Schnappschüsse

„The botanic garden“. Meine Augen bleiben an dem kleinen Schriftzug, der sich quer über eine Grünfläche des Busplans am Rande der Stadt zieht, hängen. Ich hab schon den Duft der Blumen in der Nase, die exotischen Pflanzen in tropisch warmen Gewächshäusern, riesige Farnwedel und Kletterpflanzen, die sich an Stäben und Ästen emporranken, trichterförmige Blüten, die in den strahlensten Farben erbühen, aber nur heimtückisch kleine Fliegen und Insekten in ihrem Nektar fangen wollen und große Seerosenblätter, die auf den Teichen liegen und mit den Bewegungen der Wasseroberfläche mitschwingen, beginnen in meiner Vorstellung wachsen.

Und wiedermal hätte ich realistischer über die Sache nach denken sollen, doch auch die Tatsache das weder eine der Lehrerinnen noch zwei Studenten je von dem botanischen Garten gehört haben wollten meine Motivation nicht trüben.

Das liegt einfach ein bisschen außerhalb der Stadt, da fährt man nicht mal eben vorbei, bestimmt ist er wunderschön, redete ich mir ein. Vielleicht war ich auch einfach aus meiner Heimatstadt verwöhnt und stellte mir den gleichen prächtigen Garten vor, in dem gerade ein Freund von mir in Kolumbien arbeitet.

Bei dieser Vorrede könnt ihr euch bestimmt denken, dass er nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach oder überhaupt irgendwelchen Vorstellungen von einem botanischen Garten. Nach einer 40 minütigen Busfahrt stand ich in mitten eines (renovierungsbedürftigen) Wohnviertels mit grauen Hochhäusern, die dank des ebenso trüben Wetters nicht im besten Licht erstrahlten. Nach meinem Plan sollte der Garten direkt eine Straße weiter beginnen doch als ich vor einer verwucherten Heckenwand stand merkte ich das irgendwas nicht stimmen konnte. Einige Meter weiter führte ein kleiner Trampelpfad mitten hindurch. Mit viel Fantasie erinnerte es an Schrebergärten, nur keine kleinen spießigen Sträucher und Zäune und akkuraten Beeten, sondern verwilderte Pflanzen, meterhohe (nicht zurechtgestutzte) Hecken hinter denen man, wenn man Glück hatte einen einzelnen trostlosen Kohlkopf (nicht 1800kg :D) erkennen konnte. Ich schluckte meine Entäuschung herunter, vielleicht kam ja noch was. Hinter dieser „Schrebergartensiedlung“ erstreckte sich nun der Hauptteil des „Botanic gardens“, eine Wiese, vielleicht war es auch ein Feld, auf jeden Fall pflegte niemand dieses Stück Land. Ich glaube ich kann mit Stolz behaupten, das ich die einzige Person bin die sich jemals die Mühe gemacht hatte 40 Minuten zu dieser Wiese zu fahren. Statt dem Duft der Blumen stiegen mir die Auspuffgase der großen Straße in die Nase, die parall zum Botanischen Garten verlief und die einzigen farbigen Tupfer waren bunte Plastikverpackungen die hie und da zwischen den bestimmt bewusst angepflanzten und wertvollen Gräsern und Sträuchern verteilt herumlagen. Ich muss sagen, dass ich mich ziemlich über die Designer dieses Stadtplans ärgerte und mir vorstellte wie sie lachen vor ihren Zeichnungen saßen und sich lustige Namen für die Grünflächen überlegten. Witzig.

Zeitsprung.

Der Sicherheitsmann strecke die Hand aus und gibt mir mit seinem Arm, der die Tür versperrt offensichtlich zu verstehen das ich hier nicht reindarf. Verdutzt bleibe ich stehen. Zwei zurechtgemachte Frauen mit mindestens 10cm hohen Pfennigabätzen stöcklen an mir vorbei in das hell erleuchtete Gebäude. Belustigt beobachte ich wie beide mühevoll am Abflussgitter vor der Tür vorbeitänzelen oder einen unerwartet großen Schritt machen um nicht mit ihren Absätzen zwischen den Gitterstäben hängen zu bleiben. Der Sicherheitsmann vor mir erklärt mir irgendetwas auf bulgarisch, doch meine mittlerweile schon gekonnt verwirrte Miene halten ihn nicht davon ab mir weiter die Tür zu versperren. Da stehe ich nun, Freitagabend vor dem Archäologischen Museum in Sofia mit meinem großen roten Wanderrucksack auf dem Rücken, den natürlich nicht geputzten Dr.Martens(nach dem Wochenende habe ich mir dann Schuhcreme zugelegt) und einem großen grauen Pulli. Hinter mir kommen immer mehr Anzugträger und stark geschminkte Frauen in Kostümen und verschwinden zwischen den beiden alten Säulen die die Eingangstür begrenzen. Eigentlich hatte ich spontan überlegt Toni in Blagoevgrad zu besuchen und weil diese zwei Wochen zuvor in den Unichor eingetreten ist und mit diesem am Freitag ein Konzert in Sofia hat, hatte es nach unserem Plan perfekt gepasst, dass ich zu ihrem Konzert kommen sollte und wir danach zusammen mit ihrem Chorbus zurück nach Blagoevgrad fahren würden. Soweit der Plan. Leider hatten wir außer Acht gelassen bei welcher Veranstaltung dieses Konzert stattfinden sollte und ob ich zugucken durfte. Nach einigen Minuten in denen die Kälte sich langsam durch den dann doch nicht so dicken Pulli fraß kommt eine ebenso herausgeputzte Frau mit strengem Haarknoten und Klemmbrett auf mich zu und fragt mich auf englisch was ich denn hier machen würde. Ich versuche schnell zu erklären, dass ich doch nur eine Freundin aus dem Chor besuche und zugucken wollte. Sie bugsiert mich in den Vorraum, in dem ich in einer Ecke neben den Spinden warten darf und mit den ansässigen Spinnen Kontakt aufnehme, immerhin ist es warm. Nach einigen Minuten kommt sie gestresst zurück und verkündet mir, dass es leider keine Antonia in diesem Chor gibt. Meine Erklärung, dass Toni erst zwei Wochen in dem Chor ist quittiert sie mit einer gerunzelten Stirn und einem knappen Nicken, rein darf ich allerdings immer noch nicht. Nach weiteren Minuten, in denen ich meine Lebensgeschichte mit den Spinnen geteilt habe und mich in einer Diskussion über die kulturellen Unterschiede der Spinnennetze befinde (ok,nicht ganz, eigentlich habe ich nur das offene WLAN genutzt) kommt Toni strahlend auf mich zu in einem langen schwarzen Talar gekleidet (er stellte sich dann doch nur als die Chorkleidung heraus). Das restliche Abend wurde durch viele Käsehäppchen von einem Kellner, der irgendwann einfach bei mir stehen blieb, weil er offenbar keine Lust mehr hatte sich durch die Menschenmengen zu quetschen(höhö), einem schönen Chorauftritt, netten Leuten und einer entspannten Busfahrt sehr vergnüglich. Ebenso das Wochenende in dem wir auf nicht ganz direktem Weg zum weißen Kreuz wanderten, Blagoevgrad besichtigten, selber Spätzle machten, sportlich im Park die öffentlichen Turngeräte ausprobierten, Wäsche wuschen (so eine Waschmaschine muss man ausnutzen, obwohl ich nach dem langen Weg zur Wäscherei auf Handwäsche umgestiegen bin und dies erstaunlich gut geht) und sehr viel Musik hörten super schön.

Das "white cross" auf dem Berg neben Blagoevgrad (wer ist das bessere Kreuz? :D)

Das „white cross“ auf dem Berg neben Blagoevgrad
(wer ist das bessere Kreuz? :D)

Über Blagoevgrad

Über Blagoevgrad

Zeitsprung.

„Skopje ist eine der ältesten Städte des Landes und bietet einen besonderen Charme in der Stadtarchitektur.“ Ebenso wie die Flagge Mazedoniens erwartete uns eine strahlende Sonne als wir mit unserem kleinen Reisebus nach Skopje reinfuhren. Während wir vor einer 23 Meter hohen Statue mit dem Namen „Krieger auf Pferd“ stehen (zuvor hatte mein Vater mir noch ein kleines Rätsel aufgegeben, ein Mann der aus Mazedonien kommt und mit „A“ anfängt und „oße“ aufhört (naa, wer erräts?) und den eben diese Statue darstellt) die von einem erleuchteten künstlichen Wasserfall und Löwenstatuen verziert einen imposanten Anblick bietet. Irgendwie habe ich mir diesen besonderen Charme in der Stadtarchitektur, der im Internet auf einem der unzähligen Touristenseiten angepriesen wurde, anders vorgestellt. Allerdings fiel mir auf, dass auch nicht beschrieben wurde was für ein Charme diese Stadt ausstrahlen sollte. Das man sich wie in Disneyland fühlen wurde hätten wir allerdings nicht erwartet. Um es in einem Satz zusammen zufassen, Skopje wirkt inszeniert. Die Stadt mit der wahrscheinlich höchsten Statuendichte Europas und weißen Häusern mit hohen Säulen, die die Epoche des Barocks, der allerdings nie in Mazedonien stattgefunden hat, darstellen sollen, Springbrunnen und wie gesagt sehr vielen Skulpturen, die aber größtenteils erst in den letzten 10 Jahren gebaut wurden. Zwei Anekdoten, die uns der Stadtführer der Free Skopje Tour berichtet stützen den Eindruck der Stadt. Die Statue „Krieger auf Pferd“ ist momentan die höchste Alexander der Große Statue (wer hats erraten?) in Europa, allerdings wird in Griechenland eine höhere gebaut, doch sobald die wird Mazedonien es sich natürlich nicht nehmen lassen noch eine höhere zu bauen. Nebenbei bemerkt, 10,4 Millionen Euro hat diese Statue gefressen und wurde ebensfalls im Projekt „Skopje 2014“ gebaut. Jedoch sind nicht alle Einwohner dieser Stadt so zufrieden und glücklich mit den (ich erlaube mir das Wort kitschig zu benutzen) Skulpturen. An vielen Törbögen und Statuen sieht man das Werk zerplatzter Farbbeutel. Die zweite war (hoffentlich) mehr ein Witz unseres Stadtführers, als er uns berichtet, das wer in Skopje eine Baugenehmigung wolle. unterschreiben müsse mindestens 5 Statuen auf sein Haus zu bauen. Ahh ja. Jedoch ist nicht ganz Skopje in diesem Stil gebaut, einen großen Teil des Wochenendes verbrachten wir im „Old Bazar“, ein Stadtteil, der mich an das Kapanaviertel in Plovdiv erinnert und an dem sich Bars, Bäcker und Geschäfte für Mode, Schmuck und Mitbringsel an der Pflasterstraße entalng reihen. Einen Großteil verbringen wir auch in kleinen lokalen Restaurants und futtern uns voll mit …. einem typisch mazedonischen Bohneneintopf, Schopskasalat, der wie Seline erzählt eigentlich in Bulgarien für Touristen erfunden wurde um die bulgarische Flagge nachzuahmen und Nafura, geröstetes und kleingeschnittenes Weißbrot mit geraspeltem Schafskäse.

Reiter auf Pferd

Reiter auf Pferd

Herbstlicher Straßenanblick in Skopje

Herbstlicher Straßenanblick in Skopje

Die Free-Skopje-tour-Reisegruppe

Die Free-Skopje-tour-Reisegruppe

Zeitsprung.

Immer noch Skopje. Johanna hackt neben mir mit meinem Opinell auf einen Hokkaidokürbis ein und ich rutsche vorsichtshalber aus der Reichweite der scharfen Klinge. Es ist der 31. Oktober und nach dem Johanna erst enthusiastisch vorgeschlagen hat doch etwas tolles an Halloween zu unternehmen, zum Beispiel einen Kürbis zu schnitzen, und nicht ganz auf die erwartete Euphorie stieß versicherte sie im Supermarkt, dass wir das auch wirklich nicht machen mussten, doch dieses

mal protestierten alle anderen Teilnehmer (inklusive mir), die schon in vorfreudiger Erwartung an die Fratze des beleuchteten Kürbis dachten. Gegenüber von Johanna versuchen Leonie, Toni und Anja ihr Glück an einem zweiten Kürbis mit einem weitaus stumpferen Messer aus dem Repertoire des Hostels. Ich beginne nach ein wenig übermotiviert die schon ausgeschnittenen Deckel der Kürbisse zuzerhacken und gerade als ich das letzte Stückchen um beide Strunken der Kürbisse kleinengehäckselt hab fragt Anja mich was ich da eigentlich machen würde. Auf die Antwort unser Abendbrot zubereiten starren mich alle fassunglos an. Normalerweise behält man wohl die Deckel und setzt sie wieder auf den ausgehöhlten Kürbis, hoppala. Die deckellosen Kürbisse leuchteten trotzdem wunderbar (nacheinander) mit dem einzigen wechselnden Teelicht und der Kürbis schmeckte trotz fehlendem Backofen (daran hab ich mich langsam schon gewöhnt) wunderbar in der Pfanne. Und auch die Halloweenspotifyplaylist und die Haarklammern in Form einer Skeletthand von Jumbo taten ihr bestes um uns auf Halloween einzustimmen.

Da nicht viel Platz ist lasse ich den Rest des Wochenendes in Fotos sprechen, nur noch eine letzte kleine Geschichte aus Skopje. Während der letzten Minuten die wir in Skopje verbringen wollten sitzen wir wieder zurück im Reisebus nach Sofia auf der Rückbank und ich kann sagen, dass es nicht das beste Gefühl ist noch halbverschlafen von dem Busfahrer namentlich aufgefordert und aus dem Bus gewunken zu werden. Zum Glück bin ich nicht alleine, ich wechsele mit Anja und Johanna einen leicht verängstigt-irritierten Blick während uns der Busfahrer zurück in den Bahnhof leitet und zum Schalter bringt. Dort erklärt uns die Dame, das wir in Sofia zwar eine Rückfahrt gebucht haben, aber das Datum in Skopje nicht bestätigt hatten und somit Glück haben das überhaupt Platz im Bus war. Es ist etwa so, als würde man in Berlin mit einem nicht gestempelten U-Bahnticket fahren.

Beleuchteter Kürbis

Beleuchteter Kürbis

Mit dem Boot auf dem Weg zum Canyon Matka, einer Tropfsteinhöhle in der Nähe von Skopje

Mit dem Boot auf dem Weg zum Canyon Matka, einer Tropfsteinhöhle in der Nähe von Skopje

Die Tropfsteinhöhle

Die Tropfsteinhöhle

Der wahrscheinlich größte Schlaghaken (ich habe ein wenig wehmütig auf die eingeböhrten Routen geschaut)

Der wahrscheinlich größte Schlaghaken (ich habe ein wenig wehmütig auf die eingeböhrten Routen geschaut)

Zeitsprung.

Ich hoffe wiedermal die kleinen Geschichten haben euch einen kleinen Eindruck in mein Leben vermittelt, jetzt noch eine kleine Zusammenfassung was sonst so in meinem Leben passiert ist. Die letzten Wochenenden war ich immer entweder unterwegs oder wurde besucht. Ich war zusammen mit Seline nochmal bei Toni und wir haben das älteste Kloster Bulgariens, das Rila Kloster besichtigt und schon frühweihnachtliche Plätzchen gebacken. Das Wochenende davor haben mich Anne und Anja besucht, ich habe ihnen Plovdiv gezeigt, wir sind auf den Youthhill gewandert/spaziert, waren im Kino und haben natürlich viel gegessen, ich sage euch, das Essen in Bulgarien ist wunderbar! Außerdem hat letzte Woche mein Sprachkurs begonnen (3 Stunden am Stück). Es war anstrengend, aber ich habe es sehr genossen mal wieder geistig gefordert zu werden und freue mich bald ein bisschen mehr zu verstehen. In der Schule muss ich nach mehreren Wochen Vertretungsunterricht nun nicht mehr „unterrichten“ und kümmere mich eher um organisatorische Dinge, gestalte eine Wandzeitung und erledige die üblichen Kopier-/Sortieraufgaben die sonst so anfallen. In meiner freien Zeit treffe ich mich viel mit den Studenten und ein paar Schülern, besichtige weiter Plovdiv und koche viel.

Das Rilakloster (mit verschneiten Bergen im Hintergrund)

Das Rilakloster (mit verschneiten Bergen im Hintergrund)

Aus dem Busfenster auf die Landschaft Bulgariens (Danke Toni für dieses und einige andere Bilder)

Aus dem Busfenster auf die Landschaft Bulgariens (Danke Toni für dieses und einige andere Bilder)

Mit Anja und Anne in Plovdiv

Mit Anja und Anne in Plovdiv

Ich hoffe es geht euch allen gut und ihr haltet dem kalten Wetter Deutschlands stand!

Liebste Grüße

eure Helli

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