Von A bis Z – oder vom Alltag und einer Zwischenbilanz

Mein Tief aus der letzten Woche ist überwunden. Die ersten Schwierigkeiten gemeistert. Und ich möglicherweise ein bisschen weiter über mich hinaus gewachsen. Doch wie immer erst mal von vorn 😉

Die Woche war wenig spektakulär. Die Schule war wie immer – unterhaltsam, mit vielen Lachern, kleinen Abenteuern und neuen Erkenntnissen. So langsam kann ich hier eigentlich von Alltag sprechen. Dass sich der aber doch sehr von meinem Komfortzonenalltag in meiner Heimat unterscheidet, zeigt sich doch immer wieder.


Beispielsweise war ich diese Woche auf Ferien eingestellt. Letzte Woche hat sich aber spontan ergeben, dass die Stadt die Ferien um eine Woche nach hinten verschoben hat. Der Grund: Das Wetter diese Woche war zu warm. Ich dachte wirklich, dass mich jemand auf den Arm nehmen will! Die Erklärung ist doch aber ganz logisch, wurde mir versichert. Das Wetter diese Woche ist warm und nächste Woche wird es kälter. Wenn man also die Ferien um eine Woche verschiebt, muss man nicht heizen, wenn es kälter ist. Die Heizungen und das Wasser werden nämlich am Wochenende und in den Ferien abgestellt. Aber nur manchmal. Blöd nur, dass ich die ganzen Ferien in der Schule verbringen werde, weil von Montag bis Donnerstag ein Deutschintensivkurs und am Samstag die Stadtolympiade in Deutsch stattfinden wird.


Ja, aber was hat es denn mit einer Olympiade in Deutsch auf sich? Das habe ich mich auch lange gefragt, bis ich letzten Samstag dabei sein durfte. Kurz gefasst: Die Lehrer hassen es, die Schüler sind davon auch nur mäßig begeistert. Die Lehrer schimpfen immer, dass das noch ein Überbleibsel der Sowjetunion ist, das niemand braucht. Bei der sogenannten Schulolympiade letzte Woche haben sich also verschiedene Schüler und Schülerinnen am Samstag in die Schule begeben, um sich dort einer schriftlichen und mündlichen Prüfung zu unterziehen. Die Teilnahme ist freiwillig. Zuerst muss man über eins von drei Themen einen Text schreiben. Dabei ist man völlig frei. Beim mündlichen Teil sucht man sich aus zwanzig verdeckten Themen drei verschiedene aus, die man angucken darf. Anschließend wird über eins der Themen geredet. In etwa lässt sich das mit mündlichen Schulaufgaben aus dem Fremdsprachenunterricht in Deutschland vergleichen. Wenn die Schüler fertig sind, wird alles korrigiert und eine Rangfolge aufgestellt. Die besten Schüler dürfen dann weiter zur Stadtolympiade, danach zur Gebietsolympiade und dann am Schluss vielleicht zur allukrainischen Olympiade. Das ist alles aber ziemlich viel Arbeit…


Mein Sprachkurs findet seit Kurzem regelmäßig zwei Mal pro Woche statt. Aus jeder Stunde nehme ich unzählige Vokabeln und Geschichten über Land und Leute mit, die ich, wenn es nur irgendwie möglich ist, im Alltag nutze. Immer öfter kann ich Gespräche deuten oder richtig interpretieren, teilweise sogar wirklich verstehen, um was es geht.


Ebenso habe ich ein neues Projekt ins Leben gerufen. Nein, es geht nicht um das Projekt, das kulturweit von mir erwartet. Nicht um die Schule, nicht um die Märchen, nicht um die deutsche Sprache. Es geht nur um mich selbst. Ich habe einfach verstanden, dass ich mir auch in der Familie Pflichten wünsche. Da das aber nur sehr schwer zu verwirklichen ist, überlegte ich, was ich sonst so mit meiner freien Zeit anstellen könnte.

Dabei sind mir all jene Menschen eingefallen, die sich regelmäßig beschwert haben, dass ich vor allem im Bezug auf Filme einige unmenschliche Wissenslücken habe. Weil aber immer nur Filme auch langweilig sind, nenne ich das Ganze einfach mein persönliches Wissenslückenfüllprojekt. Ich werde Filme gucken, die man gesehen haben muss und Bücher lesen, die als Pflichtlektüre gelten. Wer noch Vorschläge hat, was dort auf gar keinen Fall fehlen darf – immer her damit! …Mal sehen wer diesen Blog überhaupt noch liest 😛


Es wird nun auch Zeit für eine kleine Zwischenbilanz.

Die ersten Wochen hier in der Ukraine waren wirklich voller (kulinarischer) Highlights, unglaublich erlebnisreich und teilweise auch etwas abenteuerlich. So langsam kehrt zwar mehr oder weniger Alltag ein, aber trotzdem gibt es immer wieder Überraschungen mit denen ich einfach nicht gerechnet hätte. Doch genau das ist es, was das Leben hier so spannend und interessant macht, dass was ich so gern mag.

Ich fühle mich nun, nach gut sechs Wochen, langsam wirklich angekommen. In dieser Zeit habe ich einiges gelernt. Über ein fremdes Land, über eine neue Kultur – und über mich selbst. Ich habe angefangen, mich auch mit Dingen zu arrangieren, die ich aufgrund meiner Persönlichkeit, Herkunft oder Prägung zunächst ungewohnt fand. Akzeptiert, dass ich eben hier nicht vollkommen zu Hause, sondern nur ein Gast bin. Verstehe nun, dass ich hier eben nicht alles verstehen kann.

Erst muss man ankommen, um weiter gehen zu können.

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