallo liebe Tamara,
    vielen Dank für Deinen so lebendigen Bericht aus Ghana.
    Wünsche Dir eine ganz tolle Zeit dort.

    Ganz liebi Griessli vom Chleine Wiesental

    Uschi

  4. Hi Tami,
    hab gleich Deinen ersten Blog-Eintrag gelesen, nachdem ich wußte, dass er eingestellt ist. Gefällt mir. Wir wünschen Dir weiterhin eine gute Zeit und viele neue positive Erfahrungen.
    Deine Mama 😘😘😘

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