Dharavi

Farbiger Willkommensgruß in Dharavi

Farbiger Willkommensgruß in Dharavi

In Dharavi leben ein bis zwei Millionen Menschen auf einer Fläche von nicht einmal zwei Quadratkilometern. Gleichzeitig liegt Dharavi zwischen den Bahnstrecken Central Railway und Western Railway und grenzt an die Stadtteile Mahim, Sion, Bandra, Matunga, Kurla sowie das moderne Büroviertel BKC – es stellt, geographisch gesehen, das Herz Mumbais dar.
Dharavi ist somit wohl gleichzeitig Asiens größter und bestgelegener Slum, zudem der am dichtesten besiedelte Ort der Welt!

Straßenszene in Dharavi

Straßenszene in Dharavi

In Dharavi betrete ich Rahmen einer Führung zum ersten Mal einen Slum. Bisher habe ich beim Erkunden Mumbais den entscheidenden Schritt in die zahlreichen Slums nicht getan. Mir ist klar, dass die Slums (abgesehen von der hohen Wahrscheinlichkeit des Verirrens innerhalb des unübersichtlichen, verworrenen Wegnetzes) theoretisch keine Gefahr für einen externen Besucher darstellen. Dennoch hat mich ein Gefühl der Angst zurückgehalten.

Mit Murmeln spielende Kinder in Dharavi

Mit Murmeln spielende Kinder in Dharavi

Nun also per Führung durch einen Slum. Das erscheint befremdlich.
Bei dem Veranstalter Reality Tours reduzieren sich jedoch die Bedenken – die Firma ist aus Dharavi heraus gegründet worden und gibt mit dem Vermerk, man sei schließlich nicht im Zoo für ihre Führungen innerhalb des Slums ein striktes Fotografierverbot aus. Zudem kommen Erlöse aus den Führungen Bildungs- und Sozialprojekten in Dharavi zugute.

Feierabend für Mensch und Tier

Feierabend für Mensch und Tier

Der Slum zeigt sich als belebtes Wirtschaftsviertel, nicht als Viertel der Armut und des Elends. Genauer gesagt wird er innerhalb der Führung nicht als solches gezeigt!
Das Treiben ist geschäftig, ganz Dharavi ist – gleich einer mittelalterlichen Stadt in Europa – durch die ausgeübten Berufe in verschiedene Viertel aufgeteilt: Es gibt Straßenzüge der Textilindustrie und solche, die auf Plastikrecycling spezialisiert sind – von einer Waschanlage für leere Flaschen bis hin zur Einfärbung von Granulat; es gibt Viertel voller Gerbereien, Töpfereien, Bäckereien, Juweliere, Holz- und Schwermetallverarbeitung etc.
Auch die sehr einfache Arbeit ist vertreten, meiner Ansicht nach typisch für Indien – so z.B. das sorgfältige Trennen von Kabelresten in Kupferdraht und Plastikisolierung, das Ausspülen und Reparieren von Ölkanistern, die Instandsetzung von Geräten jeden erdenklichen Alters und Zustands.

Mobiler Hühnerhändler in Dharavi

Mobiler Hühnerhändler in Dharavi

Ein arbeitsreiches, lebendiges Viertel also – mit in Hinterhöfen spielenden Kindern und durch die Gassen brausenden Mopeds. In Dharavi gibt es sogar ein funktionierendes Postzustellsystem. Wie der empfehlenswerte Film «Dharavi, Slum for Sale» zeigt, widersetzen sich die Bewohner diversen Umsiedlungsversuchen, die von Politik und Industrie gestartet werden.

Ziege in Dharavi

Ziege in Dharavi

Vor dem Elend des Stadtteils lassen sich die Augen dennoch nicht verschließen.

Mahim River – Toilette, Mülldeponie, Kanalisation und Fluß zugleich

Mahim River – Toilette, Mülldeponie, Kanalisation und Fluß zugleich

Im November 2006 kam auf 1440 Bewohner Dharavis eine Toilette – in Folge dessen wird der Fluss Mahim River von den meisten Bewohnern zweckentfremdet, was die Ausbreitung von Krankheiten nicht gerade verhindert.

Weg in Dharavi

Weg in Dharavi

Neben diesem Abwasserproblem gibt es ein Frischwasserproblem: Da über 90 Prozent der Industriegebäude und Privatwohnungen illegal sind, findet eine Frischwasser-Versorgung quasi nicht statt.

Die verschlungenen Wege Dharavis, die durch die hohe Frequentierung bereits in der Trockenperiode vermatscht sind, verwandelt der Monsunregen in stehende Gewässer. Auch das begünstigt die Ausbreitung von Krankheitserregern.

Die bei der Slum-Führung gewonnenen Einblicke in zahlreiche Betriebe offenbaren zudem die katastrophalen Arbeitsbedingungen in Dharavi: von Arbeitsschutz kann angesichts des ungeschützten Umgangs mit lautem, schnellem, massiven Gerät (Sägen, Nähmaschinen etc.), giftigsten Substanzen und Dämpfen sowie dem omnipräsenten offenen Feuer nicht die Rede sein.

In Dharavi gibt es natürlich auch Kinderarbeit.

Mädchen auf der Treppe vom Bahnhof Mahim nach Dharavi

Mädchen auf der Treppe vom Bahnhof Mahim nach Dharavi

Es fällt mir schwer, mir ein Urteil über Dharavi zu bilden, da beide Seiten – das würdevolle Leben wie auch das krasse Elend – offensichtlich sind.
In der Relation Mumbais (also der Normalität von zahlreichen allein auf den Bürgersteigen der Stadt schlafenden Menschen) scheint es den Bewohnern Dharavis jedoch recht gut zu gehen. In Dharavi gibt es zumindest soziale Anbindung.

Dank einer flughäflichen Zufallsbegegnung sei hier auf den Blog von Alexander Köcher verwiesen. Er ist Politikstudent in Greifswald/Berlin und schreibt seind Magisterarbeit über Slum Development in Dharavi. Auf seinem Blog Karam.Bolage finden sich viele wissenswerte Fakten über Dharavi sowie schöne Bilder und Videos.

Ausruhender Arbeiter am Mahim River

Ausruhender Arbeiter am Mahim River

Zum Thema Kinderarbeit schreibt die TITANIC (1/2011 ):

Hej, Modeimperium H&M!
»Schenken Sie einem Kind sauberes Wasser«, lesen wir neuerdings auf Deinen Schaufenstern und fragen uns: Kannst Du Deinen schwedischen Weltverbessererhals denn niemals vollkriegen? Reicht es Dir nicht, daß wir durch unseren regelmäßigen Einkauf in Deinen Filialen schon so vielen Kindern einen sicheren Arbeitsplatz geschenkt haben?

Geben ist seliger denn Nehmen:
Titanic

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Mauerbau

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Mit leicht vorwurfsvollem Unterton teilte mir eine Kollegin ihren Eindruck mit, ich würde von Zeit zu Zeit eine Mauer gegen den Alltag in Indien errichten.

Ich erlebe in Mumbai Tag für Tag ein Maß an Elend und Armut, welches jeder Beschreibung spottet.
Nach einer abendlichen Probe nahe der Haji-Ali-Moschee liegen so viele Menschen zum Schlafen, nur mit einem einfachen Baumwolltuch bedeckt, auf dem Bürgersteig, dass es geradezu ein Hindernislauf ist, nicht auf einen der Liegenden zu treten. Ratten und Mäuse nehmen keine Umwege, sondern den direkten Weg über die Schlafenden.
Ein Junge von geschätzten zehn Jahren versucht im Zugabteil kleine Notizblöcke mit geschmacklos-farbintensivem Plastikeinband zu verkaufen. Er preist seine Ware nicht mehr aktiv und lautstark an, sondern ist so entkräftet und resigniert, dass er nur noch murmelnd durch die Abteile schlürft.
Die an Kreuzungen bettelnden Kinder haben häufig ihre Geschwister im Säuglingsalter auf dem Arm, um mehr Almosen zu erhalten. Zieht dieser Kleinkinderbonus beim potenziellen Spender nicht auf Anhieb, schlagen die Kinder ihre kleinen Geschwister nicht selten ins Gesicht, da sie sich durch das darauf folgende, durch Mark und Bein gehende Weinen größere Chancen auf eine Gabe errechnen.

Umweltverschmutzung und nicht vorhandene Sensibilität der Natur gegenüber schockieren mich immer wieder.
Straßen und Flüsse werden als Mülldeponien genutzt, das Wegwerfen von Abfall beim Gehen auf der Straße oder beim Zug- und Autofahren ist ein grundsätzlich normaler Vorgang und findet keine weitere Beachtung. So kommt es vor, dass sympathische Menschen, mit denen ich auf einer längeren Zugfahrt ins Gespräch komme, nach dem Essen ihre Lebensmittelreste samt Geschirr und Besteck kommentarlos aus dem Fenster werfen.
Für die durch Müll und ein nicht ausreichendes bzw. nicht vorhandenes Abwassersystem entstehenden Gerüche ist „unangenehm“ ein verharmlosender Euphemismus. Bei Bus- und Bahnfahrten komme ich immer wieder an den selben, komplett fäkal riechenden Flüssen, Wohngegenden etc. vorbei.

Der Umgang mit Mitmenschen, die nicht zum engeren Familien- oder Freundeskreis gehören, folgt dem Recht des Stärkeren, nicht dem Prinzip der Nächstenliebe.
So fordert die Fahrt in Zügen des Mumbaier Nahverkehrs vollen Körpereinsatz. Selbst in der ersten Klasse würde ich ohne massivstes Drängeln, Schubsen, Drücken und Ellenbogenausfahren weder in den Zug ein- und aussteigen noch den ergatterten Stehplatz verteidigen können.
Auch sonst ist der Kontakt zu fremden Menschen lautstark und nicht von besonderer Freundlichkeit geprägt. Gerade zwischen Taxifahrer und Fahrgast sowie ranghohem Angestellten und Laufburschen fliegen rhetorisch grundsätzlich die Fetzen – es wird lautstark debattiert und geschimpft.

Ich bemerke, dass ich mich zwischenzeitlich in vielen der oben genannten (und von mir kritisierten) Bereiche der indischen Lebensweise angepasst habe.
Zwar schmeiße ich keinen Müll wahllos in die Gegend, aber ich weise bettelnde Menschen, ob Greis oder Kind, lautstark und unmissverständlich ab. So richtig berührt mich nur noch jenes in Resignation umgeschlagenes Elend, das ich am Beispiel des Kalender verkaufenden Kinds schilderte.
Im Local Train bekommen die anderen Fahrgäste mittlerweile auch meine Ellenbogen zu spüren, zudem nehme ich jede Diskussion mit Taxi- und Rikschafahrern auf. Eine Debatte um den zu bezahlenden Fahrpreis ging so weit, dass ich eine Rikscha ohne zu bezahlen verlassen habe und dem Fahrer meine Visitenkarte mit der Aufforderung gegeben habe, sich dann bei mir zu melden, wenn er eine vernünftige Preisvorstellung entwickelt hat.

Von Zeit zu Zeit bin ich erstaunt und erschrocken, welche harten, lauten und unfreundlichen Seiten meiner Persönlichkeiten ich in Indien entdecken und zum Vorschein bringen muss. Um sowohl Elend, Umweltverschmutzung und mitmenschlichen Umgang als auch die an mir neu festgestellten Charakterzüge (verkürzt dargestellt: hart, laut brutal) ertragen zu können, brauche ich ein Selbstschutzschild. Dieses besteht bei mir aus Sarkasmus (stark ausgeprägt!) und jener Mauer, die ich von Zeit zu Zeit um mich baue.

Von meiner Mauer stand vor ein paar Monaten der Grundstein, die Mauer war nur grob zu erahnen. So scheint es bei mir noch aufzufallen, wenn ich dieser kleinen Mauer eine neue Reihe Steine hinzufüge.
Mumbaiker haben ein ganzes Leben lang Zeit, die zum Selbstschutz nötige Mauer zu errichten. Sie ist in der Zwischenzeit für viele so hoch, dass sie schon längst nicht mehr darüber hinweg schauen können.

Selbstbildnis im Taxi. Kein Stillleben.

Selbstbildnis im Taxi. Kein Stillleben.

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Elephanta Caves | Mumbai vom Meer aus

Elephanta Island liegt in der Mumbai umschließenden Bucht des Arabischen Meers etwa 10 km östlich des Gateway of India. Von dort aus setzen nicht unbedingt vertrauenserweckende Boote zur Insel über.

Gateway of India und Taj Mahal Palace and Tower 1

Gateway of India und Taj Mahal Palace and Tower 1

Auf Elephanta finden sich die Elephanta Caves – das sind in Felsen gehauene Höhlen, die auf das 5. Jahrhundert nach Christus zurückgehen und von der UNESCO als Teil des Weltkulturerbes gelistet sind.

Die meisten der sieben Höhlen sind Shiva geweiht und werden von Hindus zur Götterverehrung genutzt, einige wenige auch von Buddhisten. Der Name Elephanta hat sich seit der portugiesischen Kolonialisierung Mumbais im 16. Jahrhundert eingebürgert und ist einem steinernen Elefanten geschuldet, der damals am Hafen Elephantas stand.

Werft auf Elephanta Island

Werft auf Elephanta Island

Insel und Höhlen beeindrucken mich insgesamt recht wenig – wozu (wieder einmal) der fragwürdige indische Umgang mit historischer Bausubstanz beiträgt: In Shiva-Statuen, die vorgeblich 15 Jahrhunderte alt sind, finden sich Stahlbetonträger; Böden und Wände der Höhlen sind erstaunlich rechtwinklig und gut in Schuss; nicht zuletzt stellt ein Felshöhlen verputzender Bauarbeiter die Authentizität des kulturellen Erbes doch ein wenig in Frage. Aber fragt man Inder_innen, was an dieser Stätte nun wirklich historisch sei: Alles, natürlich…

Skyline Mumbais vom Meer aus

Skyline Mumbais vom Meer aus

Im Gedächtnis bleibt stattdessen die Bootsfahrt nach Elephanta und zurück. Diese ermöglicht eine gute Aussicht auf das koloniale Ensemble um Gateway of India und das Hotel Taj Mahal Palace and Tower; vor allem aber stellt sie die Sicht auf das Ausmaß der Umweltverschmutzung Mumbais frei. Eine Metropole, die wenige Hundert Meter vom Meer aus vor lauter Smog nur noch grob zu erahnen ist sowie ein vermülltes, nach Kloake riechendes Meer.

Personenbötchen, vermutlich ohne Katalysator...

Personenbötchen, vermutlich ohne Katalysator...

Wie sehr Umwelt und Natur zu meiner subjektiv empfundenen Lebensqualität gehören, wird mir in Indien, speziell in Mumbai deutlich.

Gateway of India und Taj Mahal Palace and Tower 2

Gateway of India und Taj Mahal Palace and Tower 2

Positive Erinnerungen an Elephanta sind für mich Affen, die dem Menschen in Verhalten, Gestik und Mimik bezaubernd ähnlich sind. Höhepunkt dabei: Wenn Touristen von diesen unschuldig dreinschauenden Tieren trickreich um ihre mitgebrachte Nahrung gebracht werden.

Affe auf Elephanta

Affe auf Elephanta

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Freiwillige in Mumbai und Nagpur

Dem »kulturweit«-Programm von Auswärtigem Amt und Deutscher UNESCO-Kommission ist ein umfangreiches Seminarprogramm zur Seite gestellt – so gibt es neben einem Vor- und Nachbereitungsseminar in Deutschland ebenfalls einen programmatischen Teil im Einsatzgebiet. Dieses Zwischenseminar findet 2010 für Freiwillige der Länder Bangladesch, Indien, Malaysia, Thailand und Vietnam in Nagpur, der geographischen Mitte Indiens statt.

Freiwillige freiwillig in Mumbai 1

Freiwillige freiwillig in Mumbai 1

Da es für alle Freiwilligen und Trainer gemeinsam per Nachtzug von Mumbai nach Nagpur ging, bot es sich für viele Freiwillige an, die Anreise aus dem Einsatzland nach Mumbai vorzuziehen und einige Tage in der Stadt zu verbringen. So habe ich ein kleines Programm auf die Beine gestellt und meine Wohnung als Unterkunft zur Verfügung gestellt.

Für mich ist die Einladung der Gäste keineswegs rein altruistisch motiviert: Da ich meine Sightseeing-Aktivitäten in Mumbai nach wenigen Wochen in der Stadt quasi eingestellt habe, erhoffe ich mir, neue Ecken der Stadt kennenzulernen – so die Elephanta Caves und Dharavi.

Freiwillige freiwillig in Mumbai 2

Freiwillige freiwillig in Mumbai 2

Innerhalb dieser Tage sind maximal 10 Freiwillige in meiner Wohnung beherbergt. Das führt in beiden Räumen und der Küche zu wunderbar improvisierten Schlafszenerien mit Matratzenlagern und Mückennetzen. Hungern oder dursten musste nach meinem Wissensstand keiner der Freiwilligen – was dem allgemeinen Improvisationstalent geschuldet war,  z.B. darin zu erkennen, ein Frühstück für 10 Personen auch mit drei Tellern sowie 5 Messern, Löffeln und Gabeln zu meistern.

Solch Improvisationstalent und Zugeständnisbereitschaft auf deutscher Seite zu sehen hat mein indisches Umfeld, gelinde gesagt, überrascht. Die meisten waren empört, dass soviele Menschen in einem Raum schlafen. Wobei: Wahrscheinlich war das Verstörende eher, dass so viele nicht verwandte Europäer einen Raum teilten.

Was ich generell an Freiwilligen mag? Man braucht sie nicht zu gendern oder geschlechtsspezifisch anzureden.

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Hampi

Hampi ist die Hauptstadt des historischen indischen Königreichs Vijayanagar (14. bis 16. Jahrhundert). Aus der ehemaligen Metropole mit 500.000 Einwohnern ist in der Zwischenzeit ein Dorf mit 2.000 Bewohnern geworden, aber das historische Erbe ist nach wie vor sichtbar: Ruinen erstrecken sich kilometerweit und bilden zusammen mit schroffen Granitfelsen eine archaische Kulisse, die von dem Glanz vergangener Zeiten Zeugnis ablegt. Als „Group of Monuments at Hampi“ ist Hampi von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet.

Kahler Baum und Hütte vor Hampi

Kahler Baum und Hütte vor Hampi

Per Nachtbus von Goa kommend erreiche ich Hampi kurz nach Sonnenaufgang. Bei der Anfahrt durch historische Stätten in stimmungsvollem Licht freue ich mich darauf, den Tag in aller Ruhe zu begehen. Dies lässt jedoch ein Empfangskomitee aus Hotelvermittlern und Rikschafahrern nicht zu, welches sich lautstark und leicht nervös um die Türen des Reisebusses schart. Diese Kundschaftsanwerbeversuche schrecken mich nach einer nicht erholsamen Anreise im Nachtbus (mit wenig Schlaf, noch weniger Privatsphäre und ohne morgendliche Dusche) ab. Ich entschließe mich, zum Fluss Tungabhadra zu gehen und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Morgendliches Bad in Hampi

Morgendliches Bad in Hampi

Am Fluss erlebe ich das Morgenbad der Bewohner_innen Hampis, deren lebhaftes Treiben mit Zähneputzen, Wäsche der Kleidung, Schwimmen und anderen Vorgängen der morgendlichen Hygiene faszinierend zu beobachten ist.

Elefanten-Morgenbad

Elefanten-Morgenbad

Nach etwa einer halben Stunde steigt zudem ein Elefant die Stufen zum Fluss hinab, wo er ausgiebig badet und vom Mahout (Elefantenführer) abgeschrubbt wird. Anschließend wird der Elefant zu einer Gruppe von Hindus gebracht, die ebenfalls im Fluss w(b)at(d)en. Diese umrundet er bevor er sie mit Flusswasser aus seinem Rüssel besprengt. Ein surreales Ereignis.

Ritual im Fluss Tungabhadra

Ritual im Fluss Tungabhadra

Den Elefanten treffe ich am folgenden Tag in einem der hinduistischen Tempel Hampis wieder. Hier wird offensichtlich, dass es sich in irgendeiner Form um ein heiliges/gesegnetes Tier handeln muss.
Der Tempelelefant nimmt an seiner Arbeitsstätte entweder Bananen oder Geld mit seinem Rüssel in Empfang – die Bananen sind für den Eigenbedarf und werden direkt in seinen Mund geführt, das Geld leitet er dem Mahout weiter, berührt daraufhin den Kopf des Spenders mit seinem Rüssel und segnet ihn.

(Wer sich für das Berufsbild des Elefantenführers/Mahouts interessiert, dem sei folgende Lektüre empfohlen: A Handbook for Mahouts, englischsprachiges Lehrbuch für Elefantenführer von 1997.)

Fragment einer Brücke

Fragment einer Brücke

Mowgli Guest House, die Unterkunft, die mir für Hampi empfohlen wurde, liegt auf der anderen (nördlichen) Seite des Flusses Tungabhadra. Es gibt keine Brücke dorthin, beide Ufer verbindet nur eine sogenannte Fähre – in Wahrheit ein Metallbötchen mit Außenboardmotor. Dieses verkehrt nur zwischen 8 Uhr morgens und 6 Uhr abends und der Einstieg ist jede Fahrt aufs Neue ein Abenteuer, da die Einstiegstelle abhängig von der Wasserhöhe stark variiert. Es gibt keinen Steg und um das Waten durchs Wasser kommt man, unabhängig von der Wasserhöhe, in keinem Fall herum. Dass auch Motorräder, Karren etc. transportiert werden, die dafür erst durchs knöchelhohe Wasser transportiert werden um dann ohne Rampe aufs Boot gehieft zu werden, versteht sich von selbst…

Fähre beim Beladen

Fähre beim Beladen

Am ersten Tag genieße ich hauptsächlich die Ruhe Hampis sowie das gute Essen. Besonders empfehlenswert ist das Restaurant Mango Tree, welches mit seiner terrassenförmigen Anlage in einer Kurve des Flussufers neben fantastischen Gerichten vor allem auch ein tolles Ambiente bietet.

Fresh Lime Soda im Mango Tree

Fresh Lime Soda im Mango Tree

Ich schlendere durch die historischen Stätten und finde Zeit zum Lesen und für Gespräche. Die anderen Reisenden kommen fast allesamt aus Israel – auch die Speisekarten sind merklich auf Gäste aus Israel ausgerichtet. Merkwürdig, warum ein solch atmosphärischer Ort wie Hampi offensichtlich auf Touristen einer Nation attraktiver ist, als auf Reisende aus anderen Ländern.

Historisches Bewässerungssystem

Historisches Bewässerungssystem

Den Tag darauf miete ich mir einen Motorroller und brause durch das Hinterland nördlich des Tungabhadra-Flusses. Ich treffe auf einen Jugendlichen, der sich mir als Reiseleiter anbietet – ich nehme dieses Angebot gerne an, das Steuer gebe ich jedoch, seinem Wunsch entgegen, nicht aus der Hand…

Vom Tungabhadra-Staudamm ausgehend fahren wir vorbei an Bananenplantagen, Reisfeldern, historischen Bewässerungssystemen, Affenfamilien und unberührten Dörfern; zudem schauen wir uns einige entlegene Tempel an. Die Landschaft ist eine irre Mischung aus Natur und historischem Baubestand.

Palmen in Feldern

Palmen in Feldern

Nach gut zwei Stunden bringe ich meinen Reiseführer in sein Dorf – die Ankunft als Beifahrer auf dem Mofa eines Europäers macht ihn dort zumindest für einen Tag zum König. Ich bin froh, Lebensmittel bei mir zu haben, die ich ihm (und damit auch seiner Familie) als Dankeschön anbieten kann.

Affen auf Brücke

Affen auf Brücke

Da an meinem Roller bis auf Motor und Lenkung quasi nichts klappt – weder Licht noch Geschwindigkeits- oder Kilometeranzeige – werde ich recht schnell nachdenklich, was die Entfernung zum Ausgangspunkt meiner Reise angeht. Das Auftanksystem beim Leihen eines Rollers in Indien ist deutlich verschieden zum Prozedere, bei Sixt/Avis etc. ein Auto zu mieten: Ich bekomme kein vollgetanktes Gefährt, sondern muss vorher mitteilen, wieviele Liter Benzin ich mitkaufen möchte. Diese werden dann mit Sprudelwasserflaschen in den Roller gefüllt.

Um nicht aufgrund von Benzinknappheit zu einer unfreiwilligen Übernachtung im Hinterland Hampis (Malaria-Risikogegend und Heimat von Kobras) gezwungen zu werden, kehre ich am Nachmittag zurück gen Hampi und beschließe den Tag mit einem Sprung von einem Felsen in den Tungabhadra-Staudamm.

Kuh auf Monument

Kuh auf Monument

Am folgenden Tag geht es früh morgens per Zug zurück nach Mumbai. Da Hampi über keine eigene Zuganbindung verfügt, muss ich 35 km per Rikscha zum nächst gelegenen Bahnhof nach Hospet fahren. Das erweist sich als Herausforderung.

In einem so kleinen Ort wie Hampi kann ich, im Gegensatz zu Mumbai, nicht davon ausgehen, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Rikscha oder ein Taxi vorbeikommt. So muss ich mir für die Mitte der Nacht eine Rikscha bestellen, um früh morgens in Hospet anzukommen. Die Rikscha kommt, selbstverständlich, eine halbe Stunde später als vereinbart. Es regnet monsunartig und der Rikschafahrer versucht die ganze Fahrt über, mit dem handgetriebenen Scheibenwischer die Scheibe halbwegs durchsehbar zu halten – wodurch ihm nur noch eine Hand zum Lenken bleibt. Der Regen hat zudem viele Straßen überspült, Flüsse treten über Ufer und Brücken. Über eine unbefestigte Brücke fließt vollständig ein Bach mit starker Strömung – der Fahrer testet die Wasserhöhe mit seinen Füßen; da die Wasserhöhe nicht über das Knie reicht, entschließt er sich, die Fahrt über die Brücke zu riskieren. Es fühlt sich eher wir Rafting an…

Auch ohne über die Ufer getretene Flüsse wäre die morgendliche Fahrt alles andere als erholsam. Der Highway nach Hospet ist die katastrophalste Straße, die ich bisher in Indien gesehen habe. Selbst die Straßen Mumbais kommen dagegen nicht an – und dieser Vergleich ist nicht leicht zu bestehen!
Die Löcher im Highway haben solche Dimensionen, dass ich mit meinem Kopf zweimal an das Dach der Rikscha knalle – obwohl es sich schon um eine übergroße Rikscha handelt…

Dass wir mehr als 90 Minuten für eine Strecke von 35 Kilometer gebraucht haben und ich nach der Fahrt unter krassen Rückenschmerzen litt, lässt den Zustand des Fahrbahnbelags wohl am besten erahnen.

Am Bahnhof in Hospet angekommen stehen mir knapp 24 Stunden Zugfahrt über Goa zurück nach Mumbai bevor.

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Goa

Am frühen Morgen verlasse ich den Großraum Mumbai im Schlafabteil eines Fernverkehrszugs in Richtung Goa. Es steht knapp eine Woche Urlaub mit zwei Kollegen aus der Schule auf dem Programm: Ryan, ein Musikstudent aus Großbritannien, und ich sind von unserem indischen Kollegen Blaize in seine Heimat Goa eingeladen, um die Diwali-Ferien mit ihm und einigen seiner Freunde zu verbringen.

Schwangere Kuh in Goa

Schwangere Kuh in Goa

In den Schlafwagen der indischen Fernverkehrszüge reist es sich ausgesprochen komfortabel, die Bordgastronomie ist vorzüglich. Im Gegensatz zum Essensangebot der Deutschen Bahn, bei dem halbvorgekochtes Essen im Zug noch einmal großzügig in der Mikrowelle aufgewärmt wird, gibt es in indischen Zügen einen Waggon, in dem man eifrig Essen zubereitende Menschen und große Töpfe über Feuerstellen sieht. Das Ergebnis dieser Kochkünste wird den Reisenden neben Kaltgetränken und heißem Tee/Kaffee in den Abteilen angeboten – von Snacks wie belegten Broten und Hähnchenschenkeln über Suppen bis hin zu ausgewachsenen Mahlzeiten und köstlichen Desserts (Gulab Jamun!).
Wer in Indien hungrig aus dem Zug steigt, hat irgendetwas verkehrt gemacht: All die köstlichen Speisen und Getränke werden die ganze Fahrt über im Fünfminutenabstand zu sehr erschwinglichen Konditionen angeboten.

Spät abends in Margao/Goa angekommen, werde ich von Blaise abgeholt. Ich fahre mit ihm zu der Hochzeit eines um drei Ecken Bekannten, wo ich Blaise‘ Freunde kennen lerne.
Auf der Feier mache ich erste Bekanntschaft mit der Küche Goas, deren Hauptunterschied zu meiner bisherigen Erfahrungen mit der indischen Küche vor allem der reiche Gebrauch von Fisch, Meeresfrüchten und Fleisch darstellt.

Kamera und verdampfende Mücken auf der Hochzeit

Kamera und verdampfende Mücken auf der Hochzeit

Nach der Hochzeit fahren wir zu einem Strand, wo unsere Goanesischen Freunde Strohhütten für die Nacht gebucht haben. Nach schönen nächtlichen Stunden mit nochmals köstlichen Fischgerichten und Getränken beschließen Ryan und ich, nicht in den Hütten, sondern unter dem Schutz einer Kokospalme und meines Mückennetzes im Freien zu übernachten.
Am nächsten Morgen wachen wir durch eine Ansammlung von Fischern auf, die in der Nähe unserer Schlafstätte ihre Netze einholen. Durch meine nächtliche Ankunft in Goa erhalte ich erst jetzt einen Eindruck der Situation am Strand und von Goa bei Tageslicht:

Schlafsituation am Strand

Schlafsituation am Strand

Ryan und ich begehen den Tag mit ein paar Schwimmgängen im Meer, danach brechen wir zu einer Autofahrt quer durch Goa auf.

Ryan und Simon im Meer, Radfahrer davor

Ryan und Simon im Meer, Radfahrer davor

Durch die portugiesische Kolonialisierung Goas, die vom 16. bis ins 20. Jahrhundert (1961!) anhielt, ist Goa deutlich von europäischen Einflüssen geprägt, was sich unter anderem im hohen Anteil der katholischen Bevölkerung widerspiegelt.

Goas Pro-Kopf-Einkommen ist dreifach höher als das des gesamtindischen Durchschnitts – was wohl nicht nur dem Tourismus geschuldet ist. Viele Goanesen leben im Ausland und tätigen regelmäßig Überweisungen an ihre in Goa befindliche Verwandtschaft.

Hl. Franz Xaver mit indischem Blumenschmuck

Hl. Franz Xaver mit indischem Blumenschmuck

Old Goa wirkt mit seinen katholischen Renaissance- und Barockkirchen, die Teil des UNESCO-Weltkulturerbes sind, als befände man sich einige Jahrhunderte zurück in einer Enklave des mediterranen Europas: Zu nennen sind hier vor allem die Kathedrale Se Catedral  sowie die Basilika Bom Jesu, welche die Grabstätte des Heiligen Franz Xaver beherbergt.

Für mich liegt der Charme Goas hauptsächlich darin, dass die kolonial-europäischen Herrenhäuser, Kirchen und Klöster nicht herausgeputzt werden, sondern durch charmanten Verfall ungezwungen Stil und Atmosphäre verbreiten.

Indische und europäische Einflüsse werden in der Küche Goas deutlich, auch die Lage Goas am Meer spiegelt sich in der Speisekarte wider. So stehen Reis- und Fischcurrys neben Würsten, die spanischen Wurstspezialitäten nahe kommen. Da Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte tendenziell in jedem Gericht verarbeitet werden, präsentiert sich Goa als nicht-vegetarischer Bundesstaat: Ich esse in einer Woche soviel Fisch und Fleisch, wie ich es bisher in zwei Monaten Indien nicht gegessen habe. Mein Magen übersteht den Wechsel vom Hauptnahrungsmittel Reis auf das Hauptnahrungsmittel Fisch/Fleisch, trotz zwischenzeitlicher Bedenken, gut.

Kokosnussverkäuferin auf dem Markt von Mapusa

Kokosnussverkäuferin auf dem Markt von Mapusa

Ich bin vor allem von den süßen Backwaren Goas fasziniert – hier gibt es einen unfassbar leckeren Kokoskuchen mit krosser Kruste (Alliteration auf kr…), dessen Inneres dennoch cremig ist. Der Unterschied zwischen Kokosraspeln oder -aromen, die in der europäischen Küche Verwendung finden, und einer frischen Kokosnuss im indischen Kuchen ist immens! Neben dem erwähnten Kokoskuchen gibt es einige Kuchen, die in Richtung des Bananenbrot-Traditionsrezepts meiner Familie gehen: Einen Kuchen mit Datteln und Cashewnüssen und einen mit Bananen und Walnussmehl habe ich probiert. Hm………

Licht und Spinnenweben in Vagator

Licht und Spinnenweben in Vagator

Nach der Übernachtung am Strand wohnen wir vom zweiten Tag an bei Don, einem Freund von Blaize. Er arbeitet und lebt in Mumbai, seine Familie besitzt zudem ein Haus in Goa. In diesem Haus (2 Zimmer, Küche, Bad) wohnen nun für eine Woche lang Blaize, Don, Ryan und ich sowie die Familie von Dons Bruder. Das Haus liegt mitten im (Ur-)-Wald, sodass sich auf die zwei Räume nicht nur erwähnte acht Menschen, sondern schier unzählige Mücken (die sich nur für mein Blut zu interessieren scheinen), Ameisen und andere tierische Freunde wie Geckos und Salamander verteilen. Es gibt nur sporadisch Strom und weder Mobilfunkempfang noch fließendes Wasser – Zitat Dons auf meine Frage bezüglich der Toilettenspülung:  „Es ist eine indische Toilette – das heißt, Du musst erst Wasser hineintun, bevor sie spülen kann“.
Hinsichtlich der Stromausfälle: Es ist übrigens ausgesprochen stimmungsvoll, wenn sich abends ein ganzes Dorf mit Kerzen und Gasbeleuchtung erhellt.

Stromausfall im Supermarkt von Vagator

Stromausfall im Supermarkt von Vagator

Neben all diesen infrastrukturellen Details liegt das Haus vor allem in fünfminütiger Fußentfernung zum Strand Little Vagator, auch Ozran-Strand genannt. Dort befindet sich ein Wasserfall, der unsere Waschstelle der kommenden Tage sein wird.

Sportplatz in Vagator

Sportplatz in Vagator

Um zum Strand zu gelangen, steigen wir schroffe Felsen zur Bucht hinab. Unten angekommen findet sich eine Idylle: Sandstrand, einige Felsen im Wasser und drei, vier Gastronomiehütten mit zugehörigen Strandliegen und Sonnenschirmen.

Kuh am Strand Little Vagator

Kuh am Strand Little Vagator

Am Strand verbringen wir viel Zeit, teilweise ganze Tage: Lesen, Essen, Trinken, Schlafen, Reden, Schwimmen und in den Wellen Toben. Wer mich kennt, weiß, dass mir eine ordentliche Brandung große Freude ins Gesicht zaubert. Und bei den weiteren Rahmenbedingungen, mein Gott, ist das eine schöne und erholsame Zeit!
(Es ist bemerkenswert, dass, laut meiner eigenen, nicht repräsentativen Beobachtung die meisten Inder_innen nicht schwimmen können und sehr ängstlich im Bezug auf das Meer sind – selbst, wenn sie am Meer aufgewachsen sind.)

Surf rescue

Surf rescue

In der Situation am Strand wird mir deutlich, welche Anstrengungen der Alltag in Mumbai (Reisen in überfüllten Zügen, Temperatur und Luftfeuchtigkeit, Umweltverschmutzung, Lärm) für mich als daran nicht gewöhnte Europäer darstellt. Der Kontrast Goa fühlt sich unrealistisch, ein wenig wie ein Traum an.
Der Gedanke, dass der Kalender den Monat November anzeigt, scheint absurd. Ebenso, dass ich mich nach wie vor in Indien befinde.

Kingfisher am Strand

Kingfisher am Strand

Von der Erholung am Strand können nur die Verkäuferinnen abhalten, die Schmuck, Stoffwaren, Hennas und andere, nicht lebensnotwenige Dinge verkaufen. Sie tun das meist in der Landessprache des Kunden – gehört habe ich Deutsch, Italienisch, Spanisch, Russisch und Englisch mit australischem Akzent. Neben diesem offensichtlichen Sprachtalent verfügen die Damen über die Gabe, es als selbstverständlich erscheinen zu lassen, die Gegenstände aus ihrem ganz persönlichen Laden zu benötigen.
Nachdem ich am ersten Tag ein paar Baumwoll-Tücher aus Kaschmir kaufe, entschließe ich mich, an den folgenden Tagen eine konsequente Nichtkauf-Politik zu fahren. Das macht mich in der gesamten Bucht prominent und führt dazu, dass die Verkäuferinnen mich mit Namen ansprechen um sich darüber zu beklagen, dass ich hart und unbarmherzig sei.
Die Alternative, die meinem Kollegen Ryan widerfährt, ist, zwei bis drei Stunden des Strandtages mit unfreiwilligem Einkaufen zu verbringen. Ich kann in der Zwischenzeit entspannen…

Aus der Kategorie Kitsch und Klischees - Sonnenuntergang mit Palmen am Strand Little Vagator

Aus der Kategorie Kitsch und Klischees...

Nach der Zeit in Goa wird es mir schwerfallen, mich wieder in meinen Alltag in Mumbai einzufinden. Die Tage waren so positiv und erholsam, dass sie einen guten, in allen Belangen versöhnlichen Abschluss meiner Zeit in Indien hätten darstellen können.

Aber dem ist nicht so.

Bevor ich nach Mumbai zurückkehre fahre ich noch für zweieinhalb Tage nach Hampii/Karnataka. Vielleicht bietet diese historische indische Stätte einen sanften Puffer zwischen Goa und Mumbai.

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FOTOS in Mumbai | Namenstagspaket

Am letzten Oktober-Wochenende findet in Mumbai ein Konzert der deutschen Band FOTOS statt, auf das wir im Goethe-Institut recht lange hingearbeitet haben: Erstellen von Postern und Tickets, Planung von Ton- und Lichttechnik, Bewerben des Konzerts in Schulen und Deutschkursen am Goethe-Institut, Organisation des Mumbai-Aufenthalts der Band hinsichtlich Übernachtung, Verpflegung und Sightseeing etc.

FOTOS in Mumbai I

FOTOS in Mumbai I

Auch, wenn ich inhaltlich nicht davon überzeugt bin, eine recht unbekannte deutsche Indie/Pop-Band als Botschafter der deutschen Sprache in ganz Asien konzertieren zu lassen, bin ich froh, dass unsere Veranstaltung in Mumbai gut und mit großem Zuspruch des Publikums über die Bühne geht.
Die Zeit mit den Musikern aus Hamburg ist schön, wenn auch nicht ganz unstressig.

FOTOS in Mumbai II

FOTOS in Mumbai II

Namenstag – dieser Festtag wird selbst im christlichen Abendland nicht mehr mit allzu großer Aufmerksamkeit bedacht. Umso erstaunlicher, dass mein Namenstag am 28. Oktober (dazu aus der Kategorie Reim dich oder ich fress dich: Wer Weizen sät am Simonstage, dem trägt er goldene Ähren ohne Frage) einige Mails meiner Verwandtschaft hervorruft und meine indischen Goethe-Kollegen mich mit einer kleinen Namenstagstorte bescheren.
Aus Anlass meines Namenstages erreicht mich zudem ein großes Paket meiner Eltern, über das ich mich riesig freue. Ein Teil des Geheimnisses lüftet sich allerdings schon durch die beigefügten Frachtpapiere:

Tee, Menge 2, Nettogewicht 0,3 kg, Zollwert 4,22 Euro.
Salzstangen, Menge 1, Nettogewicht 0,2 kg, Zollwert 1,50 Euro.
Zwieback, Menge 1, Nettogewicht 0,5 kg, Zollwert 1,50 Euro.
Macht einen Gesamtwert von 7,22 Euro zzgl. 39 Euro Porto und Gebühren.

Über diesen nicht besonders spektakulär klingenden Paketinhalt bin ich ausgesprochen froh, denn während Montezumas (recht lang anhaltender und erst vor kurzem hinter mir gelassenen) Rache habe ich selbst unter Einbindung von Importläden weder Salzstangen noch Zwieback in Mumbai auftreiben können.
Nachdem all diese nützlichen Lebensmittel aus dem Paket genommen sind, kommt ein rechteckiger Pappkarton ans Licht. Was mögen meine Eltern wohl an deutschem und indischem Zoll vorbeigeschmuggelt haben? Form, Farbe und Größe der Verpackung deuten auf einen Belgischen Reisfladen hin, was angesichts Daniels Studiums in Aachen nicht unmöglich erscheint. Die Gestaltung der Verpackung bestätigt meinen Verdacht, beim Öffnen gibt es allerdings eine Überraschung:

Namenstagskuchen

Namenstagskuchen

Der einwöchige Transport von Deutschland nach Indien sowie die hier herrschenden klimatischen Bedingungen haben das Versenden eines Reisfladens unmöglich gemacht. Die Enttäuschung darüber verfliegt bei der Erkenntnis, dass meine Mutter offensichtlich aus Gummibärchen und Speckmäusen einen temperatur- und luftfeuchtigkeitsunempfindlichen Namenstagskuchen gezaubert hat, sorgfältig  und achsensymmetrisch mit Zuckerguss festgeklebt. Ich habe meine Mutter in den letzten fünfundzwanzig Jahren noch nie mit Zuckerguss hantieren sehen. Dankeschön!

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Eine indische Hochzeit

Lieber Gott, bitte rette den Choral und erlöse uns von Keyboard-Begleitautomatiken!

Lovita, eine Freundin meiner Kollegin Manjiri, lädt mich zu ihrer Hochzeit ein und ich freue mich sehr darauf. Indische Hochzeiten sollen ja etwas Außergewöhnliches sein – obwohl es sich hier „nur“ um eine katholische, nicht um eine hinduistische Hochzeit handelt.
Ich biete Lovita an, musikalisch zum Gelingen des Festes beizutragen und sie ist angetan von dieser Idee. Die Details spreche ich mit ihrem zukünftigen Gatten Nestor ab.

Hochzeitseinladung

Hochzeitseinladung

Am Vorabend der Hochzeit bekommen Lovita und ihre Schwester Kokosöl und Eier in die Haare geschmiert. Danach feiern Freunde, Verwandte und Nachbarn auf dem Flachdach des Hauses ein Fest: Mit toller Aussicht auf den Stadtteil, dezenter Beleuchtung, leiser Begleitmusik sowie gutem Essen und Trinken. Dieser ausgesprochen geschmackvoll gestaltete Abend deutet auf ein rauschendes Fest hin.

Der Hochzeitstag stellt sich anders dar.
Als ich in die Kirche komme, probt noch eine Musikgruppe in Form einer Handvoll Mädchen und Frauen. Sie versuchen sich mit Handmikros und der Begleitautomatik eines Keyboards an pseudo-schmissigem christlichen Liedgut. Ich fühle mich mit meiner Oboe und dem vorzutragenden barocken Solorepertoire fehl am Platze und frage mich, wie die Hochzeit werden soll.
Für mich wird es eine Zeremonie, die von Anfang bis Ende meine persönliche Peinlichkeitsschwelle überschreitet. „Gott hat abgedankt und ich habe übernommen. Mal schauen, was passiert.“ steht auf dem T-Shirt des Küsters. Die Messe wirkt zudem, dank des nicht gerade feinfühligen Kameramanns und dessen Kameralichts mit der Helligkeit eines Polizei-Suchscheinwerfers, wie eine Fernsehliveübertragung. Zuletzt bringt mich die musikalische Gestaltung an die Grenze meines Ertragenkönnens und -wollens: Insgesamt drei Mädchen bedienen das Keyboard – eines ist zuständig für den korrekten Anfang des Rhythmusprogramms innerhalb des liturgischen Rahmens, ein anderes Mädchen sorgt für das richtige Begleitschema und Tempo. Das letzte Mädchen kümmert sich per Ein-Finger-Suchsystem um die richtige Harmonisierung – ob die Trefferquote dabei über 50 Prozent lag, ist sehr fraglich. Die schmerzfrei vom Keyboard abgefeuerten, billig dahertönenden Walzer-, Rumba-, Cha-Cha-Cha- und Sambaklänge mit dem ungefähr intonierten Gesang der Vorsängerinnen lassen mich im Unklaren darüber, ob Lachen oder Weinen eine angebrachte Gefühlsregung ist. Wie wenig festlich und mit wie wenig Würde eine kirchliche Hochzeit gefeiert werden kann, ist mir neu.
(Im Nachhinein sehe ich die Hochzeit als Sühne für meine eigenen kirchenmusikalischen Sünden in Form von prima vista begleiteten protestantisch-plagallastigen Chorälen [die ich mir doch vorher einmal hätte anschauen sollen], Orgeldiensten mit Restalkohol, Vermollung von festlichen Liedern bei nicht mitsingenden Hochzeitsgemeinden, etc.)

Hochzeitsthron

Hochzeitsthron

Ich hoffe auf Besserung im weltlichen Teil des Hochzeitsfests – vergebens, denn ein nerviger Zeremonienmeister (bzw. Animateur) stresst die gesamte funfhundertköpfige Hochzeitsgemeinde sowie das Hochzeitspaar und behandelt alle wie eine unartige Schulklasse. Die Musikauswahl ist mit einer Mischung aus abgedroschenen Filmmusiken (Star Wars), unpassendem westlichen Liedgut („The roof, the roof, the roof is on fire. We don’t need no water let the motherfucker burn. Burn motherfucker, burn.”) und indischer Volksmusik (Meine Erkenntnis: Volksmusik wird überall auf der Welt nach dem gleichen Rezept gemacht: Terzen und Sechsen plus geschmacklose Trompeten plus Vorzeige-Glücklichkeit) kaum auszuhalten – irgendwie zu ertragen sind nur ein, zwei wirklich traditionelle indische Lieder.
Das Essen wird erst NACH dieser Farce serviert…

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Tablaunterricht

Seit heute habe ich einen Guru! Er heißt Shripad Jail und unterrichtet mich in Tabla und traditionellem indischem Gesang. (Die Tabla ist ein traditionelles indisches Schlagzeuginstrument und besteht aus zwei Minipauken, die abhängig von der Spielart verschiedenste Klangfarben und Tönhöhen erzeugen.)

Göttin Saraswati, nachdem ich sie mit Blumen geschmückt habe

Göttin Saraswati

Der Beginn des Unterrichts wird mit einem Ritual zelebriert, für das Ryan (ein englischer Kollege von meiner Schule, mit dem zusammen ich Tabla und indischen Gesang lerne) und ich dem Guru einen Blumenkranz, eine Kokosnuss, ein wenig Geld und Süßigkeiten mitbringen. All diese Mitbringsel darf ich der für Weisheit und Gelehrsamkeit zuständigen Göttin Saraswati darbringen. Dies sieht so aus, dass ich der kleinen Statur der Göttin (die immer mit dem Saiteninstrument Vina dargestellt wird) zuerst den Blumenkranz umhänge und daraufhin jeweils mit Kokosnuss, Geld und Süßigkeiten den Fuß der Göttin berühre. Zum Schluss fasse ich mit meiner Hand den Fuß des Gurus an – das symbolisiert, dass ich den unwahrscheinlich hohen Stellenwert des Gurus (Zitat aus dem Guru-Artikel aus Wikipedia: „Der Schüler hat seinem Lehrer Treue und unbedingten Gehorsam, in den meisten Fällen sogar göttlichen Respekt entgegenzubringen.“) anerkenne. Mit dem anschließenden Berühren meiner Schulter mit seiner Hand akzeptiert er mich im Gegenzug als seinen Schüler.
Ich frage mich, warum – neben den selbsterklärenden Blumen und Süßigkeiten – nun  gerade Kokosnuss und Geld dargebracht werden. Die Kokosnuss gilt (wahrscheinlich nicht nur) in Indien als allumfassende Frucht: Man kann ihr Wasser trinken, ihr Fruchtfleisch essen, aus ihrer Schale Werkzeuge, Gefäße und Kunstgegenstände basteln oder sie andernfalls verbrennen, man kann aus ihr Kokosöl gewinnen und die Kokosfasern zu Garn verarbeiten.

Nach kurzer Unterrichtung  über die Musikgeschichte Indiens und der Entstehung und Entwicklung der Tabla versuche ich mich an jeweils zwei verschiedenen Spieltechniken auf kleiner (Tabla) und großer (Dagga) Trommel. Ich erlerne ein erstes Stück/Pattern:
Ge Ge Ti Ti Ge Ge Na Na
Ge Ge Ti Ti Ke Ke Na Na
Verglichen mit meinen körperlichen Mühen, stundenlang im Schneidersitz sein zu müssen, fällt mir das Tabla-Spielen relativ leicht…

Shrutibox, eine Art elektroakustische Drehleier

Shrutibox, eine Art elektroakustische Drehleier

Der Gesangsunterricht beginnt mit der Erlernen der indischen Solmisationssilben Sa, Re, Ga, Ma, Pa, Dha und Ni, die in dieser Reihenfolge eine Dur-Tonleiter darstellen. Es folgen Tonleiterübungen über dem Cis-Orgelpunkt einer elektroakustischen Drehleier (historisch eigentlich auf einer Tanpura zu spielen, mittlerweile aber von der sogenannten Shrutibox übernommen), die exakt dem entsprechen, was man in der abendländischen Musiktradition an Tonleitern übt. Nur das Schmieren der Töne ist bei uns, bis auf Opernhäuser in der Provinz, doch eher unüblich – in Indien ist das Teil der Kunst.

Trotz aller Euphorie für’s Tablaspielen fahre ich mit einem gemischten Gefühl zurück nach Thane: Auf der einen Seite ist Shripad, der Lehrer, hilfsbereit (so organisiert er den Kauf meiner Tablas und leiht mir in der Zwischenzeit zum Üben ein Paar seiner Instrumente), pädagogisch nicht ungeschickt und der Tabla-Unterricht macht Spaß. Auf der anderen Seite ist er kommerziell ganz gut dabei (für indische Verhältnisse ist der Unterricht recht teuer und beim Organisieren meiner Tablas habe ich keine Ahnung, wieviel für ihn rausspringt), sein in Richtung funktionaler Stimmbildung gehender Gesangsunterricht nervt ein wenig und vor allem weiß ich nicht, wie ernst er diese Guru-Schiene nimmt. Er sagt immer, das wäre das Relikt einer vergangenen Zeit – ich werde aber das Gefühl nicht los, dass es ihm persönlich doch recht viel bedeutet. So hat er am Anfang ziemlich lange darüber sinniert, warum er unser Guru und nicht bloß unser Lehrer ist.
Wie dem auch sei: Ich bleibe dran, da das Trommeln ein echtes Erlebnis ist.

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Delhi

Da meine Kollegin Manjiri für ein Seminar zum Goethe-Institut nach Delhi muss, bietet sie mir an, mich für dreieinhalb Tage mitzunehmen. Wir übernachten bei meiner Vorgängerin des »kulturweit«-Programms in Mumbai, die mittlerweile für das Goethe-Institut in der indischen Hauptstadt arbeitet, und verbringen viel Zeit mit ihr.

Ausblick vom India Gate auf den Präsidentenpalast

Ausblick vom India Gate auf den Präsidentenpalast

Delhi erscheint mir nach meinen bisherigen Eindrücken aus Mumbai sehr un-indisch. Es ist grün, vergleichsweise sauber, der Verkehr ist mitteleuropäisch brav, die wahrnehmbare Armut herrscht im Vergleich mit Mumbai nicht in einem so unerträglich hohen Maß, es gibt jenseits der omnipräsenten Straßenhunde viele farbenfrohe Tiere, der Städtebau des Zentrums ist fast ein wenig zu geplant und erinnert mich an Washington D.C. (gerade die Achse zwischen India Gate und Präsidentenpalast weist Parallelen zur Achse Capitol – Lincoln Memorial auf).

India Gate mit Vogel

India Gate mit Vogel

Eichhörnchen am Qutab Minar

Eichhörnchen am Qutab Minar

Schuld an diesem so kontrastierenden Eindruck sind in gewissen Maße auch Commonwealth Games, die derzeit in Delhi ausgetragen werden. Dieses Überbleibsel des British Empires in Form eines sportlichen Wettstreits findet zum ersten Mal in Indien statt und entsprechend hat sich Delhi herausgeputzt: Zur zusätzlichen Begrünung wurden auf den Mittelstreifen jeder größeren Straße im Ein-Meter-Abstand Topfpflanzen gestellt (die fast alle aufgrund mangelnder Wasserzufuhr eingegangen sind). Und die Stadt wimmelt vor überdimensionierten Werbeplakaten (die erstaunlicherweise immer so aufgestellt sind, dass sie die Aussicht der Hauptstraßen auf die Slums verstellen – was für eine Parallele zur ehemaligen DDR, in der die Außenfassaden der Häuser immer nur so hoch gestrichen wurden, wie man sie aus dem Auto eines Staatsratsvorsitzenden heraus sehen konnte).

Green Delhi, aufgenommen im Lodi-Garten

Green Delhi, aufgenommen im Lodi-Garten

Das für mich kurioseste Detail der Commonwealth Games in Delhi ist die sogenannte Commonwealth Games Lane – eine speziell für diese Spiele eingerichtete und in leuchtendem Gelb markierte Fahrbahn, die nur von offiziellen Sportlerfahrzeugen befahren werden darf.
Dass diese Verkehrsregelung in einer indischen Metropole auch nur halbwegs eingehalten wird (in Mumbai fährt man gerne auch mal länger auf der falschen Straßenseite…) spricht für eine drakonische Strafregelung.

Handkarren, aufgenommen nahe des Qutb Minar

Handkarren, aufgenommen nahe des Qutb Minar

Charakteristisch für Delhi erscheinen mir die vielen Denkmäler, vor allem Grabmäler, die von idyllischen Plätzen umgeben sind. Von der UNESCO werden das Grabmal des indischen Herrschers Humayun, das Qutb-Minarett samt Umgebung und die Festungs- und Palastanlage Rotes Fort als Teil des Weltkulturerbes geführt.

Preisstruktur für die Weltkulturerbestätten in Delhi

Preisstruktur für die Weltkulturerbestätten in Delhi

Die Struktur der Eintrittspreise für die UNESCO-Kulturdenkmäler diskriminiert alle Nicht-Inder massiv: Sie zahlen das Fünfundzwanzigfache! (Man stelle sich die Reaktionen auf eine nach Einheimischen und Ausländern gestaffelte Preisgestaltung in Europa vor.)
Nachdem ich für das Qutb-Minarett noch den vollen (nicht-indischen) Preis bezahle, erhalte ich die Information, dass ich mit meinem Arbeitsvisum zu Einheimischen-Konditionen die Weltkulturerbestätten besuchen kann. Beim Grabmal Humayuns gelingt dies problemlos, beim Roten Fort hingegen gibt es erst lautstarke Diskussionen mit zwei Beamten an der Kasse, danach mit dem Kontrollpersonal und schließlich gemeinsam mit Kassenbeamten und Kontrollpersonal.

Sonneneinfall bei Qutb Minar und ehemaliger Quwwat-al-Islam-Moschee

Sonneneinfall bei Qutb Minar und ehemaliger Quwwat-al-Islam-Moschee

Die ersten Bauwerke des moslemischen Indiens finden sich auf dem sogenannten Qutb-Komplex.

Aus den Ruinen der ehemaligen Quwwat-al-Islam-Moschee ragt hier das aus Sandstein gebaute, mit Ornamenten und Koranversen verzierte Qutb-Minarett (Qutb Minar) heraus – eines der Wahrzeichen Delhis. Mit dessen Bau ist wahrscheinlich um das Jahr 1200 als Symbol des Siegs der Moslems über die Hindus begonnen worden. Es gilt als prominentes und eines der frühesten Beispiele für indo-islamische Architektur.

Nach der Besichtigung werde ich gebeten, mich in einem Besuchsbuch einzutragen. Es war interessant, wie kreativ meine Vorgängerinnen und Vorgänger in der Kommentarzeile dieses Buches waren: „Nice“, „Nice place“, „Great atmosphere“, „Really nice“, „Lovely!“, „Lovely and nice“…

Vogel im Lodi-Garten

Vogel im Lodi-Garten

Der Lodi-Garten ist ein zu Kolonialzeiten angelegter Landschaftsgarten, der die Denkmäler der Lodi-Dynastie umgibt.
Diese Kombination aus alter indischer Architektur, englischer Landschaftsarchitektur, farbenfrohen Vögeln und Ruhe verleihen der Anlage Atmosphäre.

Simon im Lodi-Garten

Simon im Lodi-Garten

Interesant sind die auf dem linken Bild  zu sehenden bankähnlichen Konstruktionen. Ob diese hinsichtlich ihrer Anlage zum Muskelaufbau oder zur Linderung von Rückenschmerzen gedacht sind, konnte ich nicht ausfindig machen. Egal, denn genau einen so geformten Gegenstand habe ich mir bei Rückenschmerzen bisher immer gewünscht. Nun weiß ich, wo ich so etwas finden kann .

Detail des Humayun-Grabmals mit sandigem Wind

Detail des Humayun-Grabmals mit sandigem Wind

Das Humayun-Grabmal aus dem 16. Jahrhundert ist vom ältesten erhaltenen Garten in Delhi umgeben. Die gesamte Anlage gilt als Weltkulturerbe. Das Bauwerk, im persischen Stil erbaut, ist Indiens erstes Mogul-Grab und gilt als Vorbild des Taj Mahals.
Für uns dient eine Reihe von Bäumen als schattiger Rückzugsort für Gespräche und zum Ausruhen. Ein ruhiger und friedvoller Platz.

Private Audienzhalle (Diwan-i Khas) des Kaisers in Red Fort

Private Audienzhalle (Diwan-i Khas) des Kaisers in Red Fort

Götterpause in Red Fort

Götterpause in Red Fort

Nach dieser wohltuenden Pause steht die Festungs- und Palastanlage Rotes Fort aus der Epoche des Mogulreiches auf dem Programm. Es handelt sich (ja, schon wieder…) um eine Weltkulturerbestätte der UNESCO.

Beeindruckender war allerdings, der links abgebildeten Gottheit Krishna beim seelenruhigen bis gelangweilten Genuss eines Getränkepäckchens zuzusehen.

Basar in Old Delhi (nahe der Jami Masjid Moschee)

Basar in Old Delhi (nahe der Jami Masjid Moschee)

Rücken unseres Fahrradrikschafahrers

Rücken unseres Fahrradrikschafahrers

Seit meiner Zeit in Delhi kann ich der Liste meiner bisher verwendeten indischen Verkehrsmittel ein traditionsreiches hinzufügen: Per Fahrradrikscha lassen wir eine Stunde durch die Märkte und Basars Old Delhis fahren.
Das ist schön und ermöglicht viele Eindrücke. Aber so richtig wohl ist mir nicht dabei, dass ein Mensch auf einer rostigen und nicht sonderlich gut geschmierten Rikscha für drei Menschen trampeln muss.

Fenster mit Feder, aufgenommen am Humayun-Grabmal

Fenster mit Feder, aufgenommen am Humayun-Grabmal

Mein persönlicher Eindruck nach dreieinhalb Tagen in Delhi ist, neben der eingangs erwähnten größeren Nähe zu europäischem und amerikanische Städtebau und Verkehrstreiben, dass sowohl die Inder als auch ich in einem höheren Maß übers Ohr gehauen werden, als ich das aus Mumbai gewohnt bin.
In Mumbai habe ich bisher noch nicht erlebt, dass ein Taxifahrer nicht nach Taxameter fahren wollte, in Delhi müssen selbst die Einheimischen mit dem Fahrer darüber diskutieren. Die Preise die seitens der Fahrer vorgeschlagen werden sind nicht selten fünfmal höher als  das, was nach Taxameter zu zahlen wäre.

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