ZWS in Tiflis: Yerevan, wir vermissten dich

Wenn ich in meinem Zimmer auf meinem Bett liege und die blau-weiße Raufasertapete anstarre, denke ich oft an die vergangene Zeit. Einzelne Fetzen aus den letzten Monaten gehen mir dabei durch den Kopf. Ich kann es kaum fassen, dass das Jahr 2014 schon fast um ist. Als ich noch im Juni auf einer Wiese im Freibad lag habe ich keine Sekunde daran gedacht, drei Monate später aus dem Flugzeug zu steigen und armenischen Boden zu betreten.

Und nun kam das Zwischenseminar in Georgien. In Georgien, in einem Land, das ich schon immer mal sehen wollte, von dem ich schon so viel und doch so wenig gehört hatte. Um eine Sache vorwegzunehmen, die Landschaft, das Essen und der Wein waren atemberaubend!

Als wir vier Freiwillige aus Armenien in die Marshrutka stiegen, um die Fahrt nach Tiflis anzutreten, freute ich mich sehr auf die kommende Woche, da mir ein bisschen Abstand und Abwechslung vom Alltag an meiner Schule ganz gelegen kam. Ich freute mich darauf, die Gesichter wiederzusehen, die mir schon beim Vorbereitungsseminar am Werbellinsee begegnet waren. Ich freute mich auf die Geschichten, die sie aus Jordanien, Spanien, der Türkei, Tadjikistan, Usbekistan, oder Kazakhstan zu erzählen hatten. Und ich freute mich auf das Essen. Deshalb reisten wir extra drei Tage vor dem eigentlichen Seminarbeginn an. Die wurden ausgiebig dazu genutzt, Tiflis und seine Umgebung zu besichtigen. Dem Spazieren in der Stadt und dem Ausflug ins Stalinmuseum in Gori mit anderen Freiwilligen konnte auch der anhaltende Regen keinen Abbruch tun. Das Seminar an sich gestaltete sich auch recht angenehm. Die TrainerInnen Amelie und Markus waren sehr flexibel und ließen uns sehr viel Freiraum beim Reflektieren über unsere bisherige Arbeit und unseren mentalen Zustand. Diesen mussten wir zum Glück nicht anhand von Haushaltsutensilien oder anderen esoterischen Praktiken beschreiben, wie im Vorhinein befürchtet. Auch der gemeinsame Ausflug nach Mzkheta, aber besonders der anschließende Gang in die berühmten Schwefelbäder von Tiflis waren toll. Als mir Moritz neulich davon beim Essen erzählte, hätte ich doch besser zuhören sollen, dann hätte ich gewusst, was mich erwartet.

“ Zu einem Bad nach georgischer Art gehört eine eingehende Massage auf einer Steinplatte. Der Masseur bearbeitet Rücken, Arme und Beine, steht auf dem Rücken, läuft das Rückgrat hinauf und hinunter. Alte Haut entfernt er mit einem Handschuh aus Pferdehaar. Zwischen den Massagegängen wird geduscht und zum Schluss gibt es kräftige Warmwassergüsse aus Eimern.”

So wird ein Bad in den Schwefelbädern bei Wikipedia beschrieben. Um die Innensicht des Massierten besser nachvollziehen zu können, helfen die folgenden Aneinanderreihungen von physischen und psychischen Zuständen: Atemlosigkeit; körperlicher Schmerz; Verbrennungen ersten Grades; umherfliegende Hautfetzen, brechende Knochen; gekitzelte Füße; der Wunsch, dass es aufhört; die Sehnsucht, ohne bleibende Schäden davonzukommen; das Unbehagen, einen kleinen, drahtigen Mann mit seinen Füßen auf meiner Wirbelsäule zu spüren, der seine gesamte Körper- und Willenskraft darauf einsetzt, irgendein Gelenk, dessen Existenz mir nicht einmal bewusst war, zum Knacken zu bringen.

Im Nachhinein hat sich diese intensive Beanspruchung meiner körperlichen Hülle als Wohltat herausgestellt. Der Geruch von faulen Eiern, der in den Schwefelbädern von Tiflis meine Alveolen reinigte, ließ mich mein weltliches Selbstbewusstsein wiederlangen.

Diese Auszeit in Tiflis, die Möglichkeit mit anderen ins Gespräch zu kommen, war gut für mich. Ich habe Kraft und Kreativität für die kommenden acht Monate geschöpft. Doch ich bin auch froh, jetzt wieder in Yerevan zu sein. Moritz geht es wohl auch so: Als die Marshrutka wieder in Yerevan ankam, sprang er singend aus dem Auto:

“Sirun Yerevan, sirun Yerevan, es karotel em qez! – Schönes Yerevan, Schönes Yerevan, ich vermisste dich!”

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