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Hebron: Nahostkonflikt hautnah

Ich wollte mir mit diesem Artikel eigentlich Zeit lassen, bis ich in der richtigen Stimmung bin und die richtigen Worte finde. Aus gegebenem Anlass, verzichte ich nun aber auf eine halbe Stunde mehr schlaf und schreibe stattdessen über die Stadt Hebron in der Westbank. Am Ende des Artikels wirst du noch erfahren, was der besagte Anlass ist.

Es war vorletzten Sonntag, also vor etwas mehr als einer Woche, dass ich mich mit Clemens und Matteo auf den Weg nach Hebron gemacht habe. Ich hatte schon vorher viele Geschichten über die Stadt gehört und wollte mich selbst davon überzeugen, was dort vor sich geht.

P1030816 Hebron liegt im Westjordanland und ist eine der ältesten ununterbrochen bewohnten Städte der Welt. Zur Zeit der Kanaaniter war es eine Königsstadt. Archäologische Funde deuten darauf hin, dass Hebron im 3. Jahrtausend v. Chr. gegründet wurde. Die Stadt wird in der Bibel an zahlreichen Stellen erwähnt.

Die in der Nähe gelegene Höhle Machpela, Höhle der Patriarchen oder Erzvätergrab genannt, (arabisch ‏الحرم الإبراهيمي‎, DMG al-ḥaram al-ibrāhīmī, hebräisch מערת המכפלה ma’arat haMachpela), gilt nach der biblischen Überlieferung als der Ort, an dem Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob und Lea begraben sind. Diese Höhle gilt für den Islam und das Judentum als heilig, so dass Hebron für beide Religionen sehr bedeutend ist. Der israelitische König David soll in Hebron zum König gesalbt worden sein und dort regiert haben, bis er Jerusalem erobert und die Hauptstadt dorthin verlegt haben soll. Der byzantinische Kaiser Justinian I. baute im 6. Jahrhundert eine Kirche über dem Grab, die später von den Sassaniden zerstört wurde. […]

1917, im Verlauf des Ersten Weltkrieges, wurde Hebron britisch besetzt und anschließend Teil des Mandatsgebiets Palästina. 1948 annektierte Jordanien das Westjordanland, und Hebron wurde zu einer jordanischen Stadt, bis Israel im Sechstagekrieg 1967 das Westjordanland eroberte und Besatzungsmacht wurde.

Im Zuge der israelischen Besiedlung des Westjordanlands zogen nationalreligiöse Siedler zunehmend in die Innenstadt Hebrons. Als Vater der Siedlerbewegung in Hebron wird der Rabbi Mosche Levinger angesehen. Wegen der isolierten Lage zogen nur wenige Juden in die z.Zt. ca. 200 Personen (zuzügl. ca. 250 Yeshiva-Studenten) umfassende Altstadtsiedlung, die von der israelischen Armee gesichert wird.

Im Hebron-Abkommen von 1998 einigte sich Israel und die Palästinensische Autonomiebehörde auf eine verwaltungstechnische Teilung der Stadt in den Sektor H1 (palästinenisch kontrolliert) und den Sektor H2 (israelisch kontrolliert). Zwei Jahre nach Ausbruch der Zweiten Intifada kam es auch in Hebron zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Seit 2002 kontrollieren israelischen Streitkräfte das gesamte Stadtgebiet (H1 und H2) und verstoßen somit gegen das Abkommen von Hebron. 2005 wurden permanente Überwachungstürme in H1 errichtet sowie Mauern, Zäune und mehr als 100 Straßensperren.

Nach einem Bericht der beiden israelischen Menschenrechtsorganisationen ACRI (Association for Civil Rights in Israel) und B’Tselem mussten Palästinenser aufgrund der Präsenz israelischer Siedler, Soldaten und Polizisten 1014 Wohnungen räumen und mindestens 1829 Geschäfte und Betriebe im Stadtzentrum aufgeben; mindestens 440 davon wurden auf Befehl der Armee geschlossen.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hebron

Der Wikipedia-Artikel gibt einen kurzen Überblick über Hebron. Hier wohnen ca. 200.000 Palästinenser und etwa 1000 israelische Siedler (nach Angabe eines Siedlers, abweichend von der Wikipedia-Info).
Die Stadt und ganz besonders die oben beschriebene Höhle ist für Moslems ebenso bedeutend wie für die Juden. Sie gilt den Juden als zweitheiligste Stätte und für die Moslems ist es das Grab Abrahams, dem Urvater des Islams.
Die jüdischen Siedler in Hebron leben in einem Teil der Altstadt in unmittelbarer Nähe zu den palästinensischen Familien und deren Häusern. In der Vergangenheit, noch vor der zweiten Intifada, kam es immer wieder zu Zusammenstößen zwischen beiden Parteien. So etwa 1929 beim Massaker von Hebron, als nach heftigen jüdisch-palästinensischen Zusammenstößen in Jerusalem auch in Hebron 67 Juden getötet wurden.
Oder aber das Goldstein Attentat vom 25. Februar 1994, als der extremistische Siedler  Baruch Goldstein bei einem Morgengebet in der Abraham-Moschee mit einem Sturmgewähr um sich schoss und dabei 29 betende Muslime tötete.
In den letzten Jahren, ganz besonders nach der zweiten Intifada, wurde die Sicherheit der Siedler so schwierig eingeschätzt, dass die Stadt geteilt wurde. Ganze Straßenstriche der Altstadt mit etwa 1800 palästinensischen Geschäften und 1000 Wohnungen sind heute durch Mauern, Stacheldraht und Zäune zu einer Geisterstadt gemacht wurden. Der Grund hierfür ist, dass diese Straßen zu nah an den Siedlern liegen. In den übriggebliebenen Straßen der Altstadt werden über den Gassen Zäune und Tücher gespannt, die den Müll der Siedler auffangen, die oberhalb der palästinensischen Läden leben. Beide Seiten erzählen davon, dass sie mit Steinen beworfen werden. Beide Seiten fordern das alleinige Recht auf Hebron und die Abraham-Moschee.

Die Abraham-Moschee wurde bisher durch eine Türe getrennt. Die eine, kleinere Hälfte der Moschee wurde von den Palästinensern genutzt und die andere Hälte zur Synagoge umfunktioniert. Der Zugang zur Synagoge führt über eine Straße, deren Benutzung für die Palästinenser nicht gestattet ist. Sie wird von ihnen “sari su-hada!” genannt – Übersetzte bedeutet das “Straße – Was soll das?!”.
Vor etwa einer halben Stunde habe ich die Nachricht bekommen, dass heute die gesamte Moschee von den jüdischen Siedlern übernommen wurde. Nach eigenen Recherchen habe ich diese Informationen auch im Internet gefunden:

Diese Artikel gehören zu den ersten Meldungen die ich finden konnte. Aus der Westbank selbst habe ich die Meldung, dass morgen, am Dienstag ein Generalstreik stattfinden wird. Ob wir in Jerusalem auch etwas davon mitbekommen werden, wird sich wohl erst morgen herausstellen. Brisant ist das Thema allemal.
Ganz besonders geht mir dies an die Nieren, da wir erst vorletzten Sonntag noch beide Seiten der Moschee/Synagoge besuchten. Wir unterhielten uns jeweils mit einem Palästinenser und einem orthodoxen Juden. Besonders das Gespräch mit dem Orthodoxen war sehr interessant, er meinte zu uns “One time, all this will be ours”. Bestritten hatte ich das nach den bisherigen Erlebnissen nicht. Aber das es dann doch so schnell geht ist wirklich erschreckend.

Updates: Es gibt mittlerweile zwei Updates zu diesem Artikel:

http://kulturweit-blog.de/philipp/2010/02/23/update-ausschreitungen-in-hebron/

http://kulturweit-blog.de/philipp/2010/02/28/update-krawalle-jetzt-auch-in-jerusalem/

Hier noch Fotos von unserem Ausflug:

11 Kommentare

  1. Wie der Titel schon sagt: Nahostkonflikt hautnah. Wirklich ein intensives Erlebnis. Würde mich interessieren wie es jetzt dort weitergeht. Wäre gut wenn Du nochmal davon berichten könntest.

  2. Ja wirklich heftig…Und das Traurigste ist, dass man nichts gegen diese himmelschreiende Dummheit tun kann. Die Juden haben so ein Scheiß im Deutschen Reich selbst erlebt, gelernt haben sie daraus scheinbar trotzdem nicht. Wie kann man so intolerant sein? Sowohl Israelis, als auch Palästinenser sind doch Menschen, oder hab ich was verpasst?

    P.S.: Sehr interessant ist auch die Wiki Formulierung: “gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften”.

  3. Profilbild von Philipp Wellmer

    Was meinst du mit “gelernt haben sie daraus scheinbar trotzdem nicht.”? Was gibt es denn da zu lernen? Wie man verfolgt und in Massen umgebracht wird? Man sollte mit solchen Aussagen vorsichtig sein!
    Es gibt halt auf beiden Seiten den Fanatismus. Auf gar keinen Fall ist das zu verallgemeinern. Die meisten Palästinenser wollen in Ruhe leben. Trotzdem gibt es Anschläge. Die meisten Israelis haben vor den Anschlägen angst – Also schützt der Staat seine Bürger. – Und das kompromisslos.
    Was die Moschee angeht: Es ist gerade noch ziemlich unübersichtlich. Es scheint, dass Israel den Palästinensern für die zweite Hälfte einen großen Batzen Geld zahlt.

  4. Sie haben am eigen Leib erfahren, wie es ist als Bevölkerungsgruppe stark benachteiligt zu werden (was wirklich harmlos ausgedrückt ist). Wenn man sich anschaut, wie seit der Gründung Israels die Paslästinenser aus den Gebieten “rausgedrückt” werden…natürlich ist Terror nicht der richtige Weg, aber ich kann die Reaktion der Palästinenser durchaus verstehn. Sie sehen keine andere Möglichkeit und haben kaum nochwas zu verlieren.
    Ich wollte mit meinem Kommentar keines der beiden Verhalten gut heißen. Es ist nur so, dass Israel mit der UN und den USA im Rücken seine Überlegenheit übertrieben ausnutzt und daher auch diejenigen wären, die dem kindischen Trauerspiel mit fairen Kompromissen ein Ende bereiten könnte. Wenn die Palästinenser soetwas versuchen würde, würde es doch eh nicht angenommen werden. Warum sollte sich Israel mit dem halben Land zufrieden geben, wenn es die Mittel hat das Ganze zu bekommen?!?

    Und zu dem Geld: Es ist schön, dass die Israelis dafür bezahlen, allerdings glaube ich 1. nicht, dass soetwas wie diese Mosche mit materiellen Dingen aufgewogen werden kann und 2. ist doch die Frage, warum sind die Palästinenser in der Situation, dass sie eines ihrer wichtigsten Heiligtümer für Geld hergeben?

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  7. Pingback: “Tag der Wut” – Unruhen in Jerusalem | Ein Jahr in Jerusalem

  8. Die Hauptursache für den Nahostkonflikt ist eine ideologische, die jedoch nie verstanden wurde und auch in Zukunft wohl nie ganz verstanden werden wird:

    Ich, der ich Physik und Medizin studiert habe, kenne nur noch individuelle Körper, die alle wachsen und aufrechterhalten werden wollen (das ist die Bedeutung des alten griechischen Worts physis, das auch in Englisch physician [Mediziner] bzw. physicist [Physiker] auftaucht).

    Ob diese Körper über ihr körperliches (“Zombie”-) Dasein hinaus auch noch denken und lernen können, ist in den meisten Fällen extrem zweifelhaft und für Mediziner und Physiker sowieso egal, da diese in ihrer Praxis ja nur mit Körpern (engl. “bodies”) zu tun haben.

    Wenn also im Jahre 2010 ein Körper immer noch das Maul aufreisst und schreit, er sei ein “Jude” oder “Taliban” oder “Amerikaner” oder “Arier” oder “Afroamerikaner” oder “Basler”, so ist er sicher kein Physiker oder Mediziner, oder er kann eben weder denken noch aus “der Geschichte” lernen… (ist also tatsächlich bloss ein schreiender “Zombie” bzw. “unbewusster” Körper).

    Und übrigens: auch Kleinkinder, die noch nicht von Erwachsenen versaut sind, kennen nur Körper, mit denen sie gemeinsam spielen können — aber keine “Juden”, “Amerikaner”, “Basler”, “Schwarze”, etc. ….

    Verstehe nun, wer kann (vermutlich eben kein einziger Körper bzw. Zombie weltweit, denn sonst gäbe es schon lange keinen Nahostkonflikt mehr…)!

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