Marmeladenglasmomente

Behutsam, regelrecht langsam schleichend nähert sich die Aneinanderreihung von blauen Waggons der БЧ der Stadt M.  Die schwarzen Silhouetten der Bäume wechseln sich mit den Lichtern der Vorstädte ab. Plattenbauten, Baustellen, kleine Holzhütten. Typisch osteuropäische orangene Laternen erhellen den Weg.

Gerade erhellt sich der Himmel, bis er einen nahezu identischen Farbton hat, wie die Waggons.

M. begrüßt mich mit den gleichen alten Lagerhallen, Fabriken; gleichzeitig aber auch mit jenen Baustellen, welche dazu dienen werden, noch mehr Bewohner aus allen Teilen dieses Landes wie ein Schwamm aufzusaugen.

Einen kurzen Blick darauf geworfen verrät mir meine Uhr, dass es genau 6 Uhr morgens ist. Das heißt, ich habe die letzten 9,5 Stunden hier im Platzkart-Abteil in meinem Bett verbracht, nachdem mir der Schaffner netterweise 1,5 Rubel für die Bettwäsche angeknüpft hatte. Nachdem man das Bett nämlich bezogen hat, begibt man sich in die paradoxe Situation, mit diesem Ort zu einer Einheit zu verschmelzen. So fühlt es sich an, als wäre man im Leben nirgendwo anders gewesen, gleichzeitig aber auch als wäre man im heimischen Wohnzimmer.

Mit dicken gelben Buchstaben „МІНСК“ begrüßt mich der Bahnhof zurück, durch die Fensterscheiben hört man die üblichen Ansagen, mittlerweile sogar in fehlerfreiem Englisch.

Es hat sich viel verändert in dem Land namens B., es wird sich viel ändern. Aber beispielsweise das Zugfahren ist gleich geblieben, es unterliegt keiner Dynamik.

Ich wünschte, ich könnte B. in ein Marmeladenglas tun und für immer bei mir herumtragen.

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