Zgushazek!

Nachdem mir aufgefallen ist, dass es im Deutschunterricht an armenischen Schulen eine beliebte Aufgabe ist, von seinem Alltag und seinem Ferientag zu berichten, möchte ich mich auch einmal daran versuchen:

Mein Ferientag

Ende Oktober waren Herbstferien in Armenien und Leonie schlug vor, einen Projekttag an ihrer Schule zu veranstalten. Einige ihrer Schüler hatten sie darum gebeten, weil sie einen Vorwand brauchten, nicht beim Einlegen von Obst und Gemüse für den Winter helfen zu müssen. Isabel (Isabel ist inzwischen leider nach Deutschland zurückgekehrt – Es war eine schöne Zeit mit dir!), Leonies Eltern und ihre zwei Brüder, die zu dieser Zeit zu Besuch in Armenien waren kamen auch mit. Also quetschten wir uns alle in eine Marshrutka und fuhren nach Sardarapat.

In der Schule bauten wir verschiedene Stationen für die Kinder auf. Leonies Familie machte Waffeln, Elene und Isabel malten und bastelten, Moritz spielte Bewegungsspiele und ich sang mit Leonie deutsche Popsongs. Die Schüler waren alle begeistert dabei und wir hatten alle viel Spaß, es war ein schöner Tag.

1458636_804878196222798_1579639294523196699_n     10349070_804877679556183_7816866642534492902_n

Mein Alltag

Der Wecker klingelt, es ist 9:50 Uhr. Ich drehe mich um und ziehe meine Decke wieder über den Kopf. Als ich eine halbe Stunde aus meinem Halbschlaf wieder erwache, hetze ich los. Schnell ins Bad, anziehen und aus dem Haus. Im Treppenhaus bremst mich die alte Nachbarin, die auch hinunter möchte, aus. Aber ich bleibe freundlich, grüße sie mit einem herzlichen “Barev dzes” und dränge mich an ihr vorbei. Auf dem Hof steige ich gekonnt über die Schlaglöcher und höre, wie die Straßenkatzen mich nach Futter anflehen, doch jetzt habe ich keine Zeit für sie. Der Weg zur Bahnstation führt durch eine kleine Parkanlage und durch die “Fressgasse”, eine kleine Straße, in der schier alle erdenklichen Lebensmittel zu erwerben sind. Ich springe die Treppen zur Haltestelle “Barekamutyun” hinunter und überlege kurz: Links oder rechts lang? – Jedes mal bin ich verwirrt von den vielen kleinen Läden und Ständen, die die ganze Passage gleich aussehen lassen. Ich finde schließlich die Rolltreppen hinunter zum Bahnsteig und ahne schon, dass die Metro gleich kommt. “K’nereq, Neroxutyun” flüstere ich, während ich mich an den Leuten vorbeiquetsche. Unten angelangt lege ich einen kurzen Sprint ein und schaffe es gerade noch so, einzusteigen. Im Zug setze ich mich gar nicht erst hin, ich muss früher oder später eh den Platz räumen, wie es die armenische Etikette verlangt. Ich lehne mich stattdessen an die Wand und lausche. Der Klangteppich aus Gebrabbel und dem Rattern des Zuges wird alle paar Minuten durch Ansagen unterbrochen. “Zgushazek! Hajord Kayarany Marshall Baghramyan” – Das Yerevaner Metronetz kenne ich inzwischen auswendig: “Yeritasaderkan – Hanrapetutyun Hraparak – Zoravar Andranik – Sasuntsi Davit” Hier steige ich aus und kämpfe mich durch den anliegenden Hauptbahnhof und den Markt. Bis zu meiner Schule sind es noch etwa sieben Minuten zu Fuß. Angekommen klopfe ich an die Glastür, die Hausmeisterin hatte schon abgeschlossen. Entnervt quält sie sich aus ihrer Kabine und schließt mir auf.

Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit, da bin ich wirklich jeden Tag zu spät gekommen. Eigentlich dachte ich, dass das mit dem Zuspätkommen nun vorbei ist. Mein Blick wandert von meinem Handgelenk wieder hoch und ich sehe, dass manche Schüler noch auf dem Gang spielen. “Guten Tag, Hallo Robin, Wie geht’s?”, schallt es mir wie jeden Morgen entgegen. So kitschig es klingen mag, ein bisschen warm ums Herz wird mir dabei schon. Von innen generierte Wärme kann man im Yerevaner Herbst gut gebrauchen, denn die Temperaturen sind in den letzten Wochen ziemlich gesunken. Beklagten Moritz und ich uns noch über die Hitze als wir Ende August ankamen, können wir inzwischen kaum mehr rausgehen, ohne dick eingepackt zu sein. Als Moritz vergangenes Wochenende mit einer Wandergruppe in einem anderen Teil des Landes unterwegs  gewesen war, soll er mit dem Bus im Schnee stecken geblieben sein. Ich war schockiert!

Nach getaner Arbeit (Musik-AG, Theater-AG und Sprachkurs) ziehe ich meine Mütze über den Kopf, wünsche der Hausmeisterin “Hadjoxutjun” und trete gemütlich den Rückweg an. Auf dem Markt werden mir allerlei Gemüsesorten angeboten, doch ich weiß, wo ich hin will. Ich gehe zum Auberginenhändler meines Vertrauens und handele den Preis um 10 Cent herunter. Ich steige in die Metro, schüttele den Kopf, als mir die Bleistiftverkäuferin Bleistifte verkaufen möchte und versuche die Namen der Haltestellen mitzusprechen: “Zoravar Andranik – Hanrapetutyun Hraparak – Yeritasaderkan – Marshall Baghramyan”. Kurz bevor ich aussteige ertönt es noch einmal: “Vercin Kajaran -Barekamutyun”. Oder wörtlich übersetzt: “Endstation – Freundschaft”.

In meiner Wohnung entledige ich mich meines Schals und werfe meine Tasche in die Ecke. Ich packe das gekaufte Gemüse aus, schneide es klein und schmeiße es in die Pfanne. Der Reis vom Vortag gesellt sich mit drei Eiern dazu. So einfach ist kochen! Moritz, der schon ein paar Jahre älter ist und bereits im 13. Semester Lehramt in Trier studiert, hat mich an seiner Lebenserfahrung teilhaben lassen und mir gezeigt wie das geht. Ein paar Minuten später kommt auch er aus der Schule zurück und fragt was es gibt. “Reis mit Ei und Gemüse – also das gleiche wie immer”, antworte ich. Aber ihn stört das nicht. “Du weißt ja, ich esse gerne und viel. Mir kommt es nur darauf an, dass es nicht komplett eklig ist und, dass es den Magen so voll wie möglich macht. Man könnte meinen, ich wäre ein Gourmet.” Während wir essen und Moritz mir irgendetwas über georgische Schwefelhöhlen erzählt, schweifen meine Gedanken ab und ich muss an diesen bescheuerten Witz denken, den mir Leonie erzählt hat: “Was sind die teuersten Tomaten? – Geldautomaten”. Als Moritz merkt, dass ich ihm nicht mehr zuhöre und stattdessen mein Essen angrinse, schüttelt er den Kopf und sagt: “Sag mal, was lachst du eigentlich wieder so dämlich? Solange wir zusammen wohnen muss ich echt aufpassen, dass ich nicht auch noch so ‘ne Macke kriege wie du!”. Wir lachen uns an.

2 responses to “Zgushazek!

  1. Katja Andersson

    Toller Text, Robin! Schöner Blog, ich gucke sehr regelmäßig rein! „Endstation – Freundschaft“ – großartig, im Zusammenspiel mit deiner Alltagsschilderung, die 1 im Abi ist gerechtfertigt. Lass es dir gut gehen, höre immer gern von dir! Gedanken+Grüße

Zur Werkzeugleiste springen