Russland und das paradoxe Dienstleistungsgewerbe

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Am Eingangsbereich des Studentenwohnheims wacht die Schlüsselfrau. Ihre Aufgabe ist es, Tag und Nacht hinter einem Tisch zu sitzen, auf den die Bewohner beim Verlassen den Schlüssel legen und bei der Rückkehr diesen wieder wegnehmen. Währenddessen stickt sie im Akkord Heiligenbilder und Kätzchen auf Leinengewebe.
Eine Etage darüber sitzt die Administrationsfrau. Manchmal führt sie ein Telefonat, einmal am Tag wischt sie den Flur auf der zweiten Etage oder händigt mir neue Handtücher aus. Die meiste Zeit stickt sie Landschaften.
Zwei Personen sitzen übereinander und sticken. Warum kann die Administrationsfrau nicht gleichzeitig die Schlüsselfrau sein? Warum braucht man überhaupt eine Schlüsselfrau? Kann den Flur nicht abwechselnd ein Bewohner wischen?
Im Supermarkt gibt es eine Verkäuferin, die neben der Wage steht. Sobald ich eine Banane auch nur berühre, nimmt sie mir diese aus der Hand und packt sie in eine extra Plastiktüte, obwohl ich mit Gedanken an die Weltmeere laut „net, spasibo“ rufe. Dann legt sie die Bananen auf die Wage, drückt auf die Nummer eins und klebt den Preisaufkleber auf die Tüte.
Anfangs fühlte ich mich bevormundet. Unnötig, unwirtschaftlich, urteilt mein betriebswirtschaftlicher Verstand. Außerdem kann ich das auch selbst machen. Auf meinen Schlüssel passe ich seit der Einschulung erfolgreich auf und fürs Obst abwiegen braucht man auch keine höhere Schulbildung.

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Noch verschärfter ist die Situation im „Produkti“, dem russischen Pendant des guten, alten Krämerladens. Auf ca. 20m² gibt es eine Fischtheke, eine Fleischtheke, eine Brottheke, eine Milchprodukttheke, eine Süßigkeitentheke und eine Kasse. Hinter jeder Theke steht eine Verkäuferin:
Möglichkeit 1: Sie starrt gelangweilt Löcher in die Luft, spielt auf dem Handy oder feilt sich die Fingernägel.
Möglichkeit 2: Sie lauert mir auf, registriert jede Bewegung meiner Iris. Jedes Produkt, das ich länger als 5 Sekunden anstarre, reißt sie sofort aus dem Regal und steckt es schneller in eine Plastiktüte, als ich „Buchweizen“ sagen kann.
Die „Produktis“ sind mir suspekt. Ich fühle mich mehr noch als im Supermarkt wie ein Eindringling, beobachtet, bevormundet, sprachlich bloßgestellt und in der Auswahl eingeschränkt. Den Russen scheint es anders zu gehen, im Gegensatz zu Deutschland ist die Krämerladen-Kultur hier längst nicht ausgestorben und die Produktis befinden sich an jeder Straßenecke.

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Schlüsselfrauen, Obstabwiegerinnen, Produkti-Süßigkeitentheken-Verkäuferinnen, Garderobendamen, Plastiktütenaushändiger, die überall herumstehenden Aufpasser – ich behaupte: Zwei Drittel der russischen Arbeitsstellen im Dienstleistungsgewerbe existieren in Deutschland gar nicht. Die Deutschen machen es lieber selbst. Nicht nur wegen der paar Cent, die sie dadurch sparen, sondern vor allem aus Überzeugung.
Theoretisch müsste Russland eine Dienstleistungsgesellschaft sein. Praktisch gesehen gibt es keinen Ort, an dem ich Dienstleistungen so ungerne in Anspruch nehme wie hier. Statt „der Kunde ist König“ fühle ich mich meistens eher als Störfaktor, der entweder demonstrativ langsam oder in aller Eile abgefertigt wird. Ist die Muffeligkeit noch ein Erbe der Sowjetzeit, wo man sowieso nicht wirklich Wahl hatte, wo und was man einkauft? Oder liegt es am Mentalitätsmodell harte Schale- weicher Kern, dass man so oft angestänkert wird?

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In Deutschland überleben wir wohl auch deshalb ganz gut ohne obige Serviceangestellte, weil sie auch in Russland einen Großteil der Zeit mit Nichtstun verbringen. Weil es einfach nichts zu tun gibt. Die Tätigkeit des Hausmeisters, der einmal die Woche in meinem Wohnhaus in Halle vorbeischaut, könnte man in Russland locker in zwei Vollzeitjobs aufsplitten. Die Bezahlung ist schlecht, aber eine schlechte Bezahlung und hauptberuflich in der Gegend herumstehen oder -sitzen ist angesichts der praktisch nicht existenten Sozialhilfe wohl immer noch besser als keine Arbeit. Wer sich langweilt, spielt Candy Crush Saga auf dem Handy. Wer schlau ist, schafft sich ein Zweitgewerbe: Zum Beispiel Heiligenbilder sticken.

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Ein Gedanke zu „Russland und das paradoxe Dienstleistungsgewerbe

  1. ich war 1975 das erste mal in der UdSSR und bis heute hat sich nichts geäändert was die „dienstleistung“ angeht. schlüsselfrau, mürrische verkäuferinnen, es ist alles noch da! in moskauer spezialitätenrestaurants bekommt man als westlicher ausländer nur sofort einen tisch, wenn man in devisen bezahlt, sonst heisst es anstehen über mehrere stunden. in st. petersburg horten die leuteim sommer leere obstkisten, da die fernwärmeheizung im winter nicht ausreicht und mit den kisten kann man den kanonenofen füttern. schlange stehen bedeutet manchmal auch, dass man sich aus der hand lesen lässt. bei dieser misere überall klammert man sich an jeden zipfel hoffnung!

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