Die ersten Tage

Mein Freiwilligendienst startete offiziell am 1. September zusammen mit 250 anderen Freiwilligen beim Vorbereitungsseminar am Werbellinsee. Über die 10 Tage kann ich leider nicht ausführlich berichten, nur eine kleine Kurzzusammenfassung, wir haben inhaltlich unglaublich viel zum Thema interkulturelle Kompetenz, Diskriminierung und Rassismus, eigene Grenzen, Identität und und und gelernt und gemacht, manchmal aber auch einfach nur Spiele gespielt oder im stillen Raum geschwiegen. Es war super interessant und teilweise auch sehr anstregend. Ich hatte tolle Mitbewohner und Mitmikroblickler(alle Freiwilligen wurden in 12er Gruppen, die sogenannten Mikroblicks eingeteilt), hab die anderen sehr netten Freiwilligen, die sich auch auf den Weg nach Bulgarien machen, kennen gelernt und auch sonst viele tolle Menschen getroffen. Nur eine Anekdote am Rande, als ich am 6. Tag mit zwei anderen Freiwilligen in deren Zimmer saß und geplaudert hab, verirrte sich eine Hornisse in das Zimmer und flog in die Deckenlampe, aus der sie sich nicht alleine befreien konnte. In der halben Stunde Rettungsaktion wechselten die Emotionen zwischen Lachanfall(meinerseits), Hysterie und Verzweifelung. Ich denke in diesem Moment überlegten wir alle ernsthaft wie wir ein halbes bzw. ganzes Jahr im Ausland verbringen sollten, wenn wir schon zu dritt mit einer Hornisse in Deutschland überfordert waren(nicht war Isi und Theresa? :D). Ansonsten verbrachten wir viel Zeit am Werbellinsee, rangen uns sogar einmal früh morgens durch baden zu gehen, und ja, es war zwar schön aber auch bitterkalt, und verdrückten sehr viel Bananen mit Nutella. Den Bericht über das Vorbereitungsseminar schließe ich mit der Frage: „Was ist das für 1 Freiwilliger?“ ab, über die sich viele Menschen Gedanken gemacht haben und bestimmt noch machen werden.

Werbellinsee

Werbellinsee am morgen

Werbellinsee mit Boot

Werbellinsee mit Boot

Der Blick über das Gelände

Der Blick über das Gelände

Von rechts nach links Marvin(Slowakei), Georg(Ägypten), Theresa(Chile), Ich(Bulgarien), Isi( Ungarn) und Iris(Mongolei)

Von rechts nach links
Marvin(Slowakei), Georg(Ägypten), Theresa(Chile), Ich(Bulgarien), Isi( Ungarn) und Iris(Mongolei)

Fingerkampf mit Marvin

Fingerkampf mit Marvin

Das Seminarhaus von oben

Das Seminarhaus von oben

Aber jetzt zum eigentlichen Inhalt meines Blogeintrags, meinen ersten Tagen in Plovdiv.

Dum dum dum duuuum. (Ich muss hoffentlich nicht erklären wie das zu lesen ist :D)

Nach sehr viel Abschied, Tränen und übergewichtigem Gepäck wurde ich nach meinem 1,5 stündigen Flug von Mariana und ihrer Familie abgeholt. Mariana ist Lehrerin am Ivan Vasov Fremdsprachengymnasium, an dem ich die nächsten 6 Monate bestmöglich mithelfen werde, und meine Betreuerin vor Ort. Sie ist sehr herzlich und bemüht. Von Sofia aus fuhren wir zwei Stunden mit dem Auto nach Plovdiv, aßen in einem Imbiss meine erste bulgarische Mahlzeit (unteranderem den für bulgarisch typischen Schopskasalat, eine Art Hirtensalat aus Tomaten, Gurke und (Kuh/Schafs?)-käse). Nach dem Essen brachte sie mich zu meinem Zimmer im Schülerwohnheim. Offen gesagt war das anfangs alles noch sehr gewöhnungsbedürftig, der Kühlschrank und die Mikrowelle, die einmal in diesem Zimmer waren, waren nicht mehr da, ebenso wenig wie Vorhänge, immerhin besaß ich meine eigenen beiden Herdplatten. Zum Glück hat sich das nach drei Tagen geklärt, Kühlschrank und Mikrowelle befinden sich in einem seperaten Zimmer, welches ich mir mit der spanischen Freiwilligen teile.

Erster Blick auf Sofia

Erster Blick auf Sofia

Am nächsten morgen holte mich Mariana ab, zeigte mir die Schule und stellte mir einige der Deutschlehrer und die Schulleitung vor. Danach machte ich mich alleine auf meine erste Entdeckungstour. Ich ging in den nahe gelegenen riesigen Supermarkt Leksi. Er ist zwei stöckig und ich irrte mind. eine Stunde durch die Gänge und kauft völlig überfordert nur Spülmittel und Kekse. Vom Supermarkt aus nahm ich den Bus ins Zentrum. Mir wurde zuvor erklärt, dass eine Busfahrt 1 Lew, also umgerechnet 50 ct. kostet, also betrat ich mit einem Lew in der einen und einem Stadtplan in der anderen den Bus. Ich drückte den Lew der Buskartenfrau in die Hand, doch offenbar setzte man sich in Bulgarien erst auf den Platz und die Dame kam zum Platz um die Karte zu verkaufen, somit war nicht nur ich überfordert. Sie redete aufgeregt auf bulgarisch auf mich ein und als ich einen meiner einzigen auswendig gelernten Sätze (Ich verstehe nicht) aufsagte redete sie einfach nur lauter. Ich zeigte ihr auf meinem Stadtplan, dass ich in die Stadt wollte und fuchtelte irgendwo über der Innenstadt rum. Sie redete weiter, nahm dann meinen Plan und lief damit im Bus herum und sprach mit den anderen Passagieren, bis zwei jüngere Mädchen mir in gebrochenem englisch erklärten wann ich aussteigen musste und mir in kyrillisch „Old town“ auf einen Zettel schrieben. So oder so ähnliche Situationen hatte ich den letzten Tagen öfter. Zwar wurde ich so gut wie nie verstanden, aber nicht nur im Bus, auch in der Uni auf der Suche nach einem zuständigen für die Sprachkurse und in der Stadt waren alle unglaublich freundlich, hilfsbereit und versuchten ihr bestmögliches. In der Stadt lief ich erst ein bisschen alleine herum, guckte mir das Amphietheater von oben an und setzte mich an einen Brunnen. Für den Nachmittag hatte ich mich mit zwei Schülern aus der Schule verabredet, die mich bei facebook angeschrieben haben. Nachdem sie mich versucht hatten anzurufen und ich deutsch ins Handy gesprochen hatte (leider erfolglos) drehte sich mein Sitznachbar auf der Bank um und so lernte ich Pankow, seine Frau und seinen Schwager Ilin kennen. Pankow arbeitet seit längerem in Deutschland als Tischtennis- und Sportlehrer, er war nur die Woche zurück in Plovdiv in seiner Heimat. Ilin ist schon im Ruhestand, er hatte vor 30 Jahren in Deutschland als Masseur beim HSV und danach in einer Rehaklinik gearbeitet. Nun wohnt er wieder in Bulgarien. Er hat erzählt, dass Deutschland zwar von den Regeln, Gesetzen und der Ordnung besser wäre, aber seine Heimat immer in Bulgarien sein wird. Außerdem meinte er, dass die Bulgaren ein wunderbar gastfreundliches Volk sein. Zum Schluss gab er mir noch seine Nummer, für alle Fälle. Kurze Zeit später kamen die beiden Schüler Yanko und Triffon und zeigten mir ein bisschen die Stadt.

Am nächsten morgen begann um halb 11 die Eröffnungsfeier für die neuen 8 Klässler und das neue Schuljahr. Alle Schüler standen geordnet in einer Art Viereck mit Blick auf den Schuleingang. Nachdem feierlich die Nationalhymne gespielt und die bulgarische Flagge gehisst wurde, hielten allerlei wichtige Personen wichtige bulgarische Reden. Eine der deutschen Schülerin übersetzte mir ein bisschen, meinte aber, dass der größte Teil eh jedes Jahr gleich und langweilig sei. Zum Schluss sangen noch zwei Schüler ein Lied und die stellvertretende Schulleiterin kippte, das ist hier ein Brauch, eine Schüssel Wasser über die Treppenstufen zum Schuleingang. Den restlichen Tag lief ich noch ein bisschen in der Stadt rum, kaufte ein und packte die Sachen für den nächsten Tag.

Eröffnungsfeier

Eröffnungsfeier

Übers Wochenende ging es nach Sofia, da am Freitag alle Freiwilligen aus Bulgarien in der deutschen Botschaft eingeladen waren. In Bulgarien werden eigentlich alle Strecken mit dem Bus zurückgelegt. Von 7-20:00 fährt jede Stunde ein Bus von Plovdiv nach Sofia für umgerechnet 7 Euro. Es gibt wohl auch Züge, aber wie uns oftmals berichtet wurde, sind diese sehr abenteuerlich und man muss viel Zeit mit einplanen. So brachte mich einer der Schüler, Yanko, den ich tagszuvor kennengelernt hatte, zum Busbahnhof. Meine Betreuerin rief ihn an, weil mir eine andere Lehrerin eine Karte von Sofia hätte geben sollen. Sie war sehr besorgt, da diese Karte mich nicht erreicht hatte und aus Spaß meinte er, er könne ja mit nach Sofia fahren und mich zur Botschaft bringen und da wohl alle sehr spontan sind saßen wir 20 Minuten später im Bus nach Sofia. Er hatte zwar nichts mit, aber wurde vom Unterricht freigestellt und wollte seine Oma in Sofia besuchen. Nach einer zweistündigen Busfahrt trafen wir Toni, eine andere Freiwillige aus Blagoevgrad wieder und fuhren zusammen zur Botschaft. Kennenlernen, viele Zettel, Einladungen, Projektbeschreibungen und bulgarisches Bildungssystem waren für die nächsten 2 Stunden Programm. Den Abend verbrachten wir gemeinsam, erhaschten einen ersten Blick in die Sofioter Innenstadt und aßen im „Happy“ (ein sehr beliebtes Restaurant) zu Abend. Die Nacht verbrachten Toni und Ich bei Seline, die von ihrer Schule eine große Wohnung zur Verfügung gestellt bekommen hat. Es war toll nicht alleine frühstücken und Abendbrot essen zu müssen. Den Samstag genossen wir wie echte Touristen. Mit allen Freiwilligen, die sich zu diesem Zeitpunkt in Sofia befanden, schlossen wir uns einer Stadtführung, der free Sofia tour, an. Zweieinhalb Stunden besichtigten wir die wichtigsten Gebäude und Parks und lernten einiges über die Stadtgeschichte Sofias. Der Rest des Wochenendes verging im Flug, picknicken im Park, einem kurzen Jazzkonzert vor der National Oper lauschen, im Art Cafê Grapefruitschorle trinken, lange Austausche über unsere vergangenen Tage und viel U-Bahn fahren.

Die anderen Freiwilligen (von links nach rechts) Toni, Fanny, Lukas, Ich, Seline und Anne

Die anderen Freiwilligen
(von links nach rechts)
Toni, Fanny, Lukas, Ich, Seline und Anne

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Auf der Stadtführung in Sofia

Auf der Stadtführung in Sofia

Jazzkonzert

Jazzkonzert

Eh ich michs versah war ich schon wieder in Plovdiv und wartete auf meinen ersten richtigen Schultag, der sich als relativ ereignislos herausstellte. Ich stellte mich in den 12. Klassen und einer 11. Klasse vor, verschaffte mir in der deutschen Bücherei einen Überblick und sortierte ein Regal neu und half mit die Namenslisten für die DSD (Deutsches Sprachdiplom) zu überprüfen. Nach der Schule spazierte ich mit einer sehr netten Schülerin aus der 11. Klasse durch Plovdiv und sah endlich warum immer alle sagen Plovdiv sei die schönste Stadt. Wir gingen durch das Kapanaviertel. Kapana heißt übersetzt Falle, weil hier alle Straßen und Gassen klein und verwinkelt sind. Es ist das Künstlerviertel von Plovdiv. Weiter ging es durch Parks mit Springbrunnen und Blumenbeeten (die Fotos davon folgen später, zu diesem Zeitpunkt habe ich noch keine gemacht, aber es ist wirklich sehr schön!). Abends traf ich mich mit einigen Medizinstudenten, die zum Teil englisch, zum anderen Teil deutsch sprachen und wir wanderten auf einen Berg in Plovdiv. Insgesamt gab es mal 7 Berge, heute gibt es nur noch 5 (ich weiß leider nicht mehr genau warum), aber von jedem Berg hat man eine sehr schöne Sicht auf die Stadt.

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Plovdiv von oben

Landschaft von Bulgarien aus dem Busfenster

Landschaft von Bulgarien aus dem Busfenster

Ich hoffe ihr habt noch einen wunderschönen Tag! Ich mache mich jetzt schnell auf den Weg in die Stadt zu einer Stadtführung durch Plovdiv.

Alles Liebe eure Helli <3

Ein Gedanke zu „Die ersten Tage

  1. Profilbild von isabellaisabella

    „Was ist das für 1 Blog?“

    Hi Helli, schön von dir zu hören bzw. zu lesen! Ja, ja, die Hornissen-Befreiungsaktion, war schon ein echtes Event 😀 es hört sich alles sehr toll an, ich hoffe, du hast weiterhin ganz viel Spaß und hältst uns auf dem Laufenden 🙂
    Szívélyes üdvözlet, Isi

    Antworten

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