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Halbzeit – Auf zum Zwischenseminar!

​Kaum zu glauben, dass die Hälfte meiner Zeit in Kenia schon vorbei ist! Zum einen bedeutet das für mich, dass mir ein zuvor unbekanntes Land fast drei Monate lang jeden Tag etwas vertrauter geworden ist. Ich kenne meine Schülerinnen, weiß, wo ich in der Stadt die besten Chapatis essen kann und dass ich mir keine Sorgen machen muss, wenn es am Straßenrand mal ein kleines Feuer gibt. Zum anderen bedeutet das aber auch, dass nun das Zwischenseminar ansteht. Eine Möglichkeit, dem Alltag für ein paar Tage zu entfliehen und aus etwas Distanz einen Blick auf die bisherige Zeit zu werfen. Noch dazu kommt natürlich der Austausch mit den anderen Freiwilligen, die teils ähnliche Erfahrungen machen und gemacht haben. 

Und so war ich voller Vorfreude, als ich am Mittwochnachmittag mit Theresa, Isabelle und Sebastian im Taxi nach Karen saß, dem Stadtteil Nairobis, in dem das Seminar stattfinden sollte. Vor Ort wurden wir von unseren Trainerinnen Jana-Lou und Vicky sehr herzlich empfangen. Am Abend stieß auch noch Peter aus dem kulturweit-Büro hinzu, der das Seminar mit uns verbringen wollte. Sowohl vom Seminargelände und den Räumlichkeiten (perfekte Duschen! :D) als auch vom Essen war ich wirklich positiv überrascht. Dass das Frühstück nicht so der Renner war, war überhaupt nicht tragisch, da es zum Chai kurz darauf meist leckere Maandazi, Süßkartoffeln und einmal sogar Pancakes gab. Aber genug vom Essen! 

Nach und nach trudelten also alle Freiwilligen ein, die mit dem Flugzeug, per Bus oder einfach nur mit dem Taxi angereist waren. Nach der obligatorischen Namensrunde starteten wir mit unseren Erwartungen an das Seminar. Neben einer weiteren Vertiefung der Themen vom Vorbereitungsseminar (Rassismus, Kolonialismus, Feminismus) und einer Einsatzstellenreflexion wurde vor allem der generelle Austausch oft genannt. So besprachen wir kurz den vielversprechenden Wochenplan und ließen den Abend dann, nach einer kleinen Einheit zum Thema „Wohlfühlort“, in gemütlicher Runde ausklingen. 

Über dem nächsten Tag stand die Überschrift „Entwicklungshilfe“. Dazu waren zwei externe Referenten eingeladen, eine Leiterin eines Waisenhauses in Kakamega und ein Kenianer mit einem sehr interessanten Ansatz zum Thema „Entwicklungshilfe“. Wir beschäftigten uns mit Fragen wie: Was verstehen wir unter Entwicklungshilfe? Müssen wir wirklich jemanden „entwickeln“? Ist „aid“ wirklich das richtige Wort, oder alles nur Eigennutz? Was kann nachhaltig getan werden? Müssen wir überhaupt was tun? Fragen über Fragen, die zum Nachdenken anregen. Und genau das sollen sie auch. Ich erinnere mich an das Vorbereitungsseminar. Die Wichtigkeit des Bewusstseins. Sich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, dass man Privilegien hat und zu überlegen, was man mit ihnen macht. „Don’t come to talk, come to listen.“ war für mich ein zentrales Zitat des Seminars, das mich auch in Hinblick auf die zweite Hälfte meines Freiwilligendienstes noch einmal nachdenklich gestimmt hat. Wo habe ich den Menschen wirklich ein offenes Ohr geschenkt, habe ihnen zugehört, sie erzählen lassen? Wo war ich vielleicht zu laut? Auch in Bezug auf die „Entwicklungshilfe“ könnte es vielleicht hilfreich sein, erst einmal zuzuhören bzw. sich zu informieren, was wirklich sinnvoll ist. Der Ansatz des zweiten Referenten ist es u.a., die Firmen vor Ort zu stärken und sie so wettbewerbsfähiger zu machen. Wenn ich hier sehe, was mit einem Teil der Kleidung passiert, die wir in Deutschland in den Altkleiderkontainer werfen, bin ich echt ratlos. Kleidung von H&M und Co ist hier auf zahlreichen Kleidermärkten zu finden und sind so billig, dass sie den lokalen Produzenten das Leben schwer machen.

Und dann ist da noch eine weitere Frage, die ich seit des Seminars mit mir rumtrage. Ist mir Kenia nun (ein wenig) bekannt? Oder bin ich immer noch eine Fremde im Land? Inwiefern kann ich die Menschen überhaupt verstehen? Ist unsere Herkunft nicht zu verschieden für einen Austausch ganz ohne Barrieren? Am Samstagmittag sahen wir den Film einer Freiwilligen, die während ihrem Freiwilligendienst in Südafrika Aufnahmen von den Studentenprotesten im Land gemacht hat und immer wieder auf starke Ablehnung gestoßen ist (http://m.spiegel.de/sptv/spiegeltv/a-1118597.html). „Deine weiße Hautfarbe beschützt dich. Aber wir als Schwarze, wir leiden hier. Wir haben nichts. Du kommst her und filmst uns als wären wir Tiere. Ich bin wütend, sogar jetzt gerade. Aber wenn das der einzige Weg ist, meine Botschaft mitzuteilen, erniedrige ich mich dafür. Dann bin ich dein Affe, du hörst meinen Schmerzen zu, dann sprichst du darüber oder was auch immer. Aber ich denke nicht, dass das irgendwas ändern wird. Bis unsere Leute sich zusammentun und wir bekommen, was uns zusteht.“ Ein Zitat aus dem Film.  Vielleicht müssen wir einfach akzeptieren, dass es Räume gibt, in die wir als privilegierte Weiße nicht reinkommen, die für uns verschlossen bleiben.

Am Freitag stand dann auch schon der Ausflugstag an. Vormittags besuchten wir gemeinsam das National Museum, wo es außer einer Sammlung von ausgestopften Tieren u.a. eine interessante Ausstellung zur Geschichte Kenias gab. Es gab so viel zu sehen, dass man dort eigentlich noch viel länger hätte bleiben können. Zum Mittagessen gingen wir in ein äthiopisches Restaurant, wo uns Sarah und Timo (Freiwillige in Äthiopien) natürlich die besten Tipps geben konnten. Für mich war es das erste äthiopische Essen und es hat mir wirklich gut geschmeckt. Vor allem war es – im Vergleich zum meist recht faden kenianischen Essen – sehr lecker gewürzt. 

Anschließend blieb uns die Wahl, ob wir eine Art Gallery oder das Giraffencenter besuchen möchten. Ich entschied mich für Letzteres und es war wirklich schön. Das Giraffencenter wurde 1983 von einem amerikanischen Ehepaar zum Schutz der Rothschild-Giraffe gegründet und soll außerdem die kenianische Jugend für den Naturschutz begeistern. Auf einer hohen Terrasse konnten wir die Giraffen streicheln und füttern. Besonders amüsant waren ihre blauen und glitschigen Zungen. Außerdem erfuhren wir in einem kleinen Vortrag, wie man weibliche von männlichen Giraffen unterscheidet (anhand der Hörner) und dass sie trotz ihrer Größe (bis zu 5,80m) wie wir Menschen nur sieben Halswirbel haben. 

Anschließend spazierten wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite noch ein wenig durch einen Wald, wo plötzlich der größte Käfer, den ich je gesehen hab, beschloss, sich auf meiner Hose niederzulassen. Nach einem ersten Schreckmoment war ich echt beeindruckt von seinem glänzenden Chitin-Panzer. Anschließend ging es mit dem Bus wieder zurück zum Seminargelände, wo am Abend noch zwei verschiedene Filme angeboten wurden. Ich entschied mich für „XXY“, einen argentinischen Film, der sich mit dem Thema Intersexualität beschäftigt. 
Am Samstag war dann schließlich Zeit zur Einsatzstellenreflexion. In zwei Kleingruppen stellte jeder seine Einsatzstelle vor und es wurde auch über Probleme gesprochen und gemeinsam nach einer Lösung für diese gesucht. Den Nachmittag widmeten wir der Planung unseres Freiwilligenprojektes, ein kleines Projekt, das von jedem/jeder kulturweit-Freiwilligen während des Auslandsaufenthaltes durchgeführt werden kann bzw. sollte. Aber hierzu bald mehr.

Am Abend stand schließlich das mittlerweile wohl fast schon traditionelle Zwischenseminars-Wichteln an. In schöner Kerzenatmosphäre stellten alle ein kleines Mitbringsel aus ihrem Einsatzland auf den runden Tisch in der Mitte. Nun wurde durch Würfeln in zwei Runden ausgeknobelt, wer welches Geschenk bekommen sollte. Das war wirklich lustig! Am Ende hielt ich super leckere Kessala Chips (aus Maniok) und Ginger Bonbons aus Kamerun in den Händen! 🙂 Wir saßen noch lange zusammen und ließen den Abend gemeinsam (und auch mit ein paar Weihnachtsliedern) ausklingen. 

Am Sonntag war auch schon der letzte Tag des Seminars. Nach einem „Open Space“, der für Kurzfilme, Volleyball und Yoga genutzt wurde, kamen wir ein letztes Mal zur Reflexion zusammen. Im Anschluss verwandelte Vicky uns in einen kleinen A cappella Chor, indem wir nach kurzer Übung vielstimmig „Don’t worry, be happy “ performten. Gar nicht mal so schlecht. Zum Abschied ließen wir Wunschblumen aufblühen (eine schöne Methode s. Foto). 

Nach einem letzten Mittagessen trennten sich dann unsere Wege. Es war ein sehr gelungenes Seminar, dass mir noch einmal viel neuen Input gegeben hat. Außerdem war der Austausch mit den anderen Freiwilligen wirklich interessant und bereichernd. Man sieht sich dann auf dem Abschluss Seminar im Februar! Danke an alle, besonders aber auch an Jana-Lou, Vicky und Peter, für die schöne Zeit! 🙂

1 Kommentar

  1. Norah Emies Kinya 13. Dezember 2016 um 12:34

    Danke sehr auch für die interessante Blogeintrag..Für mich bist du keine Fremde im Land und ich glaube,dass du die Menschen gut verstehen kann.

    Liebe Grüße aus Meru,
    Norah.E.K.M

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