Estland elementar

Ein paar Fakten über das kleine, nodosteuropäische Land.

E E S T I   V A B A R I I K

– Den Esten darf man bloß nicht erzählen, dass kulturweit sie in den „Osteuropa“-Topf steckt. Sie halten sich für Nordeuropäer und fühlen sich mit den Finnen mehr verbunden als mit Russland

– es wurde diskutiert, ob Estland seine Nationalflagge durch eine Kreuzflagge nach skandinavischer Art ersetzen soll, um die Nähe zu Skandinavien zu unterstreichen.

– die estnische Flagge ist die einzige, die in der Natur abfotografiert werden kann. Schnee, Wald, Himmel
– die Esten sind eine eigene Nation, keine Russen, keine Finnen

– in Estland selbst wohnen ca 300 000 Russen.

– manche russischstämmigen Bewohner haben weder die russische, noch die estnische Staatsbürgerschaft. Sie haben einen Alienpassport. Wikipediaartikel

– Estland war im Laufe der Geschichte immer wieder von fremden Mächten besetzt: der deutsche Ritterorden, die Schweden, die Dänen, die Russen.

– Tallinn bedeutet „Dänenstadt“, vom deutschen Ritterorden wurde die Stadt Reval genannt.

– neben Tallinn haben so gut wie alle Siedlungen einen deutschen Namen. Tartu – Dorpat, Paldiski – Baltischport, Rakvere – Wesenberg, Kuressaare – Arensburg und ähnlich originelle Bezeichnungen, die außer den Autoren deutscher Reiseführer aber niemand kennt.

– die Esten sind Atheisten, manche Statistiken besagen sogar, sie seien das atheistischste Volk der Welt. Einige russischstämmigen Esten sind orthodox, die historischen Kirchen sind konfessionsübergreifend, katholisch, evangelisch oder orthodox. Nichtmal den symbolischen Kirchgang an Weihnachten gibt es.

– junge Esten haben recht gute Fremdsprachenkentnisse. Fast alle sprechen gut Englisch, viele auch Russisch oder Deutsch. In großen Städten kommt man mit Englisch gut durch.

– die Esten lieben Blumen, zu jedem Anlass werden Blumensträuße überreicht,an jeder Straßenecke sind Blumenläden oder Stände. Die Blumenverkäufer auf dem Weg vom Viru Keskus zu Altstadt haben 24h am Tag offen.
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– Sauna: Viele haben selbst eine Zuhause und sogar in den Altenheimen gibt es Saunas. Früher wurden viele Kinder aus hygienischen Gründen in Saunen geboren

– käsitöö: In Tallinns Altstadt findet man an jeder Ecke käsitöö Läden, in denen estnisches Kunsthandwerk angeboten wird. z.b. gestrickte Pullover, Socken, Honig, Sachen aus Holz.
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– singenes Estland: Estland, Lettland und Litauens Loslösung von der Sowjetunion ging als singende Revolution in die Geschichte ein

– Friedliche Revolution II: Am 23. August 1988 wurde die längste Menschenkette der Welt im Baltikum gebildet: Von Tallinn bis Vilnius ging die Balti Kett

– Bei Dunkelheit ist es Pflicht, einen Reflektor sichtbar an der Kleidung zu tragen

– Hier hat man manchmal das Gefühl, dass Deutschland in Sachen Internet und Digitalisierung ganzschön hinterher hinkt. In Estland besitzt jeder Bürger eine ID-Card, ähnlich einem Personalausweis. Über diese ID-Card läuft fast alles: Das Monatsticket im Nahverkehr wird darauf gespeichert, ebenso Rezepte vom Arzt oder der Bibliotheksausweis. Es fanden schon die ersten Parlamentswahlen online statt.

– Skype wurde in Tallinn-Mustamäe erfunden.

– den Euro gibt es erst seit Beginn des Jahres 2011. Seither haben sich viele Preise verdoppelt. Lebensmittel im Supermarkt kosten im Grunde genommen genau so viel wie in Deutschland. Viele Produkte sind sogar teurer als bei uns, denn als kleiner Staat importiert Estland viel.

– Günstig sind noch die Mieten, Zwiebeln, Kartoffeln, Karotten und Bus fahren.

– Trolleybusse: Die süßen, klapprigen Bussen mit Oberleitungen sind ein Erbe der Sowjetunion.

– es gibt keine richtigen Autobahnen

– es gibt kein Ikea, kein Starbucks, kein H&M

– Dunkle Winter und helle Sommer: Wegen der nördlichen Lage wird es im Dezember um 3 Uhr bereits dunkel. Dafür bleibt es im Sommer bis 11 Uhr abends hell und es dämmert schon um 4 Uhr morgens wieder.

– R-Kiosk: Die immergleichen Kiosks an den Bushaltestellen
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– Und jeder, der die „tolle“ ZDF Doku gesehen hat: Wer mal bei Maxima an der Supermarktkasse steht wird überzeugt davon sein, dass es garantiert nicht die schnellste Stadt der Welt ist. In Lettland gelten die Esten übrigens als überdurchschnittlich langsam.
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E E S T I   K E E L T  – die Sprache

– Estnisch ist eine finnougrische Sprache und eng mit dem Finnischen verwandt. Eine entfernte Verwandtschaft besteht auch zum Ungarischen. Mit slawischen Sprachen wie Russisch oder baltischen Sprachen wie Lettisch und Litauisch hat es nichts gemeinsam.

– es gibt viele deutsche Lehnwörter im Estnischen, die aus althochdeutschen Dialekten entstanden. Stuhl = tool, Spiegel = pegel, Koffer = kohver, Nudeln = nuudlid…

– Es gibt nur gut 1 mio Esten und Estnischsprecher

– im Estnischen gibt es 14 Fälle. Bei jedem Wort muss man die ersten drei Formen auswendig lernen. Den Nominativ, den Omastav (Genitiv und/oder Akkusativ) und Ostatav. Die Beugung der Wörter unterliegt keiner festen Regel, es gibt nur Schemen, die sich oft wiederholen. Vogel heißt z.B. lind. Man muss sich also merken: lind, linnu, lindu. Mit der Zeit bekommt man ein besseres Gespür dafür, wie neue Substantive dekliniert werden.
Die übrigen 11 Fälle sind etwas einfacher zu bilden und zu gebrauchen. Sie werden anstelle von Präpositionen benutzt. Statt „in das Haus“ wird an das Wort Haus im Estnischen eine entsprechende Endung drangepackt.

– es gibt keine Artikel, kein Geschlecht und kein Wort für „haben“

– weil es sich nicht lohnt, Filme auf Estnisch zu synchronisieren, wird in vielen Serien der ganze Text von einer einzigen, monotonen Synchronstimme übersprochen.

 

S Ö Ö  – das Essen
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– Brot gibt es fast nur abgepackt. Neben Weißbrot gibt es auch jede Menge dunkles Brot. Die meisten Brotsorten lassen sich auf 1/3 des Volumens zusammenknautschen.

– es gibt viele Milchprodukte: kohupiim (Quark), kohupiimakreem (sehr cremiger Quark), kohuke (eine Quarkrolle mit Schokoglasur und allem möglichen drinnen, z.b. Marmelade, Karamell, Schokolade), hapukoor (saure Sahne, ähnlich wie Crème fraîche, essen die Esten zu so gut wie allem), Keefir
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– zum Essen wird oft Milch getrunken, nicht nur von Kindern und ungeachtet der Tatsache, dass es gerade Rinderbraten mit Sauerkraut gibt.
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– den Salat gibt es hier im Blumentöpfchen:
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– ansonsten ist die Küche der deutschen recht ähnlich: Kohl, Sauerkraut, Kartoffeln, Karotten, Pilze – alles, was trotz kalten Wintern wächst
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leivasupp – eine aus Brot hergestellte süße Suppe. Ich verschweige meine Assoziationen, als ich das das erste mal in der Mensa gesehen habe. Es schmeckt allerdings nicht so schlecht, wie es aussieht. Trotzdem kann ich mich an den Brotnachgeschmack nicht gewöhnen. Mit Brotsuppengeschmack gibt es hier auch Jogurth und kohuke.

– Alkohol: Vana Tallinn, ein Kräuterschnaps, gibt es auch in Bailey’s-artiger Version oder mit Schokoladengeschmack. Ansonsten: Bier (Saku), Cider, Vodka. Es gibt viele Läden, die nur Alkohol verkaufen (alkohoolipood). Es ist völlig normal, wenn die Alkoholregale 1/4 der Ladenfläche bedecken.
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K O O L   – die Schule

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– Klassenbuch ist von gestern. In Estland gibt es die eKool, ein elektronisches Klassenbuchsystem. Hier werden Fehlzeiten, Bemerkungen, aber auch Noten und Hausaufgaben eingetragen. Die Eltern haben Zugangscodes für die eKool, sodass sie dort jederzeit die Noten und „Klassenbucheinträge“ ihres Kindes ansehen können.

– die Lehrer verdienen nur ca. 600 Euro

– Die meisten unterrichten nur 1 Fach und alle Lehrer unterrichten die Klassen 1-12.

– nach der 9. Klasse kann man entweder die Schule verlassen und auf eine Berufsschule gehen, oder das Abitur machen

– in den Schulen gibt es Garderoben, in denen jeden Morgen die Schuhe gewechselt werden

– wenn man eine schlechte Note hat, kann man den Lehrer bitten, dass man die Arbeit nochmal schreiben darf

 

 

 

 

6 Gedanken zu „Estland elementar

  1. Tere, ich bin ein Auslandseste und liebe Estland heiß und innig. Brotsuppe? Schmecht ja eh nicht so originell. Ihr müsstet erst mal Piimasupp, Deutsch: Milchsuppe ist eine suppe mit nudeln und reis aber statt es mit Wasser zu kochen kocht man es mit Milch. Ich habe gehört wenn man es den Urlaubern serviert glauben sie oft das der Koch verrückt geworden ist. 😉
    LG

  2. Nachdem ich Ihren Artikel gelesen habe, muss ich nun zugeben: Bisher wusste ich scheinbar nicht so gut über Estland Bescheid und hätte sie auch eher dem Osten Europas zugerechnet. Was in Ihrer Beschreibung allerdings nicht so sehr betont wurde, sind die weitläufig bekannten Konflikte zwischen Estland und seiner sowjetischen Vergangenheit. Jüngste Ereignisse wie der Streit um russischsprachige Lehrer seien an dieser Stelle erwähnt. Des Weiteren kann ich aber gar nicht glauben, dass Hennes und Mauritz es nicht bis nach Estland geschafft haben. Gerade wenn die Nähe zu Skandinavien doch so betont wird. Nun gut, in diesem Punkt und vielen anderen auch muss ich eben meine Unkenntnis zugeben. Vielen Dank für die informativen Belehrungen;)

    • Die Konflikte zwischen den russischen und estnischen Bewohnern habe ich bewusst rausgelassen, an der ein oder anderen Stelle im Blog aber troztdem angedeutet. Ich habe an einer estnischen Schule gearbeitet und nur wenig mit in Estland lebenden Russen zu tun gehabt, weshalb ich mir bis zum Zeitpunkt, an dem ich diese Seite erstellt habe, kein umfassendes Bild über den Konflikt machen konnte. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das heute habe.
      Ich habe auch einen Artikel darüber verfasst, ihn aber nie veröffentlicht. Vielleicht werde ich das aber tun, nachdem ich selbst 6 Wochen in Russland war.

    • Henes und Mauritz gibt es mittlerweile schon aber das mit den Konflikten ist sehr schwer zu erklären Also Ich kann nur sagen wie ich es als Kind erlebt habe und das ging so: Entweder die Estnichen Kinder begannen die Russichen wegen ihrer Herkunft zu provozieren oder andersrum also ich kann mich noch erinnern das wir sogar uns solche Provoziersätze merkte wie z.B „Vene Russid – Kapsaussid“ kann man übersetzen als „Russen sind unterwürfige Würmer“ und das ging sogar oft so weit das wir uns begannen mit Steinen zu bewerfen.
      LG

  3. Tere,
    ich bin die neue Deutschlehrerin ab September am TSG. Ich komme am 27.5. für ein paar Tage nach Tallinn und würde mich freuen, Sie zu treffen und von Ihnen aus erster Hand ein paar Tipps fürs Eingewöhnen zu erhalten.
    Ich bin am 28.5. mit Herrn Reischl verabredet, nachmittags und abends habe ich frei sowie auch ganz viel Zeit an allen Tagen bis 1.6.
    Katharina

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