Unnützes Wissen

Eine kurze Info vorab: Alle genannten Infos beziehen sich lediglich auf meine persönlichen Erfahrungen, sind vermutlich subjektiv und haben möglicherweise nur mit meiner Einsatzstelle oder meinem Ort zu tun.


Der 31. Dezember wird in der Ukraine nicht Silvester, sondern Neujahr genannt.
Weihnachten wird hier anders gefeiert als in Deutschland. Nicht nur, dass es keine Geschenke gibt (die kommen nämlich vom Nikolaus in der Nacht von 18.12. auf den 19.12.), sondern auch der Zeitraum ist unterschiedlich. Der Heilige Abend findet am 06.01. statt. Außerdem zählen auch der 07., 08. und 09.01. als Feiertage zu Weihnachten. (An Ostern ist es übrigens auch so – in Deutschland gibt es nur zwei Feiertage, aber in der Ukraine wird auch dieses Fest etwas ausgiebiger gefeiert.) Die unterschiedlichen Daten liegen daran, dass man in Deutschland nach dem gregorianischen und in der Ukraine nach dem julianischen Kalender feiert.
Am 13. Januar feiert man „das alte Neujahr“, was zunächst komisch klingt. Es handelt sich hierbei aber einfach um den Jahreswechsel nach dem julianischen Kalender.

Noch eine Überraschung ist, dass es in der Ukraine nicht nur einen Heiligen Abend gibt, sondern zwei! Der sogenannte „Zweite Heilige Abend“ findet am 18.01. statt. Am Tag danach wird noch einmal groß gefeiert – doch nicht etwa ein weiteres Weihnachtsfest, wie man vermuten könnte. Der 19.01. ist der „Jordanstag“, der Tag an dem Jesus im Jordan getauft wurde. Doch man geht nicht unbedingt in die Kirche. Die meisten Messen werden an diesem Tag an Flüssen oder Seen abgehalten. Die besonders Mutigen ziehen sich nach dem Gottesdienst bist auf die Badehose oder den Bikini aus und springen ins Wasser. Hier tauchen sie dreimal unter, um den Akt der Taufe zu symbolisieren. Dieses Jahr mussten erst einmal Löcher ins Eis geschnitten werden, damit überhaupt jemand tauchen konnte. Wer sich bei den eisigen Temperaturen allerdings nicht nach draußen gewagt hat, der konnte abends auch gemütlich mit einer Tasse Tee vor dem Ofen das Spektakel in den Nachrichten beobachten.

Egal um welchen Heiligen Abend es geht – gefeiert wird immer mit 12 Speisen, die aus traditionellen Gerichten bestehen. (Zwölf wegen der zwölf Apostel Jesu.) Aber man darf sich darunter kein unbezwingbares Zwölf-Gänge-Menü vorstellen. Auch Weihwasser oder ein Stück Weißbrot mit Honig, das nach Segenswünschen für jedermann mit der ganzen Familie geteilt wird, zählen als Speisen. In meiner Familie wurde außerdem Folgendes gegessen: Sprotten, saurer Hering, ein Fisch, der von meiner Gastmutter zuerst aus seiner Haut befreit, anschließend ohne Gräten wieder mit einer Art Fischhackpastete befüllt und in einer Glasschüssel mit Gelatinesoße und Karotten serviert wurde, Borscht mit Wuschka (schreibt man das so? – es handelt sich jedenfalls um kleine Wareniki mit einer Pilzfüllung), Wareniki gefüllt mit Kartoffel und Sauerkraut, Uswar (ein Getränk, das aus getrockneten Äpfeln hergestellt wird), Kutja (eine Art Gemisch aus Weizenkörnern, Mohn, Honig, Rosinen und Nüssen) und Pampuschki (eine Art Krapfen mit Rosenmarmelade – diese Marmelade ist übrigens auch typisch für die Ukraine hat man mir erzählt). Von allem gibt es dann eben eine kleine Portion, damit man auch alles schafft 🙂
Wie man aus den vorherigen Punkten vielleicht schon erahnen kann, möchte ich jetzt noch einmal betonen, wie wichtig hier Glaube und Kirche für die Menschen sind. Das wird vor allem dann spürbar, wenn ich mit meiner Gastfamilie unterwegs bin. Egal ob das im Auto oder zu Fuß ist – kommt man an einer Kirche, an einem Denkmal eines Heiligen oder ähnlichem vorbei, das mit der Kirche oder dem eigenen Glauben zu tun hat, dann macht man ein Kreuzzeichen, manchmal sogar drei.
Die meisten Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, sind griechisch-katholisch. Sie feiern ihre Feste, wie schon erwähnt, nach dem julianischen Kalender und sind vor allem in der Ukraine vertreten. Als ich am Anfang meines Aufenthalts hier aus Interesse einen Gottesdienst besucht habe, habe ich außerdem festgestellt, dass einiges dort anders abläuft als ich es kenne, andere Dinge sind wiederum vollkommen gleich. Was mich aber am meisten verwirrt hat ist, dass man hier das Kreuzzeichen anders macht als in der römisch-katholischen Kirche.


Als ich im Sommer hier angekommen bin und die teilweise wirklich kaputten Straßen gesehen habe, dachte ich mir noch: „Oh, da bin ich im Winter ja mal gespannt, wie die das machen mit Schneepflug und Schnee räumen…“ Jetzt, nach einigen kalten und schneereichen Wochen bin ich schlauer. Im Gegensatz zu den meisten Deutschen die ich kenne, die gleich bei den ersten zwei Schneeflocken ans Räumen denken, legt man hier eine eher sehr lockere und entspannte Haltung an den Tag. Der Schnee schmilzt ja schließlich auch wieder von alleine, wenn es dann irgendwann Frühling wird. Im ganzen Winter habe ich bisher einen einzigen (!!) Schneepflug durch die Straßen fahren sehen. Gehsteige werden, wenn überhaupt, maximal eine Schaufel breit frei geschaufelt. Wenn also jemand entgegenkommt, dann steht man schon mal bis zu den Knien im Schneehaufen. Ebenso hält man hier wenig von Salz streuen, denn das macht ja Ränder auf den Schuhen und tut auch den Autos nicht gut. Deswegen gibt es, wenn es wirklich richtig glatt ist, ab und zu ein Fleckchen Sand, das jemand ausgestreut hat. Für mich waren deswegen vor allem die letzten Wochen ein Horror, weil ich nicht nur mit der permanenten Angst gelebt habe, dass ich hinfallen könnte. Ich hatte leider auch einige Male unfreiwillig mehr Kontakt zum Boden als ich eigentlich wollte.
Noch ein kleiner Nachtrag zum Punkt „Gegenverkehr auf dem Gehsteig“. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es egal ist, wie sehr man auf jemanden zusteuert – die Einheimischen rutschen nicht um vieles. Manchmal, wenn es also wirklich keinen Platz gibt, rumpeln also auch die Schultern mal ordentlich aneinander, was hier aber keinen zu stören scheint. Da ich das aber überhaupt nicht mag, gehe ich immer freiwillig auf die Seite – auch wenn ich dann mal wieder in einen großen Schneehaufen hüpfen muss.


Die Schulferien wurden an der Schule immer von der Schulleiterin bestimmt. Das hieß dann immer wieder, dass die Ferien spontan ein paar Tage vor Beginn verschoben oder sogar verlängert wurden. Auch innerhalb der Stadt hatten die Kinder unterschiedliche Schulferien.
Die Schüler*innen haben in der Oberstufe mit bis zu 22 Fächern zu kämpfen. Das klingt viel, liegt aber vor allem daran, dass man keine Schwerpunkte wählen kann und dass Mathe zum Beispiel in Algebra und Geometrie geteilt ist. Es gibt auch zwei verschiedene Fächer für das, was man in Deutschland unter Physik versteht – Physik und Astronomie. Für Deutsch gibt es sogar drei verschiedene Fächer: Deutsch, Wirtschaftsdeutsch (hier werden Dinge wie Bewerbung schreiben oder offizielle Telefongespräche führen geübt) und deutsche Literatur. Ebenso gibt es Schulfächer, die für Jungs und Mädels unterschiedlich sind. Während die Mädels eine Art Medizinkurs haben, besuchen die Jungs einen Militärkurs.
In der Ukraine wird die Schule nach der elften Klasse abgeschlossen, ab der neunten kann man allerdings auch schon aufhören. Tests muss man in drei verschiedenen Fächern ablegen. Es gibt, ähnlich wie in Deutschland verschiedene Vorgaben, die man erfüllen muss. Was mir als „absolutem Matheprofi“ natürlich im Gedächtnis geblieben ist, war natürlich die Info, dass man keine Prüfung in Mathe machen muss. Dann muss man allerdings in Geschichte ran – aber das ist ja wohl lange nicht so schlimm! Außerdem muss man selbst überlegen, welche Fächer man überhaupt braucht. An den Unis läuft es nämlich so, dass man bestimmte Kurse oder Richtungen nur einschlagen kann, wenn man in der Schule die entsprechenden Prüfungen in den passenden Fächern abgelegt hat. Da viele Schüler aber nach der Beendigung der Schule noch nicht volljährig sind (das ist man übrigens auch mit 18 Jahren), besuchen sie für ein oder zwei Jahre eine Art Vorkurs für die Uni oder ein Lyzeum. Das ist besonders dann wichtig, wenn man im Ausland studieren will. Die meisten Schüler, die nicht in der Ukraine bleiben wollen, würden gerne nach Polen oder Deutschland gehen – doch hierfür muss man eben volljährig sein.
Um dann auch in den drei relevanten Fächern in den Prüfungen die nötigen Leistungen zu erbringen, haben die meisten Schüler in der Oberstufe Nachhilfe. Von unterschiedlichen Personen habe ich erfahren, dass je mehr Nachhilfe ein Kind bekommt und je teurer die Stunden sind, desto wohlhabender wird die Familie angesehen. Ob das stimmt, das weiß ich nicht und das kann ich auch nicht nachvollziehen. (In der Schule habe ich mich immer vor Nachhilfe gesträubt und mich dann lieber immer so irgendwie durchgewurstelt. Hat auch geklappt ;)) In der Oberstufe gibt es pro Woche acht Stunden Deutsch – da ist Nachhilfe dann wirklich überflüssig, meinen viele Lehrkräfte. Außerdem würde alles noch einmal in Ruhe erklärt werden, wenn die Schüler*innen sich nur einfach trauen würden, Fragen zu stellen.
Was ich wirklich noch erstaunlicher finde ist, dass für die Nachhilfestunden sogar die Schule ausfällt. Wenn ein Nachhilfelehrer oder auch die Schüler nachmittags keine Zeit haben, wird die Stunde kurzerhand einfach auf vormittags verlegt und der Schüler geht an diesem Tag nicht in die Schule. Dass sich darüber viele Lehrer aufregen, kann ich wirklich gut verstehen.
Erst heute habe ich mich darüber wieder in der Schule mit einer Lehrerin unterhalten. Sie erklärte mir, dass ihr Sohn in der Mathenachhilfe verschiedene Dinge gelernt hat, die man sonst nur in der Uni in verschiedenen Kursen lernen würde. Sie war empört, weil das ja nicht der Sinn von Nachhilfestunden ist. Der Sohn erklärte ihr allerdings, dass es in der Prüfung auch immer Fragen gibt, die man nie im Unterricht bespricht, weil die Themen gar nicht im Lehrplan stehen. Nachdem er die Prüfung abgelegt hat, bedankte er sich für das Vertrauen der Mutter, da er nur mit dem vertieften Wissen aus der Uni bestehen konnte.


Meine Kolleginnen werden übrigens nicht, wie in Deutschland üblich, mit „Frau“ und dem Nachnamen angeredet. Hier spricht man sie mit ihrem Vornamen und dem Vatersnamen an. Das würde sich in meinem Fall so anhören: Marie Herbertivna. Es passiert deswegen allerdings auch oft, dass es viele Menschen mit gleichem Namen gibt, da eben Vornamen auch begrenzt sind. Dann muss man sich eben mit weiteren Beschreibungen aushelfen 🙂 Wenn man keine Ahnung haben sollte, wie der Vater heißt, kann man auch einfach „Pani Marie“ sagen, das bedeutet dann etwa so viel wie „Frau Marie“ und ist trotz Vornamen noch die „Sie-Form“. Ich finde das eigentlich ganz süß, wenn man es mal raus hat, die vielen Konsonanten hintereinander korrekt auszusprechen. Für mich ist das immer wie ein kleiner Zungenbrecher – aber ich darf meine Kolleginnen zum Glück auch immer nur beim Vornamen nennen.
Hier in der Ukraine werden Namenstage noch sehr groß gefeiert – bei vielen ist das auch noch viel wichtiger als der Geburtstag. Und weil man die Menschen mit dem Vaternamen anspricht, darf man gleich doppelt feiern.


Dass vor allem die älteren Generationen eher wenig Englisch sprechen, war mir eigentlich bewusst. Eine umso größere Überraschung war es dann aber für mich, dass viele Menschen die ich hier in Drohobytsch getroffen habe, ein kleines bisschen Deutsch sprechen. Entweder waren sie einst selbst Schüler der Mittelschule Nr. 2, wo Deutsch als Fächerschwerpunkt unterrichtet wird oder sie haben Verwandte in Deutschland oder sie wussten einfach so ein paar Redewendungen. So hatte ich schon wundervoll-chaotische Unterhaltungen mit einer der Putzfrauen in der Schule und konnte meine paar Brocken Ukrainisch loswerden, sie wiederholte ein bisschen ihr eingerostetes Deutsch mit mir. Und dieses Gespräch war wirklich lange und informativ! Auch einige Freunde meiner Gastmutter haben in der Schule Deutsch gelernt und wussten noch einiges, obwohl die Schulzeit schon lange, lange her ist. Auch die Schulleiterin kann unfassbar gut Deutsch, wobei sie immer wieder versucht, mich zu überzeugen, dass sie es gar nicht kann, was natürlich nicht stimmt. Sonst könnten wir uns wohl kaum problemlos unterhalten…
Gleichzeitig bricht regelmäßig Applaus aus, wenn ich dann mal ein Wörtchen oder ein Sätzchen auf Ukrainisch sage. Oder, was auch immer ziemlich lustig ist, Totenstille. Dann wird nach der Person gesucht, die gerade eben geredet hat und wenn ich sage, dass ich das war, dann darf ich mir Lobeshymnen auf mein scheinbar akzentfreies Ukrainisch anhören. Dann kann ich wiederum alle verstehen, die sich in der deutschen Sprache nicht ganz sicher fühlen.


Wer mal in die Ukraine fährt und sich Sorgen macht, ob es dort halbwegs ähnliche Drogerieprodukte wie zu Hause gibt, den kann ich beruhigen. Hier ist alles was das Roßmann-Herz begehrt zu haben – sogar mit deutscher Aufschrift. Zu den Preisen kann ich allerdings keine Auskunft geben, da ich weder hier noch in Deutschland oft Drogerieartikel kaufe.


Ein weiteres Phänomen ist Busfahren und vor allem der Erwerb von Tickets im vollgestopften Bus. Ticketautomaten gibt es nicht, weil hier die Busfahrer pro Fahrgast verdienen. Deswegen hält der Bus auch gerne bereitwillig überall an, um Leute ein- oder aussteigen zu lassen. (Das kennt man so ja auch überhaupt nicht aus Deutschland!) Wenn mal also einsteigt, obwohl im Bus schon kaum mehr Platz ist, holt man als erstes sein Geld raus, gibt es jemanden, der weiter in Richtung des Busfahrers steht und nennt die Anzahl der Tickets, die man gerne hätte. Nachdem das Geld dann irgendwann also den Fahrer erreicht hat, kommt irgendwann auch das Rückgeld und Ticket zurück. Es ist wirklich Wahnsinn, denn ausnahmslos jeder bezahlt und jeder ist so ehrlich und gibt das Geld (und Ticket) eben nach vorne oder hinten durch. (Auch das ist absolut nicht vorstellbar in Deutschland!)


Von vielen Menschen wurde ich außerdem schon vor den Straßenhunden gewarnt, die vor allem im Winter zu meiden sind. Es ist kalt, gibt weniger zu fressen und deswegen muss man etwas vorsichtiger sein. Aber auch hier habe ich absolut noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ganz im Gegenteil! Die meisten Hunde sind super zutraulich und total knuffig, so dass ich, wenn ich die Möglichkeit hätte, durchaus den einen oder anderen schon eingepackt hätte. Manche habe ich sogar gestreichelt…


Jetzt fehlt noch ein Punkt, der mir persönlich, am Ende meiner Erlebnisse noch besonders wichtig ist. Durch meine viele Zeit in der Schule habe ich viel mit den Kindern und Jugendlichen geredet und mir wurden auch viele Fragen gestellt. Dadurch ist mir vor allem eines besonders klargeworden: Egal wie verschieden die Umfelder sind, aus denen die Menschen kommen, wir haben doch alle die gleichen Träume. Fragt man in der Ukraine nach Traumberufen, nach der Zukunft oder der Wunschvorstellung eines erfüllten Lebens, so unterscheiden sich die Antworten nicht von denen, die ich von daheim gewohnt bin. Einen Partner bzw. eine Partnerin, den/die man liebt. Eine gesunde Familie. Ein kleines Häuschen. Vielleicht ein Haustier, einen Hund oder eine Katze. Einen Job, der vor allem Spaß macht, bei dem man sich verwirklichen kann, wo man auch genug Geld verdient, um sich nicht ständig Sorgen zu machen. Reisen. Auslandserfahrungen. Studieren. Feiern. Eine tolle Zeit haben. Neue Erfahrungen machen. Frieden. Freiheit. Freude.

Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen. – Johann Wolfgang von Goethe

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