Notfall: Vorurteil wird Urteil. Omm!

Ein ganz entspannter Montag. Eine gemütliche Sporteinheit am Morgen. Um 7:00 Uhr Deutsch-Grammatik mit der 6. Klasse bei Danitza. Und dann – so der Plan – Materialien vorbereiten, neue Deutschbücher auf ihre Tauglichkeit prüfen und Danitza bei ihren Vorbereitungen für eine Englischpräsentation an der Uni helfen.

So der Plan.

Kaum angefangen, klingelt auch schon ein Handy. Nicht meins, aber ist für mich. Es ist Margarita: “Philipp, bist du beschäftigt?”. Zuvorkommend und vorausschauend wie ich bin, sage ich natürlich “Ja” – “Natalia und ich brauchen deine Hilfe. Wir müssen ein Projekt für die Uni fertig machen.  Du kriegst einen Apfel-Kokos-Kuchen von Natalias Mum.” – ICH BIN DABEI! – “Kannst du bitte die Kamera mitbringen?” – “Natürlich. Ich bin in 45 Minuten da!”

Ich schnappe mir den Camcorder der Schule (, der vom Goethe-Institut gestiftet wurde) und halte den türkisblauen Bus URBA PLAYA an. Mördertour zur Uni. 45 Minuten Gewackel und Wettkampf mit todesmutigen Taxis und anderen hartgesottenen Busfahrern. Kaum steige ich aus, kommt mir auch schon Natalia entgegen. Glücklicher Zufall, denn mir fällt auf, dass ich immer noch nicht ihre Handynummer habe. Wir schlendern die Stufen zum Copyshop herunter, wo Margarita wartet. “Was ist los?”, frage ich. Sie erklären mir haarklein, was zu tun ist. Eine Videokampagne. Über die Uni, besser: über Verbesserungsmöglichkeiten der Sauberkeit und Ordnung an der Uni. 5 Minuten. Auftrag der Dozentin. Abgabe in 5 Tagen. Ein klarer Fall für mich.

Natalia und Margarita arbeiten zusammen mit John, einem Kommiltonen. Sie scheinen nicht den geringsten Plan zu haben, wie man an so ein Videoprojekt rangeht, haben aber schon tolle inhatliche Ideen. Ein Glück haben sie ausgezeichnete Beziehungen zu einem berühmten Hollywood-Regisseur, der ihnen bei der Umsetzung helfen wird. Im Gegenzug gibt es Kuchen.

Sofort beginnt der Dreh, nachdem wir unser kleines Superdrehbuch geschrieben haben. Besser gesagt drehen wir eine Szene: eine Szene! Eine kurze Szene! Danach gehen wir erstmal Mittagessen. “Nach dem Essen drehen wir weiter”. Es klang eher nach einem, “dann sehen wir weiter”. Kolumbianischer Notfall eben, war mein sarkastischer Gedankensprung, und labte mich ob der scharfen Beobachtungsgabe dieser doch so augenscheinlichen karibischen Gemütlichkeit. Nichts Neues. ;-D

Wir fahren mit der Buslinie COSTA AZUL 15 Minuten zum Strand. Abschiedsparty von Ricardo, einem Kommilitonen, der für ein paar Wochen per Stipendium nach Düsseldorf fliegt. Ein Traum. Und ich werde komplett eingeladen. Mein Sold hat sich gerade verdoppelt: ein Kuchen UND ein Mittagessen am Strand. Voll geil! Anders wäre es aber auch nicht gegangen, da ich eh nur noch lächerliche 700 Pesos bei mir trage – nicht einmal 30 Cent.

Zum Glück haben die anderen genug Bares dabei. Wir laben uns am Fisch, am Reis und an den Kokosnüssen. Ich komme in den Genuss, die famose Pony Malta zu probieren (eine Art Malzbier – schmeckt kalt sehr lecker, warm nicht so sehr). Und die Zeit vergeht. Und vergeht. Die Sonne liebkost den Horizont. Wir sitzen da und reden. Reden. Ein Hundewelpe spielt um unsere Füsse. Ich nenne ihn Pancho. Später stellt sich heraus, dass es noch einen weiteren kleineren Welpen gibt: wir nennen ihn Panchito.

Als wir langsam wieder gen Uni fahren wollen, fällt mir ein: VERDAMMT! Ich habe glatt einen Termin an der Uni verpennt. War ich nicht mit einer Deutschdozentin in ihrem Unterricht des 2. Semesters verabredet? “Ach, Philipp”, seufzt Natalia, “wenn du da nicht hin willst, dann geh’ nicht hin.” Jetzt ist es eh zu spät. Bevor wir aufbrechen, wollen wir noch die Rechnung bezahlen. Mit welchem Geld? “Also ich habe kein Geld dabei”, sagt John. “JOHN! Du hast mir eine 5000 Pesos teure Suppe spendiert, ohne Geld dabei zu haben?”, Natalia ist entsetzt, jedenfalls tut sie so.120.000 Pesos ist die Rechnung. Anscheinend hat keiner Geld dabei. Doch Wunder gib es immer wieder: Nach 30 Minuten diskutieren, ist das Geld beisammen. Und ich musste nicht einmal mein jämmerliches Kleingeld beisteuern.

Der kleine Zeiger der Uhr berührt fast die 5, der grosse steht irgendwo vor der 12. Fast 17:00 Uhr. Ich muss nach Hause. Habe ich doch meinem Gastvater versprochen, ihn zu einem Vortrag zu begleiten. Insgeheim erhoffe ich mir, unser persönliches Verhältnis zu verbessern. Nicht, dass es irgendwie belastet wäre. Aber ich bin so selten zu Hause, möchte endlich etwas mit meiner Gastfamilie unternehmen. Auch, wenn das Thema überhaupt nicht ins westliche Weltbild über Kolumbien passt: “Meditation – ein Mittel gegen die Ausbreitung der Depression”. Ein Vortrag von Prof. Pateh. Inder. Spricht er Spanisch, frage ich mich? Vor allem: wie spricht ein Inder Spanisch? Wie sie Englisch sprechen, weiss ich, und genau deswegen hoffe ich dann doch, dass er Spanisch spricht.  Nachdem eine indische Tänzerin zwei Tänze aufgeführt hatte, gefühlte 2 Stunden die Werbung der Sponsoren gezeigt und von den Vorrednern heruntergebetet wurde, durfte Herr Professor Pateh zu uns sprechen – auf Englisch. Mit Übersetzerin.

Alles in allem, war der Vortrag ganz nett, nichts Neues: für mich. Für einige im Saal schien die Erde von einer Scheibe zu einer Kugel geworden zu sein! Fazit: mit Mediation kann man schwache depressionsartige Erscheinungen in positive Energie umwandeln. Wie genau, keine Ahnung. Dafür Tipp  des Tages: Ändern Sie Ihre innere Einstellung. Aha.

An diesem Tag waren wir dann übrigens nicht mehr produktiv… Soviel zu “wir brauchen deine Hilfe, komm bitte her!”. Die Zeit tickt hier einfach langsamer: es ist so! Voll geil! ;-D