Momentaufnahmen

Tropf, tropf, tropf.
Ich drehe den Wasserhahn leicht nach rechts.
Pause.
Tropf, tropf, tropf, tropf.
Ich drehe den Wasserhahn weiter nach rechts. Das Wasser kommt erst in einem dünnen, dann je weiter ich den Wasserhahn drehe dicker werdenden Strahl heraus. Das ist wohl eine tolle neue Erfindung, egal in welche Richtung man den Wasserhahn dreht, immer kommt Wasser heraus. Gerade für Morgenmuffel, die nicht ganz wissen wo rechts und links ist (oder allgemein Leute, die damit Schwierigkeiten haben :D) ist es sehr praktisch.
Tropf, tropf, tropf.
Mich nervt es aber gerade ziemlich. Und das im ohnehin schon stillen Wohnheim, das an Wochenenden mit seinen vier leeren Stockwerken wie ein Geisterhaus dasteht, und in dem abends nur drei Fenster erleuchtet sind. Außer mir ist noch noch die spanische Freiwillige anwesend und größtenteils ein Sicherheitsmann unten am Eingang, doch die sonstigen Geräusche der bulgarischen Schüler fehlen.
Tropf, tropf, tropf.
Ich binde einen Bindfaden um den Wasserhahn um zumindest kurzzeitig das Tropfgeräusch zu unterbinden.

Zeitsprung.

„How far is it?“, neben mir höre ich ein Keuchen. Es ein warmer Herbsttag, einer der letzten. Die Sonne fällt durch die Blätter der langsam gelb, rot, orange und braun werdenden Bäume. Der Waldboden ist noch leicht nass vom Regen am morgen. Ich nehme an einem Ausflug des Erasmusprogramms der Uni teil und bin nahe der der Klosteranlage Bachkovo etwa eine halbe Stunde von Plovdiv entfernt. Mit insgesamt 70 anderen, größtenteils Erasmusstudenten wandere ich den leicht ansteigenden Waldweg zu einem Wasserfall in der Nähe des Klosters den Berg hinauf. Von hinten hört man „Guacamoli, Guacguacamoli..“, (ja, nicht nur mein liebstes Schwersterchen kennt dieses Lied, das zwar im ersten Moment witzig ist, aber nach 3 Tagen Ohrwurm zur Qual werden kann. Anbei ein Link für alle die dieses wunderbare Werk der Lernmusik für Kinder noch nicht kennen: https://www.youtube.com/watch?v=JNsKvZo6MDs). Alle Teilnehmer des Ausflugs sind in vier Gruppen eingeteilt worden und haben eine Reihe von Bildern und Aufgaben bekommen, die sie auf dem Gelände suchen und fotografieren sollten. Nachdem unser wunderbar kreativer Name „Team Red“ (alle Gruppenmitglieder haben rote Armbänder bekommen) durch „Meltingpot“ ersetzt wurde wurde auch direkt Guacamoli mit samt Tanz als Teamlied auserkoren (weltweit bekannt, vorgeschlagen wurde es von einer Stundentin aus England). Der Ausflug ist toll, zwar stellt sich heraus, dass der Wasserfall ausgetrocknet ist, was ich trotzdem als Sensation abstempeln würde, denn wie viele von euch haben schonmal einen Wasserlosenwasserfall gesehen? Aber endlich lerne ich auch andere englischsprechende Menschen in etwa meinem Alter kennen. Die Studenten aus Brasilien, Frankreich, Tschechien, England, Griechenland und und und stellen sich als unglaublich nett heraus. Mit 3 von ihnen habe ich mich direkt für die nächste Woche verabredet.

Auf dem Weg zum Wasserfall

Auf dem Weg zum Wasserfall

 

Der Wasserlosewasserfall

Der Wasserlosewasserfall

bachkovo

Team Meltingpot

Team Meltingpot

Zeitsprung.

Team Meltingpot hat nun mittlerweile einen eigenen Facebookchat und sich für den Samstag um acht zum Essen gehen verabredet. Zehn Minuten nach acht stehen schon 22 der 36 zugesagten bibbernd vor Torro, einem großen Lokal in der Nähe der Innenstadt. Die Tischreservierung (trotz zweimaliger Nachfrage) muss irgendwie verloren gegangen sein und jetzt sind nur 16 Plätze frei(wie konnte das nur passieren? (diesmal ist eine Klammer in der Klammer nötig, denn für alle die dies nicht verstanden haben möchte ich an dieser Stelle ein imaginäres Ironieschild hochhalten und daran erinnern, dass die deutsche Bürokratie zwar manchmal nervtötend ist, aber man sie auch schnell vermissen kann). Noch ist die Stimmung ist ausgelassen, doch der Hunger und die Kälte fangen langsam an sie ein wenig zu untergraben. Zehn Minuten später sind die meisten eingetroffen, die Mitarbeiter des Restaurants teilen jedoch wieder holt mit, dass ihnen keine Reservierung vorliegt und sie wirklich keinen Platz haben. Nach einer kurzen Guacamolieinlage wird die Entscheidung getroffen einfach wo anders hinzugehen. Als wir uns gerade 25 Minuten nach 8 auf den Weg machen kommt einer der Kellner heraus und meint sie könnten vielleicht ja doch noch irgendwas hin und her rücken. Aaachsooo. Man muss jedoch sagen, dass das Essen sehr lecker war und auch der folgende Abend noch sehr vergnüglich.

Im Torro

Im Torro

Zeitsprung.

Ich sitze mit einem mehr als drei Pfund schweren Kohlkopf in meinem Zimmer. Ähhh ja, ihr habt richtig gelesen, um genau zu sein einem 1800g schweren Weißkohlkopf. Es war der kleinste in der Gemüseauslage. Vielleicht kurz wie es dazu gekommen ist: Als ich zwei Stunden zuvor nach einem halbstündigen Spaziergang das große rotweiße Kauflandschild hinter einer Kreuzung aufragen sah empfand ich ein merkwürdiges Gefühl von Zuhause. Nicht das ich so unglaublich viel Zeit meines Lebens bei Kaufland verbracht hatte oder es mein Stammgeschäft war, aber es hatte so etwas vertrautes, etwas vertraut deutsches. Ich mich fühlte als würde ich nur eben mal in der Innenstadt noch ein Stück Butter kaufen. Ok, ganz so extrem war es nicht, doch obwohl die meisten Schilder auf kyrrillisch waren und auch der Laden anders aufgebaut war fühlte es sich vertraut an. Vielleicht löste dieses Gefühl, der Hunger(geht niemals hungrig einkaufen!) und der Mann vor mir, der insgsamt(ich hab mitgezählt) 9 Kohlköpfe kaufte das Verlangen aus auch unbedingt einen Kohlkopf kaufen zu wollen. In meinem Kopf köchelte schon der erste Jägerkohl vor sich hin als ich die sperrliche Auslage betrachtete, die der Mann zurückgelassen hatte. In einer unterliegenden Kiste stieß ich jedoch noch auf einen kleinen, runden und gutaussehenden Kohlkopf. Als ich jedoch an der Kasse versuchte neben dem Kohlkopf auch noch die drei Gläser Apfelmus(der erste Laden in dem ich es endlich gefunden hatte, da musste man auf Vorrat kaufen, ne Mareile? :)), den Frischkäse, Joghurt, Müsli, Äpfel, Zwiebeln und Kekse unterzubringen kam mir zum ersten Mal der Gedanke, dass es ja relativ viel war. Und jaa, auch die Tatsache, dass ich noch nicht super einschätzen kann welche Mengen man für eine und nicht 4 Personen kocht täuscht nicht darüber hinweg das dieser Kohlkopf schon ganz schön groß war. Ich glaube ihr könnt euch denken was es die nächsten Tage zu essen gibt, ein Viertel ist schon in Form einer vegetarischen Kohlcarbonara verputzt worden. Sehr lecker! Chefkoch sei dank.

Das erste Kohlgericht in meiner neuen Schüssel

Das erste Kohlgericht in meiner neuen Schüssel

Zeitsprung.

Sonntag. Ich stehe hinter einem Stand mit drei riesigen Kisten Scones. Selbstgebackener Scones. In 14stündiger Arbeit. Jedoch nicht von mir, ich bin nur dort um zu helfen die Scones mit Marmelade oder Nutella zu bestreichen. Ja gut, auch um zu helfen die Scones zu verputzten (ich möchte ja nicht angeben, aber darin war ich wirklich nicht schlecht). Aber nun wie es zu dieser Situation gekommen ist. Ich war mit Shireen, Lisa und Angelos, drei der Medizinstudenten die ich beim Bachkovoausflug kennengelernt habe zum Kapanafest verabredet. Kapana ist, wie in einem früheren Blogartikel schon beschrieben, ein Stadtteil von Plovdiv, auch bekannt als das Künstlerviertel, in dem von Freitag bis Sonntag in unterschiedlicher Weise gefeiert wurde. Tagsüber reihten sich Stände mit handgemachtem Schmuck, Honig und Taschen, kleine Bühnen, Essensständen aus unterschiedlichen Bereichen der Welt und Getränkewagen quer durch das verwinkelt Viertel aneinander. Ich hörte die ein oder anderen deutschen Wortfetzen, was wirklich sehr irritiernd war. Den Abend zuvor hatte ich mir mit Shireen, Lisa, Angelos und noch einigen anderen zu erst ein Teil eines Metalkonzertes angeguckt und war dann noch mit ihnen durch die Stadt gezogen, bzw. als es zu kalt wurde zu dem Cousin von Angelos nach Hause gegangen. Sonntag stellten sich nun einige Stände von der Universität mit unterschiedlichen Nationalitäten hinter kleine Tische und verteilten gegen Spenden ihre Speisen. Und da sie dort versprochen haben zu helfen bin ich ihrer Einladung ich solle doch einfach mitkommen gefolgt und stand nun neben Brian, einem Engländer und Schöpfer dieser Scones, verteilte fließig und lauschte dem Gesang und Gitarren der drei Italiener am Nachbartisch, die ihre(ich glaube nicht ganz selbstgemachte Pizza) lautstark in den Pausen der Lieder anpriesen.

Zeitsprung.

„Und ich flieg, flieg, flieg, wie ein Flieger, bin so stark, stark…“. Vor mir stehen 26 Jugendliche, die ihre Arme zur Seite ausgebreitet haben und wie ein Flugzeug durch die Klasse fliegen. Aus dem CD-Player dringt sehr laut die Stimme von Tim Toupet, der nun alle dazu auffordert zu springen und zu schwimmen. Nach einigen etwas spontanen und nicht immer so erfolgreichen Vertretungsstunden habe ich mich dieses Mal besser vorbereitet. Die Idee habe ich von meiner Vorgängerin und auch in dieser 8. Klasse ist das Lied ein voller Erfolg. Zwar haben die 14jährigen anfangs nichts verstanden, doch noch einigen Zeichnungen an der Tafel, Bewegungen und der Hilfe des Wörterbuchs wurde auch der Inhalt dieses Liedes abgenickt bzw. wie in Bulgarien üblich mit dem Kopf abgeschüttelt (so oder so ähnlich sagt man das). Eine der 8Klässlerinnen interpretiert die Schwimmsektion anders als die anderen und beginnt in der Luft zu kraulen. Ich begnüge mich mit Brustschwimmen und auch wenn in der ganzen Klasse nur 6 Leute der Aufforderung „Und ich nehm dich an der Hand, weil ich dich mag“ nachkommen (unglücklicherweise sitzt jeweils ein Mädchen neben einem Jungen) kann ich Tim nur zustimmen. Heut ist so ein schöner Tag, lalala.

Ich hoffe euch hat mein etwas anderer Blogeintrag gefallen, ich dachte ich probiere mal etwas neues aus und gebe ich kleine Einblicke in mein Freiwilligendienst. Auch wenn es immer nur einzelne „Schnappschüsse“ sind hoffe ich das es euch gefallen hat! Ich hoffe das ihr auch einen schönen Tag habt!

Alles Liebe eure Helli <3

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