Estnisch – õppetükki üks

Estnisch ist lustig. Zumindest für jemanden, der bisher nur germanische und romanische Sprachen gelernt hat.
Zum Probehören:
Öökülm – Öö hümn

Ein kleiner Auszug aus meinem Wortschätze-Plakat:

siehe Lied: öö = Nacht. Alle Wörter mit öö sind toll. ööklubi = Nachtklub, öötöö = Nachtarbeit… (sogar ein Anagramm und damit bisher unschlagbares Lieblingswort! Falls ich mal einen ööklubi eröffnene, wird er öötöö heißen.)
rüütli = Ritter
Schöne Unschlüssigkeit auf Estnisch: võib-olla = vielleicht, kas tõesti? = wirklich?, peaaegu = fast
üleeile = vorgestern
kuusepuu = Fichte
te töötate = sie arbeiten
Feiern auf Estnisch klingt nach einem “jupidu”-Schrei : laulupidu = Sängerfest, jõulupidu = Weihnachtsfeier, koolipidu = Schulfest.
Familie auf Estnisch: Lapselaps = Enkelkind, lapselapselaps = Urenkel, tädi = Tante (zum Knuddeln), äi = Schwiegervater. Der Partitiv von laps (Kind) ist übrigens last. Und eile bedeutet gestern.
Keine Käsefüße, sondern Käsehände: käsi = Hand, käsitöö = Handarbeit, käsikiri = Handschrift (Kiri Käse lässt grüßen)
Wie im deutschen gibt es wunderschöne, rhythmische Bandwurmwörter: õpetajatetuba = Lehrerzimmer, jõulujumalateenistusel = Christmette

Estnisch ist zum Verzweifeln anders.
Es ist weder eine slawische, noch eine baltische Sprache. Es gehört zur Gruppe der finno-ugrischen Sprachen. Eng verwandt ist es mit dem Finnischen, aus derselben Sprachfamilie stammt auch das Ungarische.
Estnisch lernen ist garantiert mehr Gehirnjogging als Soduku. Alle vorhandenen Logiken im Bezug auf Fremdsprachen müssen über Board geworfen werden. Die Ostsee wird auf Estnisch übrigens zur „Westsee“ (Läänemere)…

Meine Erkenntnis nach einem Monat: hä?

- es keine Präpositionen im deutschen/englischen/was auch immer Sinne. Im, mit, aus… diese Wörter muss man praktischerweise nicht lernen. Stattdessen gibt es ein ausgeklügeltes Kasussystem mit 14 Fällen. Den Substantiven (bzw deren Genitiv) wird eine entsprechende Endung verpasst.
- bei jedem Substantiv und Adjektiv muss man 3 Formen lernen: Nominativ, Genitiv (bzw Akkusativ) und Partitiv. Die Bildung folgt keiner bestimmten Regel, es gibt aber Schemen, die immer wiederkehren. Mit Sprachgefühl kann man irgendwann die Formen erraten und hat manchmal sogar Recht.
Ironischerweise muss man die Formen auch von Namen auswendig lernen.
Außerdem wichtig:
- wird von einer gezählten Anzahl (3 Blumen, 4 Stifte…)eines Gegenstands gesprochen, wird statt der Pluralform der Partitiv genommen.
- bei der Verneinung wird vom Verb nur der Stamm genommen
- es gibt 2 Infinitive, den –ma und den –da Infinitiv
- das õ ist der ungerundete, halbgeschlossene Hinterzungenvokal. Eine Mischung aus ö, e und ü, weit hinten gesprochen. Vergleichbar mit dem russischen b I oder mit einem erstickten Stöhnen

Meine Erkentniss nach 5 Monaten: Mit Formenraten und hoher Fehlerquote kann man sich doch ab und zu verständlich machen.

Zu den schönen Seiten:
- Estnisch ist geschlechtslos
- es gibt keine Artikel
- Es gibt viele deutsche und sonstige Lehnwörter. Kohver (Koffer), kahvel (Gabel), pegel (Spiegel), paber (Papier)
- Estnisch ist ein Legasthenikerparadies: kvaliteet (Qualität), informatsioon (Information), disain (Design)

PhotobucketÖökülm – Öö hümn

2 Gedanken zu “Estnisch – õppetükki üks

  1. Respekt! Ich habe als Kind zwar viel Estnisch gehört, aber Du wirst es sicher weiter bringen. “Te töötate” wäre allerdings die Sie-Form; “du arbeitest” müsste “sa töötat” heißen. Es ist so ein Vergnügen, Deine Abenteuer in Estland zu lesen, denn bei meiner Familie ging es in umgekehrter Richtung mit dem Kulturschock. Zwar sprachen sie alle perfekt Deutsch neben Estnisch und Russisch, aber als Deutsche hat man uns hierzulande nicht angesehen. Umso spannender für mich, wie Du das siehst!

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