Around the world – Mein Jahr in Namibia

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Bildquelle: Laura Polaczeck

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Eigentlich nur Gedankenfetzen.

Schon verrückt. Ich bin zurück. Ich habe das Abschluss-Seminar hinter mir gelassen, eine Wohnung in Aachen gefunden, habe meine Verwandtschaft und meine Freunde weitestgehend „abgeklappert“. Mich an den grauen Himmel gewöhnt. Ich bin wieder zurück in Deutschland.

Manchmal muss ich mich noch selber kneifen. Ja, ich bin wirklich zurück. Wie kann es eigentlich sein, dass ein ganzes Jahr so schnell vorüber gehen konnte? Ein Jahr, das im Dezember noch unüberwindbar schien? Ein Jahr von dem ich dachte, dass es eben nicht so schnell vorüberzieht. Es ist einfach so passiert. Es ist an mir vorbeigerauscht und hat mich gleichzeitig mitgerissen. Fast jeden Tag habe ich etwas neues erlebt, neue Menschen getroffen, bin irgendwie über mich hinausgewachsen und habe gleichzeitig mich selber verraten. Ich habe Dinge getan, die ich am Anfang meines Namibia-Abenteuers noch für unmöglich gehalten hatte. Mich selber von einer meiner anderen Seite kennengelernt. Gelernt mich selber realistischer zu sehen.

Alle fragen, wie es in Namibia war. Und es gibt so viele Dinge zu erzählen. Und doch höre ich mich häufig die gleichen Worte sagen: „Ja, es war toll“, „Ja, es hat sich definitiv gelohnt!“, „Nein, ich bereue nicht gegangen zu sein“. Und jeder der Sätze ist wahr, versteht mich nicht falsch. Gleichzeitig ist es nicht, was ich erzählen will, denn es sind viel zu wenig Worte für all die Dinge, die ich erlebt habe. Ich will davon erzählen, wie normal es eigentlich in Namibia war. Und wie verrückt anders auf der anderen Seite. An manchen Abenden gelingt mir das. Dann kann ich davon erzählen, das man in Namibia Glühwein trinkt und Sushi essen gehen kann. Das ich gelegentlich Zumba gemacht habe und man dort super Bier trinken kann. Wie frei die Medien sind und das ich in Windhoek jeden dritten Abend auf eine Kunstausstellung konnte oder ein Konzert oder auf einen Poetry Slam. Und dann kann ich auch kritische Dinge erzählen und erklären. Wie offen einem Rassismus im Alltag begegnet. Wie ich damit umgegangen bin. Das ich Korruption erlebt habe und auch wie ich damit umgegangen bin.

Ich fühle mich manchmal wie eine Verliebte, die nur über ihren neuen Freund reden kann. Wie toll er ist und was er alles kann. Und dann denke ich gelegentlich, dass ich meinen Freunden damit auf die Nerven gehe. Ich höre natürlich nicht auf über mein Jahr zu reden und gleichzeitig möchte ich meine Freunde nicht langweilen.

Das ist doch dämlich. Ich glaube nämlich irgendwie schon, dass sie es interessant finden, was ich erzähle.

Mittlerweile habe ich den Eindruck, dass sich die ersten Tage und der erste Monat in Windhoek in Deutschland gerade wiederholen. Ich kneife mich manchmal, um zu verstehen, dass ich wieder hier bin. Im September 2015 habe ich mich noch gekniffen, um zu realisieren, dass ich jetzt in Namibia bin. Vor einem Jahr hatte ich das Gefühl bereits ein halbes Leben in Namibia zu sein. Und auch jetzt kommt es mir wie eine Ewigkeit vor, dass ich zurück in Deutschland bin. Dann wiederum: Meine erste Autofahrt zurück in Deutschland. Ich hatte echt Schiss, dass ich nicht auf der richtigen Straßenseite fahre, denn ich wusste einfach nicht mehr, welche die richtige Seite war. Und hier in Aachen wurde ich fast von einem Bus überfahren, weil ich zuerst nach rechts geschaut habe (in einer Einbahnstraße), jawohl, es war sehr knapp.

Manchmal kommt mir hier alles so unwirklich vor. Wirklich, das war Namibia. Manchmal habe ich sogar Heimweh nach Windhoek. Ich genieße es natürlich wieder in Deutschland zu sein. Meine Familie um mich zu haben und auch meine Freunde. Einen neuen, coolen Job zu haben. Aber manchmal komme ich auch einfach nicht zurecht mit Dingen hier. In der ersten Woche, in der ich zurück war, war es die Mülltrennung und das Pfand. Dann, über einige Wochen hinweg, habe ich gemerkt, dass Aachen sich verändert hat. An manchen Stellen mehr, an manchen weniger. Auch das ist irgendwie irritierend. Was hat sich noch alles verändert in der Zeit, in der ich nicht da war? Jetzt bei der Arbeit irritiert mich, dass meine Kollegen nicht immer offen für Gespräche abseits der Arbeit sind und wenn, dann höchstens in der Mittagspause. Draußen auf der Straße frage ich mich, wie Leute so leichtsinnig mit ihren teuren Smartphones in der Hand alleine durch dunkle Parks laufen, ihre Türen sperrangelweit aufstehen lassen und Handtaschen diebstahlfreundlich irgendwo baumeln lassen.

Hört das wieder auf? Ich meine ist es nicht verrückt, dass ich Deutschland so gut kenne und mich trotzdem nicht auf Anhieb wieder komplett zuhause fühle, sondern eher so als würde ich überall anecken?

Ich glaube in meinen ersten Wochen in Deutschland war ich ziemlich überfordert. Eigentlich habe ich gar nicht viel gemacht. Ich hab mich krank gefühlt und schlapp, war mindestens drei mal beim Arzt und nichts ließ sich finden. Ich wollte wirklich viel schaffen und ich muss mir im nachhinein groß anrechnen, dass ich’s immerhin zu ’nem erfolgreichen Bewerbungsgespräch gebracht habe. Das war’s aber auch schon. Den Rest der Zeit habe ich im Bett verbracht.

Das klingt alles so deprimierend. Ich bin auf dem Weg der Besserung, versprochen 🙂

Gerade am Anfang habe ich mich mit unterschiedlichsten Dingen und Einstellungen in Namibia schwer getan. Warum sollte es höflicher sein jemanden zu versetzen als der Person einfach kurz Bescheid zu sagen, dass man doch keine Zeit hat? Ich finde das auch immer noch ätzend, aber mit der Zeit nimmt man solche Dinge mehr an, immerhin hatte man ja schon ein, zwei ehrliche Gespräche mit seiner namibischen Freundin über das Thema. Dennoch: In den ersten Monaten in Namibia dachte ich häufig, dass (Landes-) Kultur zwischen mir und Namibiern wie eine Mauer steht, die ich nicht verstehe, die ich nicht überwinden kann, gegen die ich immer wieder renne und an der ich mir meinen Kopf stoße. Jedesmal, wenn ich versetzt wurde tat es weh und ärgerte mich. Da war es doch irgendwie einfacher hauptsächlich deutsche Freunde zu haben, anstatt sich mit dem Grund meiner Kopfschmerzen mal auseinanderzusetzen. Aber irgendwie, mit der Zeit, sah ich auf einmal kleine Vorsprünge in der Mauer, an denen ich hochklettern konnte. Die Mauer fühlte sich nicht mehr unüberwindbar an. Fragt mich nicht wie, es ist einfach passiert. Und auf einmal hatte ich mehr namibische Freunde und Bekannte. Auf einmal habe ich mich verliebt.

Aber dadurch habe ich auch verstanden wie verdammt schwierig es sein kann in einem neuen Land anzukommen. Ein Land, das eine andere Vorstellung davon hat, was „moralisch“ ist und was nicht. Was für mich ein Samstag war, an dem ich auf einen Freund gewartet habe, ist für andere eine Shorts im Sommer. Man kann anerkennen, dass gewisse Dinge in seiner neuen Heimat normal sind, aber das heißt noch lange nicht, dass man mit ihnen einverstanden ist oder sogar beginnt sie als positiv zu bewerten. Ich finde es immer noch schwer versetzt zu werden. Die Mauer wird zwar einfacher zu überwinden, aber sie hört vielleicht nie ganz auf zu existieren und man stößt sich auch weiterhin an ihr. Nur nicht mehr so hart.

Im Nachhinein glaube ich, dass meine Mauer erst im zweiten Halbjahr erklimmbarer wurde. Vielleicht hätte ich Namibia weniger verstanden, wenn ich nur 6 Monate geblieben wäre. Ich hätte jetzt vielleicht ein etwas rosigeres Bild vom Land, aber das war es wert, denn jetzt habe ich ein realistisches.

Ich frage mich, ob andere Freiwillige eine ähnliche Erfahrung gemacht haben?

Vielleicht lässt sich mein Zurück-in-Deutschland-Kulturschock ja auch so erklären: Ich befinde mich in einem Zwischenzustand. Ich habe in Namibia gerade angefangen meine Mauer zu überwinden, habe einen Blick auf die andere Seite erhascht und auf einmal werde ich nach Deutschland zurückgeworfen. Ich muss umdrehen und stelle fest, dass ich zurück über die Mauer klettern muss. Eigentlich kenne ich ja jede Ecke und Kante, aber nach einem Jahr vergisst man auch die ein oder andere. Deswegen schürfe ich mir gelegentlich ein Knie auf und das tut weh. Das sind vielleicht die Momente, in denen meine neuen, deutschen Arbeitskollegen meine Smalltalk-Versuche ignorieren und ich auf einmal verstehe, dass ich auf die Mittagspause warten muss. Oder der Moment, in dem ich an der Kasse im Supermarkt stehe und den Kassier fragen will, wie es ihm geht und mir klar wird, dass alle mich für verrückt halten werden, wenn ich das tue. Für eine ehrliche Antwort ist sowieso keine Zeit. Das dachte ich jedenfalls früher auch immer. Mittlerweile bin ich mir dabei nicht mehr sicher.

Keine Ahnung. Wirklich.

….

Abspann:

Ihr Lieben, ich kann mir vorstellen, dass mein Gedankenfluss ein bisschen zu sehr dahin geflossen ist. Der Beitrag ist gestern Nacht zwischen 2 und halb fünf entstanden und deswegen vollmondnachtdüster und vom Schlafmangel geprägt. Aber mir hat es auf jeden Fall geholfen, meine Gedanken ein bisschen in Struktur zu bringen.

Vielleicht schaffe ich es die Tage noch einen Beitrag über ein Länderspiel, bei dem ich im Juni war, zu schreiben. Ich habe ihn gerade unter meinen Entwürfen entdeckt und finde ihn eigentlich zu gut, als das er unter den Entwürfen dahinverrotten dürfte. Bleibt gespannt 😉

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