Quer durch Bulgarien

Drei Wochen sind vergangen und irgendwie habe ich es schon geschafft einmal quer durch Bulgarien vom Westen aus Sofia hinüber nach zum Schwarzen Meer nach Burgas zu fahren. Dazu aber später.
So langsam gewöhne ich mich an meine neue Umgebung, die neuen Sitten und die Lebensweise.
Zwar fühle ich mich immer noch nicht ganz angesprochen, wenn jemand „Chelenna“ sagt (da es im Bulgarischen kein „H“ gibt, fällt es den meisten schwer meinen Namen auszusprechen, obwohl er in kyrillisch geschrieben schon ziemlich cool aussieht: хелена фин), aber ich lebe mich ein, nicke mir mit den Sicherheitsmännern in meinem Wohnheim freundlich zu und fühle mich im Supermarkt, beim Busbahnhof oder im Lehrerzimmer nicht mehr heillos ueberfordert. Ebenso haben sich meine Lebensstandards gebessert, ich habe ein Pfanne, bei der ich nicht bei jedem Kochvorgang Angst habe giftige Stoffe backen sich durch die zerkratzte Oberfläche in die Pfannkuchen mit ein. Außerdem konnte ich endlich zusammen mit Beatriz, der spanischen Freiwilligen, meine erste Wäsche in einem nahegelegenen Waschsalon waschen, denn auf meine Frage im Lehrerzimmer ein paar Tage zuvor kam nur ratloses Schweigen und die Antwort, ich sollte doch mal meine Vorgaengerin fragen, einen Waschsalon kennen sie auch nicht. Zum Glück bekam Beatriz mehr Auskunft!
Mittlerweile habe ich auch die Stadt weiter besichtigt, den Tsar Simons Garden und zwei weitere Berge erklommen und bei einer Stadttour, der „Free Plovdiv Tour“ mitgemacht.

Im Tsar Simons garden

Im Tsar Simons garden

Leider fing es gegen Ende an zu regnen, deswegen konnten wir die letzten Stationen nicht mehr besichtigen, trotzdem war es super interessant.
Hier ein paar Hintergrundinformationen über Plovdiv(Пловдив):
Plovdiv ist mit ersten Ansiedlungen um etwa 6000 v.Chr. eine der aeltesten Staedte Europas. Es liegt in der thrakischen Ebene zu beiden Seiten des Flusses Mariza (knapp 5 Minuten von mir entfernt).

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Das Stadtwappen Plovdivs

Ihr Stadtmotto „ancient and eternal“ wurde zurecht gewählt (auf dem Stadtwappen in bulgarisch – Древен и вечен). Die 7 Berge, die ebenfalls auf dem Stadtwappen zu erkennen sind haben sich im Laufe der Zeit dezimiert, da zwei der Berge für bauliches Material abgetragen und danach nicht mehr aufgebaut wurden. Für weitere Hintergrundinformationen müsst ihr selber nachlesen, mich besuchen kommen oder die Stadt zu einem späteren Zeitpunkt besichtigen(lohnt sich auf jeden Fall!).
Zurück zu meinen Aktivitäten, da am Donnerstag, den 22.09., bulgarischer Unabhängigkeitstag war, hatten Toni, Seline und Ich überlegt übers lange Wochenende ans Schwarze Meer zufahren. Gesagt, getan, Mittwochabend trafen beide mit dem Bus aus Blagoevgrad und Sofia bei mir ein, damit wir alle zusammen am nächsten Morgen nach Burgas fahren konnten. Die Busse fuhren leider nur um 6:10,6:45 und 14:30 und da die Busfahrt etwa 4h dauern sollte entschlossen wir uns den frühen Bus um 6:45 zu nehmen. Trotz des Entschlusses wurde der Abend mit viel Erzählbedarf lang und die Nacht sehr kurz. Um 6 standen wir in der Dunkelheit und Kälte an der Bushaltestelle vor meiner Schule um den Bus zum Busbahnhof zunehmen. Zwar wurde uns gesagt, dass um 6 Busse fahren würden, doch Dank nicht existierender Buspläne und keiner Garantie für irgendwelche Ankunftszeiten wollten wir ein Taxi rufen. In der Theorie gut, praktisch stellte es sich als schwieriger heraus. Nachdem das erste Taxiunternehmen uns nach dem Satz „Do you speak english?“ einfach weggedrückt hatte verstand die zweite zwar wo wir waren und wo wir hinwollten, aber die Antwort war trotzdem „No Taxi“. Die letzte Option war eine TaxiApp, die total zuverlässig Taxis schicken und den Preis anzeigen sollte, doch als wir die Nachricht „Taxi arrived“ erhielten, war auf der menschenleeren Straße weit und breit kein Taxi zu sehen und so mussten wir uns wohl oder übel nochmal hinlegen und den Bus um 14:30 nehmen. Trotz anfänglicher Startschwierigkeiten unserer Reise erreichten wir gegen Abend Burgas und machten uns zu Fuß auf den Weg zu unserem schon gebuchten Hostel. Auch wenn das Hostel mehr oder weniger unseren Vorstellungen eines Hostels entsprach, unteranderem da das Frühstück vielleicht so ab neun bereit stehen sollte, es eher ein privates Haus war in dem der Besitzer ein Zimmer acht Menschen für die Nacht vermietete und bis abends um 4 noch laut Musik gespielt wurde, der Besitzer einen Tag einfach weg fuhr und uns direkt am Anfang versichert wurde, dass wir uns doch wie Zuhause fühlen sollten, konnte man für den Preis nirgends sonst ein Bett, Dusche, Frühstück und freies Wlan finden. Zusammengefasst war das Wochenende einfach nur entspannt, wir spazierten den Strand entlang, trafen uns abends mit Freunden von Toni und kochten zusammen, schlenderten durch die Fußgängerzone und stöberten durch Buchläden, aßen Cupcorns, das ist warmer Mais in Bechern, meistens mit Parmesan zubereitet, jedoch auch beliebig mit anderen Zutaten wie Schokosoße(wir haben es am zweiten Tag probiert, mein Fall ist es nicht, aber mit Parmesan, mhmm, köstlich!) und ließen auch eine nächtliche zum-ersten-Mal-im-schwarzen-Meer-bade-Aktion nicht aus.

Cupcorns mit Parmesan

Cupcorns mit Parmesan

Pippi Langstrumpf und James und der Riesenpfirsich auf bulgarisch

Pippi Langstrumpf und James und der Riesenpfirsich auf bulgarisch

Über den Dächern Burgas zusammen mit Seline, Toni und Hagen

Über den Dächern Burgas zusammen mit Seline, Toni und Hagen

Der Blick über Burgas ohne störende Menschen

Der Blick über Burgas ohne störende Menschen

Unser gemeinsam gekochtes Abendessen

Unser gemeinsam gekochtes Abendessen

Das Schwarze Meer (auf dem Bild relativ blau,aber das sieht nur so aus)

Das Schwarze Meer (auf dem Bild relativ blau,aber das sieht nur so aus)

Der Blick in die Ferne

Der Blick in die Ferne

Dies und die sehr zugige Rückfahrt im Bus nach Plovdiv hatten jedoch leider zu Folge, dass ich Montag erkältet im Bett lag. Dienstag ging es mir zum Glück wieder besser und die Woche verbrachte ich vormittags in der Schule, lernte einige Klassen kennen, machte mir einen Überblick über meine Aufgaben, begann die Pinnwände zu aktualisieren und korrigierte Mappen für die DSD-Prüfung aus der 11. Klasse. Die Nachmittage schaute ich mich weiter in Plovdiv um, entdeckte eine Markthalle, in der große Stände mit frischem Obst und Gemüse, Kräuter und Nüsse angeboten wurden, aß sehr empfehlenswertes Eis bei Afreddo, kochte und schlenderte durch Läden und Parks. Freitagnachmittag wollte ich zu einer Veranstaltung, die in der Erasmusfacebookgruppe angekündigt war, ich hatte mir allerdings nicht allzu genau durchgelesen worum es ging und als ich im großen Hörsaal zwischen vielen Studenten saß und zum Thema „Medicine meets archaeology“ abwechselnd etwas auf englisch und bulgarisch vorgetragen wurde fühlte ich mich etwas fehl am Platz. Zum Glück war das nicht der einzige Programmpunkt und nach einem (nach meinem Empfinden sehr langem Quiz über medizinische Artefakte und ähnliches) kam der kulturelle Teil. Zwei Chorgruppen sangen und drei Gruppen aus Indien, Nepal und Bulgarien tanzten. Danach gab es zum Abschluss ein großes Buffet mit Speisen aus aller Welt bei dem ich endlich drei sehr nette Studenten kennen lernte und einige Gerichte probierte, bei denen ich mich im Nachinein sehr ärgere, dass ich mir weder die Namen noch die Region aus der das Essen typischer weise stammte genauer angeguckt bzw. gemerkt hatte. Am nächsten morgen machte ich mich auch schon wieder auf nach Sofia um mein verlängertes Wochenende dort zu verbringen. Toni und ich quartierten uns wieder bei Seline ein und nutzen ihr Sofa in Sofia voll aus. Der Samstag wurde mit erneutem Picknick im Park, leicht verbranntem Apfelkuchen(trotzdem bis zum letzten Krümmel auf gegessen), Diskussionen über ulkige Wörter(ja, dieses Wort ist normal Seline!) und die richtige Aussprache von Käse und abendlichen Tanzeinlagen in der Küche, bei dem der Mülleimer nicht ganz so glimpflich davon kam, gefüllt.

Apfelkuchen(noch vor dem zu heißen Bräunungsvorgang)

Apfelkuchen(noch vor dem zu heißen Bräunungsvorgang)

Am Sonntag machten wir einen Ausflug auf den Berg Vitosha. Zum Aufstieg musste man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bis zu Ikea fahren (ich fühlte mich fast wie Zuhause) und von da aus noch einen Kilometer quer über eine Wiese zur Gondel laufen.

Wer entdeckt Ikea?

Wer entdeckt Ikea?

Nach einem sonnigen Nachmittag mit ein bisschen wandern (die einen hatten mehr Freude daran als die anderen) und einem Nickerchen auf dem Berg mit anschließendem leichten Sonnenbrand hatten wir den Plan bei Seline auf dem Flachdach ihres Hauses zu grillen.

Der Ausblick vom Vitosha

Der Ausblick vom Vitosha

Wiedermal zeigte sich das der Plan sich weit besser anhörte als die Durchführung. Zwar hatten wir einen Grill, nötiges Zubehör und eine wundervolle Aussicht(überkrass!), doch als wir hungrig den Grill anzünden wollten klappte dies mehr schlecht als recht. Eine Packung Streichhölzer, vier verputzte Kräuterbaguettes und eine Packung Schupfnudeln, eine halbe Packung merkwürdig weichen Grillanzünder und vielen verbrannten Klopapierrollen später begann der Grill endlich zu glühen. Da wir aber alle nicht mehr so viel Hunger hatten und auch der Grill sehr lange brauchte diente er letztendlich nur als glühende Heizung auf dem Dach (und leider auch als unfreiwilliger Duftmaschine mit Raucharoma), auf dem wir noch lange Zeit saßen und uns fragten was wohl am nächsten Abend auf uns zu kommen würde.

Grillen bei Nacht

Grillen bei Nacht

Am Montag waren wir nämlich zum Empfang zum Tag der deutschen Einheit bei der deutschen Botschaft eingeladen. Seline hatte zum Glück noch von den Lehrern an ihrer Schule erfahren, das sich dort alle schick anziehen würden, denn als wir vor dem Eingang eines großen Gebäude mit einer Blaskapelle davor standen waren wir froh doch noch ein Kleid bzw. Rock angezogen zu haben. Die Verantstaltung war geschmückt mit deutschen Flaggen, wurde eröffnet mit der deutschen Nationalhymne und einer Rede und einem „deutschen“ Buffet mit Brezeln, Sauerkraut und Würstchen. Trotz anfänglicher Irritation hatten wir auf dem folgenden Sektempfang zwischen vielen in Anzug gekleideten Herren unseren Spaß. Nach drei Stunden wurde die Veranstaltung jedoch wieder aufgelöst und die vielen großen, teilweise verdunkelten Autos fuhren zurück. Auch ich machte mich am nächsten Nachmittag nach dem Kulturmittlertreffen und Mittagessen zurück auf den Weg nach Plovdiv. Während ich weg war hatte sich auch in der Schule einiges getan, eine der Lehrerinnen, die im Sommer neu angefangen hatte, hat aus heiterem Himmel gekündigt. Dementsprechend chaotisch war meine Rückkehr und mein vorraussichtlicher Terminplan für die nächste Woche, in der ich einige achte und neunte Klassen vertreten soll. Ich bin sehr gespannt wie das wird und werde euch natürlich ausführlich berichten.

Vielen Dank allen, die bis hierhin durchgehalten haben! Ich hoffe es geht euch allen gut und ihr trotzt dem, wie ich hörte, eher kalten Wetter Deutschlands.

Alles Liebe!

Eure Helli <3

2 Gedanken zu „Quer durch Bulgarien

  1. Imanuel

    Sehr schöner Blog, Helli! Frage: Darf ich ihn auf meiner Seite foreignersandfriends.com re-posten, natürlich mit einem Rückling und Deinem Namen ‚drunter?
    Meine Seite ist für Ausländer in Bulgarien, aber auch Bulgaren in Bulgarien und bulgarische Ausländer in Deutschland und andernorts.
    Grüße!

    Antworten
    1. Helli Beitragsautor

      Hallo Imanuel,
      tut mir leid, dass meine Antwort so verspätet kommt!
      Das kannst du gerne machen 🙂
      Liebe Grüße,
      Helli

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