Erkenntnisse

– Es gibt immer eine schlimmere Toilette. Und eine unfreundlichere Kassiererin.

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– Man kann bei einer Prepaidkarte ein negatives Guthaben haben. Jedenfalls habe ich es geschafft, dass sich meines auf -0,98 Rubel (sage und schreibe minus eineinhalb Cent) beläuft und meine Simcard blockiert wurde. Natürlich, als ich im Nachtbus von Moskau nach Woronesch saß. Dafür weiß ich nun, dass ich trotz lächerlichstem Russisch autoritär genug wirke, um mich eigenständig gegen überteuerte Ausländerpreise von Taxifahrern zu wehren (Vogel zeigen, irgendwas auf Deutsch grummeln und den russlandüblichen Preis plus 10% nennen).

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– Hier hat alles immer offen. Auch Sonntag und Feiertag und wenn nicht gleich 24 Stunden, dann zumindest von acht bis dreiundzwanzig Uhr.

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– „Schöne Farbe“ ist ein Kompliment bei fleischfarbenen Nylonstrumpfhosen. Hier muss man nicht zwangsläufig auf den eigenen Hautton zurückgreifen, von Porzellan bis Orangebraun steht einem die volle Bandbreite an Inkarnatfarben zur Verfügung. Ungeachtet der Außentemperatur.

– Die Fransen, die sich bei einer Rolltreppe zwischen Stufen und Geländer befinden, lassen sich während der Fahrt als Schuhpoliturmaschine nutzen.

– Die Bezeichnung „Universität“ bedeutet nicht unbedingt, dass hier freiwillig und eigenständig gelernt wird. Mit dem Satz „die sind doch erwachsen und selbst schuld, wenn sie nicht lernen wollen“ kann man sich als Lehrender nicht vor der Verantwortung drücken. Am Anfang vom Semester bekommen die Studierenden einen Stundenplan in die Hand gedrückt, es gibt Klassen und die Stunden gehen von morgens bis mittags. Völlig normal, dass ein Dozent seinen Schützlingen hinterher telefoniert, wenn sie zum Unterricht nicht erscheinen. Wer über das achtjährige Gymnasium in Deutschland klagt: In Russland gibt es G7. Minderjährige Studienanfänger sind also völlig normal.

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– Der Importstopp westlicher Lebensmittel scheint nicht besonders streng zu sein. Oder er bietet jede Menge Schlupflöcher. Die Regale sind jedenfalls noch voll mit Rittersport, Nestle und Danone. Die Obst- und Gemüsetheke ist spärlicher denn je bestückt.

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– Man kann Tee auch mit Marmelade süßen. Wobei ich es natürlich dieses Jahr noch nicht ausprobiert habe, weil ich seit Aschermittwoch streng Zucker faste. Weil die russischen Süßigkeiten meiner Meinung nach sowieso nicht besonders schmecken, fällt der Verzicht überraschend leicht. Und ich habe eine Ausrede parat, denn die meisten Russen sind der Überzeugung, dass es sich um ein wichtiges Kulturgut handelt und wollen einem zu jeder Gelegenheit schlabberig-zuckriges Geleekonfekt oder Schokolade mit Staubnote andrehen.

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– Kopftuch ist nicht gleich Bekenntnis zum Islam. Es kann auch der Wärme dienen.

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– Das Minus vor der Gradzahl kann man auch weglassen: Im Januar waren es 30 Grad.

– Wer braucht Busfahrpläne und Liniennetze? Wo welcher Bus langfährt, weiß man eben irgendwann und notfalls fragt man den Fahrer. Mit dem kommt man sowieso in Kontakt, wenn man ihm die 15 Rubel Fahrpreis in die vom Geld ergraute Handfläche legt und die gewünschte Endhaltestelle mitteilt. Ist natürlich ein bisschen unpraktisch, wenn man kein Russisch spricht. Aber mir scheint so, als sei ich sowieso der einzige Mensch auf der Welt, der auf die Idee kommt, sich mit bescheidenen Russischkenntnissen in Woronesch fortzubewegen.

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– Müsli kann man auch mit warmem Wasser essen. Schmeckt gar nicht so übel, falls die vor zwei Tagen gekaufte Milch mal wieder sauer geworden ist. H Milch kaufen.

Was sich mir jeder Erkenntnis entzieht:
WARUM KÖNNEN ALLE DIESE BLÖDE PARTIZIPIENTABELLE RUNTERBETEN???
Wenn ich melken sage, leiert garantiert irgendwer ungefragt „melken, molk, hat gemolken“ herunter. Wenn ich frage, „Wo warst du gestern?“ blicke ich hingegen oft große, verständnislose Augen. Mir scheint manchmal, als ob das einzige Lernziel aller vorangegangenen Deutschkurse das Herunterbeten ebendieser Tabelle war. Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen jungen Russen im Kuhstall. Ein rüstiger deutscher Landwirt erklärt diesem stolz die Funktionsweise der Hightech-Melkmaschine. „Melken, molk, hat gemolken“, murmelt der Praktikant fasziniert. Daraufhin fragt der Landwirt „Hasch du schon mal gmelkt?“.

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