Das sind so Regeln hier

Ich packe mein Zeug zusammen. Die Schülerin, mit der ich gerade Prüfungsvorbereitung gemacht habe, steht mit ihrem Stapel Büchern in der Tür. Ich pfeife vor mich hin. „Ich will das auch können“, sagt sie. “ Was, das Pfeifen ? Kannst du das nicht ?“ “ Ich weiß es nicht, habe es nie ausprobiert.“ „Und warum nicht ?“ “ Das machen hier nur die Jungs. “ „Und warum ?“ „Weißt du, in Armenien gibt es so Regeln. Wenn die Jungs das machen, machen die Mädchen das halt nicht. “ „Aber das macht Spaß“ „Ich weiß. Das ist eine doofe Regel. Wie geht das ? Zeig mal !“ Ich übe also noch fünf Minuten Pfeifen bis meine Maschruthka kommt. Als sie es schafft,einen Ton zu pfeifen lacht sie. “ Das ist witzig.“

Weg, weg, weg.

Er ist zurück, dieser verdammte Berg. Schneeweiß tauchte er am Horizont auf, erhebt sich über der Stadt, die vor Kälte weiß schimmert. Der Ararat, 5000 Meter hoch, Symbol Armeniens- in der Türkei liegend-, auf jeder zweiten Flasche mit alkoholischem Inhalt zu finden, jeder Postkarte, dem guten Orangensaft, jeder Sofagarnitur und dem Stempel in meinem Reisepass. Wie eine unwirkliche Erscheinung wirkt er mit seiner meterhohen Schneedecke dort hinter den Sowjetblöcken, dem Kabelchaos zwischen den Häusern, den Satelitenschüsseln. Tagelang war er vom Nebel verdeckt, ich hatte schon Angst das er weg ist.

So wie auch ich weg war bezüglich dieses netten Blogs. Also richtig weg war ich nie , eher im Gegenteil, deshalb könnt ihr  erst jetzt wieder ein paar Zeilen lesen.IMG_3290

Eine kurze Bestandsaufnahme vorweg schadet also nach langem Schweigen nicht. Ich wollte weg, weit weg aus Deutschland, aus Berlin. Das habe ich geschafft. Spätestens in dem Moment wo ich realisierte, dass ich das einzige Wesen in dieser Stadt bin, dass einen ultrahippen Fjällräven Rucksack trägt, wusste ich um meine Distanz zu Städten wie Berlin und zu dem Rest der Welt.  Zu dieser Erkenntnis gelangte ich als ich morgens mit großen Schritten im doppelten Tempo an ca. zwanzig Armenierinnen vorbeizog. Nicht das sie besonders  langsam laufen und ich renne oder so. Doch auf hohen Schuhen ist man einfach nicht so schnell unterwegs, auch wenn man  den energischen und gekonnten Schritten  der Armenierinnen die fehlende Schnelligkeit nicht ansieht. Natürlich tragen nicht Alle immer hohe Schuhe, aber doch Viele und oft. Ich bin hier ein klarer Fall von „Underdressed“-immer und oft.  In diesem Erkenntnis-reichen Moment also, dachte ich auch an diese Sätze die ich hier immer und so oft gehört habe. „You are from germany ? I loooove germany. Germans are AMAZING people !“ „Why the hell have you left Berlin ?! It is the best place in the world !“ You are from Berlin- so you live in heaven!“ – No, I live in Yerevan right now, not in Berlin. Und gefällt es dir ? Ja, sehr . Wirklich? Warum ?

Als bei einer Pilotprüfung in Form eines Vortrags über Großstädte die Schülerin gefragt wird, ob  Eriwan eine Großstadt sei und ihr gefalle, antwortet sie: “ Armenien ist eine kleine Land, und wir haben nur dieses eine Eriwan, deshalb sagen wir es ist eine Großstadt und wir müssen dieses Eriwan genießen!“                                                                    Und warum gefällt mir dieses Eriwan und dieses kleine Land ?  Das ist eine Frage, auf die eigentlich eine längere Antwort folgen muss als “ Weiß nicht, ist einfach sehr anders für mich, super interessant, die Leute sind toll, die Schule an der ich arbeite ist super, die Bars hier, die Kunst und so, total im Aufbruch, so viele Kontraste.“ Die etwas verständlichere Antwort, als meine Standardantwort, die ich Leuten  in den „Bars und so “ gebe, bieten euch vielleicht die folgenden aneinander gereihten Wörter…

Als ich heute  Morgen hinter meinem dünnen, kalten Fenster stehe, sehe ich weiter und klarer als in den gesamten letzten zwei Monaten. Zwei Monate? Vor zwei Monaten dünstete diese Stadt noch vor sich hin, ich krepierte unter Klimaanlagen, steckte meinen Kopf aus Marschruthkafenstern, starb in züchtigen, langen Jeans, konnte nicht einmal an das Wort Tej,Tee, denken (was heute der wichtigster Bestandteil meines Wortschatzes ist), suchte den Schatten, wenn ich in Sardarapat auf die Marschruthka wartete. Heute suche ich die Sonne.                                                                                                                                            Dieser extreme Kontrast spiegelt sich nicht nur im Wetter dieses Landes wieder. Dieses Land lebt von den Kontrasten.                        Armenien, das verwirrende schöne Land.

Bevor ich jetzt anfange über dieses Land zu erzählen, erzähle ich ganz egozentrisch von mir in diesem Land.

Die Mittelschule Sardarapat an der ich arbeite ist ein ziemlicher Glücksfall. Die Schule ist das Zentrum für die Kinder in dem Dorf, sie kommen gerne zu allem was man ihnen anbietet. „Leonie können wir in den Ferien in die Schule kommen und was mit dir machen ?“ „Leonie kannst du am Samstag mit uns Kürbisse aushölen ?“ „Leonie können wir noch eine Stunde länger bleiben ?“  Ein Traum für Freiwillige, wirklich.

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Was ich gerade mache? Ich probe mit den jüngeren Schülern für ein Krippenspiel, bastele für Weihnachten, singe Weihnachtslieder, spiele DaF- Spiele und beantworte hundert mal am Tag die Frage : „Hallo Leonie, wie gehts ?“. Ich habe das Glück, dass die Schüler wirklich gerne deutsch lernen und viele von ihnen auch unglaublich gut sprechen. Auch wenn die Liebe zur deutschen Sprache vielleicht manchmal etwas ausartet… Wenn zum Beispiel als Lieblingstier der Reichsadler gemalt wird oder bei einem Steckbrief die Lieblingsfarben als schwarz, rot und gold in schwarz, rot und gold angegeben wird… Irgendwie ist das ja süß, aber nur weil es ein kleiner Armenier gemalt hat, der noch nie in Deutschland war. Diese Schule ist jedenfalls ein guter Grund jeden morgen 90 Minuten mit Bus und Marschruthka durch die Gegend zu ruckeln, denn Yerevan liegt ca 50 km von dem Dorf entfernt.

Dort habe ich habe nun mein endgültiges Bett gefunden. Nachdem ich erst zwei Wochen in Armavir wohnte, dann mit der anderen Freiwilligen Elene in dem Stadtteil Komitas in Yerevan in einer kleinen Wohnung, die ganz armenisch modern mit einer hübschen Glitzerwand (?!) ausgestattet war, leben wir jetzt mit einem Franzosen und einer Iranerin in einem Haus im Zentrum, das mit Garten, Pool und französischem Graffiti versehen ist. Es fehlt nur die Glitzerwand.                                                                                                                     In diesem beschaulichen Haushalt wird nur Englisch mit diversen Akzenten gesprochen. Mein französischer Mitbewohner spricht nicht nur das H nicht aus, er schreibt auch “ I am in emmingway.“  Er saß in der Bar, die nach dem guten Hemingway benannt ist. Angesichts dieser Art von Kommunikation im Alltag traue ich mir gerade noch nicht zu, die armenische (geschweige denn russische Sprache) nach einem Jahr zu beherrschen. Aber Englisch soll ja auch ganz nützlich sein, sagen diese Leute im Westen. Apropos Leute aus dem Westen – ja, wir haben einen Pool und nein, wir sind nicht reich. Wir sind nur in Armenien, teilen uns die Miete und haben ein wenig mitleidigen Erlass der Vermieter, erhalten. Nicht dass wir uns das woanders leisten könnten, wir Freiwilligen und Praktikanten vereint in einem Haus.

Der Weg, den ich von diesem Haus nehme, um in die belebten Straßen der Stadt zu gelangen, ist ein Weg, der mir die Kontraste dieses Landes täglich vor Augen führt. Hoffend, nicht die dunklen Stufen runterzufallen, die hinab auf den Schlaglochweg führen, verfluche ich die fehlende Straßenbeleuchtung in Exsowjetstaaten, gehe vorbei an alten Häuschen, die sich nicht sonderlich von den Häusern auf dem Land unterscheiden, vorbei an einem Mann der vor seinem Haus Brennholz hackt, an einer kleinen Mülldeponie, bei der das Herz einer nachhaltigen kulturweit-Freiwilligen weint, haue dort alles liebevoll vereint – Flaschen, Plastik, Essensreste, Papier – rein, es knistert, der Müll wird direkt verbrannt, schwarzer Rauch steigt auf, gehe vorbei an einem wackeligen Haus, auf dessen Terrasse Tauben gezüchtet werden, vorbei am Spielplatz, bestehend aus zwei hässlichen Schaukeln, und dann, wie aus dem Nichts, als hätte hier jemand ein Dorf an die falsche Stelle gesetzt oder sich diese Stadt direkt an unsere kleinen Gassen geklatscht, um ein bisschen überdimensioniert rumzuprotzen: die Kaskaden.

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Vor mir erstreckt sich Eriwan bis in die Weiten scheinbar bis zum Ararat, der sich dort hinten erhebt. Diese pompösen Treppen unter mir führen hinein in die Millionenstadt.  Glänzend in der Staatsbeleuchtung (im wahrsten Sinne des Wortes scheinbar die gesamte Beleuchtung des Staates vereint an diesem Ort), gefüllt mit unbezahlbaren Kunstwerken, wimmelnd vor reichen iranischen Touristen, die sich ablichten lassen. 572 Stufen, in den Siebzigern geplant zu Ehren der Sowjetisierung Armeniens. Das ganze Ding ist immer noch nicht fertig, ganz oben prangt eine enorme Baustelle. Und dabei ist das mit der Sowjetisierung doch schon spätestens seit 1991 durch. Bis dahin war Armenien nämlich noch ordentlich abhängig.                                                                                                                                       In Georgien hätte man diesen beeindruckenden Komplex sicher nicht so pfleglich behandelt, hinsichtlich des Anti-Russland-Kurses, der dort gefahren wird. Doch in Armenien sieht das anders aus. Der Tenor unter den alten Leuten hier scheint, als hätten sie die alten Zeiten als die besseren empfunden. Und es fällt mir schwer es nicht zu  glauben. Die Armut, die in dieser Bevölkerung herrscht, ist permanent sichtbar und spürbar. Früher war das nicht so, erzählt man. Früher, als die Balkone der Sowjetblocks noch nicht alle ausgebaut waren und nicht jedes Stockwerk eine andere Fassade hatte. Ich als eine, die nicht einmal die Berliner Mauer in Funktion gesehen hat, geschweige denn weiß, wie es hier vor der Unabhängigkeit war, kann an dieser Stelle nur passiv zuhören, mehr nicht.

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Doch eins weiß ich: Der sowjetische Einfluss ist immer noch allgegenwärtig. Nicht nur die hohen Häuser, die aus der Stadt herausragen, auch der Stellenwert der russischen Sprache, die hier beinahe jeder beherrscht, die kyrillische Schrift und die russischen Produkte lassen nicht vergessen, was hier noch vor 25 Jahren war.

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Doch dann sind da auch die Granatapfelbäume, Feigen, getrocknete Früchte en masse, Musik, die sich für unsere Ohren ganz einfach orientalisch anhört, Volkstänze, bei denen man sich hüpfend im Kreis bewegt, den kleinen Finger des Nachbarns eingehackt singend komplexe Bewegungen macht, Teppiche, deren Muster wir in Europa sofort als persisch beschreiben würden, wüstenartige Gebirge im Süden des Landes. Eine Grenze zum Iran. Es ist Orient, es ist ex-sowjetisch, es ist das älteste christliche Land der Welt. Verwirrender geht es wohl kaum.

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Verschiedenere Einflüsse auf so engem Raum kann man sich nicht vorstellen. Eine Fläche so groß wie Brandenburg, ein Land zwischen Osten und Westen, reich an Kontrasten, die sich auch in der Landschaft wiederspiegeln. Meine Familie besuchte mich Ende Oktober, wir fuhren 5 Tage über huckelige, armenische „Schnellstraßen“ durch das ganze Land. Im Süden erstreckt sich eine staubige sonnige Berglandschaft, die die Nähe zum Iran leicht erahnen lässt. Nicht weit entfernt fahren wir mit der längsten Seilbahn der Welt ( Vertrauenswürdiger Schweizer Export…) durch eine Landschaft, die kaum unterschiedlich zu den Alpen erscheint. Die Alpen, unbebaut, völlig naturbelassen – bis auf kleine, ärmliche Dörfer, die sich hier verstecken. Auf dem Weg in den Norden sieht man durch die beschlagenen Fensterscheiben, wie sich die Kälte die Berge entlang hangelt, wie die Blätter orange werden, rot, abfallen, wie der Schnee ihre Spitzen bedeckt. Das neblige Dilijan, auch die kleine Schweiz genannt, könnte zu dem staubigen Süden wohl keinen andersartigeren Ort darstellen.IMG_4614IMG_4020IMG_4399IMG_4843

Ich weiß das war viel Input. Ich hoffe ihr habt es durchgestanden. Ihr auf der ganzen Welt, oder ihr in dem AMAZING germany, Oder auch in dem „weird germany“. Fragt mich nicht wie wir darauf gekommen sind einer Armenierin Dr. Sommer aus der Bravo zu erläutern, doch jedenfalls war ihre Reaktion: „I neeeed to go to Germany, this country is so weird, you are crazy people!“ Also hierzu kann ich nur sagen: Wenn ihr ein komisches, spannendes Land erleben möchtet- Geht nach Armenien – das ist weird.

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Über Marschrutka,Lavash, Kerne,potentielle Schwiegermütter, Germanazis, Lehrerausflug mit Stil, unverstadenden Vegetarismus und natürlich Steine

Die Sonne geht gerade unter. Zwei Stunden früher als in Deutschland, 20 Stunden früher als am anderen Ende der Welt, wo andere Kulturweitfreiwillige ihren Platz gefunden haben. Nach mehr als einer Woche hier in diesem fremden Land, gibt es viel zu sagen, viel zu zeigen, viel zu erzählen. Wo fängt man da an ? Vielleicht mit den kleenen Dingen.

Meine Wäsche war mir noch nie so fern.
Meine Wäsche war mir noch nie so fern.

Marschruthka fahren.

Das Hauptfortbewegungsmittel hier sind Kleinbusse, die unter mathematischen Gesichtspunkten unerklärbar viele Sitzplätze beinhalten, worunter unter anderem die Beinfreiheit einer 1,78 Meter großen Dame wie mir leidet. Logistisch betrachtet ist es auch immer wieder faszinierend, wie dann noch dreimal soviel Menschen wie Plätze in die weißen Kisten passen. Was in Deutschland nie unter Fremden passieren würde ist hier der Standard : Man teilt sich die staubigen Sitze, nimmt Kinder auf den Schoss. Und was ihr zu Hause für einen Traum halten werdet, stellt sich hier auf Grund meiner kleinen Sprachbarriere eher als Problem dar : Es gibt hier auf dem Land keine Haltestellen. Kangneeeeg-Merci-100 Dram in die Hand des Fahrers- Rausspringen-Tür zuknallen. Das ist das Mittel zum Zweck. Um erst einmal einsteigen zu können stellt man sich wenn möglich in den Schatten an den Straßenrand und wartet bis das Gefährt aus dem hitzigen Staub auftaucht. Klingt spannend? Ist es auch, jedenfalls noch nach der ersten Woche. Vor allem außerhalb des Dorfes, in dem ich arbeite. Da gibt es nur die Nummer sieben. Relativ einfach also. Abseits dieser überschaubaren Gegend, muss ich, basierend auf meinen sehr vagen Kenntnissen armenischer Buchstaben bzw. auf meinem sehr geringen Wortschatz der schönen armenischen Sprache, hoffen, in die richtige Marschruthka gestiegen zu sein.
Die Fahrt von der Schule bis nach Armavir kostet umgerechnet ca. 20 Cent. Nach Yerevan kostet sie ca. 80 ct. Für eine Berlinerin, die es gewohnt ist für verspätete und lange nicht so spannende S-Bahnfahrten 2,60 Euro hinzublättern, nette Preise. Hinzu kommt, dass ich bis jetzt nicht einmal die Hälfte der Fahrten zahlen musste, die ich angetreten bin. Irgendjemand zahlt für mich. Der Fahrer nimmt mein Geld nicht an. „Nur weil du blond bist“, ist die Theorie meiner charmanten Freiwilligen-Kollegen. Mag sein, doch aus meiner Sicht ist das einfach nur eine unglaublich nette Geste. Eine Geste, die ich in Deutschland sehr vermisse. Es bleibt nicht bei den geschenkten Marschruthkatouren. Eine Nachbarin drückt mir mal ebenso einen Berg- und es ist wirklich ein Berg- Weintrauben in die Hand, der Bäcker schenkt mir eine undefinierbare Kartoffeltasche, für die ich ihm gerade 300 Dram in die Hand drücken wollte, Sonnenblumenkerne- Semetschki- werden jeden Abend vor dem Haus unter Nachbarn geteilt, die Lehrerinnen bringen mir Eis mit, in einer Lavashbäckerei wird mir eine frische Teigtasche in die Hand gedrückt.

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Manchmal ist es jedoch auch etwas zu gut gemeint mit dem mir ständig zugeführten Essen. Bam. Lammkeule auf dem Teller. Bam. Hänchenschenkel. Zack. Kohlroulade mit Lammfüllung. Vegetarisch ist hier wohl ein sehr fremdes Fremdwort. Auch die Erklärung scheint für die meisten hier keinen Sinn zu ergeben. Ich versuche es mit spezifischem Ablehnen von Fleischsorten. “ Lamm esse ich nicht, das schmeckt mir einfach nicht.“ „Aber ich habe das selbst ausgesucht! Ich war beim Schlachter, habe gesagt: Das Schaf! Und er hat ihm sofort die Kehle durchgeschnitten! Es ist gut und frisch!“, meint die Schulleiterin zu mir.Schönes Kontrastprogramm zum hundert prozentig vegetarischen Kulturweitseminar… Die halbe Kuh, die wir dort zusammen glorreich gerettet haben, ist wohl nur ein magerer Ausgleich zu den Massen an Fleisch,die wir 192 transkulturellen (die Autokorrektur kennt dieses Wort übrigens nicht) Kulturweit-Freiwilligen in den nächsten Monaten auf unseren Tellern wiederfinden werden. Vegetarismus ist eben doch ein Luxus.

Gemüse gibt es trotzdem
Gemüse gibt es trotzdem

Semecki
Semecki

Tomaten bei der Schulleiterin
Tomaten bei der Schulleiterin

Dieses Gespräch mit der Schulleiterin führte ich übrigens bei dem in der Überschrift erwähnten „Lehrerausflug mit Stil“. Am ersten Samstag nach Schulbeginn durfte ich Zeuge und auch aktives Mitglied eines regelrechten Festes des Essens werden. Es wurde eine Marschrutkha gemietet, mit Essen und Lehrern gefüllt, wir fuhren an einen wunderschönen öffentlichen Picknickplatz in einem Flussbett, zwischen alten Kirchen- welche natürlich der Auslöser dafür waren, dass ich der erste deutsche Rentertruppe, die hier sehr gerne armensichen Kirchen erobern (eine Spezies für sich), über den Weg lief und mich mit netten Charlottenburgen,die sich schön mit Hut und Brillen vor der armenischen Sonne schützten, aus der Hardenberger Str. unterhalten durfte…

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An diesem besagten Picknickplatz begann das Ganze mit Kaffee, Keksen und Kuchen. Die erste Regel, die ich hier lernte: Die jungen Frauen kochen den Kaffee. Die alten Frauen sitzen- Zitat Ende!
Bei einem Ausflug unter deutschen Lehrern- ich möchte nichts verallgemeinern, aber ich denke, man kann es an dieser Stelle doch einmal getrost tun- wäre es hiermit wohl gut gewesen. Jedenfalls spätestens mit dem direkt darauf folgenden „Mittagessen“. Lamm, Kartoffeln, Gemüse, welches im Gegensatz zu dem in Deutschland verkauften Gemüse einer aromatischen Explosion gleicht, Salat, Käse und natürlich Lavash. Dieses dünne,in in der Erde eingelassenen Öfen gebackene, Fladenbrot würde ich hier als essenzielles Grundnahrungsmittel bezeichnen. Hab mir auch schon angewöhnt, wirklich ALLES essbare darin einzurollen. Besteck wird dadurch eher unwichtig. Fand ich sowieso schon immer überbewertet.
Nach einem Spaziergang rechnete ich mit einem langsamen Aufbruch.Nein. Jetzt wird gegrillt. Horowatz- schlechte Transliteration übrigens. Regel Nummer zwei: Die Männer, von denen es in dieser Lehrerschaft zwei gibt, machen das Fleisch. Die jungen Frauen das Gemüse. Die alten Frauen ziehen das Gemüse ab. ZITAT ENDE.
Also das dritte Festessen innerhalb von vier Stunden.Gut. Mach ich mit.
So satt war ich noch nie.
Und ich hatte noch nie so viele potentielle Schwiegereltern. Der hat einen Sohn, sie hat zwei Söhne. Ich könne da bleiben. Nein,schnorrhakalutsjun für das Angebot. Nur weil ich blond bin könnte an dieser Stelle sogar stimmen.
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Neben diesem kurzen und prägnanten Dankeswort, durch dessen Benutzung du dich als Ausländer anscheinend schneller in die Herzen vieler Armenier spielst, habe ich auch schon die schöne Bezeichnung meiner Nationalität gelernt. Ich bin hier eine Germanazi. Toll. Mit einigen anderen Germanazis in Armenien kam ich bei einer durch die hier ansässige Deutsche Botschaft organisierten Ausstellungseröffnung, in dem im Süden liegenden Sisian, in Kontakt.
Ich zitiere hier meinen Reisefüher (nicht ganz ohne Zustimmung meinerseits. „Sisian hat nicht viel zu bieten…“ Doch der dreistündige Weg mit den anderen Freiwilligen über die Schnellstraße -gleichzeitig Haupttransportweg in den Iran-, die ich definitiv nicht als solche bezeichnen würde, war ein Abenteuer für sich. Die Galerie in diesem Blog „Durch die Berge“ zeigt ein wenig von der Schönheit der Landschaft, die diesen Weg schon lohnenswert macht.
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Sie zeigt jedoch nicht, dass die Gangschaltung des Taxis eindeutig nicht funktionierte, der Motor wohl auch seine Probleme hatte und wir auf dem Rückweg rund zehn Kilometer vor Yerevan liegen blieben. Problem chika- Kein Problem. Ist ja noch warm hier nachts…

Hängen geblieben
Hängen geblieben

Habe ich etwas nicht erwähnt ?
Bestimmt.
Aber etwas noch zu den Steinen hier- Sie sind wunderschön und sorgen in den meisten Gegenden produktiv für das Fehlen von Grünem.

Junge spielt mit...STEINEN
Junge spielt mit…STEINEN

In diesem Sinne.
Grüße von der Germanazi aus Armenia.
Und das sage ich nur so oft, weil dieses Wort es wirklich in sich hat und ich diesbezüglich gerne eine Reform anstoßen würde. Vielleicht mein Kulturweitprojekt: Den hinteren Teil dieses Wortes durch einen schöneren ersetzten. Wenigstens in Sardarapat. Bari Gisher.

Barev Armenia !


Aus dem Fenster

Werbellinsee-Berlin-Paris.Terminal 2F- Wanderung über rollende Böden-Terminal 2E- Gate L33, dann doch L31. Reihe Dreiundzwanzig, Platz B. Mittelplatz, keine schönen Aussichten. Ich betrete das jetzt schon um eine halbe Stunde verspätete Flugzeug. Es folgt eine mühsame Fortbewegung mit meinem ( eigentlichen definitiv zum Übergepäck geltenden) 13 Kilo-Köfferchen, und einem mindestens genauso schweren Rucksack, vom Eingang bis zu meinem Platz ganz am anderen Ende dieses Geräts. Ich finde mich kurz darauf zwischen einer Amerikanerin, die nach Yerevan fliegt um dort innerhalb eines Monats persisch zu lernen und einem etwas breiteren Armenier, der nach Yerevan fliegt, weil das „seine Stadt ist“, wieder. Ebenso wie ich, fragt er sich, warum zur Hölle man nach Armenien geht um persisch zu lernen. Genauso sehr wundert es jedoch auch die Amerikanerin, dass eine 18 Jährige nach Armenien geht und sogar armenisch lernen möchte, denn wer braucht schon armenisch ? All das fanden wir jedoch erst übereinander raus als die Schreie, die von Schmerz und Angst erfüllt waren verstummten. In dem Moment nämlich, in dem ich mich auf dem Sitz mit fehlender Beinfreiheit wiederfinde, ertönen Schreie aus dem hintersten Teil des Flugzeugs. Schreie, die nicht aufhören und für die es vorerst keine Erklärung gibt. Polizisten tauchen auf und die Beantwortung auf die Frage nach dem Grund für die Schreie wird für jeden der Passagiere dringlicher. Die Frau neben mir fragt bei einer Polizisten nach. Nur ein Gefangener, der in Yerevan inhaftiert werden muss, lautet die Antwort. Wir sollten es einfach nicht beachten und auf keinen Fall in den hinteren Teil des Flugzeugs gehen. Achso,na dann. Air France statt Ukraine Airlines, war also eine super Entscheidung. Die Schreie erstummten kurz vorm Start blitzartig. Jeannette aus New York und ich aus Berlin gingen von Schlafmitteln, Beruhigungsmittel oder ähnlichem aus. Da mich der Armenisch-Crashkurs meines Sitznachbarns sehr beanspruchte, vergaß ich die Anwesenheit des schreienden Mannes schnell, auch am Ende des Fluges schien es, als wäre er nie da gewesen.

In Yerevan drückt die Luft. 33 Grad. Die Schulleiterin, ihre Tochter und Enkelin empfangen mich herzlich hinter den letzten Hürden : Passkontrolle, Rucksack finden. Dafür, dass ich mich anschnalle ernte ich verwirrte Blicke. Muss ich nicht, in Armenien gibt es keine Gesetzte wird mir gesagt. Wir fahren. Vorbei an Autos ohne Frontscheiben, Schafverschlägen ,direkt daneben hängenden geschlachteten Schafen, leuchtenden Werbereklamen, Autos ohne Türen, die Enkelin holt ihr I-Phone heraus, im Radio läuft Calvin Harris, da sind Berge von Melonen enormer Größe.Überall.Müdigkeit überkommt mich. Und Hunger.Im Supermarkt wird uns das Essen von Mitarbeitern in die Tüten gepackt, es wird all das gekauft vor dem ich verwundert stehen bleibe. „Musst du probieren!“. Mach ich gerne.
Gut gegessen ,gut geschlafen, nur zu früh aufgewacht. Die Sonne geht gerade auf, meine Handyuhr sagt mir, es sei kurz vor Sieben. Plus zwei Stunden- rechne ich. Neun Uhr also. Doch die Sonne geht auch nicht in Armenien erst um neun Uhr auf, denke ich. Mein Handy ist schlauer als ich, hat sich selbst umgestellt.

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