Ein Abschiedsbrief

Liebes Warschau,

Die Zeit ist gekommen, ich werde Dich bald verlassen. Es tut mir leid und es bricht mir auch ein wenig das Herz, denn ich weiß, wir waren ein gutes Team. Ich danke Dir vielmals, dass du mich aufgenommen hast, obwohl du schon 1,7 Millionen andere Gäste hast, und dass du mir so vielvon Dir offenbart hast. Ich hoffe, ich konnte ein paar Spuren hinterlassen und Du wirst mich nicht so bald vergessen. Wir hatten eine gute Zeit.

Du weißt, ich finde Dich nicht schön. Ich habe es Dir oft gesagt. Deine Altstadt wirkt auf mich wie ein überschminktes Gesicht; Dein Zentrum mit dem Bahnhof und den „Goldenen Terrassen“ ist  nach meinem Geschmack ein bisschen zu viel Hüftgold und zum Schloss Wilanów in Deinem rechten Fuß habe ich leider nie den Schlüssel gefunden. Aber Du hast das Herz am rechten Fleck und einen gut gefüllten Magen. Und hier, im Herzen der Stadt, war glücklicherweise mein Büro und hier, in Deiner Speisekammer, lag glücklicherweise meine Wohnung. Was habe ich nicht alles gegessen und getrunken! Cola aus Rosenblüten, Berliner mit Rosenmarmelade. Burger, die vegan, und Schnitzel, die größer als der Teller waren. Pfannkuchen, die wie Döner gefüllt waren, und Döner, die kein Gemüse hatten. Bier, das nach Winter schmeckte; Käse, der nach Quark schmeckte; Kakao, der sich wie Pudding benahm.

Warschau, Du bist verdammt lecker.

Keiner macht so guten Snickers-Kuchen wie Du.

Ich habe Dich mit vielen Facetten gesehen, im Sonnenschein und im Schneesturm. Ich kenne Deine Glasfassaden, Deine Hinterhöfe, Deine Parks und Deine Strände. Ich habe Dich bei 30°C und bei minus 20°C erlebt und Dich in beiden Fällen verflucht. Ich habe oft heimlich Fotos von Dir gemacht und einige davon sogar ins Netz gestellt. Ich hoffe, Du bist mir nicht böse. Ich weiß, dass man das eigentlich nicht macht. Erst recht nicht unter Freunden.

Ich habe sogar noch ein paar Bilder auf meinem Handy gefunden. Ich lege sie hier bei, vielleicht hast Du Spaß daran, mal durchzublättern.

Weißt Du noch, wie Du mich im Oktober auf einen Fotomarathon durch Dich hindurch gejagt hast? Oder weißt Du noch, wie ich hier am Anfang unbedingt Modern Jazz tanzen gehen wollte und nach drei Malen entnervt aus Angst vor der Sprache wieder abgebrochen habe? Weißt Du noch, wie ich an einem Sonntag im November stundenlang auf dem Bett gesessen und „Tschick“ gelesen habe? Oder, ha! – wie ich auf dem Rückweg von meiner ersten Chorprobe laut meine Stimme durch Deine Straßen geschmettert habe? Oh, dieser Chor! Erinnerst Du Dich an all die Gäste, die wir gemeinsam hatten? Mit denen wir in so vielen von deinen Museen waren und in Live-Konzerten und Trampolin spingen. Oder erinnerst Du Dich noch an den internationalen Charity-Basar kurz vor Weihnachten? Und an die vielen Brettspieleabende, die wir organisiert haben? Weißt Du noch, wie ich eine Woche lang mit Grippe im Bett lag und Dich nur noch verlassen wollte? Weißt Du noch…? Weißt Du noch? Ach, ich könnte ewig in Erinnerung schwelgen.

Nur einer Sache habe ich mich schuldig gemacht, mein liebes Warschau. Bis heute spreche ich Deine Sprache nicht. Und schreiben kann ich sie erst recht nicht. Deshalb verzeih, wenn meine Abschiedsworte möglicherweise ein paar Rechtschreibfehler beinhalten. Behalte mich in Erinnerung, so wie ich Dich behalte.

Drogie Warschawa, ja bende tenschknitsch sa tobo.

Tschäschtsch i pa pa!

Twoja Corinna

 

Ein Gedanke zu „Ein Abschiedsbrief

  1. Du kannst wunderbar poetisch schreiben – mal sehen, was du daraus noch machst. Und: weine nicht zu viel beim Abschied, Spatzen füttern kann man auch in anderen Städten…

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