Zuhause zwischen Kant, Goethe und Allende

Mein Blick schwebt über die Bücherreihen vor mir, vorbei an den ganz großen der Philosophie von Aristoteles über Marx bis hin zu Wittgenstein, weiter zur Soziologie und Politik. Dann einmal den Blick nach hinten gewendet, eröffnen sich mir eine Vielzahl an bunten Kunstbildbänden, bevor ich auf die ganz große Literatur stoße. All die Bücher, von denen man immer gehört hat und die dann doch nur selten tatsächlich Wort für Wort verschlungen wurden, all die Bücher, von denen es immer heißt „die sollte man aber gelesen haben, die gehören einfach dazu“, jene Bücher, die es in Reich-Ranickis Kanon geschafft haben und deren Manuskripte zum Teil im Marbacher Literaturarchiv für die Ewigkeit gesammelt werden, denn wenn Worte konserviert werden, dann diese , bauen sich vor mir auf.  Der Wunsch in exakt diesem Augenblick einzutauchen in all Welten, die sich hinter den Seiten verbergen, wächst mit jedem Buchrücken, den mein Blick streift . Einfach meine Gedanken einzutauschen gegen die der Dichter und Denker vor mir.

Doch noch stecken die im Hier und Jetzt fest. Das heißt erst einmal einen kleinen Rundgang durch das Goethe-Insitut und jede Menge neuer Gesichter und Namen, die ich mir ebenso wenig alle merken kann, wie die meiner Mitbewohner (keine Ahnung warum mein Gehirn eher einem Sieb gleicht als den verworrenen Abbildungen in meinem alten Biologieschulbuch), bevor ich dann in die Bibliotheksarbeit eingewiesen werde. Bücher ausleihen, zurückbuchen und Ausweise austellen, bedeutet das tägliche Brot hier. Diese Aufgaben werden durch zahlreiche Projekte erweitert von denen ich dann zu berichten weiß, wenn ich eben jene genauer kennengelernt habe.  Denn im Augenblick beschäftigt mich das andere noch recht gut, ist es für mich nicht das einfachste chilenische Nachnamen zu suchen und Telefonnummern einzugeben. War ich noch nicht einmal in meiner Muttersprache der große Held darin, Zahlen aufzunehmen und niederzuschreiben, von Spanisch ganz zu schweigen. Aber das wird schon auch noch.

Und dennoch, wie die der erste Absatz nur unschwer vermuten lässt, schäume ich vor Begeisterung wie Ahoij Brause in Sprudel (entschuldigt den völlig bescheurten und unnützen Vergleich, aber aus mir unbekannten Gründen beglückt mich das ungemein) über die Goethe Bibliothek. Der Ausdurck „kein aber fein“ wurde wohl für genau diesen Ort geschaffen. Und so wächst langsam das Gefühl angekommen zu sein. Angekommen, zu Hause zwischen Kant, Goethe und Allende.

2 Gedanken zu „Zuhause zwischen Kant, Goethe und Allende

  1. Ach Nicky, das hört sich alles wunderbar an! Sehr schön geschrieben, ich wäre auch gerne in Santiago, wie du ja weißt. Aber ich freue mich schon auf den nächsten Artikel von dir 😉

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