Vom Versuch eines Visumsantrags

Die ganze Zeit habe ich mich tierisch gefreut, in der Ukraine zu sein. Unter anderem weil hier einfach noch kein Schnee gefallen ist und die Temperaturen schön bei fünf bis zehn Grad lagen. Bis es gestern Abend geschneit hat und heute gleich mal ein halber Meter Schnee liegen geblieben ist. Und es schneit tatsächlich immer noch…


Die Odyssee meines Visums beginnt bereits lange bevor ich ins Ausland aufgebrochen bin. Ende April habe ich bereits bei meiner Betreuerin gefragt, was ich jetzt alles für den Antrag haben muss. Die Infos waren selbst in Deutschland nur auf Ukrainisch zu finden. Im Juli habe ich dann bei kulturweit angefragt, ob sich dort jemand genauer mit dem Antrag auskennt. Leider Fehlanzeige. Anfang August habe ich dann panisch versucht, alles was ich bis dahin immer noch nicht verstanden habe, herauszufinden. Direkt bei der Deutschen Botschaft in Kiew. Hier wurde mir dann erklärt, dass ich die Dokumente, die ich seit Monaten versuche irgendwo her zu kriegen, gar nicht mitbringen kann, weil die erst vor Ort ausgestellt werden. Gleichzeitig habe ich bei einer Übersetzungsagentur meinen Pass für fünfzig Euro ins Ukrainische übersetzen lassen und noch kurz vor der Abreise Passfotos gemacht.

Bei meinem Besuch im Ukrainischen Konsulat in München gab ich alles was ich bereits an Unterlagen gesammelt hatte ab. Zu meinem Erstaunen musste ich sogar meinen Reisepass dort abgeben. Ich bekam die Anweisung meinen Pass samt Visum frühestens in zehn Tagen wieder abzuholen. Das Visum, das ich beantragt habe, war ein Visum für ein halbes Jahr. Allerdings ist die Aufenthaltserlaubnis, die man von Deutschland aus eben bekommt, nur für sechs Wochen und man muss weitere Anträge dann in der Ukraine vor Ort stellen. Auf meine wirklich freundliche Frage, ob ich den Pass nicht eventuell auch einen Tag vorher abholen könnte, bekam ich die Antwort, dass die Antwort eben schon gegeben wurde.

Mein Problem war nämlich folgendes: Der Tag, an dem ich das Visum abholen konnte, war der 02. September. Da war ich aber ja in Berlin auf dem Vorbereitungsseminar. Mein Bus in die Ukraine ging am 13. September. Das Seminar ging bis zum zehnten und das war ein Samstag. Ich hatte also genau eine einzige Chance, das Visum zu bekommen: am 12. September. Aber das war mir definitiv zu unsicher. Also habe ich den Plan gefasst, einfach am 31. August im Konsulat anzurufen und freundlich nachzufragen, ob das Visum eventuell schon fertig ist. Nachdem ich es ca. fünfzehn Mal mit dem Handy und ungefähr sieben Mal mit dem normalen Telefon versucht habe, gab ich auf. Es hing also alles vom 12. September ab.

Am besagten Tag fuhr ich also (für mich persönlich überflüssigerweise) nach München, um dort (nach einer Ewigkeit des Parkplatzsuchens) innerhalb von drei Minuten mein Visum abzuholen. Zwischen Packstress und Abschieden war das schon wirklich unnötig. Zum Glück hat aber hier ausnahmsweise alles wie am Schnürchen geklappt.

In der Ukraine angekommen, musste ich quasi nichts für die Aufenthaltsgenehmigung machen, weil meine Gastmutter Rechtsanwältin ist und jedes Mal drauf bestand, alles im Alleingang zu regeln. Ich bekam also nur mit, wie sie mich immer wieder nach unzähligen Unterlagen fragte und gefühlte hundert Mal irgendwelche Ämter besuchen musste. Ich hätte ihr wirklich gerne geholfen, aber wie so oft wurde meine Hilfe weder erwünscht noch angenommen. Ich bin ja schließlich der Gast…

Die Übersetzung für fünfzig Euro wurde übrigens nicht mal anerkannt, die wurde in der Ukraine noch mal neu gemacht. Schade eigentlich…

Vor zwei Wochen war ich also in Lviv, um das fertige Visum endlich abzuholen. Mit meinem Gastvater, der stellvertretenden Direktorin und meinem Reisepass war ich unterwegs. Nachdem wir endlich rausgefunden hatten, wo wir in dem großen Gebäude eigentlich genau hinmussten, war die ganze Sache auch in drei Minuten geklärt. Ich musste meinen Pass dort lassen, damit die Angaben verglichen und überprüft werden konnten. Oder so ähnlich… Ganz genau konnte mir das niemand erklären. Die einzige Überlegung die wir also anstellten war, ob wir bis zum Abend in Lviv bleiben sollten (es war erst neun Uhr morgens) oder ob wir am nächsten Tag wieder kommen. Da aber mein Gastvater wenige Tage später sowieso noch mal in die Stadt musste, um dort zu arbeiten, beschlossen wir, den Pass einfach dann wieder abzuholen und fuhren nach einer kurzen Kaffeepause wieder nach Hause.

Bei der Abholung war dann endlich (!!) alles gut, wenn auch noch nicht ganz vorbei. Da ich über Weihnachten nach Hause fahren werde, mussten wir noch einmal in Drohobych ins Rathaus und das Visum vorzeigen und irgendwas irgendwo eintragen lassen.

Das war also letzte Woche der Plan. Mit meiner Gastmutter und meiner Gastschwester als Dolmetscherin gingen wir hochmotiviert in die zuständige Behörde. Die ganze Aktion hatte sich hier aber richtig schnell wieder erledigt und wir mussten leider – ohne etwas erreicht zu haben – wieder gehen. Was uns fehlte, war die Erlaubnis von meinem Gastbruder, dass ich in der Wohnung wohnen darf. Er ist mit meiner Gastmutter gemeinsamer Eigentümer des Apartments, in dem wir leben und er muss damit einverstanden sein, wenn jemand neu einzieht.

Einige Tage später schickte er also mit dem Bus ein notariell beglaubigtes Dokument, dass er nichts dagegen hat, wenn ich in der Wohnung wohne. (Mit der Post hätte es wesentlich länger gedauert…)

Versuch Nummer zwei im Rathaus war dann schon auch erfolgreicher. Wir mussten zwar unglaublich lange warten, konnten aber am Schluss glücklich sein über den Stempel, den ich in meine Aufenthaltsgenehmigung bekommen habe. Dieser besagt, dass ich in der Ukraine also ein Zuhause habe. Ich darf mich nun also seit einiger Zeit als Bürgerin Drohobychs bezeichnen.

Allerdings ist damit die Geschichte immer noch nicht fertig erzählt oder erlebt. Wir müssen nämlich noch einmal wo anders hin. Es gibt wohl eine Art Passamt oder so etwas Ähnliches. Dort muss nun also noch der Stempel, den wir im Rathaus bekommen haben, in den Computer übertragen werden, damit, wenn an der Grenze überprüft wird, ob ich wieder einreisen darf, dort der Vermerk zu sehen ist, dass ich hier also tatsächlich wohne.

Ich bin ja gespannt, wie oft wir noch hin und her geschickt werden 😉


Jetzt noch ein kleiner Bericht über ein wirklich schönes Wochenende, welches ich gerade erlebt habe. Gestern war, wie immer samstags, Unterricht für die Schüler die am DSD mitmachen. Und wie so oft hatte ich die Ehre, eine Präsentation zu halten, um ein Thema etwas genauer zu erklären. Nachmittags hatten wir dann Besuch von einer wirklich tollen Freundin meiner Gastschwester. Da meine Gastmutter über das Wochenende in Polen ist, planten wir schon etwas länger einen schönen Mädelsabend. Das Wetter hätte für unser Vorhaben nicht besser sein können. Zum ersten Mal in diesem Jahr fing es zum Schneien an und wir genossen den sehr gemütlichen Nachmittag im Haus. Wir machten Marshmallows, Schokoplätzchen und leckerstes Abendessen, von dem uns dann schon bald schlecht wurde, weil wir zu viel gegessen haben.

Danach hatte ich noch das Vergnügen zwei Stündchen mit meiner Familie zu telefonieren, wo es schön war, das alltägliche Chaos mal wieder zumindest am Ohr zu haben.

Ordnung ist etwas für Primitive, das Genie beherrscht das Chaos. – Albert Einstein

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.