Auf ins Neue Jahr!

An Silvester soll es krachen. Je bunter und je höher und je prächtiger, umso besser. Als ich für mich und meine bessere Hälfte noch im Dezember schnell ein paar Tage Urlaub in Krakau gebucht hatte, war ich der festen Überzeugung, eine total gute Idee gehabt zu haben. Und dann las ich, dass Kraków sich dazu entschlossen hatte, dieses Jahr besonders „animal-friendly“ zu sein und auf die Pyrotechnik in der Stadt zu verzichten. Ups.

Hinzu kam, dass ich mich zwar wunderbar um die Hin- unf Rückfahrt mit dem Fernbus und eine (wirklich hervorragende!) airb´n´b- Unterkunft gekümmert hatte, aber keinen blassen Schimmer hegte, wie wir den Silvesterabend eigentlich verbringen sollten. Und wer mal versucht hat, AN Silvester noch irgendetwas zu finden, wo man essen gehen kann, weiß, wie sehr Hunger weh tun kann.

Schlussendlich kamen wir aber doch in einem Burger- und Steakrestaurant unter, wir bekamen den letzten Zweiertisch in der Mitte des Raumes (oh, wie romantisch!) und verbrachten bis kurz vor halb zwölf den Abend dort bei köstlichen baked potatoes, Bacon Burgern und Creme Brulee. Der Rest des Raumes war fast ausschließlich international und unterhielt sich auf englisch, sodass wir uns hervorragend über die Lebensumstände fremder Reisegruppen bilden konnten. Es war herrlich.

Dann ging es raus in die klirrende Kälte auf den Rynek Gƚowny (den Hauptmarkt, den zweitgrößten Markt Europas). Eine riesige Menschenmenge nimmt uns schützend in ihre Mitte. Bereits seit geraumer Zeit spielt eine Live-Band und wummert ganz „animal-friendly“ ihre Bässe durch Krakaus Innenstadt. Eine Frau vor uns hat sogar extra ihren Hund mitgebracht und hält ihn im Arm. Drei Rentnerinnen positionieren sich mit dem Rücken zur Bühne und schießen noch das letzte Selfie des Jahres 2016. Wir üben das Countdown-Zählen auf Polnisch. Ist aber überflüssig. Die Leadsängerin der Band unterbricht nur kurzzeitig ihre Performance, wünscht ein „Szczęśliwego Nowego Roku!“ und beginnt ihr nächstes Lied. Das geht jedoch im allgemeinen Jubel unter. Leute fallen sich um den Hals, zünden Wunderkerzen an. Von der Bühne her schießen Massen an Konfetti in die Luft. Der Himmel glitzert. Zwischen Tuchhalle und Marienkirche beginnt natürlich doch ein Feuerwerk. Auf irgendwen ist eben immer Verlass. Eine Weile genießt man noch die Wärme der Menge, dann wird es langsam zu eng. Ich suche seine Hand, damit man sich nicht verliert. Plötzlich das Martinshorn eines Krankenwagens. Viel zu langsam schiebt er sich durch die Menge bis er in der Mitte der Straße offenbar sein Ziel gefunden hat. Menschen drängeln ihm den Weg frei. Die Leute gucken ängstlich über die Schulter. Die Hand ist weg. Ich laufe über zerbrochene Champagnergläser. Spüre Hände an meinen Schultern und hoffe, dass es die richtigen sind; die, die ich vorher noch versucht habe, festzuhalten. Der Krankenwagen hat seine Arbeit getan und schiebt die Menschenmassen wieder vor sich her. Rückweg. Langsam entwickelt sich eine bestimmte Strömungsrichtung. Wenn man einfach mitläuft, passiert einem Nichts. Die Hand rutscht von meiner Schulter und schiebt sich in meine. Es ist die Richtige. Je weiter man aus der Stadt herausläuft, umso mehr Platz zum Laufen bekommt man. Es wird ruhig. Es wird friedlich, hoffnungsbeseelt. Wir sehen ein Pärchen; er führt sie an der Hand und will ihr etwas im Schaufenster zeigen. Es ist ein Brautkleid.

An dieser Stelle: Frohes Neues Jahr an alle meinen lieben Blogleser! Nehmt euch nur das Beste vor!

Der weitere Urlaub zeigt sich unbeeindruckt von der Tatsache, dass es gerade mitten im Winter ist. Kraków ist eine sehr schöne Stadt, voller Geschichte, voller Kulturen – ich beneide alle, die das Glück haben, dort ihren Freiwilligendienst oder ihre Erasmusjahr zu verbringen. Ich will keine langweiligen Worte über unsere Reiseroute verlieren. Ich lasse Bilder sprechen.

Ich traf mal in Warschau zufällig einen Portugiesen auf der Straße und er erzählte mir, er sei in Kraków gewesen. Er sagte, wenn man dort ist, gebe es zwei Dinge, die man unbedingt machen sollte. Wir haben seinen Rat befolgt.

Das erste ist der Besuch des Salzbergwerks in Wieliczka. Dieser Ort ist zwar sehr touristisch aufgebaut, aber tatsächlich auch sehr sehenswert. Jahrelang baute man in Wieliczka Salz ab. Ein knappes Prozent der unterirdischen Strecke (ca. 2,5 km) stehen nun zur Besichtigung offen. In bis zu 130 Metern Tiefe wurden völlig neue Welten geschaffen: ganze Kathedralen hat man in den Salzstein gehauen. Man baute Kronleuchter aus Salzkristallen. Und als Tipp für das junge Paar vom Neujahrsabend: Man kann da sogar heiraten! Wenn man den Luftdruck verträgt.

Und am nächsten Tag setzten wir auch den Zweiten Tipp um. Mit einer kleinen Bummelbahn ging es dabei erstmal fast zwei Stunden lang raus aus der Stadt.

Der Ort, den wir erreichten, hat dabei sehr idyllische Ecken.

Aber eben leider auch seine weniger idyllischen Seiten.

Das Konzentrationlager in Auschwitz-Birkenau ist in jedem Fall sehenswert. Ich möchte es nicht totreden, ich glaube, über diesen Teil der Geschichte sind schon viel zu viele Wörter verloren worden und ich bin nicht die Richtige, sie zu wiederholen. Nur zwei Anmerkungen möchte ich geben:

1. Es stimmt tatsächlich, was am Eingang des Museums steht; man muss beide Lager (Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau II) gesehen haben, um sie zu verstehen.

2. Beim Verlassen des Stammlagers trat uns an der Bushaltestelle ein ganz verzweifeltes Werbeschild entgegen, dass einen dafür erwärmen wollte, sich doch mal die Stadt Oświęcim anzugucken, die doch immerhin ein 800-Jahre altes Zentrum und auch ein Schloss und ein jüdisches Museum hat. Oświęcim ist der polnische Name für Auschwitz. Da das Wort Auschwitz ja allerdings schon so arg belastet ist, bietet es sich hier besonders an, die beiden Begriffe zu trennen: Auschwitz für das Lager, Oświęcim für die Stadt. Worauf ich hinausmöchte: Wenn man Auschwitz besucht, sollte man sich auch Oświęcim angucken. Es ist sehr schön. Ganz gemütlich, ganz niedlich, ganz klein. Und immerhin 800 Jahre alt.

Wenn man mit dem Zug reist, muss man nur aufpassen, dass man die Zugtickets rechtzeitig kauft. Etwa um halb sechs schließt der Schalter am Bahnhof Oświęcim. Automaten gibt es – wie üblicherweise an polnischen Bahnhöfen – nicht. Und ein bisschen Polnisch sollte man auch beherrschen. Aber es lohnt sich. Sie verkaufen am Bahnhof für gerade mal 2 zƚ (ungefähr 50 ct) die beste heiße Schokolade der Welt. Und die Bummelbahn, die einen zurückfährt, ist definitiv auch ausreichend geheizt (Mancher behauptet gar, in der Holzklasse fühle man sich wie in einem finnischen Wellnessraum).

Unsere Reise beendeten wir wieder in Kraków. Ich kann die Stadt und die Umgebung nur von Herzen empfehlen. Wir haben in vier Tagen bei Weitem nicht alles geschafft, was sich anzugucken lohnt. Wir werden wohl wiederkommen. Krakau, Sei bereit!

2 Gedanken zu „Auf ins Neue Jahr!

  1. Soooooo schön geschrieben 😍
    Und da ich im Januar auch nach Krakau möchte hab ich mir die Tipps mal gemerkt 😊
    Übrigens…du siehst ohne mich Hochzeitskleider??? Ich bin empört

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