Versteckte Nachrichten

Buenos Aires- wie ist das Leben in der Großstadt? Einige Künstler der Moderne stellen es als ein anonymes Leben dar. Menschen, die aneinander vorbeiziehen, sich nicht gegenseitig sehen, sondern auf sich selbst und die eigenen Ziele konzentriert sind. Aber heißt Großstadtleben wirklich zwingend Egoismus und Anonymität?

Wenn man durch Buenos Aires läuft, entdeckt man immer wieder Straßenkunst. Graffitis und Streetart zieren die Häuser. Der Eine mag es als Verschmutzung und als hässlich ansehen. Andere mögen Verständnis haben, die Kunst hinter den Werken sehen, es als toll und ästhetisch empfinden, oder es zumindest dulden.

In Colegiales, einem Viertel Buenos Aires sind viele bunte Häuserwände zu entdecken. Ein Motiv zog sich dabei durch mehrere Straßen und begegnete mir immer wieder. Es ist kein künstlerisches Motiv, aber dennoch sehr besonders.

 

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„Te amo Tato. Papá “ und „Te amo Cata. Papá“. Hierbei handelt es sich augenscheinlich um den Liebesbeweis eines Vaters an seine zwei Kinder. „Catita Feliz cumple“ ist ein Geburtstagsgruß. Cata und Tato sind Abkürzungen und stehen für Catalina und Tomas. Einmal vermerkt der Vater sogar den Nachnamen. Tomas Sosa. Aber warum?

Es handelt sich hierbei um einen Vater, der weder vandalieren noch seine Spraykünste ausprobieren will, sondern um einen Vater, der einfach nur seine Liebe für seine Kinder zeigen möchte. Catalina und Tomás gehen in eine Schule, die genau zwischen den Ecken der fotografierten Graffitis liegt. Es sind existierende Personen. Warum sprayt also ein Vater diese Art von Botschaften an Hauswände? An Hauswände in Schulnähe. Schule- ein Ort, den seine Kinder regelmäßig besuchen.

Der Vater kommuniziert mit den Kindern auf diese Art, weil er es nicht auf direktem Wege tun kann. Es ist ihm wohl verboten in Kontakt mit seinen Kindern zu treten, sie zu sehen, mit ihnen zu sprechen. Warum- weiß ich nicht. Ich kenne weder Hintergrund noch weitere Informationen.

Bei näherem Herantreten fällt dann noch ein kleines Detail auf:

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Es ist ein Detail, das verschwindet- kaum noch zu sehen ist, aber da ist! „Miguel, Catalina, Tomas Sosa“ stehen direkt neben der Botschaft des Vaters  mit Kulli an die Wand geschrieben. Ein Herz umrandet die Namen. Wer Cata und Toto sind, habe ich bereits erwähnt und so ist wahrscheinlich Miguel Sosa der Vater.

Das langsam verschwindene Kulliherz ist also die Antwort der Kinder auf die Botschaften des Vaters.

Ob der Vater diese winzige Notiz gesehen hat? Ich weiß es nicht und ich will es auch gar nicht wissen. Weder, warum ein Vater auf diese Art und Weise mit seinen Kindern kommuniziert oder kommunizieren muss, noch, ob er die Antwort gesehen hat.

 

Viele Menschen müssen schon an diesen Schriftzügen vorbeigegangen sein. Klassenkameraden, die aufgrund des Nachnamens genau wissen wer gemeint ist, Anwohner, die sich vielleicht über die liebe Geste gefreut, gewundert oder aber auch darüber geärgert haben. Vielleicht die Mutter der Kinder, Fußgänger und Touristen.

Viele mögen dies vielleicht schon aus dem Augenwinkel gesehen haben. Aber wer hat wirklich hingeschaut? Wer hat es nicht nur aus dem Augenwinkel betrachtet, sondern beachtet?

Cata und Toto sind sie aufgefallen. Sie haben sie beachtet und auf ihre Art geantwortet.

Zurück zur Frage nach Anonymität in der Großstadt: Vielleicht ist diese Geschichte eine schöne Metapher zu genau diesem Thema. Sie gibt zwar keine Antwort auf die Frage, ob das Leben in der Großstadt zwingend Anonymität und Egoismus bedeutet, aber sie hat mir gezeigt, dass ich diese auch gar nicht brauche!

 

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