3. Otktober, die Karpatendeutschen

„Der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland Joachim Bleicker gibt sich die Ehre, Frau Ulrike Reinhardt zu einem Empfang einzuladen… “  Mit diesen Worten begann meine Einladungskarte, welche auf feinstem, geprägten Papier gedruckt war, anlässlich des Tages der Deutschen Einheit. Selbstverständlich gab ich mir auch die Ehre und erschien in meinem besten Kleid, Stiefeln und einer Handtasche, die nicht wirklich dazu passten, in einem der teuersten Hotels in Bratislava. Ich konnte halt leider nicht alles mitnehmen in die Slowakei und musste Prioritäten setzen. Ich ging gemeinsam mit Wolfgang und Hannah, der Leiterin des Deutsch Unterrichtes meiner Schule dorthin, und traf dort auf die 3 anderen Kulturweit Freiwilligen der Slowakei. Entgegen meiner Erwartungen gab es keine Absperrungen oder Sicherheitskontrollen vor dem Hotel. Auch die Einladungskarte wurde erst im Hotel selber kontrolliert und nicht davor. Wir gingen erst durch die Eingangshalle und gaben unsere Mäntel ab. Alle anderen Besucher sahen total schick und wichtig aus, dann stellten wir uns an einer langen Schlange an um in die 1. Etage zu gelangen, wo wir den Festakt vermuteten. Es ging ziemlich langsam vorwärts. Dieses lag daran wie sich oben angekommen herausstellte, dass Jeder eingeladene Besucher vom deutschen Botschafter und einem wohl ziemlich hohen Militärtypen persönlich mit Handschlag begrüßt wurde. Vor lauter Aufregung sich in so einer gediegenen Gesellschaft aufzuhalten waren unsere Kehlen schon ganz trocken und der freundlich überreichte Sekt, von schicken gut aussehenden Hotelfachangestellten, kam gerade recht. Es gab aber nicht nur Sekt, sondern auch die üblichen Verdächtigen wie Cola, Fanta, Sprite, Apfel- und Orangensaft, Bier, Rot und Weißwein. Nach der kleinen, flüssigen Stärkung und ca. 20 Minuten Wartezeit ging es dann in einem festlich geschmückten kleinen Saal los. Das Militärorchester begann mit einem traurig anmutenden Lied, wie man uns dann sagte, der Nationalhymne der Slowakei. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich sie nicht erkannt hätte, hätte man uns nicht wohlwollend darauf hingewiesen. Zur Wiedergutmachung dieses peinlichen Fauxpas meinerseits, habe ich sie jetzt auswendig gelernt.

Die Hymne der Slowakischen Republik:

Nad Tatrou sa blýska, hromy divo bijú.
Nad Tatrou sa blýska, hromy divo bijú.
Zastavme ich, bratia, ved‘ sa ony stratia, Slováci ožijú.
Zastavme ich, bratia, ved‘ sa ony stratia, Slováci ožijú.

To Slovensko naše posial‘ tvrdo spalo.
To Slovensko naše posial‘ tvrdo spalo.
Ale blesky hromu, vzbudzujú ho k tomu, aby sa prebralo.
Ale blesky hromu, vzbudzujú ho k tomu, aby sa prebralo.

Für Alle die im slowakisch Unterricht nicht aufgepasst haben:

Es blitzt über der Tatra, wild grollen die Donner,
Lasst sie uns stoppen, Brüder, sie werden sicher verschwinden, die Slowaken leben auf.
Diese, unsere Slowakei hat bis jetzt tief geschlafen,
Aber der Donner und die Blitze ermuntern sie, wieder aufzuwachen.

Danach wurde eine mir wohlbekannte Melodie, die deutsche Nationalhymne, gespielt. Es folgte die Eröffnungsrede des deutschen Botschafter in Bratislava (Joachim Bleicker). Dann ergriff Frank Walter Steinmeier, Minister des Auswärtigen in Deutschland, das Wort. Er betonte wie wichtig die slowakische und deutsche Zusammenarbeit in diesen schweren Stunden der EU sei und, dass er sich keinen schöneren Ort als Bratislava vorstellen könne um die deutsche Einheit zu feiern… Ihm folgte eine Rede seines slowakischen Pendants (Miroslav Lajčák). Obwohl alle Reden in englischer Sprache waren, verstand ich fast alles. Scheinbar hat sich mein englisch hier auch etwas verbessert. Mit dem Auftritt einer bekannten Berliner Jazzsängerin, ich hatte noch nie von ihr gehört, begleitet vom Militätorchester wurde dann das Buffet eröffnet. Es gab bürgerliche Küche: Pellkartoffeln, unfassbar leckeres Sauerkraut, zwei verschiedene Sorten Würstchen, gedünstetes Gemüse und mit Ricotta gefüllte Ravioli, sowie diverse Sorten an Backwaren. Zudem gab es ein kleines Salatbuffet mit Lachs und Apfelkuchen mit Vanillesoße zum Nachtisch. Es wurde ein informativer, fröhlicher, lustiger und leckerer Abend. Am nächsten Tag waren wir drei Eingeladenen eine kleine Sensation beim alltäglichen Mittagessen in der Mensa. Viele wollten wissen wie unser Ausflug in die Welt der Schönen und (Einfluss-)reichen denn nun war und diverse Handybildchen davon wurden herumgezeigt.

 

J14601009_1297879966912007_7085490290981493221_n                                                                                   (von rechts: Marvin, Marius und Ich; Kulturweitfreiwillige)

3-10                                                                                 (von links: Joachim Bleicker, Miroslav Lajčák, Frank Walter Steinmeier)

Am Freitag habe ich zusammen mit einer Lehrerin eine Schülergruppe zu den Karpatendeutschen begleitet, welche alle par Monate zu einem großen Treffen einladen.  Die Lehrerin war schon in das Zielgebäude vorgegangen, als ich mit ein par Nachzüglern im Schlepptau von einer betagten Dame in karpatendeutscher Tracht angesprochen wurde. Ich verstand nur das Wort „Za kasárňou“, aber war mir trotzdem sicher was sie wissen wollte. „Ja, das sind die Kinder der Grundschule Za kasárňou antwortete ich Ihr“ in deutsch. „Mit ich zeige Ihnen wo sie sich umziehen können“ führte sie uns in die Garderobe im 2. Stockwerk. Die Schülerinnen und Schüler hatten für dieses Treffen ein kleines Bühnenprogramm auf deutsch vorbereitet: Es wurde die Geschichte „Der Hase mit der roten Nase“ aufgeführt, gesungen und getanzt. Als Dankeschön für den zuckersüßen, gelungenen Auftritt bekamen die Kinder, die Lehrerin und ich Süßigkeiten und Pralinen geschenkt. Im Anschluss wurde ich der Vorsitzenden des Karpatendeutschen Vereines in Bratislava vorgestellt. Die rüstige, über 90 Jahre alte, Vorsitzende fragte meine Schulleiterin, welche es sich natürlich nicht nehmen lies auch vorbeizuschauen, ob ich denn deutsch sprechen könne. Diese sagte mit stolzgeschwellter Brust: „Sie spricht nur deutsch!“. Das stimmte zwar nicht ganz, denn ich spreche ja auch französisch und englisch, aber das wird hier nicht als so wichtig empfunden. „Französisch“ wird hier kaum auf Schulen angeboten und „Englisch“ verliert in der Slowakei gerade zunehmend an Beliebtheit. Viele Slowaken gehen für ein par Jahre ins Ausland um dort zu arbeiten oder zu studieren. Am Beliebtesten waren immer Österreich, Deutschland und England, letzteres verliert aber dank des Brexits ständig an Wert. Man befürchtet dort keinen Job mehr zu bekommen. Deshalb orientieren sich viele Slowaken jetzt vermehrt am deutschsprachigen Ausland. So waren die Anmeldungen für den Deutschunterricht an meiner Schule ab der 1. Klasse, dieses Jahr zum ersten mal höher, als die für den Englischunterricht. Die 2. Fremdsprache kommt dann ab der 3. Klasse hinzu. In meiner Schulzeit war Geschichte mein Lieblingsfach, jedoch konnte ich mich nicht erinnern, die durchaus wissenswerte Geschichte der Karpatendeutschen dort durchgenommen zu haben. Deshalb versuche ich sie hier einmal mit Hilfe von Wikipedia zusammen zufassen.

Als Karpatendeutsche bezeichnet man die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe, die auf dem Gebiet der heutigen Slowakei , sowie im östlichen Karpatenbogen lebten oder noch heute leben. Der östliche Karpatenbogen gehört heute zur Ukraine und wird auch Karpatukraine genannt. Deutsche Siedler haben die Slowakei vom 12. bis zum 15. Jahrhundert besiedelt. Ihren Höhepunkt nahm die Besiedlung im 14. Jahrhundert. Im Gebiet von Bratislava, auf deutsch Pressburg, gab es wohl auch schon etwas früher Deutsche. Sie haben vor allem ältere slowakische Städte (v. a. Pressburg), Markt- und Bergbausiedlungen besiedelt und wurden meist von den Königen als Spezialisten (Handwerker, Bergleute…) angeworben. Ungefähr bis zum 15.Jahrhundert bestand die Führungsschicht aller slowakischen Städte fast ausschließlich aus Deutschen. Die drei Hauptsiedlungsgebiete waren Bratislava und Umgebung, die deutschen Sprachinseln in der Zips (Landschaft in der nordöstlichen Slowakei), sowie das Hauerland (deutsche Sprachinseln in der Mittelslowakei). Die zahlenmäßig größte Gruppe der Deutschen im Habsburger Reich lebte in der Stadt Pressburg, die bis ins 20. Jahrhundert hinein noch mehrheitlich deutsch geprägt war. Bei der Volkszählung im Sommer 1919 waren Deutsche noch die größte Gruppe: Ihr gehörten 36 % der Bürger an, 33 % waren Slowaken und 29 % Ungarn. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges plädierten die meisten Karpatendeutschen für den Verbleib der Slowakei bei Ungarn, danach für eine slowakische Autonomie innerhalb der Tschechoslowakei. Nach 1918 veränderte sich die Situation für die Karpatendeutschen grundlegend, denn mit der Erhebung Pressburgs zur Landeshauptstadt und dem Zustrom an Slowaken wurden sie, trotz Wegzug vieler Ungarn, zu einer Minderheit in der Bevölkerung. In den anderen Siedlungsgebieten ging es ähnlich vonstatten. Die meisten Karpatendeutschen waren bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus der Slowakei ins Deutsche Reich geflüchtet oder wurden von den deutschen Behörden evakuiert. Diese war eine Reaktion auf den slowakischen Nationalaufstand im Spätsommer 1944, bei dessen Niederschlagung von den Partisanen Grausamkeiten an Deutschen und von der SS Grausamkeiten an Slowaken verübt wurden. Aus der Zips sind die meisten Deutschen zwischen Mitte November 1944 und Januar 1945 vor der heranrückenden Roten Armee nach Deutschland oder in das Sudetenland evakuiert worden. Die Deutschen von Bratislava wurden im Januar und Februar 1945 nach langen Verzögerungen evakuiert, jene des Hauerlandes flüchteten Ende März 1945 aus ihren Orten. Die Rote Armee erreichte Bratislava am 4. April 1945. Nach dem Ende des Krieges am 8. Mai 1945 ist zunächst etwa ein Drittel der Deutschen nach Hause in die Slowakei zurückgekehrt. Ab dem 2. August 1945 wurde ihnen, zusammen mit den Sudetendeutschen in Tschechien und mit den Ungarn in der Südslowakei die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit aberkannt. Sie wurden in Sammellagern interniert. 1946/47 sind schließlich etwa 33.000 Deutsche als Folge des Potsdamer Abkommens aus der Slowakei vertrieben worden, während ca. 20.000 Personen infolge besonderer Umstände in der Slowakei bleiben konnten. Von rund 128.000 Deutschen in der Slowakei im Jahre 1938 sind also 1947 etwa 20.000 (16 %) übrig geblieben. Nach einer Volkszählung leben heute nur noch weniger als 6.000 Deutsche in der Slowakei, die aber wieder sämtliche politischen Rechte genießen. Größtes Problem der deutschen Minderheit ist die Assimilation der mittleren und jüngeren Generationen an das slowakische Umfeld, die in den meisten Fällen so weit geht, dass Sprache und Brauchtum verloren gegangen sind. Es gibt jedoch immer noch zwei karpatendeutsche Dörfer, in denen die Einwohnerschaft noch mehrheitlich deutschstämmig und deutschsprachig ist. Der prominenteste Angehörige dieser Volksgruppe ist der zweite slowakische Präsident Rudolf Schuster, welcher von 1999 bis 2004 im Amt war.

 

Ein Gedanke zu „3. Otktober, die Karpatendeutschen

  1. Céline Grabow

    Liebe Ulrike
    Dein Blog ist nicht nur sehr unterhaltsam, sondern informativ. Mein Geschichtsunterricht ist ja schon ewig her, also habe ich wieder was dazugelernt. Ich hoffe du hast weiterhin viel Spaß bis bald Liebe Grüße Céline

    Antworten

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