Halbzeit: Von eingeschneitem Landleben und Gedanken-Wirrwarr

Bună ziua!

In den letzten drei Wochen habe ich so viele neue Erkenntnisse, Erfahrungen und Eindrücke gewonnen, dass sie jeglichen Platz sprengen würden. Und über manche Dinge bin ich mir selber noch gar nicht so im Klaren, hab meinen Schluss aus diesem oder jenem Eindruck noch nicht gezogen. Ich werde aber hier mein bestes versuchen, euch in dieses Gedanken-Wirrwarr Einblicke zu gewähren.

Nach dem ersten Wochenende in Sibiu ging es am DIenstag zum Zwischenseminar nach Bărcut/Bekokten, ein Dorf mit 300 Einwohnern irgendwo im nirgendwo. Dort waren neben den Freiwilligen aus Rumänien auch die aus Bulgarien angereist. Erst waren wir alle nicht so begeistert, als wir den Ort erfuhren, aber am Ende waren wir uns alle einig, dass dort wieder ein Seminar stattfinden soll. Schon die Fahrt vom Bahnhof zum Seminarhaus war ein Abenteuer. Unser Fahrer steuerte den Kleinbus durch kurvige und unbefestigte Straßen, nahm kuriose Abkürzungen aber brachte uns sicher ans Ziel. Auch in Bekokten haben früher Siebenbürger Sachsen gelebt und deshalb steht dort wie in vielen Orten in Siebenbürgen eine Kirchenburg. Die muss man sich so vorstellen, wie der Name es sagt: Eine Kirche und drum herum eine Mauer als Befestigungsanlage. Direkt neben der Kirchenburg waren wir untergebracht, es war das alte Schulgebäude. Geschlafen wurde in drei großen Schlafräumen, die allerdings, wie das ganze Gebäude, nur mit Holzöfen beheizt wurden. Und da wir in Bekokten auch den ersten richtigen Schneefall und eisige Temperaturen hier erlebt haben, froren wir besonders am Anfang leider sehr häufig, da die Räume mit den Öfen nicht richtig warm wurden und uns das Feuer auch häufiger mal ausging. Dafür wurden wir reichlich mit Essen versorgt, viermal am Tag wurde für uns typisch Rumänisch und sehr lecker gekocht oder gebacken. Besonders das gute Brot hat uns alle sehr erfreut! Am 1. Dezember, was auch der rumänische Nationalfeiertag ist, haben wir eine Wanderung von dem einen Dorf zum nächsten gemacht. Den Weg durch den Wald und die Felder konnte man nicht wirklich erkennen, wir haben uns nur an den Punkten orientiert, die von Zeit zu Zeit zu sehen waren. Als wir dann wieder in Bekokten angekommen waren, konnten wir am Straßenrand noch dabei zu sehen, wie die Bewohner ein Schwein schlachten, oder zumindest den Anfang des Prozesses. Die Straße des Dorfes hatte auch etwas äußerst interessantes: Die Straße war nicht asphaltiert, weswegen es keine Straßenmarkierungen gab, aber trotzdem mehrere Zebrastreifen-Schilder gab. Immer wieder sind auch Pferde einfach frei im Dorf umher gelaufen, und bei der Rückfahrt versperrten uns erst eine Herde Schafe und dann ein paar Rinder den Weg.

Die Dorfstraße vor und nach dem Schneefall (danke an Leon für die zwei Bilder)

Auf der Wanderung von Kirchenburg zu Kirchenburg

Die Kirchenburg von Bekokten

 Die fünf Tage dort waren eine sehr intensive Zeit, es wurde emotional und wir haben uns, unsere Rolle als Freiwillige und unsere Arbeit reflektiert. Wir haben viel gelernt, und auch einen Tag zu Rassismus gegenüber Roma und Sinti gehabt. Der Austausch mit den anderen Freiwilligen war und ist unglaublich hilfreich, weil wir alle ja irgendwie ähnliche Situationen erleben und ich bin sehr froh und glücklich zu sagen, dass ich unter den Freiwilligen hier jetzt schon einige sehr gute Freunde gefunden habe! Hier in Rumänien ist mir mehr und mehr bewusst geworden, wie unglaublich schön es ist, Freunde zu haben, die einen so akzeptieren und wertschätzen wie man ist. Mir ist während der 10 Tage in Sibiu und auf dem Seminar auch bewusst geworden, dass ich zwar wirklich gerne unter Menschen bin, aber gerade wenn so viele neue Eindrücke, Erkenntnisse und Gedanken in meinem Kopf herum schwirren, ich auch Zeit für mich alleine brauche, um das zu verarbeiten und mir meine Meinung dazu zu bilden. Ich habe angefangen Freiwilligendienste unter bestimmten Aspekten kritisch zu sehen (hier ist eine Doku dazu) und mir Gedanken darüber zu machen, wie privilegiert viele von uns eigentlich sind, weil wir nach dem Abi alle Möglichkeiten haben das zu tun, was wir wollen. Noch viele weitere Gedanken wurden angestoßen, was ich von meinem Leben will, wer ich bin und wer ich sein möchte. In meinem Kopf herrscht ein reines Wirrwarr und erst jetzt, fast zwei Wochen nach dem Seminar, fängt es langsam an sich zu ordnen.

Dabei möchte ich mich besonders bei unseren beiden Trainern bedanken, die ein wirklich tolles Seminar organisiert haben. Für mich persönlich hat es unglaublich viel nochmal angeregt und angestoßen und ich denke, dass ich genau das jetzt auch gebraucht habe. Denn die Hälfte meines FSJ ist schon um. Und ich merke, wie ich in der Zeit gewachsen bin und schon so vieles erlebt habe.

Wir Freiwilligen, und damit meine ich nicht nur uns in Rumänien oder Bulgarien, können unglaublich stolz auf uns sein, dass wir die Herausforderungen, die uns auf unserem Weg immer wieder begegnen, gemeistert haben und dass wir uns mittlerweile in einem fremden Land mit fremder Kultur und Sprache doch schon so gut zurecht finden!

Für mich geht es jetzt in ein paar Tagen für eine Woche über Weihnachten nach Hause, Silvestern wird in Bukarest gefeiert und Anfang Januar steht dann noch eine Bulgarientrip an!

Also wünsche ich allen schon mal Frohe Weihnachten und ein schönes neues Jahr – oder auf Rumänisch „Crăciun fericit şi un an nou fericit!“

Ilka

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