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El Lustrabotas – Der Schuhputzer

(Zur Abwechslung mal etwas Prosaisches… ich selbst gehöre übrigens zu den fahlen Gesichtern hinter den Scheiben des aufgebockten Motors….)

Meine Finger werden zu Eis zerfallen, so kalt und ganz leblos schlackern sie an meiner Hand, wie Würmer vor der Fütterung und ich laufe, laufe dass die Finger nur so fliegen in der Luft, rechts links, ich höre es knacken, vielleicht ist einer gebrochen, ich spüre nichts. Sollen sie doch abfallen, ich brauche sie nicht, ja, da werden die anderen gucken wenn ich ohne Finger Räder schlage bergauf bergab, wenn ich ohne Finger Schuhe putze, mit dem Mund, dem Mund werde ich es machen, dafür kann man mehr nehmen, das Doppelte, diese Idioten, sie werden staunen und wünschen, sie hätten auch keine Finger mehr. Sollen sie doch in den Rinnstein fallen, zusammen mit dem ganzen Wasser und der Wurst von Juán, ganz frisch und dampft noch, und plumps den Ratten auf der Teller, die werden sich freuen mit ihren roten Augen, mit dem Schwanz werden die wackeln und meine Finger fressen, zack zack, da bleibt nix übrig bei denen, nicht mal die Knochen.

Es ist so kalt, so kalt, ich rutsche aus und schlage mich hin, ein Finger bleibt im Dreck, die anderen nehme ich mit, ich habe nur noch neun, noch neun Finger und zwei Füße ohne Zehen, die sich für mich in die Kurve legen, weiter hoch. Beweg deinen Körper sonst frierst du fest und kommst nie wieder los, sag dir dass oben der Himmel auf dich wartet. Oben scheint die Sonne. Und dann nehm ich meine Mütze ab und schüttel die Läuse raus und wälz mich im Gras wie ein Hund, das geht auch ohne Finger, und später vielleicht werd ich einen Schuh putzen von so einem Herrn mit langem Daumennagel und Gehstock. Vielleicht ist es auch nur ein fetter Tourist mit Sonnenbrand, dem werde ich den Schuh putzen für hundert Bolivianos, einen Schuh, mehr nicht.

Ich putze Schuhe, rechts links Taktgefühl, klopf klopf Unterseite, Hebelwirkung, Seitenwechsel, Schuhcreme schwarz braun blau. Die blauen sind selten, ich mag blau, blau ist wie der Himmel und das Wasser, blau ist die Schürze meiner Mutter, wenn sie mir mit ihren Fingern über die Stirn fährt und in die Haare, meine Haare sind wie Borsten, ich könnte meine Bürste bespannen damit, ich könnte Schuhe putzen mit meinen Haaren. Ich laufe, Knie nach vorn, ich sehe nichts als den weißen Streifen neben mir, den darf ich nicht überqueren. Ein aufgebockter Motor rast an mir vorbei, hinter seinen Scheiben sitzen bleiche Gesichter mit großen Augen und dunklen Mündern. Meine Sandalen haben Riemen aus Leder, die geben nicht so schnell nach, und oben ist Himmel, ist Gras und Sonnenschein und vielleicht ein Mädchen mit blauer Schürze, ein Herr mit blauen Schuhen.

Und am Abend packe ich meine caja, packe in Ruhe, es ist hell auf der Straße und der Rinnstein noch warm, ich ordne alles für den nächsten Tag, die Bürsten, die Schuhcreme und die tinta, ist nicht mehr viel übrig davon, zwei Tücher für die Schuhe und eins für die Nase, den clefa, aber die pasamontaña zieh ich nicht aus, zieh sie bis weit hinauf unter die Augen. Mein Bauch knurrt, ich esse zu wenig, fast nichts, nur am Morgen bevor ich zu arbeiten beginne, heißen Mais mit Käse von der Frau an der Ecke vor der San Francisco mit den zwei kleinen Mädchen, die haben dasselbe Gesichtchen, ein Maisgesichtchen und rotgebrannte Backen von der nahen Sonne, die Bäckchen pellen sich und die Haut hängt in Fetzen, sie spielen Fang-mich auf der Straße um den Topf mit den Maiskolben herum. Am Morgen schon spielen sie, und spielen den ganzen Tag und spielen bis abends und in der Nacht, lachen und laufen und frieren nicht fest.

Ich nehme mir eins von den Mädchen, ich nehme mir eins damit es mit mir läuft den Berg hinauf, immer vor mir weg und wo es gelaufen ist wird die Luft ganz warm und riecht nach Kindermund, nach Mädchenhaar, die kleinen schwarzen Füße plitsch platsch durch die Pfützen, blaues Wasser, sing! sage ich, als ich die Sirenen höre, die hinter uns die Straße hinaufjagen, sing lauter!, und die caja schlägt mir gegens Knie, und ich treibe uns auf dem Seitenstreifen entlang, wir fliegen fast, so schnell sind wir, fliegen wie auf einem Teppich und geradewegs über die Maschinen hinweg, durch das schwarze Dach hinaus zur Sonne, das ist nicht weit,  dauert nur ein paar Sekunden und wir sind da, und die Backen des Mädchens glühen wie Granatäpfel, rot und dick und rund.

Wir nehmen uns das Mädchen, sagen sie zu mir, einer von ihnen hält mich unten fest, damit ich nicht lostrete mit meinen Sandalen, wir nehmen uns die kleine mamita, deine Süße hier, seine Hand drückt zu, ich kann sein Gesicht sehen im halben Schatten. Sag kein Wort, verstanden? Ich sage kein Wort, ich denke, sie ist erst ein paar Jahre alt denke ich, kann nicht schnell laufen, nicht putzen, kaum sprechen. Du darfst sie nicht hergeben. Das Mädchen muss bei dir bleiben, es ist zu klein, du musst drauf aufpassen auf der Straße und wenn sie ihm Geld geben steckst du es ein und bringst es deiner Mutter und bringst das Mädchen zurück zu ihr. Wir nehmen das Mädchen, sagt der Große ohne Haare, der Kopf sitzt ganz wackelig auf seinem dünnen Hals, Hahnenhals, mit meinem Messer könnt ich den abschneiden, zack und weg, mit meinem Messer, mit einem Hieb. Sie nehmen sie sich, greifen nach ihr und unter die kleinen Arme und sind schon weg, hinter der Kirche links ab raus auf den Markt, wo man alles kaufen kann, auch Tiere, auch Menschen.

Wir sitzen und kauen, das Gesicht fast im Teller, die Suppe ist heiß, ist scharf und brennt in den Augen, es liegt ein Knochen von der Kuh darin, die war schon alt, so alt, dass sie keine Milch mehr gegeben hat. Ihr Fleisch ist ganz löchrig, ich stecke meinen Finger hinein, lange dunkelbraune Sehnen schwimmen bei den Kartoffeln, den Bohnen und dem Reis. Unsere Mutter sitzt auf einem Hocker und schaut, schaut wie es draußen dunkel wird, wie ein müder Hund fällt die Sonne auf den Boden, zerspringt und es bleibt nichts übrig von ihr, nichts bleibt übrig vom Tag. Ich sehe sie an, die Mutter, alles ist faltig und sehnig wie bei der Kuh, die Hände, die Wangen, die Stirn, sie muss noch die Hühner ins Haus holen, in die Küche, da gackern und brüten und kacken sie die ganze Nacht lang. Am Morgen dann sitzen wir wieder mit schaukelnden Beinen am Tisch und trinken Milch und die Kleine lacht über den weißen Rand an meinem Mund, lacht ohne Zähne und mit laufender Nase.

Und ich laufe, ich renne, sprinte durch die Nacht wie ein Dieb, wie einer auf der Flucht, wie einer, der vergessen hat wie es ist, ein Mensch zu sein. Und ich spüre nichts, habe alle meine Finger verloren und meine caja weggeworfen, im Fluss liegt sie aber ich bin nicht hinterher gesprungen. Manchmal möchte mir Erde auf den Kopf schaufeln, mit dem Gesicht im Feld liegen, vergraben liegen und hoffen, es gibt keinen Gott, keinen der gesehen hat, was mit der Kleinen passiert ist, keinen, der meiner Mutter erzählt, was sie mit ihr gemacht haben, wenn sie mit ihren fleckigen gefalteten Händen in der Kirchbank kniet und nach oben aufschaut und die Decke zwischen den Balken und Bildern und Leuchten absucht. Meine Mutter, und wenn ich könnte würde ich da hinter ihr am Kirchentor stehen, nur wenige Schritte hinter ihr und einen Stein werfen, einen großen spitzen Stein, und wenn ihr das Blut aus dem Kopf gelaufen und sie gegangen wäre würde das Mädchen zurückkommen, würde die Kleine vom Himmel auf die Erde zurückfallen und so alt werden wie meine Mutter, so alt wie die Kuh in der Suppe.

Ich darf nicht einschlafen, darf nicht schlafen, auch wenn mir die Augen aus dem Kopf auf die Füße fallen wie glitschige Eier, auch wenn alles von mir weg- und abgetragen wird und am Ende nur noch meine Gedanken auf dem Weg sind, immer weiter rauf, nach oben, und ich weiß wenn ich nüchtern werde bin ich runter vom Teppich, werden sie mich finden mit dem Gesicht im Feld, im Fluss und mein Messer, das Messer mit dem ich den Hahnenhals abgeschnitten habe: zack und weg. Kommen Schuhputzer in den Himmel? Ich hoffe sehr, es gibt keinen Gott, ich hoffe sehr, es gibt einen, einen mit blauen Schuhen, der oben in der Sonne sitzt und auf mich wartet.

 

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