Sevan: Was Pastoren unterm Rock tragen

Armenien ist kein großes Land, deswegen kann es schon einmal vorkommen, dass einem das ein oder andere Gesicht auf der Straße bekannt vorkommt. Die Taxifahrer, die Moritz und mich durch Hayastan (Eigenbezeichnung des Landes) kutschieren, sehen wir gefühlt jeden Tag wieder. Ihr deutsches Klientel vergessen sie natürlich auch nicht, so wird man mit einem kräftigen Hupen von der anderen Straßenseite begrüßt. Sie freuen sich immer, Kontakt mit dem Rest der Welt zu haben und ihren bestehenden deutschen Wortschatz (Guten Tag; Borussia Dortmund gut; Mercedes Benz gut)  durch geistreiche Poesie aus dem Land der Dichter und Denker (Haus – Maus, Opel – Popel) bereichern zu können. Auch den ein oder anderen, den man auf Ausstellungen armenischer Petroglyphen in 200 Kilometer entfernten Ortschaften trifft, rennen einem auf dem Yerevaner Opernplatz unverhofft in die Arme.

Allerdings sieht man hier auch jeden Tag etwas unbekanntes und verwunderliches. Sei es  eine Katze, die mir aus der Küche entgegenspaziert, drei alte Männer, die einen alten Kühlschrank auf ein noch älteres Auto hieven, oder die erste Tiefgarage Armeniens. Dieses Land besteht aus mehr als aus Vieh, das über Autobahnen aus Schottersteinen getrieben werden!

Hier weitere, mir ins Bewusstsein strömende Eindrücke: Junge Männer in Blumenhemden; mit Sonnenblumenkernen herumspuckende Rentner; “Barev Axper jan” als allgegenwärtige Grußformel; eine blonde, von Heiratsanträgen überhäufte Kulturweit-Freiwillige; Schüler, die mich nach meiner Telefonnummer fragen und mir anschließend die Hand zum High-Five reichen; Eiskrem in roter Verpackung mit der Aufschrift “CCCP”.

Heute sind Elene, Leonie, Moritz und ich zum Sevansee, dem größten See im Kaukasus gefahren. Anscheinend hat der Sevansee für Iraner die gleiche Anziehungskraft wie Mallorca für Deutsche, denn aus jeder Gasse dieses idyllischen Bergplateaus dröhnten persische Popmusik und im Takt schnipsende Finger. In den am Ufer liegenden Restaurants wurden ausschließlich Bestellungen auf Farsi entgegengenommen und der Schnaps im Minutentakt nachgefüllt. Nur ins saukalte Wasser trauten sich mal wieder nur wir beinharten “Germanazis” (Armenisch: Deutsche). Aber auch kulturell hatte dieses Reiseziel, das von wirklich jedem Schüler in meiner Schule genannt wird, wenn ich frage, wie die Sommerferien verbracht wurden, viel zu bieten. Sevanavank sind drei Kirchen, die ursprünglich auf einer Insel des Sees errichtet wurden. Inzwischen ist der Wasserpegel des Sees aber soweit abgesunken, dass es nunmehr eine Halbinsel ist.

Inmitten Horden von iranischen Touristen sind Moritz und ich in eine religiöse Zeremonie geraten. Urplötzlich versammelten sich alle anwesenden unter einer vom Pastor ausgebreiteten Decke. Weil sie aber nicht groß genug für alle war, wurden vereinzelt Köpfe unter das Gewand des Pastors gesteckt. Er aber ließ sich davon nicht ablenken und sprach das Vaterunser und einen Segen aus.

Kirchen in Armenien haben die Eigenheit, dass man dem Altar niemals den Rücken zukehren darf. Wenn es dazu noch Brauch ist, die Kirche durch eine andere Tür zu verlassen, als durch der man hineingelangt ist, können einige Komplikationen, wie das Stolpern über die eigenen Füße, das Stolpern gegen einen Reliquienschrein oder das Stolpern über eine kleinere, ältere Dame auftreten.

In der Tat, hier in Armenien lässt sich viel erleben. Ich lasse jetzt den Abend mit von meiner Gastmutter gekochten Dolma (Weinblätter mit Reis- und Fleischfüllung) und der Übertragung des Bundesligaspiels von Hannover 96 im russischen Fernsehen ausklingen. Ein bisschen Heimat kann man sich ja doch manchmal gönnen.

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