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Ein (Rück-)Blick auf meine letzten drei Wochen

Inzwischen bin ich schon gut zwei Monate in Kenia und weiß gar nicht, wo die Zeit geblieben ist. Zeit, das ist ein guter Stichpunkt. In den ersten sieben Wochen bin ich quasi von einer spannenden Erfahrung direkt zur nächsten „geschliddert“, und als ich mich gerade eine Neuerung gewohnt hatte, stand auch schon die nächste vor der Tür. Wirklich Zeit zum Nachdenken blieb kaum.

Das sollte sich dann Anfang November ändern. Ich war zurück von meinem Besuch in Kisumu, wieder im Alltag, jedoch war dieser nicht mehr so alltäglich. Die Schule war leerer, da die Schülerinnen der Form 1 bis 3 bereits in die wohlverdienten Ferien gefahren sind. Nur noch die Form 4’s lernten fleißig für ihre KCSE (Kenyan Central Secondary Exam) Prüfungen. In dieser Zeit findet kein regulärer Unterricht mehr statt, die Lehrer müssen jedoch trotzdem an der Schule sein, um Fragen zu klären, was sich für mich als recht langweilig herausstellte, da es „nur“ 16 Deutschschülerinnen in Form 4 gibt und jede von ihnen – neben Deutsch – auch noch etwa 20 andere Prüfungen vorzubereiten hatte. Und so hieß es also für die Mädels „büffeln, büffeln, büffeln“ – tagein, tagaus – wobei sie jedoch nie den „ermutigenden“ Countdown aus den Augen verloren. Ich konnte wirklich jede Schülerin fragen, wie viele Tage es noch sind, bis sie die Schule verlassen werden. In Sekundenschnelle hatte ich eine Antwort.

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Für mich ist das kein Wunder. Ich finde den Alltag an der Schule sehr hart. Die Schülerinnen stehen morgens schon um 4 Uhr auf und haben um 5 Uhr im Klassenzimmer zu sein. Unpünktlichkeit wird direkt bestraft. Anschließend haben sie Pflichten (wie zum Beispiel das Putzen des Schulgeländes) gefolgt von einer Menge Unterricht. Unterbrochen von kleinen Pausen zieht sich dieser bis zum Abendessen. Danach gibt es dann schließlich noch die „Preps“ bis 22 Uhr, wo sich die Schülerinnen erneut im Klassenraum aufhalten und sich auf den nächsten Tag vorbereiten. Um 22:30 Uhr geht es dann endlich in die Schlafräume. Viel Zeit für Freizeit und Sport bleibt also nicht. Sport ist zudem kein wirkliches Unterrichtsfach wie in Deutschland, sondern freiwillig und unbenotet, sodass den meisten Schülerinnen die Motivation fehlt, daran teilzunehmen. Dass man bei so einem Hammer-Tag und ohne wirklichen Ausgleich quasi dauerhaft müde ist, kann ich sehr gut verstehen. Ich persönlich halte dieses System daher für nicht sehr produktiv. Man mag dadurch zwar eine Menge Disziplin und Durchhaltevermögen lernen, allerdings kommt mir die Selbstverantwortung eindeutig zu kurz. Darüber hinaus dürfen die Schülerinnen das Schulgelände das ganze Trimester lang nicht verlassen und auch keine Handys besitzen. Ich stelle mir das sehr schwierig vor, so lange ohne Kontakt zu Familie, Freunden und der „Außenwelt“ zu leben. Einige Schülerinnen haben mir auch erzählt, dass sie Heimweh haben. So, das war ein kleiner Exkurs zum recht strengen Schulalltag. Dennoch ist es mir wichtig, auch darüber zu berichten, um ein möglichst vollständiges Bild von meinen Erlebnissen in Kenia zu vermitteln (ihr erinnert euch vielleicht an meinen Eintrag vom Vorbereitungsseminar bzgl. „The danger of a single story“).

Lange Rede, kurzer Sinn. Die letzten zwei Wochen meiner Arbeit in der Schule waren nicht gerade interessant, um nicht zu sagen langweilig. Und so gestaltete ich Tag für Tag neu. Ich versuchte, mich zu irgendwie zu beschäftigen, las viel und ging in die Stadt. Aber diese „Ruhe“ war nicht unbedingt negativ. Ich habe viel reflektiert und hinterfragt; mich mit Themen beschäftigt, die normalerweise im Alltag untergehen. Die Kolonialzeit und Spuren, die sie im Land hinterlassen hat: Die Eisenbahn, die Amtssprache, Baked Beans, aber auch zahlreiche Denkstrukturen. Anne Frank`s Tagebuch. Eine Schülerin hat es mir ausgeliehen. Hier hatte ich endlich die Zeit und die Mӧglichkeit, es zu lesen. Straßenkinder in Kenia. Allein rund 60.000 in Nairobi. Ich sehe sie fast jeden Tag, manchmal bitten sie mich um Essen oder Geld, mal sehe ich sie lediglich am Straßenrand sitzen. Das Buch “Move on up” von Philip Oprong Spenner, dass ich aus dem Parish in Sega ausgeliehen habe, hat mich dazu bewegt, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

Philip wird in jungem Alter von seiner Tante in Nairobi ausgesetzt. Seine Eltern hat er gar nicht richtig gekannt und seine Tante hat nicht die Mittel, ihn weiter “durchzufüttern”. Von nun an muss er sich auf der Straße durchschlagen. Schnell wird er mit den dort herrschenden Problemen konfrontiert: mit Drogen und ihrer Macht der Zerstörung, mit gewalttätigen Straßengangs, mit Diebstahl, Hunger, Straßenhunden, Kälte und Angst. Er wächst mit dem Gefühl auf, nirgendwo willkommen zu sein, niemand schenkt ihm Zuneigung. Die Regierung möchte die Straßenkinder unsichtbar machen und die Polizisten scheuen sich nicht, dieses “Ziel” mit Gewalt durchzusetzen. Auch später, als Philip einen Platz im Kinderheim bekommt, bleibt immer das Gefühl, nicht über sein Leben mitbestimmen zu können. Er erfährt Willkür, Korruption und Demütigung, nicht zuletzt aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer anderen Volksgruppe. Immer wieder muss er Niederschläge verkraften. Doch er hat Glück. Verschiedene Leute aus dem In- und Ausland unterstützen ihn, sodass er eine Schule besuchen und sich allmählich ein wenig Anerkennung erarbeiten kann. Schließlich trifft er seinen Paten aus Deutschland auch persönlich und fliegt nach Hamburg, wo er heute an einer “Problemschule” unterrichtet. Doch nicht alle Straßenkinder bekommen so eine Chance. Philip erzählt in seinem Buch auch von anderen Schicksalen, von seinem Freund Paul, der den Drogen zum Opfer gefallen ist und von einem Mädchen aus dem Kinderheim, das schließlich Selbstmord beging.

In der Schule habe ich überwiegend mit Schülerinnen aus guten sozialen Verhältnissen zu tun. Umso wichtiger ist es für mich, auch darzustellen, dass es längst nicht allen Menschen so gut geht und dass es auch hier in Kenia eine große soziale Schere gibt.

Kurz bevor ich Meru verlassen sollte, kam noch Johanna, eine ehemalige Freiwillige, zu Besuch. Die Zeit mit ihr war wunderschön. Gemeinsam mit Emmah gingen wir in die Stadt zur Schneiderin und machten (auch mit Emmah’s Kindern) einen Ausflug nach Nanyuki zum Äquator, wo wir einen ehemaligen Deutschlehrer von Kaaga Girls trafen. Dieser zeigte uns die (Tages-)Schule, wo er nun unterrichtet. Es war spannend, den Unterschied zum Internat in Kaaga zu sehen. Später aßen wir noch gemeinsam zu Mittag (sehr lecker!) und fuhren dann wieder zurück nach Meru.

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Am Abend des 17. Novembers hieß es für mich dann Abschied nehmen von der Form 4. Das war wirklich sehr traurig, weil ich viel Zeit mit ihnen verbracht und sie sehr lieb gewonnen habe. Zum Abschied hat mir eine Schülerin sogar eine selbstgemachte Karikatur geschenkt und die Deutsch-Schülerinnen haben auf meiner Keniafahne unterschrieben. Good bye, Kaaga Girls!

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Am 18. November fanden schließlich die Deutsch-KCSE-Prüfungen statt. Für mich bedeutete das: Auf geht’s nach Nairobi! Hier bin ich nun und arbeite im Goethe-Institut und plane die Nachmittagsbetreuung von einem Ferienkurs, der vom Institut angeboten wird. Ich wohne etwa 20 Minuten bis eine Stunde Busfahrt (ja, es kommt hier seeeehr auf den Verkehr an) vom Goethe Institut entfernt in einer schönen WG im Stadtteil Kilimani. Das gemütliche Wohnzimmer und die geräumige Küche teile ich mir zurzeit mit einer Philippinerin, zwei Amerikanern und einem Franzosen, die alle echt freundlich sind. Genauere Berichte aus Nairobi werden folgen. Jetzt freue ich mich erstmal auf ein schönes Wochenende hier in Nairobi mit Johanna (sie fliegt erst am Sonntag wieder nach Deutschland) und danach auf einen kleinen Ausflug zum Lake Naivasha, der in der Nähe der Hauptstadt liegt. Und am 30. November beginnt dann auch schon das Zwischenseminar! Wie schnell die Zeit vergeht! Jedenfalls freue ich mich riesig, dann ein paar meiner Mitfreiwillligen wiederzusehen und mich mit ihnen auszutauschen.

Bis dahin alles Gute und liebe Grüße (nun aus Nairobi),
eure Lara 🙂

2 Kommentare

  1. Hallo Lara,
    jetzt will ich doch auch einmal einen Kommentar hinterlassen. Ich finde deine Berichterstattung immer sehr interessant und auch sehr gut formuliert und kann mich dem Kommentar von Andrea nur anschließen.
    Es ist gut, dass du auch über Probleme und Schwierigkeiten berichtest und deinen Lesern einen kleinen Einblick vom Leben in Afrika gibst.
    Ich hoffe wir bekommen noch eine Menge mehr von deinen Berichten.
    LG aus Berlin

  2. Liebe Lara,
    dein Bericht ist wieder einmal viel mehr als ein reiner Erlebnisbericht. Es freut mich sehr, dass du nicht nur von deinen Erlebnissen berichtest, sondern dich auch mit anderen wichtigen Themen auseinandersetzt und dem Leser deiner Berichte so einen differenzierteren Einblick in kenianisches Leben ermöglichst. Vielen Dank dafür und liebe Grüße

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