Vom Zauber der Ferne und Fremde

„Ausland? Schon wieder? Aaaaber du warst doch erst…? Wohin willst du denn diesmal?“

Zum dritten Mal die Hiobsbotschaft für Menschen, die mich gerne um sich haben. Kaum bin ich von einem Abenteuer zu Hause, wird im Kopf schon das nächste geplant, weil mich die Fernsucht erneut packt. Freunde, Familie und Bekannte haben sich schon längst daran gewöhnt, dass es mich immer wieder in die Ferne zieht. Meist reicht mir ein kleiner oder größerer Urlaub nicht und ich verabschiede mich gleich für mehrere Monate.

Einpacken. Auspacken. Abreisen. Ankommen. Heimat. Fremde. Neugier. Spannung. Ideen. Umsetzung. Man kann dabei mittlerweile fast schon von Alltag sprechen.


Erst Australien, dann Schweden, jetzt Ukraine. Drei Länder die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zumindest von meiner persönlichen Erfahrung her. Drei Länder, die ich gerne noch länger bereist und noch besser kennen gelernt hätte.

Sobald man wieder daheim ankommt oder gerade an einen neuen Ort gereist ist, wird man oft mit unzähligen Fragen bombadiert, die die Daheimgebliebenen stellen. Wo wars denn am schönsten? Würdest du dort für immer leben wollen? Würdest dus noch mal tun? Was ist das Beste, was du dort erlebt hast? Wieso tust du dir das eigentlich immer wieder an? All das ist nicht ganz einfach zu beantworten.

Ein Großteil der Fragenden hätte diese Fragen am liebsten kurz und knapp, aber doch ausführlich genug beantwortet. Doch wer gibt hier die Regeln vor? Wie soll man denn ein halbes Jahr möglichst mit allen Facetten und Nuancen kurz und prägnant beschreiben? Meiner Meinung nach ein Ding der Unmöglichkeit.

Am schönsten ist es eigentlich … überall! Wirklich. Für mich hat jeder Ort einen ganz bestimmten Zauber und ist etwas Besonderes. Oft auch einen solchen, den die Einheimischen meist nicht unbedingt wahrnehmen.

Als kleines Beispiel: Oft werde ich hier von den Menschen gefragt, wie es mir denn in der Ukraine generell gefällt. Wenn ich dann ehrlich antworte und betone, dass ich es sehr schön finde, sind meine Gesprächspartner in den meisten Fällen ein klein wenig schockiert. „Aber hier liegt so viel Müll, wie kann dir das denn gefallen? Unsere Straßen sind schlecht, du bist doch aus Deutschland anderes gewohnt!“ Ja, ich bin anderes gewohnt. Und ja, den Müll und die schlechten Straßen kann man nicht verleugnen. Aber macht das ein Land oder eine Region zu einem hässlichen, schrecklichen oder schlimmen Ort? Nicht für mich. Im Gegensatz zu diesen vermeintlich nicht so schönen Dingen, steht ein ganz wichtiger Punkt für mich: die Menschen. Und nicht nur einmal habe ich betont, wie wohl ich mich hier fühle – zwangsläufig bedingt durch die unglaubliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit. Wer das nicht am eigenen Leib erfahren hat, kann sich das wirklich nicht vorstellen.

Zudem kann man Reisen, Studieren und Arbeiten im Ausland nicht vergleichen. Hinzu kommen Komponenten wie Sprache, Kultur und Traditionen, auf die man sich eben nur bedingt einlässt.

Meistens interessiert die Menschen nur, ob man Spaß und eine tolle Zeit hatte. Dabei wird oft ausgeblendet, dass gerade die Zeiten, in denen es nicht so rund läuft, einen Menschen bewegen. Überwältigte Krisen, Heimweh und was eben noch so alles dazu kommt, wenn man sich seinen Grenzen mehr oder weniger bewusst nähert. Ein Auslandsaufenthalt ist oft so viel mehr als nur Halligalli und Konfetti. Und bloß weil es mal Strapazen gibt, sollte man nicht gleich alle Zelte abbrechen. Sicherlich war es nicht die ganze Zeit über schlimm. Es ist eben wie immer im Leben: Die Achterbahn fährt mal rauf, mal runter. Und manchmal muss man eben erst ein bisschen Schwung holen, damit es wieder bergauf gehen kann und man die guten Zeiten wieder richtig zu schätzen weiß.

Wieso tust du dir immer wieder sowas an? Die Frage ist ebenfalls keine leichte. Bei mir passiert das einfach immer irgendwie, ohne dass dahinter große Pläne stehen. Ich stolpere von einem Abenteuer mehr oder weniger direkt ins nächste. Wenn dann der Bus/Flug/Zug/… mal gebucht ist (das ist meistens die größte Hürde für mich!) und alles langsam real wird, stellt sich mir die Frage selbst andauernd. Wieso will ich denn ständig alle Menschen, die ich so gern habe, verlassen? Wieso muss ich unaufhörlich meine Grenzen austesten? Was bringt mir das Ganze eigentlich?

Abgesehen von Abschieden und Freundschaften, die sich auflösen ziemlich viel: neue Freundschaften, neue Erkenntnisse, unbezahlbare Erlebnisse, Einblicke in fremde Kulturen, das Kennenlernen seiner selbst, aber vor allem eine tiefe innere Zufriedenheit und Unmengen an Glücksgefühlen.

Das Gefühl, wenn alles fix ist, man nur noch die Tage zählt, Packlisten schreibt, überlegt, was man mitnehmen möchte, sich von Freunden und der Familie verabschiedet, ist etwas ganz Besonderes. Aufgeregtheit, weil man sowas noch nie, schon lange nicht mehr gemacht hat oder immer wieder macht. Anspannung, weil ja doch noch etwas schiefgehen könnte. Vorfreude, weil da ein großes Abenteuer wartet. Unwissenheit, weil man nicht weiß, auf was man sich da eigentlich einlässt. Hoffnungen, weil man ja zuversichtlich sein solle. Erwartungen, weil man sich auf Unbekanntes einlässt. Traurigkeit, weil man so viele tolle Menschen zurücklässt. Dieser Mix ist wirklich einzigartig und lässt sich auch nicht wirklich beschreiben – aber es ist ein Gefühl, das mich irgendwie süchtig gemacht hat.


Für alles was ich bisher erleben durfte, bin ich wirklich unfassbar dankbar. All das hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Und auch wenn das für viele durchaus komisch klingen mag, aber ich bin wirklich froh, über die folgende Aussage: Ich mag mich. Durch viele, viele Erfahrungen kann ich wirklich sagen, dass ich mich kenne. Gut kenne. Weiß, was ich will. Wen ich zu meinen wahren Freunden zählen kann. Weiß, was mich persönlich ausmacht und mir besonders wichtig ist. Weiß, wie ich auf bestimmte Dinge reagiere. Und: Ich weiß auch, was ich nicht so toll finde und vielleicht ändern möchte.


So ein Auslandsaufenthalt ist wie ein Frühjahrsputz. Man räumt gewaltig auf. Das ganze Leben wird auf den Kopf gestellt. Innerlich, vielleicht auch äußerlich werden viele Dinge überdacht. Wieder zu Hause angekommen sind manche tiefen Freundschaften noch viel, viel stärker geworden. Andere haben sich aufgelöst. Vielleicht haben sich auch neue gebildet. Die eigenen Werte haben sich möglicherweise verändert. Die prägenden Erfahrungen holen einen immer wieder im Alltag ein. Einiges wird einem erst bewusst, wenn man sich in komplett einer anderen, neuen Umgebung aufgehalten hat und nach der Rückkehr oder schon während der Reise anfängt, die gewohnten Dinge in Frage zu stellen. Feststellt, dass es eine Welt hinter dem Tellerrand gibt. Das Komfortzonen wirklich langweilig sein können und das Leben so viel mehr zu bieten hat als das, was man eh schon kennt.

Der Mensch bereist die Welt auf der Suche nach dem, was ihm fehlt. Und er kehrt nach Hause zurück, um es zu finden. – George Moore

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