Grenzgänge

Meine Füße sind kalt, meine Hände auch, im Wasserkocher sprudelt Wasser für den dritten Tee. Ich glaube, ich werde krank. Edit: Befürchtung hat sich bestätigt.

Diese Woche waren Austauschschüler aus Stuttgart am KSG, was mir die Möglichkeit gab einen Ausflug der Gruppe nach Narva zu begleiten. Narva ist die östliche Stadt Estlands, durch die der gleichnahmige Fluss fließt. Dieser stellt die Grenze zwischen Estland und Russland (und somit die EU-Außengrenze) dar. Ein bisschen verbindet mich auch persönliches Interesse mit der Stadt: ich hatte mich dort auf einen Platz in einer NGO beworben, bevor ich das Angebot von Kulturweit bekam. Wo wäre ich gelandet?

Nach gut zweieinhalb Stunden steigen wir aus dem Zug 220 Tallinn-Narva. Der Zug fährt hier drei mal am Tag, immer auf der gleichen Strecke hin und her. Aus dem Nebel, der uns seit dem Aufstehen begleitet, schaut uns ein gedrungenes Bahnhofsgebäude entgegen. Drinnen mutet es für mein Gefühl noch etwas sovietisch an, auch wenn ich dergleichen nie mit eigenen Augen gesehen habe. In Narva sind ca 90% der Bevölkerung russischsprachig. Narva war dank der günstigen Lage seit dem Mittelalter eine Handelsstadt, wurde aber im zweiten Weltkrieg stark zerstört. In der Sovietunion entwickelte sich Narva zur Industriestadt, es wurden Wohnblöcke für Arbeiter gebaut, die aus Russland und anderen Sovietstaaten einwanderten. Evakuierte Esten durften lange nicht zurückkehren (#shortesterÜberblicküberStadtgeschichteever).

Bahnhof in Narva

Bahnhof in Narva

Den Fluss säumen zwei beeindurckende Grenzfestungen: die estnische auf der einen, die russische auf der anderen. Auf beiden Seiten des Flusses stehen Angler im Wasser und teilen sich in friedlicher Eintracht die Fische der Narva. Sind die eigentlich russisch oder estnisch?

Festungen in Narva (links) und Iwangorod (rechts) gegenüber

Festungen in Narva und Iwangorod gegenüber voneinander. Auf der linken Seite wehen die Flaggen Europas, Estlands und Narvas – rechts (nicht im Bild) weht die Russische.

Angler in der Narva

Angler in der Narva

Die Brücke über die Narva bildet gleichzeitig den Grenzübergang. Für mich, die ich eine wirkliche Grenze innerhalb Europas nie gesehen habe, ist die Situation skurril und schwer greifbar. Ein paar Meter weiter liegt ein anderes Land, in dem andere Bedingungen herrschen als auf dieser Seite der Narva. Die Zäune, Kameras und Schranken verunsichern mich. Aber die Grenze wird überwunden, sowohl durch die Sprache, als auch durch Menschen. Auf der Brücke warten Autos auf die Grenzkontrolle und Fußgänger mit Passierschein wandern zwischen den Ländern hin- und her.

Richtung Stadtzentrum gibt es hauptsächlich Wohnblocks, aber auch den alten Rathausplatz, auf dem eine Außenstelle der Universität Tartu eingerichtet wurde. An der Narva zieht sich eine lange Promenade entlang, die von herbstlich gefärbten Bäumen gesäumt ist. Jogger passieren die Fischer und die wenigen Flaneure auf der Promenade. Trotz all dieser schönen Orte macht die Stadt ohne wirkliches Stadtzentrum einen unvollständigen Eindruck auf mich.

Gegensätze ziehen sich an: die Außenstelle der Universität Tartu als das jüngste Gebäude in Narva, neben dem alten Rathaus von 1671, das erhalten geblieben ist

Gegensätze ziehen sich an: Außenstelle der Universität Tartu als das jüngste Gebäude in Narva neben dem alten Rathaus von 1671, das erhalten geblieben ist

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College am Rathausplatz

Promenade Narva

Promenade

 

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