Erinnern und verlangen

Wenn Mönche aus Finnland ins ferne Armenien kommen, jahrelang in armenisch-apostolischen Klöstern leben und nun über die Philosophie und Spiritualität in den Texten von Hardrock-Bands referieren, muss einiges los sein. 

Yerevan hat sich herausgeputzt. Baustellen, auf denen sich ewig nichts getan hat, wurden binnen weniger Tage fertig gestellt; eine riesige Bühne auf dem Republiksplatz aufgestellt; ja sogar an jeder Straßenecke hat man kleine Bäume und Blümchen gepflanzt. Die Schüler/-innen meiner Schule hängten überall Vergissmeinnicht auf und bastelten ein Modell des Yerevaner Genozid-Mahnmals. Eine kleine Anekdote am Rande: Bei einer Schulaufführung fing das Modell Feuer. Man konnte die Aufregung und Anspannung regelrecht in der Luft riechen. Immerhin möchte Armenien sich ins rechte Licht stellen, wenn die ganze Welt, auch wenn nur für ein paar Tage, auf dieses Land schaut.

Am 24. April dieses Jahres jährte sich der Beginn der Massaker an den Armeniern durch das Osmanische Reich zum einhundertsten mal. In den Tagen vor und nach diesem Trauertag gab es viele Gedenkveranstaltungen, die von Delegationen aus der ganzen Welt besucht wurden. Neben Vladimir Putin und Francois Hollande waren aber mit Sicherheit Kim Kardashian und den in den See auf dem Opernplatz springenden Kanye West die auffälligsten Gäste.

Es regnet in Strömen. Es ist der Abend vor dem 24. April. Die Menschen in Armenien sagen, dass es seit 1915 jedes Jahr an diesem Tag geregnet hat, es ist, als ob der Himmel weint, er weint um das armenische Volk. Dieses Jahr steht es dicht an dicht auf dem Yerevaner Republiksplatz und hört der armenisch-amerikanischen Band ‘System of a Down’ zu. Sie gedenken zusammen und rocken zusammen, so drückte es der Sänger Serj Tankian aus. Es fällt mir persönlich sehr schwer, meine Eindrücke zu diesem Abend in Worte zu fassen. Armenien, eine Nation Überlebender und Geretteter, geteilt in Ost und West, geteilt in Heimat und Diaspora, lässt die Musik für sich sprechen. Und steht gemeinsam auf diesem weiten Platz, während dicke Regentropfen auf ihre Köpfe prasseln.

 

Doch was bleibt von diesen Tagen, in denen dieses kleine Land im Kaukasus im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit stand? Der deutsche Bundestag, das österreichische und luxemburgische Parlament haben zwar kurzfristig die Geschehnisse um 1915 als Genozid eingestuft, doch ob es im kollektiven Gedächtnis bleibt, ist durchaus fraglich. Der türkische Staat leugnet seine Geschichte weiterhin und verwehrt den Armeniern ihren größten Wunsch, den Wunsch nach Anerkennung.

 

Der Regen und die großen Pfützen auf den Straßen verdunsten und fließen in die Abflüsse. Die Autobusse voller finnischer Mönche und Touristen ziehen nach und nach wieder ab. Was nehmen sie mit, was berichten sie über Armenien? Berichten sie über brennende türkische Flaggen und Mittelfinger, die nach Westen zeigen? Sahen sie bloß den Hass oder verstehen sie, was die Armenier wirklich bewegt?

 

https://www.youtube.com/watch?v=lfn-0VA4VYQ

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