Same same, but …?

Ja, different müsste es heißen. Doch ist es wirklich so anders, hier in der Ukraine?

Nach meinen ersten beiden Berichten bin ich oft drauf angesprochen worden, was ich hier nicht alles für Abenteuer erlebe und wie anders das Leben hier sein muss. Ja, es ist natürlich anders als daheim, anders als gewohnt. Es wäre nicht richtig, dieser Aussage zu widersprechen. Meistens impliziert dies aber auch eine Wertung, ob nun gewollt oder nicht. Wenn jemand im Ausland lebt, dann werden natürlich meist eher die Dinge beschrieben, die als „fremd“ oder „anders“ wahrgenommen werden. Denn wieso sollte man über Bekanntes berichten?

Einer Sache bin ich mir aber sehr bewusst. Eine Aufzählung aller Unterschiede, die ich bis jetzt mit meiner Kultur (was auch immer diese sein mag) entdecken konnte, würde den Menschen hier definitiv nicht gerecht werden. Denn so anders ist es hier eigentlich nicht, sind auch die Menschen die ich kennengelernt habe nicht. Doch oft wird das so angenommen. Oft werden sie nicht als Menschen wie du und ich gesehen. Genau aus diesem Grund habe ich mich dazu entschieden, genau das Gegenteil des Üblichen zu machen – eine Liste aller Gemeinsamkeiten, mit dem Teil der Kultur und der Menschen, die ich bis jetzt kennenlernen durfte und dem was ich von zuhause gewohnt bin.


Schule: Die Schüler in der Schule, an der ich mein halbes Jahr verbringe, müssen viel lernen und haben einen ziemlich vollen Stundenplan, der leider auch oft die Freizeit einschränkt. Gleichzeitig gibt es aber viele AGs, wo sich die Schüler auch nach der Schule noch aktiv beteiligen und ihre freie Zeit verbringen können.

Studenten: Diejenigen, die nicht in ihrer Heimatstadt studieren und von zuhause ausgezogen sind, kommen manchmal am Wochenende heim. Dann bringen sie Wäsche mit, die gewaschen und wieder eingepackt wird. Sie treffen Freunde von früher, fahren das Auto der Eltern aus, wenn sie kein eigenes besitzen oder genießen einfach, dass sie nichts tun müssen.

Lehrer: Auch hier beklagen sich Lehrer oftmals darüber, dass ihr Job anstrengend ist. Zu geringe Bezahlung und zu wenige Ferien. (Jeder der nun behauptet, dass das lächerlich wäre, den lade ich herzlich dazu ein, einen Tag mit mir in die Schule zu kommen und die Kinder dort live zu erleben. So ein Schultag schlaucht ganz schön, selbst in den zwei Wochen wo ich „nur“ hospitiert habe.)

Familienleben: Es wird viel gelacht und diskutiert. Zusammen isst man oder unternimmt Ausflüge. Auch mal eine Flasche Wein wird getrunken oder ein Café besucht.

Freizeit: Die Freizeit verbringen die meisten Jugendlichen gern mit ihren Freunden. Dinge, die sie dann oft tun sind z.B. ins Kino gehen, Sport treiben, kochen, spazieren gehen oder Musik machen.

Haustiere: Viele Menschen die ich hier kennengelernt habe, besitzen auch Haustiere, die sie sehr gern haben. Am beliebtesten sind hier Katzen. Bei mir in der Familie gibt es zusätzlich noch einen Hund und einen Fisch.

öffentliche Verkehrsmittel: Viele Menschen hier nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel – und schimpfen auch darüber. Meistens wegen Überfüllung, denn zuverlässig waren sie bis jetzt eigentlich immer… Eeeeigentlich 😉

Berufe: Angesehene Berufsfelder sind hier ähnlich wie in Deutschland unter anderem Rechtsanwälte, Steuerberater, Ingenieure, Ärzte, Polizisten, Piloten und Professoren. Generell arbeiten die Menschen sehr hart und relativ viel.

Tradition: Von den generellen Traditionen weiß ich leider noch nicht allzu viel. An Weihnachten gibt es wohl viel zu Essen (das sollte den meisten wohl mehr als bekannt vorkommen!) und man geht in die Kirche. Über mehr habe ich mich bis jetzt noch nicht unterhalten. Die Tracht (…die wirklich unglaublich schön ist!!) wird hier auch im Alltag oder zu Feiertagen gerne getragen.

Autos: Sonntags sind besonders viele Menschen in der Waschanlage anzutreffen 😉

Musik: Schaltet man das Radio ein, passiert es mit einer Wahrscheinlichkeit von 90%, dass der aktuell gespielte Song von Rihanna, Coldplay oder Ed Sheeran ist. Nicht, dass diese drei Interpreten in der Ukraine besonders beliebt sind, aber im Radio läuft sehr viel Musik, die man auch überall sonst auf der Welt auch hören würde.

Drogerieartikel: Ziemlich überrascht hat mich persönlich, dass man hier in der Ukraine genau die gleichen Drogerieartikel wie im Roßmann in Deutschland kaufen kann. Keine kyrillische Aufschrift, alles im bekannten Alphabet und auf Deutsch. Das dürfte also zumindest kein Problem beim Einkaufen werden 🙂

Technik: Das Handy ist omnipräsent. Dauernd klingelt oder vibriert es irgendwo und die Menschen sind immer erreichbar. Doch wird das Handy natürlich nicht nur für die Arbeit, sondern auch als Hobby oder Freizeit genutzt. Besonders beliebt sind Handys vor allem bei Jugendlichen, die sie mit interessanten Hüllen aller Formen und Farben schützen. Die älteren Herrschaften haben dafür eher weniger Verständnis… Ganz genau wie ich es von zuhause kenne.

Essensgewohnheiten: Unhöflich ist es zu Schmatzen oder zu Schlürfen. Normalerweise isst man den Teller leer. Vor dem Essen wünscht man sich gegenseitig einen „Guten Appetit“ und für das gemeinsame Essen wird sich viel Zeit genommen.


Das meiste mag einem vielleicht völlig banal vorkommen. Aber mir war es trotzdem sehr wichtig, dass auch so etwas erwähnt wird, um ein mehr oder weniger vollständiges Bild zu vermitteln. Wer sich jetzt aber immer noch mehr für die Unterschiede als die Gemeinsamkeiten interessiert, dem empfehle ich die folgende Internetseite etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Ländervergleich Ukraine Deutschland

Ganz am Ende möchte ich mich noch an diejenigen wenden, denen dieser Blogeintrag nicht zu langweilig war. Zu langweilig, weil diesmal keine Abenteuergeschichte oder ähnliches erzählt wurde. All jene, die immer noch nicht auf das kleine Kreuz am linken oder rechten oberen Bildrand geklickt haben. Menschen, die interessiert sind, was ich noch zu sagen habe und diesen Artikel bis zum Ende lesen möchten.

Meine Geschichte ist nicht mehr als das. Nicht mehr als die Worte „meine Geschichte“ eben beschreiben. Die Welt, erlebt aus meinen Augen: subjektiv, kleine Ausschnitte aus meinem Leben, eine single story. Aber genau das ist gefährlich.

Ich bin nämlich kein Experte für dieses Land – nicht jetzt und sicherlich auch nicht in ein paar Monaten. Denn wie viele Menschen kenne ich schon? Was kann ich schon berichten? Wie viel Kultur habe ich denn schon erlebt? Wie intensiv habe ich mich schon mit den Menschen hier unterhalten?  Vieles wird sich auch bis zum Ende meines Aufenthalts vielleicht und hoffentlich noch ändern. Aber trotzdem ist alles was ich kennenlerne, nur die Spitze eines Eisbergs. Eines Eisbergs, der unter der Oberfläche noch wesentlich größer ist, als der Teil, der aus dem Wasser herausragt. Die Vielfältigkeit, die diese Menschen, diese Kultur, dieses Land und diese Mentalität ausmacht. Eisbergmodell von Kultur

 Um all das vielleicht etwas besser verstehen zu können, muss man sich eigentlich nur den Umkehrschluss überlegen: In wie weit kann ich als Einzelperson Deutschland repräsentieren? Wahrscheinlich gar nicht. Denn auch ich bin eine single story. Und alle, die mit diesem Begriff noch nichts anfangen können, denen lege ich das folgende Video ans Herz. Die knapp zwanzig Minuten lohnen sich wirklich! The Danger of a Single Story

Danke fürs Durchhalten 🙂

Hinter den Bergen essen die Menschen auch Brot. – Sorbisches Sprichwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.