On the road

Wie schnell die letzten Wochen vergangen sind ist wirklich der Wahnsinn. Dass ich über Weihnachten nach Hause gefahren bin, fühlt sich an, wie vor zwei Wochen, dabei ist es schon über sechs Wochen her.

Am 21. Dezember machte ich mich auf den Weg nach Lviv, um von dort aus in Richtung Heimat zu fahren. Nachdem ich am Busbahnhof endlich meinen Bus gefunden hatte (von der Firma fuhren zeitgleich fünf verschiedene ein!), machte ich mich drinnen auf die Suche nach Platz 47. Schnell durfte ich allerdings feststellen, dass es diesen Platz nicht gab! Der letzte Platz im Bus trug die Nummer 42. Dann habe ich mich eben kurzerhand entschlossen, dass Platz 40 mein Zuhause für einen knappen Tag werden sollte.

Zuerst freute ich mich richtig, denn jeder Platz war belegt, außer der vor und neben mir. Ich freute mich schon, dass ich mich so richtig ausstrecken und breit machen konnte. Leider kamen dann plötzlich noch mal gefühlt zehn Leute in den Bus und auch der Platz neben mir wurde eingenommen. Der „sympathische“ Kerl, der sich dort platzierte, beschloss gleich, dass auch der Gang und die Hälfte meines Platzes noch zu ihm gehört. Seine Erscheinung war ebenfalls ziemlich witzig – wie man sich eben einen stereotypischen Ukrainer vorstellt: Jogginganzug mit passender Hose, Jacke, Regenjacke, Turnschuhen und Käppi (ich wusste nicht mal, dass es solche Sets gibt!), zudem ein komplett rundes Gesicht und eine silberne Kette… Ich muss zugeben, dass mir der Gute anfangs nicht sonderlich wohlgesonnen war. Kurz vor der Grenze erklärte er mir noch „ganz freundlich“ mit einem Wort, dass ich doch jetzt auch endlich meinen Reisepass rausholen solle. Hab ich halt nicht verstanden, wie eben 99% aller Durchsagen im ukrainischen Bus. Freundlich wie ich aber jederzeit sein möchte, habe ich ihm dann den Wunsch erfüllt und meinen Pass rausgeholt und mich bedankt. Beim Anblick dessen, erntete ich ungläubige Blicke – meiner war dunkelrot, die ukrainischen sind dunkeblau. Jaaa, ich bin keine Ukrainerin. Entschuldigend guckte ich ihn an und vielleicht war das der Beginn unserer kleinen Freundschaft. Die Grenzkontrollen passierten wir nach unendlicher Wartezeit. (Es war eben kurz vor Weihnachten und ziemlich viel los. Letztendlich brauchten wir um die acht Stunden, bis wir endlich in Polen waren.)

Immer wieder kamen Durchsagen, in denen ich die Worte „Dräsden, Inholstadt, Münhen und Auhsburh“ verstehen konnte. Da ich nach Augsburg wollte, versuchte ich meine Ohren zu spitzen und beim nächsten Mal genauer zuzuhören, um zu wissen, was ich tun musste, um an meinem Wunschziel anzukommen. Es war leider nicht möglich… Also fragte ich meinen Nachbarn, ob er Englisch spricht. Nein, war seine kurze und unmissverständliche Antwort. Neuer Versuch mit dem Google Übersetzer – kein Internet. „No Internet“, sagte mein Nachbar, indem er auf mein Handy zeigte und lachte mich an. Versuch Nummer drei war schließlich mehr erfolgreich. Ich fragte einfach auf Englisch, ob er wisse, was die Menschen machen müssen, die nach Ingolstadt, München oder Augsburg wollen. Er erklärte mir, dass er selbst nach München will und in Dresden die Busse getauscht werden. Aber wir können dann gern zusammen den anderen Bus suchen. Ich bedankte mich und freute mich innerlich sehr, dass er doch so ein freundlicher Mensch war. Allerdings weiß ich nicht mehr, in welcher Sprache wir uns eigentlich unterhalten haben. Englisch? Ukrainisch? Egal, wir haben uns ja problemlos verstanden!

Morgens um sechs wurde ich geschockt wach! Das war die Zeit, zu der wir eigentlich in Dresden sein sollten. Waren wir aber noch lange nicht… Gerade erst hatten wir die polnisch-deutsche Grenze überquert. Kooomisch, dachte ich mir, das passt ja überhaupt nicht in den Fahrplan. Aber laut Fahrplan hätte ich auch nicht in dem Bus nach Rostock sitzen dürfen und es wären wesentlich mehr Stopps in Deutschland eingeplant gewesen, als nur die vier bereits genannten. Aber wie immer verließ ich mich darauf, dass schon alles gut werden würde und ich irgendwann auch daheim ankommen würde.

Rund zwei Stunden später kamen wir dann endlich in Dresden an. Doch statt wie alle anderen Busse am offiziellen Busbahnhof zu halten, fuhren wir durch ein Wohngebiet am Stadtrand, auf einen verlassenen Firmenparkplatz, wo lediglich ein paar abgemeldete Autos rumstanden. Etwas komisch war auch das, vor allem als es dann hieß, dass hier alle Richtung Süden aussteigen sollen. Auch mein Nachbar wies mich drauf hin, dass wir jetzt da wären und ich mich nicht verhört habe. Aus dem warmen kuscheligen Bus, in dem ich auch unfreiwillig als Kopfkissen für meinen Nachbarn herhalten musste, raus an die frische (eher eisig kalte) Luft. Hier wurden Unmengen an Gepäck von unzähligen Fahrgästen ausgepackt und auf den Parkplatz gestellt.

Der alte Bus bekam das Okay zur Weiterfahrt und verließ uns wieder. Rund fünfzehn Minuten später wurde aus einer großen Garage ein anderer Bus der gleichen Firma geholt, jedoch war dieser wesentlich älter, zerstörter und was das schlimmste war: richtig, richtig kalt. Mit Winterjacke, dickem Schal und hundert Pullis versuchte ich also, es mir gemütlich zu machen. Während ich mich auf zwei Sitzen gemütlich ausgebreitet habe, suchte mein ehemaliger Nachbar noch nach einem Plätzchen. Erneut setzte er sich neben mich. Als er mich dann mit meinem Handy rumspielen sah, guckte er mich plötzlich schockiert an, riss die Augen auf und schlug die Hand auf den Mund. „Mein Handy!“, sagte er auf Ukrainisch, „scheiße, das ist im anderen Bus!!“ Panisch durchsuchte er alle Taschen – am Handgepäck, der Jacke, der Hose… Nichts!

Bis wir losfuhren dauerte es noch eine ganze Weile, denn das Gepäck musste noch verstaut werden. Zum Glück bin ich nur mit Handgepäck unterwegs gewesen und hatte solche Probleme nicht. Als die Fahrt dann irgendwann endlich losging, verfolgte ich zuerst ein bisschen in Google Maps, wo wir eigentlich genau hinfahren. Doch statt den Bus Richtung Süden zu steuern, näherten wir uns Leipzig immer mehr. Kurz vor Leipzig hielten wir auf einem Parkplatz auf der Autobahn, wo mein ukrainischer Freund höchst vergnügt aus dem Bus gehüpft und zum anderen Bus gerannt ist. Damit als das Handy wieder zum Besitzer zurückkommt, hat der andere Bus auf uns gewartet und wir machten einen Umweg von grob ein, zwei Stunden. Über Dörfer und Landstraßen ging es auf dem kürzesten, aber bestimmt nicht schnellsten Weg zurück auf die „richtige“ Autobahn.

Wer mich kennt, weiß, dass ich Busfahren liebe. Aber nicht nur wegen kostenloser Zeit im Bus war diese Aktion wirklich super cool! Wahrscheinlich wären die meisten Leute total genervt gewesen, hätten sich über die zwei Stunden Verspätung aufgeregt oder sich sogar beschwert. Ich persönlich finde einfach, dass das eine unglaubliche Geste der Menschlichkeit war. Kaum einer der Ukrainer im Bus sprachen Deutsch – und ohne Handy in einem fremden Land wäre man aufgeschmissen. Zumal ja auch alle Nummern auf dem Handy gespeichert sind. Wieder einmal glaube ich, dass so etwas kein deutsches Busunternehmen gemacht hätte und nehme dieses Erlebnis als tolle Erfahrung mit, dass es ja auch anders geht. Nicht nur die Zeit spielt ja hierbei eine Rolle, so ein Bus braucht ja auch ein bisschen Sprit. Wirklich eine coole Aktion, die noch einmal die Hilfsbereitschaft gut wiederspiegelt! (Und bevor man sich aufregt, ist ein Perspektivenwechsel immer hilfreich ;))


Über die Zeit in Deutschland möchte ich nicht viele Worte verlieren, denn der Blog heißt schließlich Abenteuer Ukraine. Alles in allem war es schön und sehr schmackhaft, wie das eben an Weihnachten so ist.


Kaum war ich im Bus auf dem Weg in die Ukraine, passierte mir schon wieder etwas Unerwartetes. Nachdem wir auf der Autobahn Richtung München unterwegs waren, kam erneut der Busfahrer zu mir und fragte nach meinem Ticket. Ich versicherte ihm, dass er das bereits beim Einsteigen bekommen hat. Ewig suchte er alle seine Unterlagen durch, bis er irgendwann wieder zu mir kam und erneut nach dem Ticket fragte. Glücklicherweise hatte ich noch ein PDF auf dem Handy, das ich ihm zeigen konnte. Da er kaum Deutsch sprach und mein Ukrainisch hierfür nicht ausreichte, tippte er einfach die nächste Person an und meinte „Übersetz mal was ich dir sage“. Die Befragte antwortete brav in akzentfreiem und perfektem Deutsch, dass ich hier nur die Ticketbestätigung und kein Ticket habe. Das Ticket hätte ich auf meiner Reise nach Deutschland bekommen sollen. Dem stimmte ich zu, ein Ticket bekam ich beim letzten Einsteigen in den Bus. Dass dieses allerdings auch für die Rückfahrt war, hat mir niemand erzählt. Demnach hatte ich es auch nicht dabei. Ich wusste jedoch genau, dass ich es zwei Tage vorher in den Papiermüll geworfen habe. Ich fragte, ob ein Foto reicht. Nein, selbstverständlich brauche ich das Ticket hier bei mir und muss es die ganze Fahrt über dabei haben. Tja, da konnte ich wohl jetzt auch nichts ändern.

Der Busfahrer telefonierte mit der Gesellschaft und eine Frau am Telefon erklärte mir freundlich aber direkt, dass ich jetzt entweder aussteigen könne oder zehn Euro für die Ausstellung eines neuen Tickets zahlen müsse. Eine Fahrt ohne gültiges Ticket ist ja nicht zulässig. Bereitwillig streckte ich dem Busfahrer also zehn Euro entgegen und er füllte mir ein neues Ticket aus.

Die Übersetzerin von zuvor erklärte mir, dass sie auch nie verstehe, wie das alles hier genau ablaufe, aber dass es immer gut ist, wenn man sein Ticket der letzten Fahrt noch einmal mitnimmt. Das weiß ich jetzt auch fürs nächste Mal 🙂

Auf der weiteren Fahrt übersetzte sie mir ein, zwei wichtige Durchsagen, die ich nicht verpassen sollte. Später bei einer Pause fragte sie mich, was ich eigentlich in der Ukraine mache. Also habe ich ihr alles erzählt, was sie ziemlich cool fand. Ich fand heraus, dass sie und ihr Bruder in Deutschland studieren und dort seit einigen Jahren leben. Getrennt von den Eltern, die ihnen die bestmögliche Bildung ermöglichen wollen.

Durch jedes freundliche Wort wird unsere Welt ein bisschen menschlicher. Ernst Ferstl

 

2 Gedanken zu “On the road

  1. Hallo Marie, eine schöne Geschichte. Ich fahre regelmäßig mit dem Bus von Deutschland in die Ukraine und bin immer wieder beeindruckt über die Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft der Ukrainer.
    Mich würde interessieren was du in der Ukraine machst.?
    Norman

    • Lieber Norman, danke! Ich bin hier mittlerweile am Ende meines Auslandsaufenthalts angekommen. In einer Schule habe ich ein FSJ gemacht und Schüler*innen und Lehrkräfte beim Deutschunterricht, der Fächerschwerpunkt an dieser Schule ist, unterstützt. Marie

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