Vom Januar – ein Monat in drei Akten

Umringt von Kindern wie der Rattenfänger,
tanzt auf dem Eise stolz der Januar.
Der Bussard zieht die Kreise eng und enger.
Es heißt, die Tage würden wieder länger.
Man merkt es nicht. Und es ist trotzdem wahr.

(Aus: Erich Kästner, Der Januar)

1. Akt: Der Alltag

Das neue Jahr beginnt für mich am 5. Januar. Ab diesem Tag bin ich plötzlich wieder alleine in der WG. Es ist genauso merkwürdig wie am Anfang, man sitzt so rum und wartet bis die Mitbewohner wieder aus ihren Ferien eintreffen, man hat nichts zu tun, man ist allein. Ich kaufe mir einen dicken roten Schal von der Größe (und wenn man ehrlich ist, auch von der Musterung) einer Picknickdecke. Draußen sind es -17°C, das Gesicht schmerzt vor Kälte nach zehn Minuten Spaziergang. Ich lege diesen Schal nicht mehr ab. Auch nicht im Zimmer, denn das Fenster schließt nach wie vor nicht richtig und trotz dass alle Spalten nun mit Handtüchern und dem alten Schal abgedeckt wurden, zieht es nach wie vor kalt rein.

Dann beginnt wieder die Arbeit, das Alleinseinsgefühl verschwindet. Es ist so schön, wie eh und je. Ich gehe gerne zur Arbeit, setze mich auf meinen Büroplatz vor der Glasfensterfront im 7. Stock und gucke auf die Verkehrskreuzung unter mir. Und dann natürlich irgendwann auf den Rechner. Meine Aufgaben sind mal so mal so, vieles hier ist projektbezogen. Die Bewerbungszeiten für Stipendien sind nun schon lange vorbei, nur noch wenige Studenten kommen vorbei oder rufen an, um beraten zu werden. Mittlerweile laufen die Vorbereitungen für die Auswahlkommissionen. Für jedes Stipendium aus unserem Angebot gibt es eine eigene Kommission. Am meisten werde ich wohl von der Auswahl der Stipendien für die Hochschulsommerkurse mitbekommen, die sind für das Wochenende 20.-22. Januar angesetzt und ich soll mithelfen. Für die Kommissionsmitglieder steht auch ein Rahmenprogramm an, zwei Abendessen und ein Jazzkonzert. Ich werde losgeschickt um die Karten abzuholen.

Der junge Mann in dem Jazzclub ist ein ganz Lustiger, er lacht viel und rennt zwischendurch hektisch ins Büro, weil er irgendwelche Dinge dort hat liegen lassen. Ich hab das Gefühl, die Situation mit etwas Smalltalk auflockern zu müssen, aber mir fällt nichts ein. Der Vater des jungen Mannes erklärt mir

  1. dass das dort sein Sohn ist und sich kümmern wird
  2. dass ihre gute Rezeptionistin leider krank geworden ist und sich deswegen nun der Sohn kümmert.

Dann geht er wieder. Der Sohn kümmert sich, ich hab meine Karten. Ich muss ein bisschen schmunzeln.

Ansonsten verbringe ich meine Zeit im Büro damit, Grafiken zu erstellen. Die Außenstelle feiert dieses Jahr 20-jähriges Jubiläum und wir brauchen ein Logo. Außerdem sollte ich schon vor Monaten eine Idee gehabt haben, wie ich mich mal auf unserer facebook-Seite als die neue Freiwillige vorstelle. Hab es natürlich prompt vergessen. Als ich es nun nachhole und meinen Kolleginnen präsentiere, gründen sie spontan einen „Fanclub“ für mich. Ich muss lachen.

Und dann sehe ich auf facebook, dass die Aushilfe des DAAD mit einer Freundin ins Theater geht. Ich frage spontan, ob ich mitkommen kann. Kann ich. Bestätige diese Antwort auf facebook. Werde von einem befreundeten Erasmus-Studenten gefragt, was das da für ein Theater ist, für das ich mich auf facebook interessiere. Ob er spontan mitkommen könne. Ich muss schon wieder lachen.

Was ich da sehe und erlebe, ist das Absurdeste und zugleich Schönste, das ich bisher in der Warschauer Kunstszene mitbekommen habe. Es handelt sich dabei um die Abschlussprüfung des Dirigenten, der einen gemischten Chor, ein Orchester und eine Tanzgruppe zusammengebracht hat. Wobei die Tanzgruppe abwechselnd Volkstänze präsentiert und Theaterszenen darstellt, zum Beispiel das Warten an der Straßenbahnhaltestelle. Manchmal bleibt auch plötzlich einer der Tänzer einfach stehen und singt in vollem Bariton ein Solo über den Chor hinweg. Wahnsinn. Dann kommt der Moderator aus dem Chor geschossen und trägt eine selbstgeschriebene Ode über die Saaltreppe vor.

2. Akt – plötzliche Klimax: gefühlte Nahtoderfahrung

Krankheiten sind in unserer Gesellschaft leider ein Tabuthema, ich weiß auch nicht warum. Ich erzähle gerne von meinen Krankheiten, wie ich gelitten habe und so. Ich werde, wenn ich alt bin, mal eine von diesen Omis, die zahnlos an einem Stück Kuchen mümmeln und dann stundenlang über ihre Krampfadern und Blasenbeschwerden referieren. Freue ich mich jetzt schon drauf.

Aber noch ist es nicht so weit und ich beschränke mich in meiner Erzählung auf Folgendes: Es ging mir wirklich richtig schlecht. Schlag Mitternacht auf den 18. Januar fingen die Schüttelfrostattacken und Fieberschübe an, dann ging es irgendwann in endlose Übelkeit und Kotzeritis über und am 25. Januar, Punkt zehn Uhr, war alles wieder vorbei.

Ich verpasste das schöne Jazzkonzert, ich verpasste die tolle Hochschulsommerkursstipendienauswahl (! dieses Wort ! Zum Verlieben <3 ).

Dafür litt ich ganz vorzüglich an meinem eigenen Selbstmitleid und wollte eigentlich nur noch zurück zu Mama. Wie man das halt macht, wenn man krank ist. Ich durfte allerdings auch die wahnsinnig schöne Erfahrung machen, dass ich doch eine sehr gute Nachbarin habe. Eine Nachbarin, die man nur einmal kurz anschreibt, und schon geht sie für einen Einkaufen, bringt einem Mandarinen mit, begleitet einen zu dem Arzt, zu dem man nie gehen wollte und bleibt sogar ein paar Tage länger in Warschau als geplant – denn es sei ja nun egal, wo sie ihre Hausarbeit schreibe. An dieser Stelle: Danke schön.

3. Akt: Vögel beobachten in Osteuropa

Zurück im Büro hat sich mein Fanclub aufgelöst und wichtigeren Dingen zugewandt. Mittlerweile ist die Planung für das große Alumnitreffen im Juni im vollen Gange; zahlreiche Briefe müssen verschickt werden, zahlreiche Listen erneuert. Nebenher wird weiterhin die Homepage der Außenstelle neu aufgesetzt. Wir brauchen neue Fotos, Fotos von polnischen Städten und von „positiven landesspezifischen Eindrücken“. Äh, hm.

Während ich Briefe falte und in Kuverts stecke, denke ich darüber nach, was ein positiver landestypischer Eindruck ist. Was gibt es denn überhaupt für Unterschiede zwischen Deutschland und Polen? Das einzige, was mir einfällt, ist der Käse. Dieser Grillkäse aus Zakopane, der auf jedem Markt angeboten wird und mir nicht einmal besonders gut schmeckt. Der ist überall und den gibt es bei uns nicht. Das ist ein Eindruck. Und dann noch die Tauben. Während in Deutschland jede Taube eine Taube zu viel ist (Diese Ratten der Lüfte!), werden die Tauben in Polen regelrecht gepflegt. Immer wieder sehe ich vornehmend ältere Leute, die auf die Straße gehen und Brotreste ausstreuen, um die Tauben zu füttern. In manchen Hinterhöfen gibt es große Taubenschläge. Einmal am Tag müssen sie fliegen gelassen werden, so wie Hunde Gassi gehen müssen, und dann kreisen sie in großen Schwärmen umher.

Ich erinnere mich wieder daran, wie wir auf dem Zwischenseminar Projektideen sammeln sollten. Im ersten Schritt sollten wir für jeden Buchstaben des Alphabets ein mögliches Thema erdenken. Also zum Beispiel „Advent“ für A und „Ballspiele“ für B und so weiter. Im zweiten Schritt sollten wir uns für jeden Buchstaben des Alphabets eine Methode erdenken. Also zum Beispiel „Fotografie“ für F und „Pantomime“ für P. Und im letzten Schritt sollten wir dann kombinieren. Natürlich sind einige Buchstaben schwieriger als andere. Die Gruppe neben uns erhielt in ihren Endergebnissen zum Beispiel, dass sie „Xavier Naidoo (X) ins Kino einladen (K)“ müssen. In unserer Gruppe stand auf der Liste am Ende „Vögel beobachten (V) in Osteuropa (O)“.

Damals war das natürlich der Witz schlechthin, jetzt bemerke ich, dass ich auf einem guten Weg bin, genau das zu tun. Diese Tauben! Das ist doch wirklich außergewöhnlich. Ich suche also nach Tauben und Käse.

Meine Nachbarin hat schlussendlich dann doch ihren letzten Tag in Warschau und wir verbringen ihn wirklich schön. Der Abend wird immer länger und länger und irgendwie auch immer ein wenig wehmütiger und endet damit, dass wir nachts um zwei auf dem Bett sitzen und Eis essen.

Und dann am letzten Januarsonntag habe ich doch das Gefühl, dass die Tage wieder länger werden. Die Sonne scheint und ich bin zum unzähligsten Male in einer Milchbar und sie haben mit Heidelbeeren gefüllte Pierogi. Und es schmeckt nach Sommer und es sieht aus wie Sommer und so langsam… kriegt man doch Lust auf den Frühling.

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