A Hitchhikers Guide to the Inka Ruins

A Hitchhikers Guide to the Inka Ruins

Während es im letzten Beitrag um die noch heute lebenden und auch im alltäglichen Straßenbild sichtbaren indígenas Perús ging, so soll es diesmal um die Zeugnisse einer großartigen Vergangenheit gehen, die ihre Vorfahren hinterlassen haben: die Ruinen. Die meisten finden sich verständlicherweise rund um die alte Inka-Hauptstadt Cuzco, die für das Volk das war, was auch Rom für die Römer war: der „Nabel der Welt“. Um eines mal vorwegzunehmen: in der sicherlich bekanntesten und bedeutsamsten Inkaruine, Machu Picchu, war ich nicht. Machu Picchu liegt ohne Anschluss an jegliche Straße in den Anden und ist nur auf zwei verschiedene Wege erreichbar: über eine eigens gebaute Bahnstrecke oder, als Umweg, mit dem Bus erst weit außenrum mit anschließenden zehn Kilometern Fußmarsch durch das Altiplano auf den Gleisen. Nun sind die Peruaner ja bei Weitem nicht dumm und wissen, dass alle Welt nach Machu Picchu will. Die Zugtickets kosten für Ausländer also durchaus mal unverschämte 200 US-Dollar, auch bei rechtzeitiger Buchung im Voraus. Damit werden natürlich die deutlich billigeren Ticketpreise für Einheimische quersubventioniert: nur 20 Sol (ungefähr fünf Euro) kostete im Vergleich dazu das Ticket eines Peruaners, das ich einmal gesehen habe. Bei dieser Abzocke wollte ich nicht mitmachen, und für den langen Fußmarsch war ich zu faul. Es hat sich auch so gelohnt, denn an bedeutsamen Ruinenstätten mangelt es Perú nicht. Ein „Hitchhikers Guide to the Most Important Inka Ruins“, in der chronologischen Reihenfolge meines Besuchs.

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Erst mal überhaupt hinkommen!

Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und weiß nicht, wie ich hinkomm‘. Tatsächlich ist die Art und Weise, wie die jeweiligen Ruinen, die (fast) alle weit außerhalb der genannten Städte liegen, zu erreichen waren, ebenfalls einer kurzen Aufmerksamkeit wert. Man könnte natürlich glauben, es wäre alles bestens touristisch erschlossen, und es gäbe überall ein schönes öffentliches Büsschen, das reihum alle Ruinen einer Region abfährt. Aber nein, so funktioniert Südamerika nicht, wie ich bereits im vorletzten Beitrag beschrieben habe. Bleibt nur die klassische Möglichkeit, eine travel agency wie in San Pedro de Atacama, oder, für mich als Individualreisenden, das Taxi. Im Ernst. Wenn Sie jetzt denken, um Gottes Willen, dann wartet der Taxifahrer ja bei laufendem Taxameter neben der Ruine![1], dann kann ich Sie beruhigen. In Perú funktionieren Taxis anders. Man hält ein beliebiges Taxi von der Straße an, steigt ein, nennt sein Ziel, und der Taxifahrer fährt einen dort hin, auch mal 50 Kilometer aus der Stadt raus. Einfache Strecke. Ein Taxameter gibt’s nicht, sondern der Preis ist Verhandlungssache und muss vor der Fahrt erfragt werden. Dadurch werden Entfernungen, die in Deutschland per Taxi eigentlich unbezahlbar wären, auf einmal recht erschwinglich, trotz der recht hohen Spritpreise in Perú[2]. Der Rest ist Glückssache: manchmal spielt der Taxifahrer sogar Touriguide und erzählt einem noch ein bisschen was über das Ziel, auf jeden Fall aber über seine Stadt, über Perú und über Gott und die Welt.

An der jeweiligen Ruine angekommen sind die Peruaner natürlich auch bei kleineren Touristenzielen als Machu Picchu nicht auf den Kopf gefallen und haben es tunlichst vermieden, über die archäologische Ausgrabungsstätte verstreut Hinweisschilder und Erklärungstafeln anzubringen. Denn dann könnte man sich die Geschichte der jeweiligen Ruine ja auch selber erarbeiten. Wozu wären dann die frei arbeitenden (aber staatlich zertifizierten) Touriguides da, die man am Eingang jeder Ruine mieten kann? Auch hier ist der Preis Verhandlungssache. In Summe kommt das Ganze sicher teurer als die Variante mit der Reisegruppe über eine Agentur, aber einen vergleichsweise so billigen Individualtourismus habe ich noch nirgendwo gesehen. Und die Freiheit, so viele Fotos machen zu können, wie ich will, weil der private Guide nämlich mir hinterherrennte und nicht ich dem Guide wie in der Schafherde, ist mir das allemal wert.

So, und nach dieser Vorrede kann es losgehen.

Sillustani, nahe Puno, Titicacasee

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Sillustani, idyllisch über einer Wasserfläche gelegen, die nicht der Titicacasee, sondern „nur“ eine Lagune ist, gelegen, ist eine Grabstätte. Ziemlich viel Aufwand für ein paar Tote, mag man meinen, wenn man die Bilder betrachtet. Doch man muss den Ort mit den Pyramiden in Ägypten vergleichen, um die mythologische Bedeutung für die Inka zu begreifen. Außerdem geht es hier sowieso nur um die adlige Oberschicht. Doch genauso wie die alten Ägypter glaubten auch die Inka an ein Leben nach dem Tod. Deswegen waren auch die Grabstelen, so wie ursprünglich auch die Pyramiden, von Anfang an offen und zur Sonne zugewandt, damit die Seele nach dem Tod entweichen konnte. Geschützt wurden die Gräber allein durch das Tabu. Entsprechend wurden die Toten der Inka mit reichen Grabbeigaben aus Gold und Silber ausgestattet. Bemerkenswert ist jedoch, dass für die Inka diese beiden Edelmetalle keinerlei materiellen, sondern einen rein spirituell-zeremoniellen Wert als Symbole für Sonne und Mond innehatten. Im gleichen Maße muss man sich die Sorge der Inka um die sterblichen Überreste ihrer gottgleichen Ahnen vorstellen, als sie von der Ankunft der Spanier erfuhren. Doch durch ihr geniales Straßen- und Laufbotensystem Qhapaq Ñan, das sich vom römischen wohl nur durch die Abwesenheit von Pferden und Rädern unterschied[3], erfuhren die Inkas von Sillustani Gott sei Dank noch rechtzeitig von den vorrückenden Invasoren und vergruben ihre Mumien tief im Erdboden. Die Spanier fanden: nichts. Bis weit ins 20. Jahrhundert hin blieben die Mumien unauffindbar, bis endlich moderne Wissenschaft die jahrhundertealten Zeugnisse ausgraben konnte. Heute kann man sich die Mumien im örtlichen Museum von Puno anschauen. Ob das der richtige Aufbewahrungsort für menschliche Leichen ist, bleibt jedem selbst überlassen.

Im blauen Haus links, nahe der Plaza, befindet sich das Mumienmuseum von Puno.

Im blauen Haus links, nahe der Plaza, befindet sich das Mumienmuseum von Puno.

Qorikancha, Cuzco

Der kolonialspanische Innenhof von Qorikancha. Die eigentlichen Inkamauern befinden sich im Bild links.

Der kolonialspanische Innenhof von Qorikancha. Die eigentlichen Inkamauern befinden sich außerhalb des Bildrandes links.

Der „goldene Hof“, so die Übersetzung dieses Namens aus der Inka-Sprache Quechua (die übrigens bis heute noch gesprochen wird), war mein allererstes Ziel, als ich in Cuzco ankam. Qorikancha war vermutlich der wichtigste Sonnentempel der Inkas in ihrer zentralen Stadt. Hier hängt auch eine Messingkopie eines goldenen Schilds mit dem kompletten Inka-Pantheon[4]. Leider kamen die Spanier nach der Eroberung auf die geniale Idee, ein katholisches Kloster draufzupflanzen, weshalb vom alten Glanz der Inka nicht mehr allzu viel übrig ist. Die Klosterkirche selbst ist nicht übermäßig spannend, man bemerkt den üblichen, aus Europa importierten barocken Mix aus viel Gold, Engeln und Heiligenverehrung, angereicht durch einige wenige andine Elemente der dann doch indigenen Maler. Dieser Stil, dessen bekanntestes Werk ein Letztes Abendmahl mit Cuy (Meerschweinchen) essendem Jesus in der Kathedrale von Cuzco darstellt, wird wenig einfallsreich cuzqueño genannt. Viel bemerkenswerter ist dagegen der Vergleich zwischen der Inka- und der europäischen, spanischen Architektur. Die Inka bauten traditionellerweise ohne Mörtel, ohne Zement, sie fügten Stein auf Stein nach dem Legoprinzip aufeinander.

Diese Technik haben sie sich zwar von anderen Andenvölkern, die sie erobert hatten, abgeschaut, doch sogar moderne Wasserleitungen erbauten die Inkas damit. Eine weitere Parallele mit den Römern, der Austausch und das Lernen von eroberten Völkern statt ihrer endgültigen Vernichtung sowie das moderne Wassersystem, das an anderer Stelle (Tipón, siehe unten) noch heute funktioniert. Die Spanier dagegen benutzen zwar ungefragt die Inkasteine und brachen sie aus den Mauern der Tempel heraus, um damit ihre eigenen Kirchen zu erbauen (so wie die katholische Kirche das Alte Rom systematisch in ihren eigenen Kirchen verbaut hat), mussten die Fugen aber mit Mörtel füllen. Das Ganze war weit weniger instabil, was sich bei nächstbesten Erdbeben zeigte (und es gibt viele Erdbeben in Cuzco): beinahe die gesamte Stadt versank wie ein Kartenhaus in Schutt und Asche. Einzig und allein die stabil gebauten Inkatempel wankten keinen Zentimeter.

So erscheint mir das Inkareich als ein Reich, das von fremden Kulturen lernt und mit ihnen lebt, anstatt sie zu unterdrücken, das ein Abwassersystem besaß, während im europäischen Mittelalter die Städte im Gestank versanken, und dessen Bauten beim kleinsten Erdbeben nicht gleich in sich zusammenfielen und folglich perfekt an die lokalen Gegebenheiten des Altiplano angepasst waren, viel „zivilisierter“ als die vermeintliche „Moderne“ der Spanier. Dort glänzt zwar das aus den Anden geraubte Blattgold auf den Heiligenstatuen, doch hinter der Fassade verbirgt sich doch nur billiges Holz.

Sacsayhuamán, Cuzco

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Die alte Inkahauptstadt hatte nicht nur mythologische Bedeutung als solche, sondern auch, weil sie ursprünglich in der Form eines heiligen Tieres angelegt wurde: in der des Pumas. Allein das Wort „Puma“ stammt schon aus der Inka-Sprache Quechua. Diese Form hält die moderne Stadtgrenze durch das enorme Wachstum natürlich schon nicht mehr ein, aber mit etwas Fantasie kann man sie immer noch aus der Luft erkennen. An der Schwanzspitze steht ein Denkmal[5], den Bauch des Pumas bildet die heutige Plaza de Armas, und den Kopf des Pumas bildet der ehemalige Sonnentempel Sacsayhuamán, der auf einer Anhöhe über dem „Nabel der Welt“ thront. Sinnigerweise haben die Inkas ihren Tempel in Zickzackform angelegt, um die scharfen Zähne des Pumas zu versinnbildlichen.

Natürlich sind auch hier die Zerstörungen der Spanier erkennbar, die erneut eine Stätte historischer, mythologischer und spiritueller Bedeutung als kostenloses, vorgefertigtes Baumaterial missbrauchten. Dennoch hat der Ort dank den Touristen einen Teil seiner spirituellen Bedeutung wieder zurückbekommen: wie vor über 500 Jahren findet hier seit einigen Jahren am Tag der Wintersonnenwende (Südhalbkugel, 24. Juni) wieder Inti Raymi statt, das „Fest der Sonne“. Ich habe es aus Gründen, für die verantwortlich ist, wer auch immer in Uruguay die Winterferientermine festlegt, es leider nicht geschafft, zu diesem Tag in Cuzco zu sein, habe aber immerhin noch die letzten Abbauarbeiten an der Haupttribüne mitbekommen.

Abbauarbeiten nach Inti Raymi.

Abbauarbeiten nach Inti Raymi.

Ollantaytambo, Valle Sagrado, Region Cuzco

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Die alte Festungsanlage von Ollantaytambo, idyllisch im Valle Sagrado gelegen, ist insofern historisch bedeutsam, als das die Inkas hier einen ihrer bedeutenden Siege gegen die spanischen Invasoren erreichen konnten. Allein die Lage auf einem Berg, der das gesamte Tal beherrscht, ist schon ein militärstrategischer Vorteil, der durch einen Pfeilregen auf die Spanier genutzt wurde, aber auch hier kommt das schon bekannte geniale Wasserverteilungssystem der Inkas zum Einsatz. Die spanischen Pferde, sie wurden von den Inkas schlicht und einfach ertränkt. Leider waren die Spanier in der Lage, sich relativ bald danach Nachschub zu organisieren, sodass die zweite Schlacht am selben Ort für die Verteidiger verlorenging, sodass heute einmal mehr nur Ruinen bleiben.

Tipón, nahe Cuzco

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Die Königin der Wasserruinen ist jedoch sicherlich Tipón. Ein Wassertempel, dessen Trassen zum Pflanzenanbau dienten, hat die Ruine etwas ganz Modernes zu bieten: einen Wasseranschluss direkt an eine unterirdische, verborgene Andenquelle – leider kein Warmwasser. Aber das Wasser fließt noch heute, erst einmal durch den ganzen Tempel, dann in ein kleines Bächlein den Berg hinab und schließlich zur Versorgung des gleichnamigen Dorfes ins Tal. Zu dieser Stätte fuhr mich ein Taxifahrer, den ich, wie immer zufällig, an der Plaza de Armas von Cuzco aufgegabelt hatte, und der wohl mit der beste Taxifahrer auf meiner ganzen Reise, wenn nicht gar in meinem ganzen Jahr in Südamerika war. Nicht nur, dass er für mich kostenlos den Touriguide spielte, mich in die Ruinen begleitete und mir alles Wissenswerte erzählte, was er wusste, sondern auch noch, dass er mich einige Stunden später vom Hostel abholte und zum Bus zur Weiterreise fuhr. Und zwar pünktlich, was für mich als Deutschen natürlich besonders wichtig ist. So viel Zuvorkommen hat sich sein Trinkgeld schon verdient.

Huaca Pucllana, Lima

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Eine Ruine, die dankbarerweise einmal touristenfreundlich mitten in der Stadt gelegen ist, von modernen Hochhäusern umgeben (was zugegebenermaßen ein bisschen das Ambiente stört). Außerdem stammt sie nicht von den Inkas, sondern ist viel älter. Sie stammt von der Lima-Kultur, die der peruanischen Hauptstadt ihren Namen gab. Es ist eine Grabstätte und ein zeremonielles Zentrum, denn auch hier hat die Lage natürlich mythologische Bedeutung. Früher gab es nämlich keine graue Betonstadt außenrum, sondern nur die freie Natur und den perfekten Blick auf den Pazifik und die untergehende Sonne im Westen sowie die Andenkette und die aufgehende Sonne im Osten. Vermutlich fanden hier auch Menschenopfer[6] statt, man hat Mumien gefunden. Huaca Pucllana ist nicht wie die Inkabauten aus Stein, sondern aus Lehm erbaut, eine Lehmstadt, und wer sich frägt, wie sich der Lehm, der sich ja eigentlich beim geringsten Wassertropfen in Matsch verwandelt, so lange Jahrhunderte halten konnte, dem sei gesagt, dass Lima in einem Wüstengebiet liegt und das ganze Jahr über kaum ein Tropfen Wasser fällt. Außerdem war die Stätte jahrhundertelang von einem mysteriösen Erdhügel verdeckt. Man vermutete zwar immer eine archäologische Stätte, es dauerte aber bis in moderne Zeiten hinein, bis heutige Ausgrabungsmethoden ein wertvolles Zeugnis der präinkaischen Geschichte Perús zutage förderten. Doch noch heute ist ein Teil von Huaca Pucllana von Erde umgeben, und man weiß nicht genau, welche Entdeckungen man dort noch machen könnte.

Muse Larco, Lima

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Beenden wir unseren „Hitchhikers Guide“ mit einem virtuellen Rundgang durch das Museo Larco, ebenfalls Lima. Wir betreten das wohl größte und bedeutendste Museum seiner Art in Perú durch die sehr blumige Eingangspforte, um gleich den entsprechend gesalzenen Eintrittspreis zu bezahlen. Als erstes geht es interessanterweise durch die Sammlung. Fast alle großen Museen der Welt besitzen eine Sammlung, meist größer als die eigentliche Ausstellung und nur für Fachwissenschaftler von Interesse. Auch deswegen ist der Zugang oft für die Öffentlichkeit verboten. Im Museo Larco ist das anders, und auch wenn man zwischen den Regalreihen voller Keramiken (denn das ist das Hauptausstellungsgebiet des Museo Larco) wandernd nicht allzu viel lernt, ist es doch interessant, mal einen Blick „hinter die Kulissen“ eines solchen Museums zu werfen.

Viel mehr dagegen lernt man in der eigentlichen Ausstellung. Ich habe in ganz Perú unzählige Keramikmuseen mit Töpferarbeiten aller erdenklichen Kulturen besichtigt, und ganz ehrlich: irgendwann sieht auch die tausendste Tonscherbe gleich aus. Doch das Museo Larco ist anders. Während viele anderen Museen auch nach dem aus Uruguay bekannten Prinzip „alles in einen Schrank schmeißen, nichts anordnen und möglichst wenig Erklärungstafeln dazu liefern“ folgten, konnte ich in diesem Museum wirklich zum ersten Mal die Geschichte der peruanischen Keramik nachvollziehen. Ich lernte zum Beispiel, dass die Fundstücke, die man auf dem Gebiet des heutigen Perús fand, sich in drei klassische Stiltypen einteilen lassen: einen aus dem Norden, einen aus dem Süden, und einen Mischtypus. Die wesentlichen Unterschiede erkennen Experten jeweils an der mono- oder polychromen[7] Bemalung und an der Form des Henkels an der Kaffeetasse.

Traditionelle Keramikherstellung, hier in Nazca

Nach so viel Günther-Jauch-Wissen blieb mir fast keine Konzentration mehr für die anschließende, ebenfalls ausgezeichnete Sammlung von Edelmetallgegenständen. Wie bereits erwähnt, besaßen Gold und Silber für die Inkas keinerlei materiellen Wert, aber für uns im Kapitalismus Sozialisierten ist es natürlich immer eine Freude, die unzähligen Grabbeigaben zu betrachten. Wobei die Goldschmiedekunst der Inka vergleichsweise kein allzu hohes Niveau erreichte.

Am bekanntesten jedoch ist das Museo Larco für seine Sammlung erotischer, ja fast pornographischer Keramiken. Da ist für jeden was geboten, außer für kleine Kinder unter 18 Jahren. Ich spare mir jetzt die detaillierte Aufzählung der dargestellten Sexualpraktiken, schließlich will ich dem interessierten Leser nicht die Spannung verderben, wenn er mal selber kommen und sich das anschauen möchte[8], sondern erkläre lieber gleich, warum zum Kuckuck die indígenas auf die Idee kamen, solche Töpfereien anzufertigen. Natürlich geht es auch hier um einen mythologisch-religiösen Kontext, um Fruchtbarkeitskulte und um die Anbetung der Muttergöttin. Vergleichbares findet sich in allen Kulturen. Manchmal aber auch, so die Erklärtafeln des Museums, wollte der Schöpfer der Keramiken auch vor einigen höllischen Praktiken warnen, die seine Priester „sündig“ nannten…

Sind diese Keramiken also Kunst oder kann das weg? Diese Frage stellt die Außenstelle des Museo Larco in Cuzco ganz neu. Und sie beantwortet sie ganz eindeutig mit: Ja. Während es im Hauptsitz Lima darum ging, die einheimische Keramik Perús historisch zu erklären, nennt sich die Außenstelle schon Museo de Bellas Artes, also „Museum der Schönen Künste“. Mithilfe von Zitaten verschiedenster etablierter Künstler der Moderne, die in Perú waren oder sich von der indigenen Kunst haben inspirieren lassen, und ausschweifenden Interpretationen zur Aussageabsicht der seit Hunderten von Jahren toten Keramikkünstler, versucht dieses Museum, die vorspanische Kunst in eine Linie mit der modernen westeuropäischen Kunst zu stellen. Und tatsächlich haben die indígenas nicht einfach nur irgendwelche billigen Kaffeetassen hergestellt, sondern wirkliche Skulpturen aus Ton gestaltet. Man sieht die allerunmöglichsten Formen, Menschen, Tiere, Götter, Fantasiewesen, bis hin zu abstrakten geometrischen Konstruktionen, die tatsächlich auch im MoMa oder in der Tate Modern stehen könnten. Einige Stücke lassen mich stutzen, bei anderen pruste ich, so absurd, komisch, witzig sind sie gestaltet. Und lebensnah. Andere bringen mich zum Nachdenken. Das muss wohl Kunst sein.

Doch als ich versuche, mir mal die Interpretation einer besonders modern aussehenden Vase durchzulesen, muss ich bei diesem Gedanken sofort laut loslachen. Was hier als große Kunst verkauft wird, wo zeilenlang über die möglichen Intentionen des Künstlers spekuliert wird – war das vielleicht nicht einfach nur eine Art billiges vorindustrielles Massenprodukt, in dem zu Hause im Küchenschrank der Mais aufbewahrt wurde?

Fazit

Kunstwerke, die einige auf eine Ebene mit Gaugin stellen, Bauten, die ewig halten, Hängebrücken aus Leinfaden, die nie reißen, ein perfekt ausgebautes Straßensystem, ein modernes Herrschaftssystem nach dem Prinzip divide et impera[9] und eine Zivilisation, die sicher die Fortgeschrittenste in Südamerika zu ihrer Zeit war: das Inkareich war sicherlich einzigartig. Der Vergleich mit anderen Hochkulturen wie dem alten Rom oder Ägypten führt immer wieder zu erstaunlichen Parallelen. Auch, wenn die Inka keinen Stahl kannten, keine Räder, und vielleicht auch keine Schrift[10], und auch, wenn sie am Ende von den militärisch überlegen Spaniern besiegt wurden, das Erbe, das sie hinterlassen, ist beeindruckend. Ich habe einiges verkürzt, vielleicht sogar fachlich falsch dargestellt, schließlich bin auch ich kein Inkaprofessor. Aber die Grundidee bleibt: ein großes Reich, das nur noch Ruinen hinterlassen hat.

[1] In Carmelo (Uruguay) habe ich das mal ausprobiert. Aber da ging’s auch nicht anders.

[2] Ich habe, als ich da war, an keiner Tankstelle den Liter Diesel für weniger als umgerechnet zwei Euro gesehen.

[3] und über das Sie im Beitrag über Cuzco mehr Informationen finden

[4] Das Original haben die Spanier in ihrer Ignoranz und Goldgier eingeschmolzen.

[5] Für dessen genaue Beschreibung lesen Sie auch den Beitrag über Cuzco.

[6] Mehr zur Menschenopferthematik im Beitrag über Arequipa.

[7] Für Nicht-Akademiker: ein- und mehrfarbig.

[8] Fotos gibt’s leider auch keine. War verboten! J

[9] Erneute Übersetzung aus dem Akademikersprech: Teile und Herrsche.

[10] Dies ist bis heute umstritten. Es gab zumindest keine Schrift in unserem Sinne. Bekannt ist die Knotenschrift, über die ich hier schreibe.

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