Zwischen Pantomime, Pralinen, Sauna und Torte

September… Oktober! Über einen Monat bin ich nun schon unterwegs. Weg von daheim.

Gestern wurde ich gefragt, ob ich denn traurig sei. Wieso, das habe ich nicht ganz verstanden, denn der Abend war super toll und wir haben viel gelacht. Aber seit ein paar Tagen bin ich alleine zu Hause mit meiner Gastmutter. Die Sprache stellt nach wie vor eine vermeintliche Barriere dar. Allerdings klappt die Kommunikation auch ohne Worte erstaunlich gut. Hände, Füße, Gestik, Mimik, Pantomime und der Übersetzer von Google sind mehr oder weniger ein Geheimrezept, wenn das mit der Sprache noch nicht so recht funktioniert. Man muss nur wollen!

Ich wurde gefragt, ob ich traurig bin, weil meine Gastschwester nicht hier ist, zum Übersetzen, zum Reden, zum Lachen. Ob ich Heimweh habe. Daraufhin musste ich etwas schmunzeln. Erstens gibt es keine Zeit für Heimweh und dergleichen. Zweitens fühle ich mich hier wirklich, absolut ehrlich sehr wohl. Und drittens ist das „Problem der Kommunikation“ kein Problem für mich, eher eine kreative Herausforderung.

Gestern Abend war ich nun schon zum zweiten Mal mit meiner Gastmutter und einer Freundin von ihr in der Sauna. Denn auch trotz mangelnder sprachlicher Verständigung, werde ich absolut überall mit hingenommen, wenn ich möchte. Eigentlich spricht die Freundin Englisch. Nur meistens reicht das nicht so weit, also muss man sich auch hier aushelfen. Zum Beispiel keine ganzen Sätze reden, die überfordern nämlich. Einfach das Wort sagen, über das man sprechen möchte und dazu ein bisschen Theater spielen. Das klappt immer. Meistens auch mit einigen Lachern, da man immer etwas bescheuert aussieht, wenn man versucht etwas nachzuspielen. Aber Lachen macht Spaß. Und so war der ganze Abend gestern super lustig. Nach der Sauna waren wir noch in einem der vielen Cafés hier. Auch das Bestellen von Essen und Trinken war eine kleine Herausforderung, die wir zusammen gemeistert haben.

Für meine Gastmutter ist es wohl etwas schwieriger die Sprache nicht zur Kommunikation nutzen zu können. Sie erklärte mir, nachdem sie mich gefragt hat, ob ich traurig bin, dass sie es ist. Weil sie sich so gern mit mir unterhalten würde. Weil sie mir die Witze der im Fernsehen laufenden Comedyshow nicht übersetzen konnte. Aber auch hier: kein Problem für mich, einiges verstand ich auch ohne Sprache. Kostüme, Mimik und Gestik haben mir das schon etwas erleichtert. Mittlerweile habe ich mich auch einfach dran gewöhnt, nicht alles zu verstehen.

Manche fragen sich nun vielleicht schon, wie man sich gut fühlen kann, obwohl man nicht wirklich mit seinen Mitmenschen redet. Es ist einfach alles um mich herum, was es so schön macht. Die Bemühungen, das Mitgenommen-werden, die Eingliederung in die Gesellschaft, die liebevolle Atmosphäre überall, die kleine Frage „Tea?“, wenn man das Abendessen vorbereitet, weil ich immer Tee trinke. Man muss die kleinen Dinge nur sehen wollen.


Themenwechsel.

Letzten Sonntag hatte meine Gastschwester Geburtstag. Das ganze Wochenende war eine Freundin von ihr zu Besuch. Meine Gastmutter war einige Tage in Polen, zu Besuch bei Verwandten. Somit hatten wir das ganze Wochenende sturmfrei 😉 Samstag haben wir erstmal in den Geburtstag reingefeiert, sonntags lange ausgeschlafen. Nach dem Frühstück war erst einmal faulenzen und Pralinen essen angesagt. Nachmittags waren wir im Kino, selbstverständlich auf Ukrainisch. Die Story war aber nicht so schwer zu verstehen. Zum Abendessen kam der Vater meiner Gastschwester vorbei. Es gab Salate, selbstgemachte Pizza, die wirklich lecker war, eine Flasche Wein und Torte zum Nachtisch. Auch hier haben wir viel gelacht, was unter anderem aus dem wilden Mix von Englisch, Deutsch, Ukrainisch und Bayerisch resultierte. Abends dauerte alles etwas länger als gewöhnlich und so waren wir drei am nächsten Tag in der Schule etwas müde, was vor allem im Deutschunterricht ziemlich lustig war.

Den abgefahrensten Empfang in der Schule erlebte ich diese Woche. Schon seit einiger Zeit bereiteten die Schüler und Schülerinnen der elften Klasse ein Fest für die Lehrer und Lehrerinnen vor. Und dieses Fest hat schon beim Betreten der Schule begonnen. Bereits auf dem Schulweg hörte ich laute Musik und wildes Gekreische. Zuerst dachte ich, dass das noch von den Proben in der Aula kommt. Als ich aber ums Eck lief und den Haupteingang sehen konnte, stellte ich fest, dass ich falsch lag. Eine lange Schlange von Elftklässlern, die immer wieder applaudierten und jubelten, wenn sich ein Lehrer näherte. Ein roter Teppich. Musik, die aus der Schule dröhnte. Und wie jeden Morgen auch geordnetes Chaos: viele, viele Kinder die von ihren Eltern in die Schule gebracht wurden und das alles auch ziemlich spannend fanden. Ich wollte möglichst unauffällig in die Schule gehen, bin eine kleine Abkürzung gegangen – doch damit kam ich nicht durch. Auch ich sollte über den roten Teppich gehen, wurde beklatscht und durfte mir auch eine kleine Praline mit einem netten Spruch drauf raussuchen.

Kaum hatte ich dann endlich die Schule betreten, lief ich der Schulleiterin in die Arme. Sie beendete sofort ihr Gespräch, in das sie vertieft war. Ich wurde mit Komplimenten überschüttet, geknuddelt und sicherlich für fünf Minuten nicht mehr losgelassen. Erstmal musste ich gefühlt hundert Fragen beantworten: Geht’s dir gut? Fühlst du dich wohl? Wie gefällt dir die Schule? Hast du schon Anschluss gefunden? Was hast du so die letzten Wochen gemacht? Was denkst du über den Unterricht? Kann man etwas verändern, besser machen? Wenn ja, was? Verstehst du mich überhaupt, weil mein Deutsch doch so schlecht ist? Ich musste irgendwann echt lachen. Die Schulleiterin spricht nämlich perfekt Deutsch, nur sie glaubt mir das nicht. Einst war sie selbst Schülerin an der Schule, die sie nun leitet. Und die letzten Tage verbrachte sie auf einem Seminar in Odessa. Dafür entschuldigte sie sich nicht nur bei mir unglaublich oft, sondern auch bei den anderen Lehrkräften. Sie wollte doch nicht weg, wenn ich nur ein paar Tage da war. Sie wollte doch eigentlich jeden Tag wissen, wie es mir geht und ob alles in Ordnung ist. Vielleicht wird damit klar, was ich mit liebevoller Betüddelung meine. Es ist nämlich unmöglich, sich bei den unfassbar lieben Lehrerinnen nicht zu integrieren. Jeden Tag haben wir zusammen gegessen und Tee oder Kaffee getrunken. Geratscht, gelacht und uns ausgetauscht.

Der Unterricht ging an diesem Tag nur bis zur fünften Stunde, denn ab 14 Uhr sollten sich alle Lehrer in der Aula einfinden. Hier wurde ein ungefähr einstündiges Programm aufgeführt, dass sich die elfte Jahrgangsstufe ausgedacht hat. Von Comedy über Lobesreden bis hin zu Tänzen war alles dabei. Gegen Ende bekam jede Lehrkraft (einschließlich mir) eine Ehrung für ihre Tätigkeit – eine kleine selbst gebastelte Eule, gefüllt mit Pralinen. Danach forderten die Schüler ihre Lehrer zum Tanzen auf, während jemand auf der Bühne ein Lied gesungen hat. Auch ich tanzte mit einem der Schüler aus der elften Klasse, bei der ich schon so oft im Unterricht dabei war.

Wie es sich hier so gehört, gab es danach erst mal was zum Essen. Diesmal: Torte. Wie immer: sehr sehr lecker. Dann hieß es Tschüss sagen, zu zwei der Lehrerinnen, die sich hier besonders um mich kümmern. Für eine Woche fahren sie mit einigen Schülern nach Polen, um dort ein Projekt mit einer deutschen und einer polnischen Schule über den zweiten Weltkrieg machen. Deswegen ist auch meine Gastschwester gerade nicht da.

Zuerst dachte ich mir tatsächlich auch, dass es sicherlich nicht so cool wird, acht Tage so ganz ohne Sprache und Kommunikation. Aber ich habe erkannt, dass man nicht nur verbal und mit Worten sprechen und sich ausdrücken kann.

Wer etwas will, der findet Wege. Wer etwas nicht will, der findet Gründe. – Götz Werner

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