Halb vorbei oder noch halb vor mir?

Zeit eine Zwischenbilanz zu ziehen oder die Geschichte wie ich zum Geheimnisvollen X. wurde, lernte das Zugfahren wirklich abenteuerlich sein kann und was der Nikolaus mit einem Fisch zu tun hat.

Wie eine graue Decke liegen die Wolken über Plovdiv, vereinzelte Vögel ziehen als schwarze kleine Punkte vor meinem Fenster vorbei. Ich sitze auf meinem Bett, die grüne Kuscheldecke über den Beinen und zwei Schokoladenpapiere aus meinem Adventskalender zu meiner rechten. Von unten klingt Topfgeklapper und …

Stopp.

Topfgeklapper?

Jaa,ihr habt richtig gelesen und ich habe richtig gehört und obwohl ich es selber immer noch nicht fassen kann und jeden Tag so dankbar bin was ich für ein Glück habe, stimmt es, ich bin umgezogen.

Holterdipolter.

Eine halbe Stunde nachdem ich vor drei Wochen Donka, meine neue Gastmutter kennengelernt hatte fragte sie mich wo ich wohne. Auf meine Antwort „im Schülerwohnheim“ schaute sie mich bestürzt an und meinte sie holt mich daraus. Eine Woche später war ich bei ihr, ihrem Mann und ihrem sechsjährigen Sohn zum Essen eingeladen und sie meinten, dass sie mir leider noch keinen Schlüssel machen lassen haben, aber ich sofort einziehen könnte und 4 Tage später saß ich in meinem neuen Zimmer. Soweit die Kurzfassung. Zwar ist die ausführliche Variante auch nicht viel länger, wie schon gesagt holterdipolter, aber einige Hintergrundinfos. Donka und ihr Mann haben beide in Deutschland studiert und hatten immer den Plan einen Austauschschüler aufzunehmen, da sie aber selber erst vor 4 Wochen umgezogen sind haben sie es noch nicht geschafft sich als Familie zu bewerben. Und dann kam ich, perfekt als Probeperson für 3 Monate geeignet. Zwar habe ich das Wohnheim mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen, hahahaha, ne Spaß, so richtig trauer ich dem einen Duschraum für 50 Leute, den Toiletten, die nur Löcher im Boden sind, dem fehlenden Wlan und der nicht vorhandenen Waschmaschine nicht hinterher. Was ich aber am meisten vermisst habe ist, nach Hause zu kommen und zu wissen nicht alleine zu sein, zusammen Abendbrot zu essen, ein Familienleben zu haben. Ich habe das Gefühl, das ich erst jetzt die Kultur wirklich mitbekommen, vorher habe ich alles gesehen, habe Häuser und Menschen und alles um mich herum beobachtet, jetzt bin ich ein Teil und bekomme das wirkliche Leben mit, die kleinen Aberglauben am Tisch, die Traditionen, wo es das beste Banitza gibt, kleine Geschichten, bulgarische Fernsehsendungen und Rezepte und die Sprache. Dank des Sprachkurses verstehe ich nun auch schon einzelne Wörter und winzige Sätze (Obwohl meine begeisterte Übersetzung „Was willst du?“ von dem vorher lauten „Какво искаш?“ im Auto vielleicht nicht ganz passend waren (der Ausruf galt einem anderen Autofahrer)).

Der Ausblick aus meinem neuen Zimmer am Abend

Zeitsprung

Schon von weitem sieht man das große marineblaue Gebäude, die darauf zuströmenden Menschen, die wie von an einem Magneten angezogen werden und diese vier großen gelben Buchstaben, die meine Augen leuchten lassen. IKEA. Da bin ich wieder. Es ist Samstag und ich bin in Sofia um am Abend mein liebes Schwesterchen vom Flughafen abzuholen. Um das Wochenende noch schön zu nutzen bin ich schon am Freitag gekommen, habe bei Seline genächtigt (und einen lustigen Abend gehabt :D) und sitze jetzt mit ihr bei Ikea vor einer großen Portion Kottbullar. Ich habe mir die beiden Schwedenfahnen in die Haare gesteckt und genieße den Ausblick über den Parkplatz. Hach, wie ähnlich das doch zu meinem Stammikea in Kassel ist. Toll. Die Einzelheiten muss ich jetzt nicht erzählen, das unterscheidet sich nicht so sehr vom Ikea in Deutschland. Nach drei Stunden verlassen wir den großen Klotz wieder, nicht nur die Mägen sind gefüllt. Da wir noch ein paar Stunden bis zu Harris Ankunft haben machen wir uns auf den Weg zu einem Glockendenkmal. Es ist eine Installation im Wald, ein großer Turm und um ihn herum im Kreis ist eine rundes Bauwerk mit Glocken. Aus fast jeder Nation hängt hier eine Glocke. Man kann herum gehen und sie nacheinander zum läuten bringen. Wir haben viel Spaß dabei an den ganzen Glocken entlang zu schreiten und mit den Klöppeln im Inneren die Glocke zum klingen zu bringen. Einige sind aufwendig verziert, es gibt kleine und große, welche mit hohen, durchdringenden Tönen, welche die klar und tief ihren Klang ausbreiten, vibrieren, scheppern, schallen. Schließlich machen wir uns aber auf den Weg zum Flughafen, bewundern die gigantischen Halle des Flughafens (haha, fast) und verbringen unsere Zeit mit Essen und andere Leute beobachten. Endlich erläutet die Durchsage, das Flugzeug aus Berlin Schönefeld sei gelandet und wenige Minuten später kommt auch schon Harri mit ihrer Sporttasche durch den den Eingang gestapft. Auch die Woche will ich nicht weiter ausführlich ausführen, nur so viel, es war super schön und wir sind viel durch die Stadt geschlendert, auf den Youthhill gestiegen und haben natürlich bulgarisches Essen gegessen.

Zu dem Bild muss ich wohl nichts mehr sagen

Glockendenkmal in Sofia

Seline und ich mit der bulgarischen Glocke (meine Güte sind wir stark)

Meine Schwester und Ich auf der Brücke am Ruderkanal

Zeitsprung

Da ich ja jetzt seit einigem an einer Schule bin komme ich mit diesen wunderbar didaktischen Methoden in Berührung komme und dachte ich, dass ich selber mal so eine kreative Schreibart ausprobiere um vom Zwischenseminar zu berichten, da ich eh nicht denke, dass ich wirklich vermitteln kann wie das Seminar war.

Z usammen zu                                                                                                                                    W eihnachtsliedern tanzen.                                                                                                              I rgendwo im nirgendwo in Rumänien.                                                                                          S chneemensch Alex mit Wischmopp auf dem Kopf.                                                                    C hoasspiel.                                                                                                                                      H olzöfen, ausschließlich.                                                                                                                 E lefantengeschichte.                                                                                                                         N eues, frischgebackenes Brot.                                                                                                        S ofiabuch vorlesen.                                                                                                                         E ntentanzohrwurm.                                                                                                                         M ein Kuscheldefizit auffüllen.                                                                                                         I nspiration.                                                                                                                                        N icht mehr weg wollen.                                                                                                                   A udiowanderweg Siebenbürgen.                                                                                                     R eflektion.

Wahrscheinlich sagen diese Stichworte nicht so viel, aber bei Interesse könnt ihr mich auch einfach nochmal fragen und sonst zeigen die Bilder vielleicht noch einen kleinen Eindruck, nur noch so viel, es war soo schön!

Schneeengel in Rumänien

Schneemensch Alex, ein paar Freiwillige und ein Hund

Unser Seminarort 🙂 an dieser Stelle Danke an Leon und Ilka für die Fotos vom Seminar

Ausblick bei unserer kleinen Wanderung

Das Seminarhaus

Zeitsprung

Zugfahren ist abenteuerlich. Punkt.

Zwei Monate ist es her als ich diesen Satz zum ersten mal in der deutschen Botschaft gehört habe,. Ich weiß noch ganz genau wie wir zusammen am Tisch saßen und mich die Abenteuerlust gepackt hat.

Und jetzt endlich steigen wir aus dem Zug in Craiova aus, einen Bahnsteig gibt es nicht, das Trittbrett des Zuges führt runter auf den vereisten Boden und die nächsten Bahnschienen. Das Zwischenseminar ist vorbei und die ersten beiden Züge von Fagaras nach Bukarest und von Bukarest nach Craiova haben wir schon hinter uns. Uns bleiben 15min um die Fahrkarten für den längsten Teil der Reise zu kaufen, von Craiova nach Bulgarien, laut der Deutschen Bahn soll diese Fahrt 9 Stunden dauern. Wir hasten zum Bahnschalter und versuchen schnell kenntlich zu machen, dass wir 6 Fahrkarten nach Sofia benötigen, doch der Stress ist umsonst. Der Zug kommt eine Stunde später erklären uns die zwei Frauen am Bahnschalter. Das verwirft jetzt zwar unseren tollen Essenszeitplan auf dem für 8 Uhr Abendbrot im Zug notiert war, aber lässt uns genug Zeit den Bahnhofsvorplatz von Craiova zu besichtigen, Geld abzuheben und die Fahrkarten zu kaufen . Auf die Frage ob es Schlafwägen gibt, antwortet die Frau nur, dass man die Tickets dafür extra im Zug kaufen muss, glauben wir zumindest. Um kurz nach 9 abends ertönt die Melodie der Zugansage und der Zug rollt auf das stockdunkle Gleis ein. Erleichtert steigen wir ein und setzen uns in unser zugeschriebenes Abteil. Während wir unser mitgebrachtes Brot und eine Art Suppe, bei der wir dachten, dass es Brotaufstrich wäre kauen ruckelt der Zug einige Meter los, bleibt stehen und fährt wieder zurück. Die Prozedur wiederholt sich zweimal und außer zwei Scherzen („deswegen dauert die Zugfahrt solange“ und „wahrscheinlich hat der Zugführer was vergessen“) schenken wir dem Vorgehen auch keinerlei Beachtung, weil Anne in diesem Moment nachguckt wieviel Strecke der Zug eigentlich zu bewältigen hat, Entfernung Craiova-Sofia, Luftlinie: 187km, Autostrecke: 261km. Ok, stopp, wir fahren 9 Stunden für etwa 250km??? Aber gut, wir wussten worauf wir uns einlassen, dachten wir. Am Abteilfenster läuft ein Mann mit Schlagstock vorbei, aus einem Handy spielt Musik und jeder sucht sich eine bequeme Schlafposition während die Luft im Abteil merklich kälter wird. Auch durch die Winterjacke und drei Schichten kricht allmählich die Kälte. Alle gucken neidisch zu Anja rüber, die eingehüllt in ihrem Schlafsack an der Wand angelehnt sitzt. Nach einiger Zeit steht Seline auf und will den Zug erkunden. Ich breite meine Schaldecke über mir aus (nein, kein Teppich) und Toni zieht die obersten Anziehsachen aus ihrem Wanderrucksack als Seline völlig geschockt zurück in den Wagen kommt: „Das war offen. Da war kein Wagen mehr. Nichts. Abgrund.“ (ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut, aber das war war der Inhalt.) Und ja richtig, da war nichts. Sie hatten wohl bei ihrer Hinundherfahraktion die Hälfte des Zuges abgekoppelt, die Tür wahr natürlich nicht verschlossen und weil es sowohl im Gang relativ-, als auch draußen stockdunkel war konnte Seline nicht sehen das dort vor der Tür nichts war außer schnell (wie mans nimmt, aber schnell genug um super gruselig zu sein) vorbeiziehende Gleise. Geschockt stehe ich 5 min später mit Johanna vor der Öffnung. Wir entschließen uns mit Anne in die andere Hälfte des Zuges zu gehen und nach die Schlafabteile zu suchen. Im zweiten Wagen hören wir plötzlich hinter uns Geräusche (wohlbemerkt in einem dunklen Gang in einem, wie es fast scheint, ausgestorbenen Zug). Es ist ein kleiner zur Glatze neigender beleibter Mann, der uns freundlich anlächelt und die Sprachen Rumänisch, Bulgarisch (einzelne Wörter verständlich), Englisch und sogar Deutsch durchprobiert und uns dann ich deutsch mal eben im Nebensatz mitteilte, dass unser Zug vier Stunden Verspätung hat. Johanna und ich bekommen einen leicht hysterischen Lachanfall, es fühlt sich alles einfach nur ein bisschen absurd an. Allerdings können wir danach für einen kleinen Aufpreis in zwei Schlafwägen umziehen, was die Fahrt definitv komfortabler und wärmer macht. Nach der Grenzkontrolle können wir auch endlich richtig schlafen. Der Schaffner ist super bemüht, bringt uns Decken und am nächsten Morgen Schokocrossaints und Wasser. Als wir 14 Stunden später aus dem Zug aussteigen sind wir erleichtert, aber auch froh es gemacht zu haben. Ich persönlich fand es definitv spannender und auch angenehmer als Bus fahren, aber ich muss sagen, dass ich definitv davon abraten würde alleine über Nacht Zug zu fahren. So richtig vertrauenserweckend sah der Mann mit einem riesigen Hammer in der Hand, der durch den Zug gegangen ist, nicht aus. Aber jetzt kann ich Zug fahren auch von meiner Liste abhacken und wenn ich nochmal Zeit und Mitfahrer habe es sehr gerne wiederholen.

Im Inneren des Zuges am Morgen

Und so sieht er von außen aus 😀

Zeitsprung

Jetzt aber natürlich auch noch die Geschichten aus der Einleitung, obwohl man sagen muss, dass diese eher unspektakulär sind.

Wie es dazu kam, dass ich zum geheimnisvollen X. wurde ist wirklich nicht so aufregend. In meinem Sprachkurs haben wir Beispielsätze mit uns gemacht und manche hat Gina, meine Sprachkurslehrerin an die Tafel geschrieben. Weil sie keine Lust hatte immer die Namen auszuschreiben wurde nur der erste Buchstabe an die Tafel geschrieben, Ende der Geschichte (für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Helli -> хели).

Den Zusammenhang vom Nikolaus und dem Fisch ist im Gegensatz dazu vielleicht ein wenig spannender. Ich habe für den Adventskalender in der Schule nach Nikolaustraditionen recherchiert, für alle die die Geschichte noch nicht kannten. Den Brauch in der Nacht vom 5. auf den 6.Dezember Süßigkeiten in die Stiefel zu packen wird so erklärt, das der heilige Nikolaus früher Geschenke durch die Schornsteine geworfen hat. Diese sind dort in die zum trocknen aufgehängten Socken gefallen. Hier in Bulgarien ist dieser Brauch nicht üblich. Da aber Nikolaus von Myra Schutzpatron der Fischer und Seefahrer ist, ist es Tradition an seinem Todestag, dem 6.12., Fisch zu essen, sehr zu meiner Freude.

Und schon sind wir wieder am Ende meines Blogeintrages angelangt, obwohl ich auch nicht von dem Wochenende in Bukarest vor dem Zwischenseminar berichtet habe. Dafür ist jetzt aber leider kein Platz mehr, ihr könnt nur das Foto von der Freewalkingtour und von einem riesigen, inspirierenden Bücherladen sehen. Nur so viel, wir hatten ein schönes erstes und kaltes Adventswochenende in der Hauptstadt Rumäniens.

Die schöne Bukarestreisegruppe, die dann doch alle aufgestanden sind 😀

Freewalkingtour in Bukarest

Ein wunderbarer vierstöckiger Bücherladen

Ich genieße die letzten Tage vor Weihnachten in Plovdiv, habe am Wochenende mit meiner Gastfamilie sehr viele Plätzchen gebacken und werde nächstes Wochenende noch einen Ausflug zu Anja nach Haskovo machen, bevor ich dann über Weihnachten nach Hause fahre.

Ich wünsche euch eine frohe, stressfreie Adventszeit und allen die das lesen schonmal fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Alles Liebe eure Helli

Leider fehlen auf dem Bild die Zimtsterne

Ein Gedanke zu „Halb vorbei oder noch halb vor mir?

  1. Carola

    Liebe Helena,
    gerne und mit viel Interesse lese ich deine Einträge!
    Komme gut nach Göttingen, genieße das Auftanken zu Hause,
    bevor du wieder zurückfährst.
    Denn du bleibst ja noch einige Monate, richtig?

    Herzliche Grüße,
    Carola

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